AHF-Information Nr. 52 vom 23.06.1999

Union, Konversion, Toleranz

Kolloquium im Institut für Europäische Geschichte vom 24. - 27. Februar 1999

 

Das Institut für Europäische Geschichte veranstaltete vom 24. bis 27. Februar 1999 das Abschlußkolloquium des im Oktober 1996 begonnenen Forschungsprojekts "Union, Konversion, Toleranz. Politische, kirchliche und geistesgeschichtliche Dimensionen der Annäherung zwischen den christlichen Konfessionen im Alten Reich und in Alteuropa von der Mitte des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts". Die beiden Direktoren des Instituts, Prof. Dr. Heinz Duchhardt und Prof. Dr. Gerhard May, zogen zur Eröffnung des Kolloquiums eine positive Bilanz des interdisziplinär ausgerichteten Projekts. Duchhardt verwies auf das Novum eines von beiden Abteilungen (Universalgeschichte sowie Abendländische Religionsgeschichte) des Instituts getragenen Projekts. Seinen Dank sprach Duchhardt nicht nur den Stipendiaten und Stipendiatinnen, den Mitarbeitern und Gästen aus, sondern auch der VW-Stiftung, die das Projekt großzügig gefördert habe. May hob die konstruktive Zusammenarbeit der Vertreter unterschiedlicher Fachrichtungen während der Projektarbeit hervor.

An den folgenden Tagen stellten Historiker und Theologen aus dem In- und Ausland, Mitarbeiter des Instituts sowie die Stipendiatinnen und Stipendiaten ihre Forschungsergebnisse vor; es folgten Korreferate und lebhafte Diskussionen.

In seinem Eröffnungsvortrag "Die Alte Kirche als remedium schismatici. Zum Typus der sogenannten altkatholischen Irenik" problematisierte Dr. Andreas Merkt, Mainz, einen Ireniktyp, der mit dem Tod Georg Calixts 1656 zu Ende gegangen sei. Dieser Typus, dessen Hauptmerkmal der Rekurs auf die antike Kirche als Mittel zur interkonfessionellen Verständigung gewesen sei, sei dem 17. Jh. durch Mark Anton de Dominis vermittelt worden. Merkt machte auf geistesgeschichtliche (Humanismus), kirchliche (Antipapalismus) und politische (Regalismus) Dimensionen der altkatholischen Irenik aufmerksam und fragte nach den Ursachen des Bedeutungsverlusts dieses Ireniktyps nach Calixts Tod. Korreferent Dr. Hans Peterse, Osnabrück, hob die Bedeutung des Erasmus für den altkatholischen Ireniktyp hervor und fragte an, ob man innerhalb dieses Typs nicht noch weiter differenzieren müsse. In der Diskussion wurde an die unterschiedliche Funktion der Väterrezeption im 16. und 17. Jh. bei den konfessionellen Parteien erinnert (Ohst) und nach dem diesbezüglichen Proprium der sog. altkatholischen Irenik gefragt (Decot). Ferner warf man die Frage nach den politischen Implikationen der altkatholischen Irenik auf (Duchhardt, Aretin, Peterse).

In seinem theologiegeschichtlich angelegten Vortrag "Lutherische Orthodoxie und die Einheit der Kirche. Zur Ekklesiologie des Johannes Musäus (1613-1681)" beleuchtete Harry Mathias Albrecht, Mainz, die ekklesiologischen Hintergründe lutherisch-orthodoxer Unionskritik anhand des Kirchenbegriffs des Johannes Musäus, des Haupts der Jenaer Theologischen Fakultät in der zweiten Hälfte des 17. Jh. Auf der Grundlage eines mehrschichtigen Kirchenbegriffs komme Musäus zu einer Kritik sowohl an dem äußerlich-juridischen Kirchenverständnis der katholischen Gegner als auch an dem auf die äußere Einheit konzentrierten, "katholisierenden" Kirchenbegriff der humanistisch-calixtinischen Irenik. Die Hervorhebung der Unsichtbarkeit der eigentlichen Kirche bei Musäus habe u. a. zum Ziel gehabt, die Konversionsbewegung zur katholischen Kirche mit theologischen Argumenten einzudämmen. Prof. Dr. Martin Ohst, Wuppertal, hinterfragte in seinem Korreferat aufgrund von Albrechts Ausführungen die verbreitete Meinung, die lutherische Orthodoxie habe ihr eigenes Kirchentum absolut mit der Kirche des Glaubensbekenntnisses identifiziert. Traditionsgeschichtlich seien eventuelle Verschiebungen gegenüber Luthers Kirchenbegriff in Rechnung zu stellen. In der Diskussion versuchte man zu präzisieren, inwiefern die einzelnen Kirchen einen Absolutheitsanspruch erhoben hätten, und erinnerte an die Rolle der Bekenntnisschriften (Dingel, Decot). Ferner problematisierte man den Orthodoxiebegriff (Gierl).

Prof. Dr. Guillaume H. M. Posthumus Meyjes, Leiden, hob in seinem Vortrag über "Die irenischen Ideen Jean Hotmans" hervor, daß Toleranzideen nie in abstrakter Reflexion, sondern stets in konkreten Kontexten entstünden. Besser als der Begriff der Toleranz eigne sich aber der der Irenik, verstanden als die Bemühungen, die verschiedenen Gegensätze in Kirchen und Staaten zu überwinden. Betrachte man die Vertreter irenischen Gedankenguts, so ließen sich drei Familien erkennen: 1. politische Irenik, 2. konfessionelle Irenik (Calixt u. a.) und 3. utopische Irenik (Zwicker, Comenius u. a.; Merkmale: individualistisch, antiinstitutionell, Endzeitbewußtsein). Jean Hotman gehöre zum Typus der politischen Ireniker, für die die Hochschätzung des Staates kennzeichnend sei; sie sähen sich als die Erben der "politiques" und verfolgten u. a. das Ziel staatlicher Einheit. Vorbild sei stets England. In ihrem Korreferat ordnete Prof. Dr. Irene Dingel, Mainz, Jean Hotman näher in die historischen (Hugenottenkriege; Konsolidierung der Konfessionen), konfessionellen und biographischen (Erfahrung der Bartholomäusnacht; juristische und diplomatische Dienste; interkonfessionelle Kontakte) Zusammenhänge ein und stellte v. a. mit Verweis auf die von Hotman für seinen Syllabus ausgewählten irenischen Schriften fest, daß es Hotman nicht um Toleranz als solche ging, sondern um eine politische Union der rechtgläubigen Konfessionen. In der Diskussion wurde auf die Problematik der Idee des Monarchen als Friedensinstanz aufmerksam gemacht (Asch). Man unterstrich, daß eine Typologie der Irenik die Übergänge nicht übersehen dürfe (Müller), und schlug vor, angesichts der Rolle der Juristen statt von "politischer" von "juristischer" Irenik zu sprechen (zur Mühlen).

Ein kommunikationstheoretisches Verständnis von Irenik schlug Hans-Joachim Müller, Mainz, vor in seinem Vortrag "Irenik als Kommunikationsform. Das Colloquium Charitativum in Thorn 1645". Ausgangspunkt dieses Ansatzes war die Beobachtung, daß bei der Erforschung der Irenik der Blick bisher auf die Inhalte konzentriert gewesen, die Formebene hingegen vernachlässigt worden sei. Die Irenik des 17. Jh. wird als der Versuch verstanden, "die theologische Kommunikationsform der Disputatio derart einzurichten, daß dysfunktionaler Streit ausgeschlossen wird." Allerdings habe sich diese Kommunikationsform als ungeeignet erwiesen, die kontroverstheologischen Gegensätze zu überwinden. Anhand der interkonfessionellen Kommunikation um das Thorner Kolloquium zeigte Müller, daß sich die Beteiligten von der Disputatio als Kommunikationsform nicht lösen konnten; zur Durchsetzung von Toleranz habe es aber anderer Formen bedurft. Dr. Martin Gierl, Göttingen, verstand in seinem Korreferat Irenik als "Kernproblem des Kulturbildungsprozesses" und problematisierte die kommunikationshistorische Perspektive. Die Disputation habe es mit Wahrheit, Wahrheitsfindung und Wahrheitsgeltung zu tun gehabt und sei nicht als "Gezänk" mißzuverstehen. Bei der Irenik stelle sich u. a. die Frage, inwieweit der politische Kontext sowie bestimmte Negativerfahrungen ihre Entstehung bedingten. In der Diskussion wurde näher nach der Rezeption und Modifikation der mittelalterlichen Disputatio gefragt (zur Mühlen) und nach früheren Vorbildern für Thorn gesucht (Wriedt).

"Toleranz und Irenik im England der 1650er Jahre - Möglichkeiten und Grenzen" war das Thema von Sebastian Barteleit, Freiburg. Ausgehend von der Beobachtung, daß die Voraussetzungen im damaligen England für eine religiöse Toleranz und Einheit günstig gewesen seien, eine gesamtprotestantische Einheit dennoch nicht erreicht worden sei, versuchte Barteleit eine Antwort über eine Analyse religiöser und nationaler Identitäten und deren Wechselbeziehungen. Anhand der englischen Hilfsangebote an bedrängte protestantische Gruppen auf dem Festland sowie englischer Bekehrungspraktiken wurden der Zusammenhang von protestantischer Identität und nationaler Politik sowie das Selbstverständnis Englands als "auserwähltes Volk" herausgearbeitet. Insbesondere letzterer Anspruch und die damit verbundene Reklamierung einer innerprotestantischen Führungsrolle hätten sich für eine religiöse Einheit der europäischen Protestanten als hinderlich erwiesen. Prof. Dr. Gustav Adolf Benrath, Mainz, gab als Korreferent mit der Forderung, das englische "Erwählungsbewußtsein" noch einmal zu problematisieren, ein Stichwort, das die anschließende Diskussion bestimmte. Teils wurde von der calvinistischen Theologie her die Möglichkeit bezweifelt, daß das England Cromwells sich als "auserwähltes Volk" verstanden haben konnte (van Eijnatten), teils vor einer säkularisierten Deutung des Begriffs als "Nationalbewußtsein" gewarnt (Benrath), teils eine differenzierte Deutung gefordert (Asch).

Der politische Kontext kirchlicher Reunionsbemühungen, speziell die Rolle des Wiener Hofes und des Kaisers, stand im Vordergrund des Vortrags von Dr. Matthias Schnettger, Mainz: "Kirchenadvokatie und Reichseinigungspläne. Kaiser Leopold I. und die Reunionsbestrebungen Rojas y Spinolas". Leopolds I. Position im Zusammenhang mit Rojas’ Unionsbemühungen seien aus dem "Spannungsverhältnis zwischen persönlicher katholischer Frömmigkeit" und politischen Erfordernissen heraus zu verstehen. Vieles spreche dafür, daß des Kaisers ungleichmäßige Förderung der Unionspläne des Rojas von den jeweiligen politischen Konjunkturen (Konflikt mit Frankreich; Türkenbedrohung u.a.) abhängig gewesen sei. Was die Art der angestrebten Union betrifft, so sei es Leopold stets um eine Rückführung der Protestanten in die katholische Kirche gegangen. Vielfältige Widerstände am Hof und in der Kurie, von Fürsten und Theologen hätten die Union letztlich scheitern lassen. Korreferent Prof. Dr. Ronald G. Asch, Osnabrück, sah das herkömmliche Bild von der Zeit nach dem Westfälischen Frieden von Schnettgers Ausführungen z. T. korrigiert. Von 1648 her sei nicht einfach der Beginn der Säkularisierung zu datieren; vielmehr verstehe sich das Reich in der zweiten Hälfte des 17. Jh. noch als sakrale Ordnung. In Rojas’ Bemühungen sah Asch einen weiteren Typus von Irenik neben den von Posthumus Meyjes oben vorgestellten. Es wurde auf die Undurchsichtigkeit von Leopolds Zielen und der Rolle der Kurie hingewiesen (Aretin) sowie nach der Tradition der kaiserlichen Kirchenadvokatie gefragt (Benrath).

Dr. Susanne Edel, Frankfurt, beleuchtete in ihrem Vortrag "Leibniz als Philosoph der Kirchenunion. Das Mysterium des Abendmahls im Licht der natürlichen Theologie (Metaphysik)" die philosophischen Hintergründe der Unionskonzeption des Universalgelehrten und Diplomaten. Ausgehend von der Forderung, daß die kirchlichen Lehren mit der Vernunft vereinbar sein müßten, habe Leibniz im Zuge der Entfaltung seiner Metaphysik, speziell der Substanzenlehre, in immer neuen Anläufen den Nachweis der Kompatibilität der konfessionsspezifischen Abendmahlslehren, in der er die Hauptkontroverse zwischen den Kirchen gesehen habe, zu erbringen versucht. Nicht in der Theorie, sondern in der - zweitrangigen - religiösen Praxis bestehe Leibniz zufolge die konfessionelle Diskrepanz. Zustimmend unterstrich Dr. Hartmut Rudolph, Potsdam, in seinem Korreferat die Bedeutung der Metaphysik für Leibnizens Ökumenik und hob zugleich die Distanz des Lutheraners Leibniz zu Luther und dessen Kirchenbegriff hervor. In der Diskussion wurde gefragt, ob sich in Leibnizens Denken Krisenerfahrungen niederschlügen (May), sowie Herkunft und eventueller Wandel des Toleranzbegriffs des Philosophen problematisiert (van Eijnatten).

Zur ‘Halbzeit’ des Kolloqiums fand ein öffentlicher Gastvortrag statt. Prof. Dr. Peter Neuner, München, sprach über "Das aktuelle ökumenische Gespräch in historischer Perspektive". Nach einer geschichtlichen Einführung erörterte Neuner die Probleme gegenwärtiger Ökumene und zeigte die Notwendigkeit historischer Arbeit auf. Nach dem Vortrag wurden die in der heutigen Ökumene vertretene These vom Paradigmenwechsel sowie das Problem einer geschichtlichen Hermeneutik lebhaft diskutiert.

"Das Testament des Molanus" war das Thema von Prof. Dr. Jean Meyer, Paris. Molans 1719/20 verfaßtes Testament sei nie kommentiert worden, obwohl es nicht unbekannt sei. Das Dokument sei zum einen ein Plädoyer pro domo, das auf Kritik antworte, zum anderen in vielen inhaltlichen Punkten - möglicherweise ohne Molans Absicht - von einer auffälligen Doppelbödigkeit gekennzeichnet. Bestimmte Aussagen des Testaments bewiesen übrigens, daß es im Zusammenhang der Wiedervereinigungspläne Dokumente gab, die uns heute unbekannt seien. Vieles bleibe in der Frage der kirchlichen Union unklar. Prof. Dr. Karl Otmar Freiherr von Aretin, München, hob in seinem Korreferat hervor, daß Molan die Gründe des Scheiterns der Unionsbemühungen (Papstfrage, Geltung von Trient u. a.) übergehe. Habe Molan ferner auf katholischer Seite nicht unrealistische Hoffnungen geweckt? In der Diskussion wurden die Aussichtslosigkeit der Unionsbemühungen Molans und die Gleichgültigkeit Roms gegenüber einer kirchlichen Einheit, sofern sie etwas anderes als eine Rückführung der Protestanten in die römische Kirche sein sollte, betont (Meyer, Aretin). Ferner wurde angefragt, ob das Testament nicht doch für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen sei, was seinen Inhalt in einem anderen Licht erscheinen ließe (Müller).

Um eine nähere Bestimmung der "Bedeutung des biographischen Umfeldes für Zinzendorfs Dresdener Unionspläne" auch anhand bisher unbekannter Quellen ging es Thilo Daniel, Dresden. Inwiefern sind Zinzendorfs Berührungen mit philadelphischem Gedankengut und mit den von Böhme beeinflußten "Gichtelianern" in der Zeit vor der Gründung der Herrnhuter Gemeine für die Entstehung der vier, zwischen 1717 und 1722 entstandenen "Unionsschriften" des Grafen sowie für dessen abrupte Abwendung von den Unionsplänen verantwortlich? Es zeige sich, daß beides, die Unionspläne wie die Abkehr davon und die Hinwendung zur Gründung Herrnhuts, aus dem Kontakt mit dem philadelphischen, kirchenkritischen und separatistischen Umfeld zu erklären sei. Korreferent Dr. Matthias J. Fritsch, Regensburg, fragte nach der Beeinflussung des Juristen Zinzendorf durch Kirchenrechtslehren bei der Entwicklung der Unionspläne. Auch seien neben den Gichtelianern weitere heterodoxe Gruppen als Einflußfaktoren in Erwägung zu ziehen. Anschließend wurde auf die für die Unionspläne problematische Situation im Jahr 1722 und deren mögliche Bedeutung für Zinzendorfs Umschwung hingewiesen (Schäufele). Ferner fragte man nach dem theologisch-frömmigkeitlichen Proprium der Gichtelianer; erst nach dessen Präzisierung lasse sich der materiale Einfluß auf Zinzendorfs Denken bestimmen (Wriedt).

Über ihre territorialgeschichtlichen Beobachtungen zur praktischen Toleranz referierte Marie M. Baxter, Würzburg. Es ging um "Das Ringen um die Wertheimer Bibelübersetzung (1735) als Frage der Toleranz unter besonderer Berücksichtigung der Wertheimer religio mixta". Ohne theoretische Reflexion der Toleranzidee sei im Zuge der mehrfachen Konfessionswechsel und der konfessionellen Aufsplitterung der Grafenlinien in dem gemischtkonfessionellen Wertheim vom 16. bis zum 18. Jh. v. a. im Bereich des Schul- und Bildungswesens eine vielfältige Toleranzpraxis geübt worden. Eine Überlagerung konfessioneller und nichtkonfessioneller Motive spiegele sich im Ringen um das Übersetzungsprojekt. Korreferent Dr. Volker Wappmann, Vohenstrauß, suchte nach Parallelen für Wertheim in dem Gebiet des Deutschen Reiches, pointierte die spezifische Situation in der Grafschaft und plädierte für eine Differenzierung zwischen einer toleranten Bevölkerung und einem intoleranten Herrscher. Die Suche nach Parallelen für Wertheim wurde anschließend fortgesetzt (Aretin). Man fragte, worin das Brisante und das geistige Profil der Übersetzung bestanden habe (Dingel, Rudolph).

"Erzbischof William Wake von Canterbury (1657-1737) und die Einigung der europäischen Christenheit" war das Thema von Dr. Wolf-Friedrich Schäufele, Köln. Unter den Zeitgenossen als Hoffnungsträger der christlichen Einigung angesehen, habe sich Wake - mehr Kirchenpolitiker als Theologe - unter für eine innerprotestantische Einigung günstigen politischen Voraussetzungen für eine Union im Sinne einer Sakraments- und Gottesdienstgemeinschaft eingesetzt. An der Anglikanischen Kirche als Ideal orientiert, habe er jedoch ernüchtert das Desinteresse der Festlandprotestanten an einer Wiederherstellung des für ihn so wichtigen bischöflichen Amtes in apostolischer Sukzession feststellen müssen. Auch Unionskontakte mit einem engen Kreis katholischer Gelehrter an der Sorbonne verliefen sich. Das Verhältnis von Kirchenpolitiker und Theologe im spezifisch anglikanischen Sinne hinterfragte Korreferent Prof. Dr. Karl-Heinz zur Mühlen, Bonn. Habe Wake die theologisch-philosophischen Voraussetzungen auf dem Kontinent nicht falsch eingeschätzt! Man stellte fest, daß Wake auch in seiner eigenen Kirche umstritten war (van Eijnatten). Letztlich habe er nur eine europaweite kirchliche Angleichung an seine anglikanische Tradition angestrebt (Barteleit).

Den letzten Kolloquiumstag eröffnete Prof. Dr. Rudolf Dellsperger, Bern, mit dem Vortrag "Der Beitrag der ‘vernünftigen Orthodoxie’ zur innerprotestantischen Ökumene. Jean-Alphonse Turretini (1671-1737), Jean Frédéric Ostervald (1663-1747) und Samuel Werenfels (1657-1740) als Unionstheologen. Vor dem Hintergrund der Rolle der Eidgenossenschaft in Europa, des geistigen Kontextes und der Situation des Christentums arbeitete Dellsperger das Profil der Schweizer Triga heraus, die weitgehend ein Spiegelbild ihrer Zeit sei, ohne Tiefenwirkung geblieben sei und dennoch das Verdienst habe, die Schweiz aus der Isolation der helvetischen Konsensusformel herausgeführt zu haben. Korreferent Prof. Dr. Gerhard May, Mainz, fragte nach der Bedeutung der Zugehörigkeit zur elitären gesellschaftlichen Schicht für die Beteiligung an Unionsbemühungen und problematisierte den Terminus "Übergangstheologie". In der Diskussion suchte man nach der Tradition, in der die Unionstheologie der Schweizer Triga stehe, (Benrath, Albrecht) und hinterfragte die Stellung der Unionstheologie im Gesamtwerk des "Triumvirats" (Schäufele).

Das Abschlußreferat hielt Dr. Joris van Eijnatten, Almere, über "The debate on religious unity in the Netherlands: the german connection". Vier Konzeptionen von "religious unity" - ein von van Eijnatten bewußt gewählter Begriff, der die sozialen und politischen Komponenten der Einigungsbestrebungen berücksichtige - seien im 18. Jh. in den Niederlanden unter deutschem Einfluß vertreten worden: 1. eine von Zinzendorf beeinflußte antikonfessionelle Konzeption, 2. eine konfessionelle, 3. eine antiklerikale, subversive und 4. ein national-religöses Einheitsmodell. Prof. Dr. Heinz Duchhardt, Mainz, hob in seinem Korreferat die Notwendigkeit hervor, neben dem Verhalten der politischen Elite und der von ihr eingesetzten Mittel das Rezeptionsverhalten hinsichtlich von Toleranz- und Einigungsideen unterhalb der Elitenebene zu berücksichtigen In der Diskussion wollte man die Rolle des Katholizismus in den Niederlanden (Barteleit) sowie den integralen Rahmen der Typen religiöser Einheit näher bestimmt haben (zur Mühlen).

In der Schlußdiskussion des Kolloquiums spiegelte sich wie bereits in den Referaten die Aspektevielfalt der von dem Forschungsprojekt bearbeiteten Thematik.

Als diskussionswürdige Themen schlug Duchhardt Definitionsprobleme, eine vergleichende Betrachtung der Einigungsversuche, die Gründe ihres Scheiterns, die Interdependenz von politischen und religiösen Faktoren und die Rolle der Theologen vor.

Aretin sprach die merkwürdig unrealistische Vorstellung der damaligen Protestanten vom Papsttum als einer stabilen Größe und das Fehlen eines Bewußtseins von der faktischen Schwäche Roms an. Zur Mühlen merkte hingegen an, daß die Protestanten die Disparatheit des Katholizismus durchaus gesehen hätten und verwies auf Zinzendorfs Kontakte zu den Jansenisten. Duchhardt hielt die Beachtung der politischen Rahmenbedingungen der Unionsprojekte für aufschlußreich. Leibnizens Bemühungen, unterstrich Rudolph, seien allerdings nicht politisch motiviert gewesen. Ferner sah er einen Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Typen des Kirchenverständnisses und den verschiedenen Typen von Unionsprojekten. Den Begriff "politisch" weiter zu fassen, regte van Eijnatten an. May brachte die Streitbarkeit der damaligen Theologen mit deren Wahrheitsbegriff in Verbindung: Wahrheit ist in Sätzen aussagbar. Daß die Unionsbemühungen auf die Eliteebene beschränkt blieben, hob Müller hervor. Was den Verlauf der Einigungsbemühungen betrifft, verwies Dingel auf die sich wandelnden Wertigkeiten der Begriffe "Toleranz" und "Union". Benrath sah drei "Wellen" der Bemühungen (1590-1618; 1660-1680; um 1720). Schnettger differenzierte zwischen "Erfolg" und "Folgen" der Unionsprojekte: Mißerfolg bedeute nicht Folgenlosigkeit. In diesem Sinn verwies Benrath auf die im 19. Jh. schließlich vollzogenen protestantischen Unionen.

Harry Mathias Albrecht


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