AHF-Information Nr. 85 vom 18.11.1999
Die internationale und interdisziplinäre Tagung knüpfte an neuere medizinhistorische Forschungen an, in denen frühneuzeitliche "Scharlatane" und "Quacksalber" nicht mehr wie z.T. bereits von ihren Zeitgenossen als ebenso ignorant wie gesellschaftlich bedrohlich, sondern als Geschäftsleute betrachtet werden, als ganz legitime, zwischen der Kommerzialisierung von Unterhaltung und Medizin angesiedelte Profession. Die Vorträge der in Form eines Workshops stattfindenden Veranstaltung, die unter der wissenschaftlichen Leitung von Robert Jütte (Stuttgart), Gherardo Ortalli (Venedig) und Bernd Roeck (Zürich) stand, waren vier thematischen Bereichen zugeordnet worden:
In ihrem den spätmittelalterlichen Hintergrund skizzierenden Eröffnungsvortrag bot Alessandra Rizzi (Venedig) einen Überblick über homiletische Quellen des 14. und 15. Jahrhunderts, in denen seelische und körperliche Gesundheit mit der Sphäre des Spiels in Verbindung gebracht wurde. Rizzi legte dar, daß in den das Glücksspiel verdammenden Predigten des 15. Jahrhunderts auch von einem ludus licitus die Rede ist, von körperlicher Aktivität, die Freude und Zerstreuung bringe und so die Gesundheit befördere. Die Aufwertung des Spiels bei den spätmittelalterlichen Predigern ging sogar so weit, daß dieses nicht nur als körperliches, sondern auch als seelisches Heilmittel Rechtfertigung fand. Im Anschluß referierte Alessandro Arcangeli (Verona) über die Tarantella als einen zwischen Krankheit und Heilbehandlung angesiedelten Tanz. Er erläuterte die Interpretation und die wirksame Behandlung des auf einen Spinnenbiß zurückgeführten Tarantismus durch Musik und Tanz im frühneuzeitlichen Apulien. Daneben beleuchtete er die wachsende und in neue Erklärungen (Betrug oder Geisteskrankheit) mündende Skepsis der mit diesem Phänomen befaßten Ärzte und Philosophen. Maren Goltz (Leipzig) hob hervor, daß auf den Bühnen der "Scharlatane" mit einem relativ feststehenden Arsenal von Musikinstrumenten ein breites Spektrum von Musik dargeboten wurde, die den Auftritt der "Quacksalber" nicht nur strukturierte: Der bisher in der Forschung dominierenden These von der Anlockungs- und Ablenkungsfunktion der Musik hielt Goltz entgegen, daß die Musik bei den Heilerfolgen der "Scharlatane" eine wesentliche Rolle gespielt habe.
In der folgenden Sektion standen literarische und bildliche Repräsentationen im Vordergrund. Anat Feinberg (Heidelberg/Stuttgart) analysierte das Bild der quacks und mountebanks im englischen Drama der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die Berufsgruppe wurde häufig in einem Atemzug mit anderen gefürchteten und stigmatisierten Minderheiten genannt. Das fremde ethnische und religiöse Flair der "Quacksalber" ‑ seit Ende des 16. Jahrhunderts waren sie vom europäischen Festland her eingewandert ‑ regte die Phantasie an, evozierte aber auch dämonische Assoziationen. Wie Feinberg herausarbeitete, standen einige Dramatiker der Ausbreitung einer nichtautorisierten Ärtzeschaft äußerst kritisch gegenüber, belebten ihre Stücke jedoch gerne mit eben diesem Personal. Ole Peter Grell (Cambridge) untersuchte die Wahrnehmung des Arzts und Chirurgen vor allem anhand bildlicher Quellen. Ausgangspunkt seiner Analyse waren vier Gemälde von Werner van den Valckert aus dem Boerhaave Museum, auf denen der Arzt zwischen Gott und Teufel dargestellt ist. Diese Bilder seien nicht nur von Ärzten in Auftrag gegeben worden, auch ihr Gegenstand sei ärztliche Deontologie und nicht, wie insbesondere von Kunsthistorikern vertreten, der Arzt in der Sicht der Patienten. In diesem Zusammenhang lenkte Grell die Aufmerksamkeit auf die Wurzeln und Inspirationsquellen der betreffenden Bilder: An einen Vergleich mit Hendrick Golzius' berühmten Drucken aus dem Jahr 1587 schloß sich der Hinweis auf mögliche literarische Quellen an. Peg Katritzky (Oxford) demonstrierte, daß die Interpretation frühneuzeitlicher Bilddarstellungen mit einer Analyse des graphischen und verbalen Kontexts verbunden sein muß. Am Beispiel eines Holzschnitts aus dem späten 16. Jahrhundert, auf dem eine weibliche Zahnbrecherin abgebildet ist, zeigte sie, daß es sich hierbei um die Darstellung einer Theaterszene handle, ein Faktum, das für den Quellenwert dieser Abbildung von entscheidender Bedeutung ist. Die folgende Diskussion ergab, daß Frauen zwar im Entertainment, aber kaum als Heilerinnen auf der Bühne tätig waren. In dieser Funktion praktizierten sie nicht auf dem Marktplatz, sondern im (Wirts-)Haus.
Am zweiten Tag war der thematische Bogen ebenfalls weit gespannt. Gerda Bonderup (Aarhus) befaßte sich mit den dänischen Bedingungen für Heil-Künstler im 17. und 18. Jahrhundert, wobei sie darauf hinwies, daß Schauspieler wie Heiler ein königliches Privileg für ihre Aktivitäten benötigten und daß letztere sich überdies einem Examen unterwerfen mußten. Die abnehmende Zahl der fahrenden Heil-Künstler erklärte Bonderup zum einen mit deren Denunziation durch die Ende des 18. Jahrhunderts mit ihnen konkurrierenden Bezirkschirurgen, zum anderen mit der Politik der Behörden, welche die betreffenden Personen häufig aufforderten, seßhaft zu werden und um das Bürgerrecht anzusuchen. Anschließend sprach Kerstin Retemeyer (Berlin) über die Funktion von "Scharlatanen" und "Lachsnern" im Zürich des 16. und 17. Jahrhunderts. Beide Personengruppen bedienten Sehnsüchte und Wünsche, beide wurden diskreditiert und verfolgt. Wirkten jedoch die "Lachsner" unspektakulär und im Verborgenen, so priesen die "Quacksalber" ihre Kunst öffentlich auf dem "Theater" an. Retemeyer ordnete die von ihr untersuchten Phänomene in den gesellschaftlichen Rationalisierungsprozeß ein, der zum einen in ein durchorganisiertes Medizinalwesen mündete, das "unbefugte" Ärzte nicht dulden konnte, zum anderen vom Kampf der Komödianten um stehende Theater, eine verbesserte Schauspielkunst und die Anerkennung ihres Standes gekennzeichnet war. Claudia Stein (Berlin/Stuttgart) erläuterte schließlich am Beispiel Augsburgs die Beziehungen zwischen dem frühneuzeitlichen Körperverständnis und der Organisation und Aufteilung der medical community. Sie führte aus, daß die Komplexität des menschlichen Körpers eine Vielzahl unterschiedlicher medizinischer Praktiker erforderte, die das Konzept des "Scharlatans" als Gruppe wie auch individuell zur Abgrenzung, Rechtfertigung und Selbststilisierung nutzten.
Die letzte Sektion wurde durch einen Vortrag von Colin Jones (Warwick) eingeleitet, der mit der Analyse eines berühmten Zahnbrechers des 18. Jahrhunderts, des Grand Thomas, einsetzte, welcher sich selbst als 'Perle der Scharlatane' bezeichnete. Jones beleuchtete den Niedergang des traditionellen medizinischen Scharlatanentums im Frankreich des 18. Jahrhunderts vor dem Hintergrund des Aufkommens der naturwissenschaftlichen Zahnheilkunde und zeigte, wie das öffentliche Schauspiel des Zahnreißens durch private Rituale der Mundpflege verdrängt wurde. Da das Referat von María-Luz López Terrada (Valencia) über unterschiedliche medizinische Praktiker im frühneuzeitlichen Valencia entfiel bzw. nur als Paper verteilt wurde, bildete die Präsentation des Projekts einer Datenbank italienischer "Scharlatane" von David Gentilcore (Leicester) den Abschluß der Tagung. Seine für Siena, Turin, Venedig und Verona durchgeführte quantitative Analyse der an "charlatans" und "mountebanks" vom 16. bis zum 19. Jahrhundert erteilten Lizenzen für den Heilmittelverkauf und Aufbau einer Bühne zeigt, daß frühneuzeitliche "Scharlatane" gezählt und identifiziert werden können. Ihre Herkunft und Routen können ebenso untersucht werden wie ihre Bühnennamen, und die verkauften Heilmittel können benannt, beschrieben und kategorisiert werden.
Die Tagungsbeiträge werden Ende nächsten Jahres in der Zeitschrift Ludica. Annali di storia e civiltà del gioco veröffentlicht.
Waltraud Pulz
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1999. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |