AHF-Information Nr. 61 vom 20.08.1999
Die internationale Konferenz "Patients in the History of Homeopathy" (30.6.-3.7.99) in Stuttgart wurde vom Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung unter Leitung von PD Dr. Martin Dinges organisiert. Die 21 Teilnehmer kamen neben Deutschland aus dem europäischen Ausland, Japan und den USA. Schon im Vorfeld waren alle Beiträge per Email an die Teilnehmer verschickt worden. In den Sitzungen dienten Kurzpräsentationen dann nur noch als Input für ausführliche Diskussionen.
Wie jede internationale und interdisziplinäre wissenschaftliche Tagung hinterließ auch diese etwas Konfusion in den Köpfen - eine Verwirrung im positiven Sinne, die sowohl die anregenden Diskussionen bei der Tagung als auch die vielen Gedanken für weiteres wissenschatliches Arbeiten widerspiegelt, welche die Teilnehmer mit nach Hause nehmen. Was Patientengeschichte alles sein kann, erläuterte Dr. Eberhard Wolff (Stuttgart) in seinem Beitrag "Patients in Homeopathy: Chances and Risks of a Historical Approach", der die Diskussion zu den weiteren Vorträgen anregte. Die Dekonstruktion des homöopathischen Patienten in Geschichte und Gegenwart erschien einfach angesichts der vielfältigen Themen, zu denen die Teilnehmer geschrieben hatten. Die Beiträge handelten von den Patienten Hahnemanns bis zu den heutigen, betrafen verschiedene europäische und amerikanische Länder, und erläuterten finanzielle, strukturelle und institutionelle Aspekte der Patientenschaft aber auch die individuelle Nachfrage der Patienten auf dem medizinischen Markt.
Die ersten beiden Sitzungen hatten das Thema "Hahnemann and his Patients: Discourses and Practices". Dr. Hanspeter Seiler (Maur, Schweiz) stellte in seinem Beitrag "Was unterscheidet den Patienten bei Hahnemann (und späteren Homöopathen) vom Patienten der Allopathen?" den ganzheitlichen Zugang der homöopathischen Ärzte zu den Patienten in den Vordergund. Die Attraktivität der Homöopathie für die Patienten sei die Effektivität der Heilmethode. Um die Zahlungsmoral der Patienten ging es im Referat von Prof. Dr. Robert Jütte (Stuttgart) "'Und es sammelt sich ohne Verdruß von Seiten des Kranken in des Arztes Beutel' - Samuel Hahnemann und die Honorarfrage". Hahnemann konnte seine Patienten von der Selbstverständlichkeit seines neuartigen Honorarsystems überzeugen. Heute existieren ähnliche Formen der sofortigen Barzahlung z.B. in amerikanischen Privatpraxen. Nachdem Dr. Bruno Laborier (Bergerac, Frankreich) die aktive Rolle von Samuel Hahnemanns Patienten in der Therapie anhand eines Vergleichs von Krankenjournalen und Publikationen beschrieben hatte ("The Role of Patients in Hahnemann's Case Journals and Publications"), zeigte das in Abwesenheit der Autorin diskutierte Papier von Dr. Kathrin Schreiber (Dresden) die Möglichkeiten auf, wie die quantitative Auswertung von Patientendaten kontextualisiert genutzt werden kann. Ihr Beitrag "Vertreibung aus Leipzig? Hahnemanns Leipziger Praxis: Ursachen für den Umzug nach Köthen im Jahr 1821 - Patientenfrequenz und Polemik" ging auf die Veränderung der Patientenschaft ein und belegte, daß öffentliche Polemik und Patientenfrequenz in seiner Leipziger Praxis in engem Zusammenhang standen, so daß von einer Vertreibung keine Rede sein kann. Dr. Iris Ritzmann (Stuttgart) untersuchte die konkrete therapeutische Praxis Samuel Hahnemanns bei Kindern ("Children as Patients in Early Homeopathy"). Eltern beschrieben die Krankheiten ihrer Kinder in den Patientenbriefen an Hahnemann. Dies ist eine Besonderheit der Quellen über diese Patientengruppe. In der dritten Sektion des Tages ging es um "Patients and Homeopathic Healers". Der therapiegeschichtliche Ansatz von Prof. Dr. Teresa Alfonso-Galán (Alcala de Henares, Spanien) in ihrem Beitrag "A Perspective of Homeopathy in Spain by Way of the Patients of the Homeopathic Press in Madrid (1860-1890)" erläuterte das Krankheitsspektrum der Madrider Patientenschaft und dessen unterschiedliche Darstellung in der homöopathischen Fachpresse. Daß das Netzwerk derjenigen, die i.w.S. mit Gesundheit zu tun haben - neben Arzt und Patient z.B. die Familienangehörigen, Patientenorganisationen, Krankenkassen -, komplex ist, zeigte nicht zuletzt Prof. Dr. Olivier Faure (Lyon, Frankreich) in seinem Referat zu "Léon Vannier's Patients in the 1930s". Insgesamt wurde schon hier deutlich, daß nicht nur verschiedene soziale Differenzierungen innerhalb der Patientenschaft zu beachten sind, sondern viele externe Determinanten, die einen Patienten veranlassen, eine bestimmte Heilweise zu bevorzugen. So muß man zwischen "Shoppern" (Wechsel-Patienten) und von der Homöopathie überzeugten Patienten ebenso unterscheiden wie zwischen armen und reichen, alten und jungen oder weiblichen und männlichen Patienten. Verschiedene Formen und Typen von Patienten existieren gleichzeitig, während es "den" homöopathische Patient eben nicht gibt.
In den Sitzungen "Towards a Comparative Historical Sociology of the Homeopathic Patient" wurden die oben erwähnten historischen Ergebnisse soziologisch ergänzt. Der Beitrag von Prof. Dr. Gunnar Stollberg (Bielefeld) "Patients and Homeopathy - An Overview of Sociological Literature" zeigte auf, daß die homöopathische Arzt-Patient-Beziehung sowohl "vormoderne" als auch "postmoderne" Elemente im Sinne der Klassifikation von E. Shorter enthält. Auch heutige Schulmediziner fordern mehr und mehr den "aktiven und verantwortungsbewußten" Patienten. Anhand einer Soziologie der Patientenschaft des Brüsseler Arztes "Gustave van den Berghe (1837-1902) and his Patients: A First Inventory" erläuterte Anne Hilde van Baal, M.A. (Amsterdam, Niederlande), daß die aktiv an der Wiedererlangung der Gesundheit interessierten Patienten den medizinischen Markt vielseitig nutzen, also "Wechsel-Patienten" sind. Um den Einfluß der Sozialstruktur auf therapeutische Entscheidungen ging es in dem Beitrag "Class, Status and Gender: Toward a Sociology of the Homeopathic Patient in 19th Century Britain" von Dr. Phillip A. Nicholls (Stoke on Trent, England). Die Armen wählten Homöopathie, weil diese umsonst angeboten wurde, für Reiche war es eine Frage des "Lifestyles". Frauen aus der Mittelklasse galten als Gesundheitsbewahrer der Familie und bevorzugten in dieser Rolle die Homöopathie. Die Ausbreitung der Homöopathie in Rußland beschrieb Dr. Alexander Kotok (Jerusalem, Israel) in "Patients of Russian pre-World War I Homeopathy". Er zeigte, daß in ländlichen Gebieten die Schulmedizin weitgehend nicht als Konkurrenz vorhanden war und in den Städten die Unterstützung reicher und einflußreicher Gönner gesichert war. Als besondere Patientengruppe verwies er auf die Mitarbeiter bestimmter Firmen bzw. der Eisenbahngesellschaft und auf die Militärangehörigen. Erste Ergebnisse der ersten Auswertung einer Patientenbefragung in Brasilien stellte Dr. Lore Fortes (Erlangen) vor. Ihr Beitrag "Die Homöopathie aus der Sicht der Patienten: Eine empirische Untersuchung der Stadt Curitiba (Brasilien) - 1998/99" unterstrich, daß die Patienten aktiv sind und bewußt eine Heilmethode auswählen. Die Wahrnehmung des ganzheitlichen Anspruchs der Homöopathie durch die Patienten hob auch Dr. Martina Günther (St. Augustin) als wichtigstes Ergebnis ihrer Untersuchung "Der homöopathische Patient in der niedergelassenen Arztpraxis. Ergebnisse einer vergleichenden Patientenbefragung in konventionellen Arztpraxen und homöopathischen Privat- und Kassenpraxen" hervor. Homöopathische Patienten seien jünger, ihre Bildung höher, sie arbeiten überdurchschnittlich häufig in pädagogischen, sozialen oder Gesundheitsberufen und sie pflegen einen gesünderen Lebensstil.
Nicht nur um ökonomische Vorgaben ging es in der nächsten Sektion "Patients' Choices in the Medical Marketplace". So erläuterte PD Dr. Dr. Michael Stolberg (München) anhand von "Patientenkorrespondenzen als Quelle der Homöopathiegeschichte", wie wichtig die Eigenbeobachtung der Patienten durch diese selbst genommen wurde. Die Patienten hielten sich weitgehend an die Vorgaben der homöopathischen Ärzte, körperliche und seelische Symptome wahrzunehmen. Warum Patienten einen speziellen Therapeuten wählen, stand im Mittelpunkt des Beitrages "The Haverhoeks and their Patients. The Popularity of Unqualified Homeopaths in the Netherlands in the Early 20th Century" von Prof. Dr. Marijke Gijswijt-Hofstra (Amsterdam, Niederlande). Kriminalakten und Presseberichte lassen darauf schließen, daß es den Patienten nicht um die Kostenvermeidung oder die spezielle Homöopathie der Haverhoeks ging. Das öffentliche Ansehen der Haverhoeks, die Werbeanzeigen in Zeitungen und v.a. die Enttäuschung über andere Heiler brachten viele Patienten in diesem Fall zum Laienhomöopathen. Der persönliche Umgangsstil eines Arztes mit seinen Patienten verhalf der Homöopathie in Island zu ihrer Ausbreitung. Auch Sigridur Svana Petursdottir (Reykjavik, Island) stellte in ihrem Beitrag "The Patients of Arthur C. Gook" fest, daß geringe Kosten allein nie ein Grund für die Heilerwahl war.
Es wurden insgesamt also auch die Möglichkeiten und Motivationen angesprochen, die die Patienten im medizinischen Markt haben, sowie das Verhältnis zwischen Arzt/Heiler und Patient thematisiert. Vertiefend ging es am Samstag zunächst über "Homeopathic Patients in the Public Place". Prof. Dr. Osamu Hattoris (Gifu, Japan) Vortrag "Ein Laienverein als Patientengruppe. Die homöopathische Laienbewegung in Württemberg in der Zeit der Professionalisierung des Ärzteberufs 1868-1914" zeigte, daß die Patienten zwar einen wichtigen Machtfaktor bei der Etablierung der Homöopathie darstellten, aber auch, wie ärzteorientiert organisierte Laienvereine sein konnten. Dr. H.E.M. de Lange de Klerk (Petten, Niederlande) beschrieb die Beziehung zwischen Homöopathen und bestimmten niederländischen Richtungen des Protestantismus, deren Führer überzeugte Homöopathie-Anhänger waren, was sich bis hin zu politischen Entscheidungen auswirkte ("Christian Groups in the Netherlands and their Support for Homeopathy (1830-1965)"). Dr. Bernard Learys (Windycroft, England) Beitrag "The Influence of Patients in the Provision of Homeopathy in Great Britain (19th and 20th Centuries)" erläuterte, wie gerade aristokratische und einflußreiche Patienten und Patientenorganisationen mit politischem Druck die Entstehung der Homöopathie in Großbritannien unterstützten. Auch in den USA hatten und haben Patientenvereinigungen großen Anteil an der Ausbreitung der Homöopathie, wie sowohl Prof. Dr. Naomi Rogers (New Haven, USA) in ihrem Beitrag "The Public Face of Homeopathy in the United States, 1900-1950" als auch Dr. Anne Taylor Kirschmann (Marion, USA) mit "The American Foundation for Homeopathy, 20th Century Patients, and the Preservation of Homeopathy in the United States" zeigten. Vor allem die aktive Mitarbeit der Patientinnen in den Vereinigungen sowie die Bedeutung des Einsatzes moderner Medien für Werbekampagnen wurden dabei deutlich.
Die Zusammenfassung von Martin Dinges ("From the History of the Homeopathic Patients towards a General History of Patients: Some Perspectives") verdeutlichte, welchen wichtigen Stellenwert die auf dieser ersten Tagung zur Patientengeschichte erfolgte systematische Dekonstruktion "des" homöopathischen Patienten sowohl für die Homöopathie als auch für die Patientengeschichte insgesamt hat. Die Beiträge zeigten vielfältige Möglichkeiten auf, Geschichte von unten zu denken, also nicht die Ärzte, sondern die Patienten in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. Zukünftige Forschungen werden sicherlich von dem differenzierten Patientenbild, das auf dieser Tagung erarbeitet wurde, profitieren. Somit wurde auch ein wichtiger Beitrag für die gesamte Medizingeschichte geleistet.
Eine Auswahl aller Beiträge wird in englischer Sprache veröffentlicht. Ein Teil der deutschsprachigen Beiträge wird vorab in "Medizin, Gesellschaft und Geschichte" (MedGG) Bd. 18 (1999) abgedruckt.
Erik O. Ründal, M.A. (Stuttgart)
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1999. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |