AHF-Information Nr. 71 vom 09.09.1999
Unter der Leitung des Vorsitzenden der Victorian Society, Dr. Filmer-Sankey, und mit Unterstützung der Prinz-Albert-Gesellschaft und des Deutschen Historischen Instituts London fand am 9. Juli 1999 der erste Teil einer Konferenz zum Thema Prinz Albert und die Entwicklung der Bildung in England und Deutschland im 19. Jahrhundert statt. Der zweite Teil der Konferenz, der von Professor Bosbach (Universität Bayreuth) im September 1999 in Coburg durchgeführt wird, beschäftigt sich mit der deutsch-britischen Universitätsgeschichte. In der Londoner Konferenz, die vom deutschen Botschafter von Moltke eröffnet wurde, stand die Schulausbildung im Mittelpunkt, wobei sich zwei zentrale Fragestellungen herauskristallisierten. Erstens, ist es möglich eine Korrelation zwischen den Pädagogikentwürfen beider Nationen und der Institutsarchitektur des 19. Jahrhunderts nachzuweisen und zweitens, inwieweit gab es Gemeinsamkeiten bei der Ausbildung von deutschen und britischen Schülern ?
Die Rolle Prinz Alberts als Reformer in Wissenschaft und Architektur wurde in einem einleitenden Referat von Hermione Hobhouse überblicksartig zusammengefaßt. Es wurde dabei erneut deutlich, daß der Prinzgemahl einen interkulturellen Austausch mit deutschen Ideen beschleunigte, sowie durch seine Baukonzepte in South Kensington eine völlig neue Form eines Ineinandergreifens von Museen und Ausbildungsstätten verwirklichte. Wie die weiteren Referate jedoch zeigten, nahm diese von Albert initiierte Entwicklung sehr bald eigenständige Formen an. Der spiritus rector für eine architektonische Reformierung der englischen Schulen war, wie William Filmer-Sankey in seinem Referat zeigte, nach der Schulreform von 1870, E.R. Robson. Der Architekt des London School Board favorisierte das deutsche Modell der Klassenzimmer, im Gegensatz zu der englischen Massenschule in der ein Oberlehrer mit seinen Gehilfen in einem großen Raum alle Jahrgangsstufen simultan unterrichtete. Robson übte jedoch auch Kritik an der Architektur deutscher Schulen wie Heidemarie Kemnitz betonte. Äußerlich wirkten sie auf ihn wie Kasernen - militärisch und ästhetisch abstoßend. Erst im frühen 20. Jahrhundert gelang es den Deutschen, diese Schularchitektur zu überwinden. Diesmal wirkte England mit seinen künstlerisch ansprechend gestalteten Volksschulen als Vorbild. Der Stadtbaurat Ludwig Hoffmann benutzte den freundlicher wirkenden Sandstein sowie figürlichen Schmuck zur Auflockerung der Hausfassaden (wie z.B. ein Relief Das schlechte Zeugnis), was von den Lehrern allerdings als Angriff auf ihre Autorität empfunden wurde. Die Intention Hoffmanns, eine schülerfreundliche Pädagogik auch über Architektur zu vermitteln, blieb demnach umstritten.
Die Situation der Lehrenden und ihrer im 19. Jahrhundert modernisierten Lehranstalten wurde in vier Referaten behandelt. Irene Hardach-Pinke zeigte an mehreren Fallbeispielen das wechselhafte Schicksal von deutschen Gouvernanten in England auf. Nur wenige waren finanziell und gesellschaftlich so erfolgreich wie Königin Victorias Gouvernante Gräfin Lehzen. Häufig erlitten sie beim Anblick des Molochs London einen Kulturschock und empfanden es als persönliche Demütigung, sich bei englischen Familien mit Klavier- und Leseproben vorstellen zu müssen. Nach der Jahrhundertwende verließen sie verstärkt England, da es für sie einfacher wurde, im deutschen Lehrbetrieb unterzukommen. Hier hatten sich, wie Jürgen Apel in seinem Vortrag anschaulich zeigte, besonders an den Gymnasien große Veränderungen vollzogen. Da es im 19. Jahrhundert kein einheitliches deutsches Gymnasium gab, bezog er sich auf das preußische Modell, wobei er darlegte, daß sich - jeweils abhängig vom gesellschaftlichen Druck - Phasen der Expansion und Stagnation abwechselten. Teile des merkantil orientierten Bürgertums hielten wenig von der praxisfernen humanistischen Bildung und drängten ab 1825 auf die Schaffung einer höheren Bürgerschule. Um 1880 hatten sich dann drei gymnasiale Typen entwickelt: das humanistische Gymnasium, das Realgymnasium und die Oberrealschule, wobei ab 1900 auch Schulabgänger ohne humanistisches Abitur an der Universität zugelassen wurden. Darüber hinaus änderten sich die Lehrpläne mit dem wilhelminischen Zeitgeist. Der Kaiser propagierte eine nationale Erziehung und übte Kritik an lebensfremden Stoffen.
Die Lehrpläne englischer secondary schools veränderten sich im 19. Jahrhundert vor allem durch ein verstärktes Interesse an den Naturwissenschaften wie Bill Brocks ausführte. Labors wurden um 1900 zur Standardausrüstung der Schulen, so daß jedes viktorianische Kind praktische Erfahrung mit einem Bunsenbrenner machen konnte. Eine naturwissenschaftliche Erziehung war nützlich für die Industrie, wurde aber, dem damaligen Pädagogikethos folgend, vor allem als Erziehung zur Disziplin propagiert. J.R. Piggott illustrierte die Auswirkungen dieser Schulreformen am Beispiel des Dulwich College. 1619 gegründet, durchlief es eine wechselhafte Geschichte und wurde u.a. von Trollope als Stätte der Faulen und Dummen persifliert. Der spirit of 1851 und ein geschickter Landverkauf ermöglichten eine Modernisierung der Gebäude wie der Lehrpläne. Hang theology, hang economics lautete der Schlachtruf des erfolgreichen governors William Rogers. Deutsche Lehrer, u.a. ein Erzieher Heinrich von Preußens, wurden enthusiastisch in den Lehrkörper aufgenommen.
Die technisch orientierte Ausbildung in Deutschland und Großbritannien war Thema der letzten Sektion. Klaus Harney untersuchte hier den deutschen Doppelweg. Im Gegensatz zu England war es deutschen Schulabgängern möglich entweder an Technischen Hochschulen zu studieren oder sich in einer Berufsschule ausbilden zu lassen. Beide Ausbildungswege sorgten dafür, daß die deutsche Industrie sowohl mit ausreichend vielen Theoretikern wie auch Praktikern versorgt war, die eine erfolgreiche Symbiose bildeten. Die Engländer beobachteten diese Entwicklung mit Interesse, verfolgten jedoch eigene Wege. Anthony Burton war zwar der Ansicht, daß für die englischen Reformer des Nachbars Gras immer grüner war. An seinem Fallbeispiel, dem South Kensington Department of Science and Art, zeigte sich jedoch, daß Frankreich und nicht Deutschland einen maßgebenden Einfluß ausübte. Dorothy Bosomworth konnte in ihrem Referat Design Education in the Provinces hingegen einen englischen Anknüpfungspunkt mit den deutschen Berufsschulen finden. Das Ideal war hier, die Arbeiter in abendlichen Kursen auszubilden (ähnlich den Berufsschulen), doch mangelnde staatliche Unterstützung und lange Arbeitszeiten erschwerten eine erfolgreiche Umsetzung der Pläne.
Neben der wissenschaftlichen Arbeit ist es ein Anliegen der Victorian Society, die Restaurierung viktorianischer und edwardianischer Gebäude zu fördern. Im Anschluß an die Konferenz wurde deshalb ein Besichtigungsprogramm mit Ausflügen zu britischen Erziehungseinrichtungen (u.a. Eton College und Royal Holloway) angeboten. Die Ergebnisse beider Konferenzen werden im Band 17 der Prinz-Albert-Studien dokumentiert.
Karina Urbach
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1999. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |