AHF-Information Nr. 90 vom 23.11.1999

Institutionalisierung historischer Forschung und Lehre

Tagung des Zentrums für Höhere Studien der Universität Leipzig und des
Geisteswissenschaftlichen Zentrums Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas
vom 23. bis 25. September  1999 in Leipzig

Vom 23. bis zum 25. September fand eine vom Zentrum für Höhere Studien der Universität Leipzig (ZHS) und vom Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) gemeinsam organisierte, international besetzte Tagung zur ‚Institutionalisierung histori­scher Forschung und Lehre‘ statt. Für die Konzeption und Organisation der Veranstaltung waren Frank Hadler (GWZO), Gabriele Lingelbach  (Freie Universität Berlin) und Matthias Middell (ZHS) verantwortlich. Die Tagung war die dritte in einer Reihe von Veranstaltungen, die sich mit den Institutionalisierungsprozessen der Geschichtswissenschaft im internationalen Vergleich be­schäftigten: Während man 1995 über die Rolle von Historischen Kongressen und 1997 über Histo­rische Zeitschriften diskutiert hatte, ging es dieses Mal um die Gründung und Entwicklung von uni­versitären und außeruniversitären Historischen Instituten.[1]

Die Tagungsreihe ist Ausdruck einer sich seit einigen Jahren vollziehenden Umorientierung in der Wissenschaftsgeschichtsschreibung. Lange Zeit dominierte im Bereich der Geistes- und somit auch der Geschichtswissenschaft die Rekonstruktion von methodologischen und geschichts­philosophischen Konzepten und die Beschreibung nationaler Historiographien anhand ihrer heraus­ragenden Vertreter. Die Geschichte der Geschichtswissenschaft wurde als Pantheon bedeutender Zunftmitglieder und einiger weniger ‚bleibender Bücher‘ rekonstruiert. Innerhalb dieses Ansatzes lösten Paradigmen einander ab und die Entwicklung der Geschichtswissenschaft wurde als fort­schreitende Einsicht in historische Zusammenhänge mit dem Fluchtpunkt des gegenwärtigen Stan­des der historischen Forschung konzipiert. Arbeiten jenseits dieses Ansatzes, Arbeiten, die sich zur Erklärung der geschichtswissenschaftlichen Entwicklung auf den gesellschaftlichen Kontext histo­riographischer Produktionen konzentrierten, standen und stehen heute dagegen vor dem methodi­schen Problem, wie die sozialen bzw. politischen und intellektuellen Bezüge von Wissenschaft mit­einander verbunden werden könnten. Für einige war Bourdieus Soziologie, welche die Beziehungen zwischen der gesellschaftlichen Kommunikation, Ressourcen- und Prestigeverteilung einerseits und der innerakademischen Entwicklung andererseits thematisiert, ein möglicher Anknüpfungspunkt, um das geschilderte Problem anzugehen. An die Stelle einfacher Kausalmodelle tritt nun verstärkt die Untersuchung der Vielfalt der Handlungsräume von Akademikern. Damit ist auch die ‚dichte Beschreibung‘ als Verfahren der wissenschaftsgeschichtlichen Forschung aufgewertet worden. Aller­dings ergibt sich angesichts der entstandenen Studien das methodische Problem der geringen Formalisierbarkeit von ‚thick descriptions‘. Die Komparatistik ist damit konfrontiert, daß Studien, die mehrere räumlich auseinander liegende Fälle untersuchen, nur im Ausnahmefall völlig auf Pri­märquellen gestützt werden können; die daraus resultierende Abhängigkeit von vorliegender Se­kundärliteratur führt dazu, daß deren Ergebnisse durch eine gewisse Formalisierung kompatibel gemacht werden müssen. Der Mangel an international vergleichenden Projekten kann wohl als Hinweis auf die Schwierigkeiten dieses Vorgehens gedeutet werden.

Die Diskussion über eine eventuelle ‚kulturalistische Wende‘ innerhalb der heutigen Ge­schichtswissenschaft hat das Bewußtsein dafür geschärft, daß Historiographiehistoriker ihren Ge­genstand nicht nur ‚objektiv‘ analysieren, sondern zugleich selbst Teil des Untersuchungsgegen­standes sind und somit nicht nur das eigene Geprägtsein durch akademische Sozialisationen und das eigene Gefangensein in angelernten Vorstellungswelten reflektieren müssen, sondern auch die bei­nahe unvermeidliche ‚teleogische Verführbarkeit‘ des eigenen Forschungs- und Darstellungsprozes­ses bedenken müssen. Als Historiker, die sich mit geschichtswissenschaftlichen Institutionen be­schäftigen, sprechen wir somit nicht nur als außenstehende Beobachter. Vielmehr beziehen wir aus den Institutionen, in denen wir ausgebildet wurden und denen wir angehören, Orientierungen, die uns nicht immer bewußt sind. Diese Orientierungen betreffen Muster von Wissenschaftlichkeit, betreffen Wissensordnungen (z.B. in Form von Disziplingrenzen) aber beispielsweise auch die Kriterien, nach denen geschichtsinteressierte Laien von professionalisierten Akademikern unter­schieden werden. Daß diese Orientierungen keinen universellen Charakter haben und historisch wandelbar sind, wird immer noch zu selten gesehen. Die hier vorgestellte Tagungsreihe zur Ge­schichte geschichtswissenschaftlich relevanter Institutionen will dazu beitragen, diese internalisier­ten Orientierungen unserer Institutionen analytisch zu durchdringen, auch, indem sie auf die Unter­schiede und Gemeinsamkeiten hinweist, die aus den Institutionalisierungsprozessen hervorgehen. Unter ‚Institutionen‘ werden dabei also nicht lediglich die organisatorischen Strukturen, unter ‚In­stitutionalisierung‘ nicht lediglich deren Entwicklung verstanden. Vielmehr sollen Institutionen auch als soziale Institutionen untersucht werden, was bedeutet, daß auch die Aufgaben des Regulie­rens und Orientierens derselben und der Konstruktionscharakter, der aus der Bestimmung von Form und Inhalt der Institutionen hergeleitet werden muß, analysiert werden sollen. Bei der Untersuchung von Institutionalisierungsprozessen geht es um die Vorgänge der Herausbildung und des Umbaus von Institutionen, die Vorgänge des Umordnens von Wissen und von dessen Produktions- und Re­produktionsbedingungen sind. Somit können bei der Untersuchung von Institutionalisierungspro­zessen zwei Aspekte miteinander verknüpft werden: Jener der Entstehung der organisatorischen Produktionsbedingungen von Geschichtswissenschaft und jener der Normsetzung  und -durchset­zung für die und innerhalb der geschichtswissenschaftlichen Disziplin. Diese Fragestellungen sind nicht als eine Subproblematik der Historiographiegeschichte aufzufassen, die rein additiv mit der Analyse von Geschichtsdiskursen, Geschichtskulturen und Geschichtspolitiken verknüpft werden könnte. Vielmehr erschließt sich von einer Institutionalisierungsgeschichte im genannten Sinne die Hierarchisierung von Wissen und das Gewicht, das einzelne thematische oder methodische Zugänge zur Vergangenheit in der Gesellschaft gewinnen oder verlieren.

 Die auf der Tagung vom 23. bis 25. September diesen Jahres behandelten universitären Hi­storischen Institute sind für diese Fragestellung von großer Bedeutung, da sie entscheidenden Ein­fluß auf die Verfachlichung der historischen Disziplin, auf die Standardisierung und die Professio­nalisierungsformen des Faches Geschichtswissenschaft haben: In Historischen Instituten lehren die anerkannten Vertreter der Disziplin die Inhalte und Methoden ihres Faches und geben sie an die Nachwuchswissenschaftler weiter. Dadurch kontrollieren die Historischen Institute auch in großem Maße die Standards und das Personal nicht nur der universitären, sondern auch der außeruniversitä­ren geschichtswissenschaftlichen Institutionen. An den universitären und außeruniversitären Histo­rischen Instituten findet zudem auch ein Teil der geschichtswissenschaftlichen Forschung statt, hier werden neue Ergebnisse erarbeitet, vorgestellt, diskutiert und niedergeschrieben.

Ziel der Tagung war es, über die Vorstellung von Beispielen aus verschiedenen Ländern und Epochen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Entwicklung nationaler und regionaler Wis­senschaftssysteme und der in diese eingebetteten Historischen Institute festzumachen. Es sollte ver­sucht werden, über die Vorstellung von einzelnen Beispielen zu einer Typologisierung von Insti­tutsformen und von Verlaufsformen ihrer Entstehung zu gelangen. Erst der Vergleich ermöglicht eine solch idealtypische Zuspitzung, die dann wiederum heuristisch eingesetzt werden kann, nicht nur, um die Genese einzelner Institutionen oder Institutionstypen zu untersuchen, sondern auch, um die Genese nationaler Wissenschaftssysteme, die Genese des Zusammenspiels der verschiedenen Institutionen, ihrer gegenseitigen Verflechtung und Kompetenzabgrenzung zu untersuchen. Einige der Vorträge auf der Tagung gaben zu diesem Zweck einen Überblick über die langfristige Ent­wicklung in einem Land, wie etwa Tibor Frank (Budapest) über Ungarn, Jan Havránek (Prag) über Tschechien, Bianca Valota (Milano) über Rumänien, und Michael Riekenberg (Leipzig) über Argentinien; Pim den Boer (Amsterdam) verglich die deutsche mit der französischen Entwicklung. Andere Redner konzentierten sich auf die Frühphase der universitären Etablierung der Geschichtswissenschaft in einem einzelnen Land: So sprachen Markus Huttner (Leipzig) und Bernhard vom Brocke (Marburg) über die ersten Historischen Gesellschaften und Seminare in Deutschland, Sebastian Conrad (Berlin) berichtete über den japanischen Fall, Christoph Strupp (Heidelberg) über die Niederlande, Gabriele Lingelbach (Berlin) verglich die universitäre Institu­tionalisierung der Geschichtswissenschaft in Frankreich mit jener in den USA. Andere Vortragende konzentrierten sich auf spätere Phasen der institutionellen Entwicklung wie etwa Gérard Gayot (Lille), der sich schwerpunktmäßig mit der französischen Entwicklung nach 1945 beschäftigte. Dieser Zeitraum stand auch im Mittelpunkt von Frank Hadlers (GWZO Leipzig) Beitrag über die Historischen Akademie-Institute Ostmitteleuropas im Vergleich, womit er sich auch auf einen be­stimmten Instituts-Typus konzentrierte. Eine vierte Gruppe von Teilnehmern stellte wiederum ein­zelne Institute vor: So sprach Matthias Middell (Leipzig) über das Leipziger Institut für Kultur- und Universalgeschichte, Eberhard Demm (Lyon) behandelte das nationalökonomische Institut an der Universität Heidelberg, Christoph Cornelißen (Düsseldorf) stellte Gerhard Ritters Institut für Zeit­geschichte vor, Eckhardt Fuchs (Washington) die international geleitete Schule für Amerikanische Archäologie und Ethnologie in Mexiko, Peter Th. Walther (Berlin) wiederum verglich zwei solche Institute: das Kaiser-Wilhelm-Institut für deutsche Geschichte und die Historikerwerkstätten am Institute for Advanced Study in Princeton. Eine weitere Gruppe von Beiträgen behandelte die In­stitutionalisierung von bestimmten Forschungsbereichen: Cathrin Friedrich (Leipzig) verglich die Entstehung von Forschungseinrichtungen für die Landes- bzw. Regionalgeschichte in Deutschland, Frankreich und Norwegen, Markus Krzoska (Mainz) thematisierte die polnische Deutschlandfor­schung nach dem Ersten Weltkrieg, Ingo Haar (Halle) und Michael Fahlbusch (Basel) behandelten die Institutionalisierung der Ostdeutschen Volksgeschichte bzw. der Volkstumsforschung unter dem Nationalsozialismus, Harm Schröter (Bergen) sprach über die Institutionalisierung der Unterneh­mensgeschichtsschreibung.

Die Beiträge und die anschließenden Diskussionen verdeutlichten, daß sich für viele Län­dern zeitversetzt ähnliche Entwicklungen aufzeigen lassen. Vielfach kam die Frage auf, inwieweit sich diese Parallelen auch auf eventuelle Orientierungen an ausländischen Modellen und somit auf Prozesse des Kulturtransfers zurückführen lassen. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, in wel­chem Maße soziale und politische Kontexte auf die Entstehung und Entwicklung Historischer In­stitute in den einzelnen Ländern einwirkten und so zu sehr spezifischen Ausprägungen derselben führten, die aufgrund der Pfadabhängigkeit solcher Institutionen bis in die Gegenwart unsere Tätig­keiten als Historiker mitbestimmen. Die Erträge dieser Tagung sollen in einem 2000 erscheinenden Sammelband der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Gabriele Lingelbach
Matthias Middell

 

[1] Aus diesen ersten beiden Tagungen resultierte jeweils ein Sammelband: G. Diesener/M. Middell (Hrsg.): Historikertage im Vergleich, Leipzig 1996 (= Comparativ 6, Heft 5/6); M. Middell (Hrsg.): Historische Zeitschriften im internationalen Vergleich, Leipzig 1999.

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