AHF-Information Nr. 75 vom 20.09.1999
Nach dem ersten Workshop, der im Dezember 1998 in Rothenburg o.T. stattfand (vgl. AHF- Information Nr. 6 vom 18.2.1999), veranstaltete das Institut für Europäische Geschichte Mainz den zweiten Workshop im Rahmen des von der Volkswagen-Stiftung in ihrem Schwerpunktprogramm "Globale Strukturen und deren Steuerung" geförderten Forschungsprojekts "Krieg, Frieden und Weltordnungen". Nachdem in Rothenburg auf der Grundlage des methodischen Zugriffs unterschiedlicher Disziplinen, die sich mit Geschichte und Gegenwart der internationalen Beziehungen befassen, ein Frageraster entwickelt worden war, das den Autoren des geplanten Sammelbandes als Leitfaden für die Ausarbeitung ihrer Beiträge dienen sollte, stand im Mittelpunkt der Mainzer Tagung nun die Diskussion der auf dieser Basis erarbeiteten Fallstudien.
In ihrer Einführung faßten Heinz Duchhardt, Anja V. Hartmann (beide Institut für Europäische Geschichte Mainz) und Beatrice Heuser (Kings College London) die Ergebnisse der ersten Tagung zusammen und formulierten als zentrale Problemfelder erstens die Frage nach der Bedeutung und Bewertung von Ausnahmen von den Regeln gerechter, "geordneter" oder humaner Kriegführung, die obgleich letztere in allen untersuchten Kulturen existierten und von den Kriegführenden ernst genommen wurden immer wieder auftraten und zu Eskalationen führen konnten, zweitens die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der Analyse von komplexen Motivationszusammenhängen und drittens die Frage nach dem Spannungsfeld zwischen "kollektiven Mentalitäten" und den Meinungen oder Interessen von Untergruppen oder Individuen. Andreas Osiander (Humboldt Universität Berlin) kritisierte anschließend in seinem Referat über "History and International Relations Theory" den laxen Umgang der "Realist"-Theorie der internationalen Beziehungen mit historischen Gegebenheiten, den er darauf zurückführte, daß die genannte Theorie im Grunde eine Verteidigung des (nationalen) Macht-Staats in der Form des 19. Jahrhunderts beinhaltet. Barry Buzan (University of Westminster London) stellte sein Konzept der Genese der internationalen Beziehungen in drei chronologisch aufeinander folgenden Weltordnungen der prähistorischen (bis ca. 3000 v.Chr.), der antik-klassischen (3000 v.Chr. bis 1500 n.Chr.) und der "westfälischen" (seit 1500 n.Chr.) vor und stellte die Frage, ob die jüngsten Entwicklungen von Globalisierung und Demokratisierung eine neue, "post-westfälische" Weltordnung ankündigten.
In der Sektion zur alten Geschichte sprach Hans van Wees (University College London) über "War and Peace in Ancient Greece" und hob insbesondere die Bedeutung des Konzepts von "kinship" bzw. "friendship" bei der Legitimation von Kriegen und bei der Formierung von Allianzen hervor. Simon Hornblower (University College London) betonte in seinem Beitrag "Greeks and Persians: West against East" die Rolle historischer und mythologischer Begründungszusammenhänge in Krieg und Frieden, die allerdings durch Vorstellungen von Wiedergutmachung oder Rache bzw. Reziprozität hätten modifiziert werden können. John Rich (University of Nottingham) beschrieb in seinem Referat über "Warfare and External Relations in the Middle Roman Republic" die römische Gesellschaft als eine "Society geared for War", die in gewisser Weise durch ihre inneren Strukturen auf kontinuierliche Kriegführung ausgerichtet gewesen sei. Ruth Stepper (Universität Potsdam) analysierte den Konflikt zwischen Rom und Karthago als eine komplexe Kombination aus Staatsinteressen, legimitatorischen Erwägungen und Expansionsstreben. Die Schwerpunkte der anschließenden Diskussion lag auf der Frage nach der Verbindlichkeit von "laws of war" und nach dem Gewicht von Ehre und Schande im Konflikt mit oder im Gegensatz zu materiellen Interessen.
Die Sektion zur mittelalterlichen Geschichte wurde eröffnet durch einen Beitrag von Julian Chrysostomides (Royal Holloway College, University of London) über "Byzantine Concepts of War and Peace", in dem sie mehrere Regelwerke byzantinischer Herrscher zum Verhalten im Krieg vorstellte und deren Umsetzung in der tatsächlichen Kriegführung untersuchte. Bernhard Zeller (Universität Wien) sprach über "Collective Identity, War and Peace at the time of the Great Migration" und wies auf die vielfältigen Formen der Interaktion zwischen den "Barbaren" und den Römern hin, wobei er die Erfolge der ersteren vor allem auf ihren flexiblen Umgang mit der (Um-) Bildung von Traditionslinien zurückführte. Die Frage nach der Entstehung von Traditionen und deren Instrumentalisierung in Konflikten stand auch im Mittelpunkt der anschließenden Diskussion. Jonathan Riley-Smith (Emmanuel College Cambridge) wies in seinen Ausführungen zu den Kreuzzügen zum einen darauf hin, daß jeder ideologische Krieg dazu tendiere, einen Bürgerkrieg zu provozieren, und beschrieb zum anderen den Wandel des Konzepts vom gerechten Krieg im Laufe der Jahrhunderte. Die Diskussion hierzu konzentrierte sich auf die Rechtfertigung von Gewaltanwendung und auf die Entstehung von Kriegerkulturen bzw. kasten mit ihren spezifischen Verhaltenscodices. Anne Curry (University of Reading) referierte über "War, Peace and National Identity During the Hundred Years War", wobei sie besonders auf das Konzept der "Ritterlichkeit" und auf die Entstehung und Veränderung von nationalen Identitäten im Laufe der Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und England abhob. In der Diskussion wurden das Konzept der Souveränität und die Rolle von Sprachen bei der Entstehung und Abgrenzung von Identitäten thematisiert.
In der Sektion zur neueren Geschichte sprach Heinz Duchhardt (Institut für Europäische Geschichte Mainz) über "Inter-State War and Peace in Early Modern Europe". Er analysierte zum einen die Faktoren, die die Entstehung von zwischenstaatlichen Kriegen in der frühen Neuzeit begünstigten, und ging zum anderen auf Regeln und Gesetze ein, die sowohl bei der Erklärung von Kriegen als auch bei ihrer Durchführung und Beendigung Gültigkeit hatten. Marc Belissa (Université de Nantes) und Patrice Leclercq (Paris) betonten in ihrem Beitrag "Ideological or National Wars? The Wars of the French Revolution" die Neuerungen der französischen Revolutionskriege besonders durch die "levée en masse" und beim Umgang mit der feindlichen Bevölkerung in den eroberten oder zu erobernden Gebieten. Die anschließende Diskussion kreiste um die Frage, ob eine grundsätzliche Unterscheidung von "restaurativen" und "innovativen" Kriegen sinnvoll sein könnte. Robert Foley (Kings College London) illustrierte in seinem Referat "The Adulation of War in the Late 19th Century" die Entstehung verschiedener Konzepte von Krieg auf der Folie der Erfahrungen von 1870/71 und beschrieb die Mutation des "Volkskriegs" zum "Vernichtungskrieg" bis zum Zweiten Weltkrieg. Michael Ploetz (Berlin) erläuterte in seinem Referat über "Enemy Image and Identity in the Warsaw Pact" das Weltbild der kommunistischen Regierungen, ihre Interpretationen der westlichen Regierungspolitik und der Friedensbewegungen und deren Rückwirkungen auf die Politik der Sowjetunion im Kalten Krieg. Beatrice Heuser (Kings College London) sprach über "Friend and Foe in Western Strategy" und analysierte die unterschiedlichen Haltungen der westlichen Mächte zur Frage nuklearer Bewaffnung und Kriegführung. Die Diskussion thematisierte das Konzept des "totalen Kriegs", die Hintergründe des amerikanischen Bombenabwurfs auf Hiroshima im Kontext von Feindbildern und Identitäten und die Frage nach der Behandlung von Zivilisten im Krieg.
Abschließend resümierte Beatrice Heuser (Kings College London) in Beantwortung der ersten beiden Eingangsfragen, daß erstens in allen Beiträgen deutlich geworden sei, daß Ausnahmen von den Regeln des Krieges tatsächlich als Ausnahmen zu werten seien und nicht a priori die Annahme eines inhärenten menschlichen Drangs zur grausamen Eskalation rechtfertigten und daß zweitens monokausale Erklärungen für die Entstehung von Kriegen in jedem Fall zu kurz griffen, da man es in der Regel mit einem komplexen Motivations- und Legitimationszusammenhang zu tun habe. In bezug auf die dritte Eingangsfrage bleibe dagegen das Paradoxon bestehen, daß es innerhalb von (kriegführenden oder friedenschließenden) Gruppen erhebliche Differenzen in Mentalität und Identität geben könne, obwohl die Gruppen trotzdem einheitlich handelten. Dabei müsse man sich davor hüten, den historischen Entitäten eine zu große Rationalität zu unterstellen. Statt von "belief systems" sei daher die Rede von "belief clusters" oder von "layers of belief" eher angemessen.
Die Ergebnisse der Tagung sollen in einem englischsprachigen Sammelband publiziert werden.
Dr. Anja V. Hartmann
Institut für Europäische Geschichte
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