AHF-Information Nr. 94 vom 29.11.1999
Die Renovierungsarbeiten waren noch nicht abgeschlossen, da fand im neu eingerichteten „Haus der Geschichte des Ruhrgebietes“ in Bochum eine internationale und interdisziplinäre Konferenz zum Thema „Irische und Polnische Migration in vergleichender Perspektive“ statt. In der Migrationsforschung – ein weites Arbeitsfeld nicht nur der Geschichtswissenschaft, sondern auch der Soziologie, Politikwissenschaft und Geographie – sind in den vergangenen Jahren verschiedene neue theoretische und methodische Impulse gesetzt worden. So konnte der Tagungsort durchaus paradigmatisch gesehen werden, begab man sich hier auf eine große Baustelle verschiedener Entwürfe und darauf aufbauender Studien zur Geschichte von Migrationen, die abschließend zwar kein fertiges Gebäude erkennen ließen, auf der man dennoch besonders wegen der internationalen Besetzung der Konferenz verschiedene Konzepte, Vorgehens- und Sichtweisen zur Erforschung der Geschichte von Migrationen kennenlernen konnte. Nicht nur irische und polnische zumeist Historiker oder Soziologen waren anwesend, die Teilnehmer kamen weiter aus den USA, Kanada, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Schweden, Großbritannien und Deutschland.
Der Vergleich der Geschichte polnischer und irischer Migration bietet sich aus verschiedenen Gründen an, weshalb Klaus Tenfelde, Organisator der Tagung, bereits in den siebziger Jahren die Idee hatte, hierzu einen internationalen wissenschaftlichen Austausch zu initiieren. Dies in erster Linie deshalb, weil polnische und irische Migranten im 19. Jahrhundert in großer Zahl sowohl nach Übersee auswanderten, als auch über mittlere Distanzen seit Beginn der Industrialisierung bis zum Ersten Weltkrieg innerhalb Europas als Arbeitsmigranten im Falle der Polen hauptsächlich ins Ruhrgebiet und im Fall der Iren in die west- und nordenglischen bzw. schottischen Industriezentren wanderten. Die polnischen Migranten interessierten über den Ersten Weltkrieg hinaus, als ein Großteil der ‚Ruhrpolen‘ entweder nach Frankreich und Belgien weiter- oder den neu entstandenen polnischen Staat zurückwanderte. Zweitens ähneln sich die Voraussetzung beider Migrantengruppen. Die Herkunftsregionen waren stark ländlich geprägt, die Migranten waren fast ausschließlich katholisch und wanderten in protestantisch dominierte Zielregionen. Weiter fallen die Migrationen in die Zeit stärker werdender nationaler Bewegungen der Polen wie der Iren – beide auf der Suche nach dem eigenen Staat.
Die über dreißig Referate, die in sieben Sitzungen gehalten wurden, berücksichtigten seltener die transatlantische, hauptsächlich aber die binneneuropäischen Migrationsbewegungen. Dabei war der Einstieg in die Themenvielfalt etwas schwierig, weil keine theoretische oder methodische Grundlegung zu den verschiedenen Zugriffsweisen der Migrationsforschung vorgenommen wurde, die für den geforderten Vergleich der irischen und polnischen Migration sicher hilfreich gewesen wäre. Referate, die auf die klassischen Push- und Pull-Theorien zurückgingen, fanden sich deshalb in einigen Sektionen unvermittelt neben solchen, die mit neueren Ansätzen der sozial- und kulturgeschichlich orientierten Migrationsforschung argumentierten; hier vor allem mit dem Ansatz migrationsauslösender oder -fördernder Netzwerke. Andererseits sind, wie sich schnell herausstellte, die „Wissenschaftskulturen“ in den verschiedenen Herkunftsländern der Vortragenden teils so unterschiedlich, daß eine solche Grundlegung möglicherweise schwierig und nicht konsensfähig gewesen wäre.
Nach einer Einführung wurden in den folgenden Sitzungen die Themen Ethnizität und Arbeitsplatz, die Migranten-Familie, verknüpfende kulturelle Elemente innerhalb der Migrantengruppen, Nationalismus und Arbeiterbewegung, Migrationspolitik sowie die Kontruktion und Bewahrung von Ethnizität diskutiert. Soweit sich die sehr facettenreichen Vorträge und Diskussionen überhaupt bündeln lassen, waren es besonders zwei Fragen, die während der Konferenz immer wieder Beachtung fanden.
Erstens ging es hauptsächlich um das Verhalten von Migranten, ob und wie sie sich, wenn das Migrationsziel erreicht war, in die neue Umgebung integrierten, inwieweit sie sich dort als Gruppe formieren konnten und welche Netzwerke bei der Ausbildung eines Gruppenbewußtseins maßgeblich waren – oder ob sie sich dort assimilierten. Gemeinsam war den innereuropäischen Migrationen von Polen und Iren die Zuweisung niedrigqualifizierter Berufe in der Bergbau- und eisenverarbeitenden Industrie oder der Landwirtschaft. Sowohl Iren als auch Polen wurden als Arbeitsmigranten ausgegrenzt, wobei die ‚Ruhrpolen‘ sich als Reaktion auf diese Ausgrenzung in zahlreichen polnischen Vereinen und einer Gewerkschaft organisierten, während die Iren in Großbritannien sich mehr bestehenden Organisationen der Arbeiterbewegung und der katholischen Kirche zuordneten. Auf der Ebene anderer Netzwerke – etwa bei spezifischen Berufsgruppen, am Arbeitsplatz, bei die Vernetzung und Organisation von Migrantinnen oder in „informellen Netzwerken“ wie Nachbarschaftsverhältnissen – bestand aber offenbar auch unter den irischen Migranten ein ausgeprägtes Gruppenbewußtsein. Eine schlüssige Beantwortung der Frage nach der Bereitschaft zur Assimilation der Migranten hingegen steht für die ‚Ruhrpolen‘ wie für die irischen Migranten in England noch aus, weil die Forschungsstrategien problematisch sind: Wie will man heute noch repräsentativ feststellen, wie groß der Anteil anpassungswilliger Migranten gewesen ist? Es ist zwar relativ leicht, die Zahl und Mitgliedsstärke etwaiger polnischer Vereine zu rekonstruieren, bei deren Erörterung fehlt dann aber meist die Frage, inwieweit die in Vereinen organisierten Migranten repräsentativ sind für das Verhalten der gesamten Gruppe.
Zweitens stand die grundsätzlichere Frage der Aneignung oder der Zuweisung eines ethnischen Bewußtseins der Migranten im Mittelpunkt. In Amerika etwa fand eine Ethnisierung des Bewußtseins sowohl der polnischen wie der irischen Einwanderergruppe erst nach ihrer weitgehenden Akkulturation statt, als die jeweiligen Nationalbewegungen im 19. Jahrhundert immer mehr Einfluß gewannen. Es gehört zu einem der Phänomene von Migration, daß die Selbstbewußtwerdung der eigenen Ethnizität durch Migration verstärkt oder überhaupt erst ausgelöst wird. Doch bestand durchaus Uneinigkeit über das Verständnis von Ethnizität und ihre Bedeutung für die Konsolidierung der Migrantengruppe und ihre Ausgrenzung.
Manche Aspekte hingegen blieben erstaunlich wenig beachtet. Obwohl Migrationspolitik Thema einer eigene Sitzung war, wurde der Versuch der staatlichen Einflußnahme auf Zuwanderung, die im Falle Deutschlands und Großbritanniens oft xenophobe Züge trug und auf eine Verhinderung der Niederlassung von Zuwanderern zielte bzw. bis heute in immer stärkerem Maße zielt, nur gestreift. Dabei ist die Behandlung der Migranten von staatlicher Seite eine der entscheidendsten Einflußgrößen auf die Integrationsmöglichkeiten von Migranten. Auch die Wahrnehmung des ‚Fremden‘ sowie Formen der Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit gegenüber den Zuwanderern fanden sich kaum angesprochen.
Abschließend bleibt festzuhalten, daß nur in wenigen Punkten ein unmittelbarer Vergleich zwischen polnischen und irischen Migranten möglich geworden ist, dennoch viele gute Anstöße für mögliche Forschungsarbeiten gegeben wurden. Hier bleibt abzuwarten. Einer der Hauptgründe dafür mag sein, daß Migration ein derart vieldimensionales Thema ist, daß eine Beschränkung gut getan hätte. So bleibt die Baustelle weiter Baustelle, wenn auch – das wissen auch viele Arbeitsmigranten auf tatsächlichen Baustellen – der Austausch einer internationalen „Belegschaft“ seine vielfachen Reize hat.
Christoph
Pallaske
Institut für Europäische Reginalforschungen
Universität-Gesamthochschule Siegen
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1999. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |