AHF-Information Nr. 91 vom 24.11.1999
Bamberg scheint auf Archivare eine besondere Anziehung auszuüben. Jedenfalls war die Stadt in der Vergangenheit wiederholt Veranstaltungsort einschlägiger Fachtagungen und Treffen. Bereits 1905 fand hier der 5. Deutsche Archivtag statt. 1947 trafen sich staatliche und nichtstaatliche Archivare aus den Besatzungszonen der Westalliierten erstmals nach dem Kriege zu einer gemeinsamen Tagung in der von Kriegsschäden weitgehend verschont gebliebenen Stadt. 1992 schließlich gab Bamberg den Rahmen für das 1. Bayerisch-Sächsische Archivarstreffen ab, mit welchem die über Jahrzehnte nur unzulänglichen Kontakte zwischen den Fachkollegen beider Nachbarregionen neu geknüpft und gefestigt werden konnten. Die Wahl Bambergs, Standort von drei nicht unbedeutenden Archiven des kirchlichen, kommunalen und staatlichen Bereichs, zum Forum für den 1. Bayerischen Archivtag fügt sich gut in diese Tradition ein. Mit dieser Veranstaltung, welche künftig im zweijährigen Turnus stattfinden soll, wird dem von zahlreichen bayerischen Archivträgern und Archivaren immer wieder geäußerten Wunsch nach Einführung eines regionalen Archivtags, wie er in anderen deutschen Bundesländern und Regionen bereits seit längerem üblich ist, Rechnung getragen. Mit diesem Treffen sollen der fachliche Informationsaustausch über die Grenzen der Archivsparten hinweg unterstützt, die archivische Zusammenarbeit im Freistaat Bayern gefördert, Weiterbildung ermöglicht und die kollegialen Kontakte im Interesse der Archivträger, der Öffentlichkeit und der Archivbenützer vertieft werden. Träger der Veranstaltung ist „Der bayerische Archivtag“, ein offener Arbeitskreis von bayerischen Archivarinnen und Archivaren, dessen Geschäftsführung zunächst die Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns und das Stadtarchiv München übernommen haben. Mit dem für die Bamberger Tagung gewählten Motto „Die bayerischen Archive im Informationszeitalter - Chancen und Risiken“ wird Bezug genommen auf die besondere Situation, in welcher sich die Archive aller Sparten an der Wende zum dritten Jahrtausend befinden. Rund 250 Archivarinnen und Archivare aus Bayern, den angrenzenden Bundesländern sowie dem benachbarten Ausland fühlten sich angesprochen. Der hohe Anteil von Vertretern der Stadt- und Gemeindearchive erklärt sich auch durch die am 11. Juni ebenfalls in Bamberg abgehaltene 33. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft bayerischer Kommunalarchivare. Anschließend an dieses Treffen öffneten die drei Bamberger Archive den Teilnehmern des Archivtags ihre Pforten und zeigten zum gemeinsamen Thema „Archivbau“ ihre Häuser bzw. Bauprojekte. Die Bibliothek des ehemaligen Dominikanerklosters bildete den würdigen Rahmen für den Empfang, welche die Stadt Bamberg den bayerischen Archivarinnen und Archivaren am Freitagabend bereitete.
Die Arbeitssitzungen des Archivtags im Hegelsaal der Bamberger Konzert- und Kongresshalle wurden am folgenden Samstag mit einem programmatischen und sehr engagierten Eröffnungsvortrag „Tradition, Innovation und Perspektive. Die Archive in einer sich wandelnden Welt“ eingeleitet. Referent war der Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, Prof. Dr. Hermann Rumschöttel. An Beispielen aus der lokalen Archivgeschichte ließ sich zunächst aufzeigen, daß die Archive bereits in der Vergangenheit wiederholt am tiefgreifenden Strukturwandel der Gesellschaft teilgenommen haben und in Bezug auf Funktion und Aufgabenstellung vielfältigen Veränderungen unterworfen waren. Dieses gilt etwa für die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, als sich die ständisch-absolutistischen Monarchien zur konstitutionellen wandelte und überkommene Rechts- und Verwaltungsstrukturen zerstört wurden, ebenso wie für den Beginn des 20. Jahrhunderts mit seinen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technischen Umwälzungen. Auch der gravierende Umbruch der Gesellschaft am Übergang zum dritten Jahrtausend wird Rückwirkungen auf die Archive haben. Rumschöttel forderte dazu auf, sich von den Entwicklungen nicht überrollen zu lassen, sondern auf die Herausforderungen aktive Antworten zu geben. Als Aufgabenstellung der Archive für die Zukunft nannte er: Herauspräparieren der unverzichtbaren Tradition, Übersetzung in die neuen Strukturen, Mut zu Visionen.
Die traditionellen archivischen Aufgaben, welche sich aus der Doppelfunktion der Archive als Produktionsfaktoren ihrer Träger und als Kultur-, Wissenschafts- und Forschungsinstitutionen ergeben, sind für den Bereich der öffentlichen Archive in den Archivgesetzen des Bundes und der Länder rechtlich normiert. An ihnen muss als „Werten“ auch weiterhin festgehalten werden. Allerdings ist eine schöpferische Anpassung an aktuelle Entwicklungen unumgänglich.
Von den Veränderungsprozessen, welche sich längst in den Archiven bemerkbar gemacht haben, dürfte die dynamische bis explosionsartige Entwicklung der Informations-, Dokumentations- und Kommunikationstechniken eine der folgenreichsten sein. Da die ordnungsgemäße Archivierung digitaler Unterlagen der Verwaltung nur dann möglich ist, wenn die Archive schon beim Entwurf der Vorgangsbearbeitungssysteme entsprechende Kriterien einbringen und ihre Vorschläge Berücksichtigung finden, sind gerade auf diesem Sektor Eigeninitiative und Intervention des Archivars vonnöten. Rumschöttel verwies in diesem Zusammenhang u. a. auf die 1998 bei der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns eingerichtete „Arbeitsgruppe Archivierung digitaler Unterlagen der Verwaltung“, deren einschlägige Empfehlungen für die Verwaltungen und Gerichte künftig auch im Internet zur Verfügung stehen werden. Die neuen Informationstechnologien haben ebenfalls zu einer tiefgreifenden Veränderung der archivischen Arbeitsorganisation und Arbeitstechnik geführt. Technik ist zu einem integrierenden Teil des Archivwesens geworden. Ohne sie ist fachlich angemessene Archivarbeit heute weitgehend unmöglich. Allerdings reicht diese Einsicht allein nicht aus. Vielmehr muss zur Technikakzeptanz das Wissen um die technischen Einsatzmöglichkeiten für archivische Zwecke, die Technikkompetenz, hinzutreten.
Aber auch auf anderen Gebieten, etwa im rechtlichen Bereich, ist die Quantität der erforderlichen Kenntnisse enorm gewachsen. Archivgesetze und andere rechtliche Regelungen bestimmen nicht unwesentlich die tägliche Arbeit des Archivars. Deshalb müssen die Archive versuchen, die einschlägige Gesetzgebung in angemessener Weise zu beeinflussen. Die starke Wissensabhängigkeit und die beschränkten personellen wie finanziellen Spielräume vieler Archive machen eine arbeitsteilige Kooperation erforderlich und verlangen nach einem offenen Meinungs- und Erfahrungsaustausch, dessen Plattform nach der Ansicht des Referenten ein offenes, von allen bayerischen Archivsparten mitgetragenes Publikationsorgan sein könnte.
Moderne Ordnungs- und Verzeichnungsmethoden befähigen die Archive zu intelligenten Dienstleistungen. Allerdings ist noch mehr Eigeninitiative gefragt, um die erzeugten intelligenten Produkte nicht nur den traditionellen Nutzergruppen, z. B. den Wissenschaften, durch eine aktivere und an den Bedürfnissen der Benützer orientierte Forschungsinformation zur Verfügung zu stellen. Rumschöttel rief dazu auf, das in der Gesellschaft vorhandene breite öffentliche Interesse an Geschichte zu nutzen und das Archiv durch eine Ausweitung der Dienstleistungen zu einem „Kompetenzzentrum Geschichte“ zu machen. Das von mehreren staatlichen und nichtstaatlichen Archiven getragene Projekt „Archiv und Schule“ weist in diese Richtung.
Als Dienstleistungseinrichtungen für Verwaltung, Forschung und Öffentlichkeit wird von den Archiven marktgerechtes Verhalten verlangt. Weiterhin darf sich der Archivar den Wünschen des Archivträgers nicht entziehen. Es ist aber auch erforderlich, dass er als „Sachwalter einer auf Wahrheit angelegten Überlieferung“ selbstbewusst Politik und Verwaltung gegenübertritt und die archivarische Kompetenz geltend macht. Die mit Stichworten wie „Verwaltungsreform“, „Deregulierung“ und „Privatisierung“ verbundenen Strukturveränderungen bei den öffentlichen Leistungen und auf dem privaten Produktionssektor machen vor den Archiven nicht Halt. Vielmehr erwartet die Politik in Übereinstimmung mit den archivgesetzlichen Festlegungen auch von den Archiven zu Recht Unterstützung und Förderung der Verwaltungsmodernisierung, etwa im Rahmen der Aktenaussonderung und bei der Rationalisierung des Registraturwesens. Gefragt sind hier wiederum die Initiative des mit entsprechenden Kenntnissen ausgestatteten Archivars und gegebenfalls seine Intervention, zumal wenn seine eigenen Belange unmittelbar betroffen werden. Die den Archiven im Sinne der Verwaltungsreform zugedachten Aufgaben können nur dann bewältigt werden, wenn das erforderliche qualifizierte Personal zur Verfügung steht. Personelle Einsparungen im archivischen Bereich setzen somit an der falschen Stelle an. Notwendig ist dagegen ein intelligentes und effektives Archivmanagement, um die Herausforderungen am Ende dieses Jahrhunderts bewältigen zu können.
Das Referat des Leiters der staatlichen bayerischen Archivverwaltung mündete in eine Vision: das Archiv im Kooperationsnetz - d. h. aktive Kooperation mit den Stellen des Trägers, mit der Forschung und anderen Benützerkreisen, mit den Archiven der verschiedenen Sparten, mit anderen Einrichtungen auf dem Feld der „Geschichtskultur“, mit Bibliotheken und Museen. Für eine solche Kooperation, so hofft nicht nur der Referent, könnte der 1. Bayerische Archivtag Zeichen setzen.
Die anschließende Arbeitssitzung am Vormittag war dem „Archivgut als „Ware“ im Informationszeitalter“ gewidmet. Drei Experten aus verschiedenen Fachbereichen zeigten in ihren Vorträgen die Spannbreite dieses Themas auf.
Dr. Karl-Ernst Lupprian, bei der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns u. a. Leiter des Sachgebiets „EDV“, stellte in seinem Referat „Archivgut im Internet - Nutzen und Nachteile“ zunächst den „Marktplatz Internet“ vor und empfahl den Aufbau archivischer Informationsverbünde (Beispiel: Nordrhein-Westfalen; URL: http://www.archive.nrw.de), um auf diesem Terrain fachgerecht und unabhängig agieren zu können. Danach folgte eine Übersicht über die anzubietenden „Produkte“ der Archive. Die Palette reicht von Grundauskünften (Adressen, Öffnungszeiten etc.) über Sprengel- und Registraturbildner-Informationen bis zu Findmitteln und den Archivalien selbst. Findmittel können nicht einfach digitalisiert und ins Internet gestellt werden, sondern bedürfen einer hierfür geeigneten Aufbereitung (Beispiel: Online-fähige Findbücher auf der Leitseite der Archivschule Marburg; URL: http://www.uni-marburg.de/archivschule). Da wohl nur wenige Archive in der Lage sind, ihre Findbücher komplett im Internet darzustellen, muss bei Auswahlpräsentationen durch geeignete Hinweise eine Verzerrung der Sicht auf die Gesamtüberlieferung eines Archivs vermieden werden. Dieses gilt noch mehr für die Anbietung digitaler Kopien von Archivalien, da hier der Rückfall in die Zimelienschau des 19. Jahrhunderts droht. Weiterhin wurden die Möglichkeiten aufgezeigt, den archivischen „Warenkorb“ wirksam im Internet darzustellen. Die einfachste und nicht zu unterschätzende Variante sind gut strukturierte Texte. Sehr ansprechend ist der Zugriff über Landkarten, die den Sprengel eines Archivs visualisieren (Nordrhein-Westfalen). Ein Desiderat ist die Veranschaulichung von Verwaltungsstrukturen, die mit Zuständigkeitskatalogen kombiniert sein sollten. Wenn diese Informationen fehlen, sind auch Recherchemöglichkeiten über Datenbank-Suchmaschinen fragwürdig: der Benützer kann nach Personen, Orten und Sachen suchen, weiß aber nie, ob die Ergebnisse vollständig sind und welche Bereiche des Behördenorganismus sie abdecken (Beispiel: National archives of Canada; URL: http://www.archives.ca/). Interessante Aspekte ergeben sich für archivische Ausstellungen: Interaktion mit dem Besucher, interessentenbezogene Staffelung von Informationen, zeit- und raumunabhängige Präsentation sind nur einige Möglichkeiten, welche das Internet hier bietet. Auf ähnliche Weise ließen sich auch einzelne Archivalien oder Archivaliengruppen, die von der Forschung schwerpunktmäßig benötigt werden, über das Internet zur Verfügung stellen.
In Zeiten, in denen von den Zuwendungsgebern der Archive, Bibliotheken und Museen zunehmend eine betriebswirtschaftliche Ausrichtung gefordert wird, scheinen zusätzliche Einnahmen durch die Zusammenarbeit mit einem kommerziellen Bildververwerter im Digitalbereich lukrativ. Allerdings haben bislang in Bayern bzw. Deutschland nur wenige der genannten Einrichtungen entsprechende Erfahrungen sammeln können. Dr. Wilhelm Füßl, Leiter der Abteilung „Archive“ im Deutschen Museum, beschrieb in seinem „Erfahrungsbericht über den Umgang mit kommerziellen Bildverwertern“ die Kontakte seines Hauses mit einem der führenden Bildverwerter. Er ging dabei auf die Chancen, aber auch auf die Risiken ein, welche sich aus einer solchen Zusammenarbeit ergeben. In den letzlich gescheiterten Vertragsverhandlungen verfolgte das Deutsche Museum mit seinem Bildarchiv zu Naturwissenschaft und Technik folgende Ziele: Berücksichtigung der Urheberrechte, Sicherung der eigenen Zugriffsmöglichkeiten auf die digitalisierten Fotos, Wahrung der Einflussnahme auf die Vergabemodalitäten der Fotos an die Kunden sowie die Festschreibung der nicht-exklusiven Nutzung der Fotos durch den Vertragspartner. Auch die Gestaltung einer überschaubaren Vertragsdauer konnte nicht erreicht werden.
Gerhard Pfennig von der Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst, Bonn, schloss mit seinem Referat „Archive und Urheberrecht“ die vormittägliche Arbeitssitzung des Archivtags ab. Er setzte sich darin mit den Fragen des Urheberrechts auseinander, mit denen die Mitarbeiter der Archive und Museen in ihrer täglichen Arbeit, besonders bei Herstellung und Vertrieb von Publikationen und Reproduktionen sowie bei der Zusammenarbeit mit Fotografen, Verlagen und Fernsehanstalten, in Berührung kommen. Da die Unkenntnis der gesetzlichen Regelungen zu leicht vermeidbaren Missverständnissen führen können, ging der Referent zunächst auf die rechtlichen Grundlagen, vor allem auf die im Urheberrechtsgesetz definierten Persönlichkeits- und Verwertungsrechte ein. Letztere sind wie die ebenfalls gesetzlich verankerten Vergütungsansprüche zur Nutzung an Dritte übertragbar. Das Urheberrechtsgesetz definiert jedoch nicht nur einen umfassenden Schutz des Werkschöpfers - Urheberrecht und Verwertungsrechte für Kunstwerke erlöschen erst siebzig Jahre nach dem Tode des Urhebers; kürzere Schutzfristen gelten nur noch im Bereich der einfachen Fotografie - , sondern es sieht zugleich in einer Reihe von Ausnahmevorschriften den erleichterten Zugang von Nutzern zu geschützen Werken vor. Dadurch sollen wissenschaftliche Arbeit, Presseberichterstattung und in gewissem Umfang auch die Nutzung von geschützten Werken zum persönlichen Gebrauch erleichtert werden. Für die Archiv- und die Museumspraxis ist die Beachtung der Urheberrechte insbesondere bei der Anfertigung von Reproduktionen zu eigenen Werbe- oder Verkaufszwecken (Textreproduktionen, Ausstellungsplakate, Einladungen, Poster, Dias, Postkarten), bei der Herstellung von Ausstellungskatalogen sowie bei Überlassung von Reproduktionsvorlagen an Dritte von Bedeutung. In allen Fällen ist zu beachten, daß Werke aller Art, insbesondere Kunstwerke und Fotografien, ohne Einverständnis der Urheber oder Erben nur unverändert verwendet werden dürfen. Jede „Bearbeitung“ durch Eigentümer oder Nutzer, die unautorisiert vorgenommen wird, kann Unterlassungs-, Vernichtungs- und Schadensersatzansprüche auslösen. Der Referent wies abschließend darauf hin, daß die von zahlreichen Archiven und Museen für die Überlassung von Fotografien zur Verwendung als Bild- und Druckvorlagen erhobenen Gebühren im Rahmen der allgemeinen öffentlich-rechtlichen Vorschriften zulässig sind. Die Entrichtung derartiger Nutzungsgebühren durch Verlage, TV-Sender und andere Nutzer befreit diese allerdings nicht von der zusätzlichen Zahlung der Urhebergebühren an Künstler bzw. sonstige Berechtigte.
Das bereits im Eröffnungsvortrag angesprochene intelligente und effektive Archivmanagement stand im Mittelpunkt der mit „Verwalten und vermarkten - ökonomisches Handeln im Archiv“ überschriebenen Arbeitssitzung am Samstagnachmittag. Sowohl der Vertreter einer staatlichen Archivverwaltung wie auch der Leiter eines Stadtarchivs zeigten in ihren Referaten anhand konkreter Beispiele Möglichkeiten für die Verwirklichung dieser notwendigen Forderung in ihren Bereichen auf.
Prof. Dr. Hartmut Weber, Landesarchivdirektion Baden-Württemberg, wertete in seinem Vortrag „Archivmangagement als Hilfestellung beim Spagat zwischen Sparzwang und Dienstleistungsqualität“ die aktuelle Verwaltungsreform unter den Rahmenbedingungen der öffentlichen Finanzkrise als Herausforderung für die Archive. Zugleich ergibt sich aber auch die Chance, mit Methoden und Instrumenten des „new public management“ oder der „Neuen Steuerungsmodelle“ das Rationalisierungs- und Motivierungspotential zu aktivieren, um die Dienstleistungsqualität der Archive auch bei stagnierenden oder schwindenden Ressourcen zu sichern. Konkret stellte der Referent Führungsinstrumente vor, die in den letzten Jahren in der baden-württembergischen Archivverwaltung entwickelt und eingeführt worden sind: ein breit abgestimmtes Leitbild der Archivverwaltung, ein Katalog von Produkten und Leistungen, Stellenbeschreibungen für das archivische Fachpersonal, eine ergebnisorientierte mehrstufige Jahresplanung, Methoden der Projektorganisation etwa bei Ausstellungen und Erschließungsprojekten sowie Mitarbeitergespräche mit Zielvereinbarungen und Mitarbeiterbefragung. Im Hinblick auf die vorrangige Bedeutung qualifizierter menschlicher Arbeitsleistung für eine erfolgreiche Archivtätigkeit warb der Referent dafür, durch mitarbeiterorientierte Führung die institutionellen Interessen und die Interessen der Mitarbeiter in vorzeigbare Ergebnissen zu kanalisieren.
„Marketing und Marketing-Überlegungen am Beispiel des Stadtarchivs Nürnberg“ stellte dessen Leiter, Dr. Michael Diefenbacher, in seinem die Arbeitssitzung abschließenden Vortrag vor. Die zunehmende Geldknappheit der öffentlichen Kassen wirkt sich auch auf die einzelnen Dienststellen aus und zwingt diese, sich zusätzlich zu ihrem kameralistischen Ansatz neue Geldmittel zu beschaffen. Zugleich gibt ihnen die Verwaltungsreform mit Budgetierung und Plafonierung die Möglichkeit zu einer unabhängigeren Wirtschaftsführung als bisher, d. h. zur „Vermarktung“ von Archivalien und Dienstleistungen. Archive können zusätzliche Mittel im wesentlichen auf drei Ebenen aufbringen: über Gebühren, im Rahmen traditioneller archivische Öffentlichkeitsarbeit oder durch die Einwerbung von Drittmitteln. Gebühren, welche für Archivbenützung, Reproduktionen von Archivgut und Veröffentlichungsgenehmigungen erhoben werden, sind vom Archiv nur begrenzt beeinflußbar. Rechtlich und in den faktischen Kontrollmöglichkeiten für die Archive problematisch ist der Bereich elektronische Wiedergabe/Internet. Hier müssen dringend Regelungen entwickelt werden. Die Einnahmen aus dem Bereich der traditionellen archivischen Öffentlichkeitsarbeit beruhen auf dem Verkauf von Ausstellungskatalogen, anderen Publikationen, Plakaten, Videos, Postkarten, Faksimiles u. a. Die Einwerbung von Drittmitteln (Sponsorengeldern) dient im Stadtarchiv Nürnberg dem Erwerb besonderer Archivalien, technischer Ausstattung oder der Durchführung besonderer Publikationen oder Ausstellungen. Diese Möglichkeit der Mittelbeschaffung ist sehr aufwendig und nur erfolgreich, wenn der Sponsor durch die Öffentlichkeitswirksamkeit des geförderten Objekts und die entsprechende Präsentation seitens des Archivs - etwa in Form von Ausstellungen oder durch entsprechende Pressearbeit - für sich selbst einen Sinn darin entdeckt oder andere Gegenleistungen (z. B. Ausstattung von Werbematerial) erhält. Der Zwang zu Marketingüberlegungen mit dem damit verbundenen Eingehen auf den Geschmack der Öffentlichkeit bzw. auf die Interessen der Sponsoren bewirkt eine teilweise Neuausrichtung der klassischen Archivarbeit. Vor allem in den Bereichen Erwerbspolitik, Erschließung und Restaurierung tritt die kontinuierliche Arbeit zugunsten von Projektarbeit in den Hintergrund. Im Extremfall kann diese marktbezogene Projektarbeit die klassische Archivarbeit zeitweilig völlig verdrängen. Weitere Marketingmöglichkeiten sieht Diefenbacher in der Durchführung von Lesungen, Filmvorführungen und Kursen, der Einrichtung eines Archivshops, den Verkauf von Dubletten (Mandate, Plakate, Postkarten) an den Antiquitätenhandel und in Kooperationsgeschäften mit anderen Einrichtungen. Nicht zu vergessen ist die Einführung einer Kostenumlage für Leistungen des Archivs in der Verwaltung. Voraussetzung sinnvoller Marketingmaßnahmen ist jedoch immer die Kenntnis der realen eigenen Kosten. In der heutigen finanziellen Situation erachtet der Referent die Einführung von Marketingmaßnahmen trotz ihrer Problematik in Bezug auf die klassischen Pflichtaufgaben des Archivs zu deren Finanzierung als notwendig. Insofern gehören Marketingstrategien bereits zu den archivischen Pflichtaufgaben.
Im Anschluss an die Referate war die Möglichkeit zur Aussprache gegeben. Nach Ende der Diskussion ergriff Dr. Richard Bauer, Leiter des Stadtarchivs München, das Wort. Er sprach allen an der Vorbereitung und der Organisation des Archivtags Beteiligten Dank für den reibungslosen Ablauf der Veranstaltung aus, dankte den Referenten für ihre interessanten Vorträge sowie allen Teilnehmern für die eingebrachten Diskussionsbeiträge. Bauer begrüßte in seinem Schlusswort ausdrücklich, dass die von der staatlichen bayerischen Archivverwaltung ausgegangene Anregung, die Jahrestagung der Kommunalarchivare mit einem allgemeinen regionalen Archivtag zu verbinden, in Bamberg erstmals verwirklicht werden konnte. Er wertete diesen 1. Bayerischen Archivtag als ein Zeichen gleichberechtigter Zusammenarbeit der Archive aller Sparten sowie als Ausdruck eines neuen Selbstvertrauens. Zugleich aber warnte er auch davor, diese neue Partnerschaft lediglich auf gemeinsame Tagungen im Zweijahresrhythmus zu beschränken. Dieses verbietet schon die Vielzahl der Herausforderungen und vor allem der Druck, welcher in personeller wie finanzieller Hinsicht im Rahmen der Verwaltungsreform auf die Archive ausgeübt wird. Unter allen Umständen muss vermieden werden, dass das Sparanliegen der öffentlichen Hand zu einem Abbau kultureller Werte führt. Die Lösung der Probleme, mit welchen sich alle Archive an der Schwelle zum dritten Jahrtausend konfrontiert sehen, lässt sich nach Überzeugung des Redners nicht durch den Rückzug in den Elfenbeinturm, sondern nur „viribus unitis“, mit vereinten Kräften, herbeiführen.
Der 1. Bayerische Archivtag in Bamberg, der am Sonntagvormittag mit einer Stadtführung ausklang, hat, wie schon die große Teilnehmerzahl aber auch die Resonanz in der Öffentlichkeit zeigen, großes Interesse erweckt. Inwieweit die hier zum Ausdruck kommende Hoffnung, die anstehenden Probleme in Kooperation und durch gemeinsames Handeln in den Griff zu bekommen, berechtigt ist, wird die Zukunft weisen. Der nächste Bayerische Archivtag wird im Jahre 2001 voraussichtlich in Ingolstadt stattfinden.
Werner Wagenhöfer
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1999. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |