AHF-Information Nr. 51 vom 22.06.1999
Im Rahmen der Vorbereitungen zur Landesausstellung "Otto der Große, Magdeburg und Europa" (27. Aug. bis 2. Dez. 2001) veranstaltete das Kulturhistorische Museum Magdeburg (Dr. Matthias Puhle) eine interdisziplinäre Tagung zum Thema "Ottonische Neuanfänge". Unter der wissenschaftlichen Leitung von Bernd Schneidmüller (Bamberg) und Stefan Weinfurter (München) sollte aus historischer und kunsthistorischer Perspektive geklärt werden, in welchem Maße, in welcher Hinsicht und zu welchen Zeiten sich in ottonischer Zeit die in der neueren Forschung vielfach betonten karolingischen Traditionen und Kontinuitäten zu etwas grundlegend Neuem wandelten.
In seinem Vortrag über "Die europäischen Wurzeln der neuen Kunst in Sachsen" zeigte Hermann Fillitz (Wien) auf, daß zur Zeit Ottos I. weder in Deutschland noch in England oder Frankreich neue Prunkhandschriften entstanden, obwohl in St. Gallen, Fulda und Reichenau karolingische Vorlagen kopiert wurden, ein Interesse an der Anfertigung repräsentativer Handschriften also weiterhin bestand. Im Bereich der Buchmalerei, der Elfenbeinschnitzerei und den anderen Bereichen der Kunst wird erst unter Otto III. und Heinrich II. ein Neuanfang deutlich, der (wohl stärker als bislang angenommen) von Oberitalien ausging und geprägt wurde. Mit Verweis auf die velierten Hände der Engel, die die Aufnahme der Seele eines Verstorbenen in den Himmel andeuten und in anderem Kontext nicht vorkommen, erklärte Fillitz das gelegentlich als Darstellung Ottos I. gedeutete Elfenbeinrelief "OTTO IMPERATOR" mit Kaiser, Kaiserin und Sohn zu Füßen des thronenden Christus als eine Darstellung Ottos II. mit Theophanu und Otto III., entstanden als Votivgabe unmittelbar nach dem Tod Ottos II., der durch die Berührung Christi als bereits der himmlischen Sphäre zugehörig gekennzeichnet ist.
In seinem öffentlichen Abendvortrag "Der Platz Ottos des Großen in der Geschichte" umriß Rudolf Schieffer (München) die Bedeutung Ottos I. in sächsischer, fränkischer, europäischer, deutscher und Magdeburger Perspektive. Die lange Herrschaft Ottos I. prägte nachhaltig die Ausbildung einer neuen Ordnung, die nicht auf die in der älteren Forschung einseitig hervorgehobene "Entstehung des deutschen Reiches" reduziert werden kann: Widukind von Corvey erschien die Herrschaft Ottos I. als Höhepunkt und Vollendung der sächsischen Geschichte; sein Königtum setzte die Tradition des Frankenreiches fort; nach dem Erwerb Italiens und seinem Sieg über die Ungarn wurde sein Kaisertum zum "Leitstern der lateinisch-christlichen Ordnung" in ganz Europa. Während seiner Herrschaft wurden allerdings auch die Grundlagen gelegt, die den weiteren Verlauf der beginnenden deutschen Geschichte entscheidend bestimmten (Unteilbarkeit des Reiches als Voraussetzung, die feste Verbindung des römischen Kaisertums mit dem ostfränkisch-deutschen Königtum als hemmender Faktor der deutschen Ethnogenese, ferner die Integration der Elbslawen in das entstehende deutsche Volk). Schließlich bestimmten die Privilegierung durch Otto I., die an seinem Grab gepflegte Memoria und vor allem die Gründung des Erzbistums entscheidend die weitere Entwicklung Magdeburgs.
Joachim Ehlers (Berlin) analysierte "Raumbewußtsein und Raumerfahrung in einer neuen Zentrallandschaft des Reiches" anhand der Ortsbezeichnungen bei Widukind von Corvey im Vergleich zum Continuator Reginonis, Thietmar von Merseburg sowie den Urkunden Heinrichs I. und Ottos I. Die Auswertung der qualifizierenden Begriffe (v.a. civitas, urbs und locus) ergab, daß die Binnenstruktur Sachsens, definiert durch Bistümer, Grafschaften, Klöster, Stifte und Pfalzen, sich in der Sprache Widukinds nicht eindeutig spiegelt und im westeuropäischen Raum feststellbare Bedeutungsdifferenzierungen keinen Eingang in seinen Wortschatz gefunden hatten.
Klaus Naß (Braunschweig/München) verglich in seinem Vortrag "Herrscher und Reliquien. Zu den Translationen nach Magdeburg und Sachsen in ottonischer Zeit" die Reliquientranslationen des 9. und des 10. Jahrhunderts nach Zahl, Herkunfts- und Zielgebiet sowie Beteiligung des Königtums. Für das 9. (10.) Jahrhundert konnte er etwa 20 (40) Translationen mit durchschnittlich 2 (3) Heiligen nachweisen, die überwiegend aus Westfranken (Italien) in das westliche (östliche) Sachsen führten und zeitlich gleichmäßig (ungleichmäßig mit Höhepunkt in den Jahren 962-972) verteilt sind. Neben der deutlich erkennbaren quantitativen und qualitativen Steigerung konstatierte er vor allem die stärkere Konzentration auf den König, der nun vermehrt selbst Translationen veranlaßte und auch seine Vertrauten dazu bewegte (Gefolgetranslationen). Die ab 960 stark zunehmenden Translationen nach Magdeburg dienten wohl nicht nur der adäquaten Ausstattung des Edgithgrabes, sondern bereiteten die Gründung eines Erzbistums vor, das in die Lage versetzt werden sollte, seine Suffraganbistümer aus einem eigenen Reliquienschatz auszustatten. In der Diskussion wurde u.a. die Frage erörtert, warum die Versorgung der sächsischen Kirchen mit Reliquien ausschließlich durch Translationen sichergestellt wurde, dagegen keine Ansätze für eine Erhebung sächsischer Heiliger erkennbar sind.
Gerd Althoff (Münster) sprach über die "Geschichtsschreibung in einer oralen Gesellschaft Das Beispiel des 10. Jahrhunderts". Ausgehend von Widukind von Corvey erörterte er die "Formung" und "Verformung" der Erinnerung durch die Kontrolle der Betroffenen und ihrer Verwandten, die meist die ersten Rezipienten der Texte waren. Gegen die verbreitete Deutung ottonischer Historiographie als "episodenhaft" wandte er ein, daß ein moderner Leser leicht den argumentativen Charakter mittelalterlicher Historiographie verkennt, da er die von den Zeitgenossen beim Lesen vorgenommenen kausalen Verknüpfungen nicht mehr ohne weiteres leisten kann. Aus diesem Grund unterschätze er, daß sich hinter mancher Andekdote ein brisantes Problem verbirgt, das nur einem sehr engen Kreis bekannt war. Dieses ist zwar nicht mehr in jedem Falle rekonstruierbar, wohl aber die Bedingungen, die die "Verformung" des Geschichtsbildes bestimmten. In der Diskussion betonte Johannes Fried die Notwendigkeit, zwischen Erinnerung als Prozeß und ihrer punktuellen Aktualisierung zu differenzieren.
Christian Lübke (Greifswald) beschrieb unter dem Titel "Die Erweiterung des östlichen Horizonts. Der Eintritt der Slawen in die europäische Geschichte" die Integration der zuvor kleinteilig und akephal organisierten slawischen Bevölkerung im Raum zwischen Frankenreich und Byzanz zu geschlossenen Herrschaftsverbänden (Ländern), beherrscht von einer unumstrittenen Fürstendynastie und ausgestattet mit eigenständiger landeskirchlicher Organisation. Da sich die Einheit der entstehenden Länder nicht sprachlich-national, sondern herrscherbezogen entwickelte, gingen die Slawen zwischen Elbe und Oder, am Obermain und in Bayern in ihrer jeweiligen patria Bayern, Franken oder Brandenburg auf, als deren Teil man sie selbstverständlich empfand, während Böhmen zu einem dem Reich verbundenen Herzogtum, Polen, Kiewer Rus und ganz ähnlich auch Ungarn dagegen zu eigenständigen Reichen wurden.
Joachim Ott (Frankfurt/Main) gab zunächst einen Überblick über "Kronen und Krönungen in frühottonischer Zeit", die Salbung und die quellenkritischen Probleme. Die Argumente, die zur Datierung der sogenannten Reichskrone angeführt werden, gliederte er in fünf in der Vergangenheit immer wieder untersuchte Hauptaspekte: a) die Zeichenhaftigkeit, b) die schriftlichen Erwähnungen und c) bildliche Darstellungen der Krone, ferner d) die Ikonographie der Emailtäfelchen und e) der archäologische Befund. Da Untersuchungen zu den ersten vier Punkten zu keinem befriedigenden Ergebnis führen, könnte allein eine neuerliche Untersuchung und Einordnung von Bügel, Stirnkreuz, Krone und Emails eine genauere Eingrenzung der Datierung erbringen.
Ernst-Dieter Hehl (Mainz) stellte das Verhältnis Ottos I. zu Rom und dem Papst in den Mittelpunkt seines Vortrages "Kaisertum, Rom und Papstbezug im Zeitalter Ottos I.". Er machte deutlich, daß das Königtum Ottos I. von Anfang an auf Rom ausgerichtet war, zunächst vermittelt durch Erzbischof Friedrich von Mainz, der 934 mit königlicher Förderung als erster Sachse Erzbischof von Mainz wurde und bald darauf das päpstliche Vikariat für Deutschland erhielt. Erst als dieser gegen die Errichtung des Erzbistums Magdeburg opponierte, suchte Otto I. den direkten Kontakt zum Papst und schließlich die Kaiserkrönung, die das päpstliche Vikariat für Mainz obsolet machte. Der Gedanke eines "romfreien", nicht auf das Papsttum bezogenen Kaisertums hatte in dieser Entwicklung keinen Platz; vielmehr wurde der christus-domini-Gedanke auf den Kaiser übertragen und so das ursprünglich pagane Kaisertum herrschaftstheologisch an das biblisch begründete Königtum angeglichen. Die Konfliktlinien der Auseinandersetzung um die Gründung Magdeburgs verbanden dabei Kaiser und Papst, die gemeinsam den Widerstand der betroffenen Bischöfe (insb. von Mainz) zu überspielen versuchten.
Unter dem Titel "Byzanz als Mythos und Erfahrung im Zeitalter Ottos I." analysierte Johannes Koder (Wien) die Wandlungen des Byzanzbildes bei Liutprand von Cremona. Das negative Byzanzbild Liutprands erwuchs aus dem Unverständnis für die Teilhabe des byzantinischen Kaisers an allen Teilen der sakralen Sphäre, was aus der Sicht Liutprands die Unterworfenheit der byzantinischen Kirche unter den Kaiser bedeutete, sowie für den byzantinischen Weltherrschaftsanspruch, dem Liutprand die ethnische Reduktion des römischen Reichsgedankens durch die Bezeichnung Graeci entgegenstellt (wahrscheinlich in Reaktion auf die Position des Nikephoros Phokas, der den von seinen Vorgängern entwickelten Gedanken einer "begrenzten Ökumenizität" mit Verzicht auf alle Gebiete westlich der Adria ablehnte und wieder den ursprünglichen Weltherrschaftsanspruch erhob, was Liutprand als hinterlistig erscheinen mußte). Die Gleichrangigkeit des byzantinischen Kaisertums war jedoch im 10. Jahrhundert im Grundsatz unbestritten. Als biblische Sprache genoß das Griechische im Westen, als römische Sprache das Lateinische im Osten hohes Ansehen, wenngleich sich die Kenntnisse der jeweils anderen Sprache auf zumeist wenige Gebildete beschränkten.
Hiltrud Westermann-Angerhausen (Köln) referierte über "Bausteine einer neuen Tradition: Spolie und Zitat in der ottonischen Goldschmiedekunst" und stellte die Gemmen in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Drei Fragen wurden an verschiedene Werkstücke gestellt: (1) Wurde die Spolie mit gezielter Intention gebraucht? (2) Geschah dies im Wissen um die alte Bedeutung? (3) Verfolgte man das Ziel einer Neuinterpretation? In vielen Fällen gibt es Indizien, daß dies so war; stets ist jedoch damit zu rechnen, daß Spolien auch aufgrund ihres Wertes lediglich schmückend verwendet wurden.
Hagen Keller (Münster) betrachtete in seinem Vortrag "Das neue Bild des Kaisers. Zum Wandel der Herrschaftsrepräsentation unter Otto dem Großen" den Wandel des Siegelbilds 962 vom Profilbrustbild des wachsamen bartlosen Königs in Waffen, wie es seit Ludwig dem Kind üblich gewesen war, zum Brustbild des bärtigen Kaisers, der mit Insignien statt Waffen ähnlich wie in Christus- oder Heiligendarstellungen den Betrachter frontal anblickt. In der Diskussion wurde u.a. betont, daß sich das Siegelbild trotz seiner geringen Größe als Repräsentationsform besonders eignete, da Urkundenanfertigung und -übergabe ein zeremonieller Akt waren und die Urkunden auch in der Folge bei vielen Gelegenheiten vorgezeigt wurden. Besonders herausgestellt wurde, daß der Wechsel des Siegelbildes Ottos I. Teil eines allgemeinen Wandels des repräsentativen Stils war, da gleichzeitig die Bezeichnungen sanctissimus/beatissimus für den Papst auftauchen, die dei-gratia-Formel in Herzogsurkunden erscheint und der Wechsel zum Frontalbild im Königssiegel wenig später auch in Westfranken übernommen wird. Aus kunsthistorischer Sicht wurde betont, daß der Übergang vom Stein- zum leichter und differenzierter herzustellenden Metallsiegel am Ende des 10. Jahrhunderts den Wandel des Siegelbildes entscheidend begünstigte.
Einer grundsätzlichen Revision im europäischen Vergleich unterzog Timothy Reuter das von der (west)deutschen Forschung entworfene Bild des ottonischen Reiches in seinem Vortrag "Herrscher, Adlige, Andere: Überbau und Basis in ottonischer Zeit". Dieses unterscheidet sich grundlegend von den Modellen, die die romanische und die angelsächsische Forschung für ihre Länder entwickelte (Auflösung der karolingischen öffentlichen Ordnung durch Kastellanisierung und Entstehung der seigneurie banale in Frankreich, Restrukturierung und Intensivierung der königlichen Herrschaft nach karolingischem Vorbild in England). Es stellt sich die Frage, ob in der "extensiven Gesellschaft" des ostfränkisch-deutschen Reiches die sozialen Spannungen durch das reichlich vorhandene Ackerland und zusätzliche Einkommensquellen (Raubkrieg, Silberbergbau, Sklavenhandel) gedämpft wurden oder aber die westdeutsche Forschung (in Abgrenzung zur marxistisch orientierten Geschichtswissenschaft in der DDR) Anzeichen für soziale Konflikte zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat.
In seinem Vortrag "Mathilde, Edith, Adelheid. Ottonische Königinnen als Fürsprecherinnnen bei Hofe" analysierte Knut Görich (Tübingen) die Interventionen der drei frühen ottonischen Königinnen. Im Gegensatz zur klar erkennbaren politischen Bedeutung der Eheschließungen Heinrichs I. und Ottos I. bleibt die herrschaftliche Rolle ihrer Gemahlinnen in der Überlieferung erstaunlich undeutlich. Auch die Interventionen der Königinnen erlauben nur bedingt Rückschlüsse: "Private" und "politische" Interventionen sind kaum gegeneinander abgrenzbar. Ob die Königin als Intervenientin erscheint, hängt stark von der Art der Urkunde, aber offensichtlich auch von anderen, nicht mehr rekonstruierbaren Faktoren ab, so daß aus dem Fehlen einer Intervention weder auf Abwesenheit noch auf fehlenden Einfluß geschlossen werden kann. Inwieweit die Königin auf Erwartungen reagierte oder auch selbst durch gezielte Förderung einzelner Bittsteller initiativ wurde, ist in der Regel nicht entscheidbar. Die Königinnen intervenierten vor allem für Verwandte, Freunde und von diesen protegierte Bittsteller, zumeist solche, die auch ohne ihre Fürsprache Urkunden erhielten. Ohne eine fixierte "staatsrechtliche" Rolle, jedoch sanktioniert durch das biblische, in den Ordines deutlich präsente Vorbild der Esther, hatte die Königin im institutionell wenig durchdrungenen ottonischen Reich das Privileg ständigen unmittelbaren Zugangs zum Herrscher, den sie auch ihren Verwandten eröffnete. Vor allem in dieser vermittelnden Rolle (deutlich erkennbar z.B. im Verhältnis Adelheids zu Venedig) lag ihre integrative Leistung.
Hubertus Seibert (München) unterzog in seinem Vortrag "Eines großen Vaters glückloser Sohn? Die neue Politik Ottos II." das von seiner Niederlage gegen die Sarazenen 982 und der Krise des Reiches nach seinem frühen Tod geprägte negative Bild Ottos II. in der Historiographie einer Revision. Er stellte heraus, daß Otto II. in dreifacher Weise über die von seinem Vater gelegten Grundlagen hinausging: (1) 974-978 zielte die Neuordnung im Süden des Reiches auf den Ausschluß der bayerischen Liudolfinger von der Teilhabe am Reich (Haft Heinrichs des Zänkers, geistliche Ausbildung seines Sohnes, Abtrennung Bayerns von der Italienpolitik durch Abspaltung Kärntens; erkennbar auch in der Mathildenvita, die die Ansprüche Heinrichs des Zänkers verschweigt und die Unterordnung Bayerns betont). (2) 980-983 richtete sich seine Politik auf die Durchsetzung der kaiserlichen Rechte in Italien, insbesondere gegenüber Venedig und gegenüber Byzanz in Unteritalien (Einbindung der süditalienischen Kirche in die Reichskirche, Anerkennung durch langobardische Fürsten, Annahme des Titels imperator Romanorum; demgegenüber erscheint die erfolglose Sarazenenpolitik zweitrangig). (3) Auffällig ist im Vergleich zu Otto I. ferner die intensivierte Bedeutung des Mönchtums (Förderung v.a. der lothringischen Reform, aber auch des griechischen Mönchtums Unteritaliens und Clunys, dessen Abt 974 Papst werden sollte).
Dethard von Winterfeld (Mainz) befaßte sich unter der Frage "Ottonisch oder vorromanisch?" mit der "Baukunst im Zeitalter der Ottonen" vor allem anhand der im aufgehenden Mauerwerk erhaltenen Bauten. Er wies darauf hin, daß die Beispiele, an denen die Stilmerkmale der ottonischen Baukunst entwickelt wurden, fast ausschließlich aus dem früheren 11. Jahrhundert stammen. Soweit die spärlichen Reste von Bauten des 10. Jahrhunderts dies erkennen lassen, standen die frühen Ottonen deutlich in karolingischer Tradition. Eine erkennbare Wende (auch in der Dimension der Bauten) zeichnet sich erst um 1000 ab. Im Anschluß führte Ernst Schubert (Halle) die Teilnehmer der Tagung im Magdeburger Dom in die Bau- und Ausstattungsgeschichte der Kathedrale ein.
In seinem Vortrag "OTTO REX / OTTO IMP. Tradition und Neuaufbau im Münzwesen des ottonischen Reiches" unternahm Bernd Kluge (Berlin) den Versuch einer Bestandsaufnahme der ottonischen Münzprägung. Die räumliche Verteilung der Münzstätten läßt erkennen, daß Bayern von der ottonischen Münzprägung ausgenommen blieb, die Münzstätten sich vor allem in Niederlothringen konzentrierten und in Sachsen unter den Ottonen erstmals überhaupt Münzen geprägt wurden. Auffällig ist, daß sich die Münzprivilegien nicht mit dem numismatischen Befund decken, da zahlreiche Privilegien für Bischöfe, aber kaum Bischofsprägungen erhalten sind. In erheblichem Maße ist daher von "verkappten Bischofsprägungen" (kaiserliches/königliches Münzbild, aber Prägung und Vereinnahmung des Münzgewinns durch den Bischof) auszugehen. Ein Sonderproblem bilden die sog. "Sachsenpfennige" (die häufigste Münze in slawischen Schatzfunden) und die "Otto-Adelheid-Pfennige" (die häufigste Münze in skandinavischen Schatzfunden). Die übliche Zuweisung der bis auf den Namen OTTO schriftlosen "Sachsenpfennige" an sächsische Münzstätten läßt sich nicht belegen. Ebenso ist die Interpretation der Umschrift der Otto-Adelheid-Pfennige als Verweis auf die Regentschaft der Adelheid nach dem Tod Theophanus (und die daraus abgeleitete Datierung) rein hypothetisch: Denkbar wäre auch eine Datierung in die Zeit nach der Eheschließung Ottos I. und Adelheids oder sogar eine Interpretation, die den zweiten, meist stark abgekürzten Bestandteil der Umschrift überhaupt nicht als eine Form des Namens "Adelheid" begreift; die Möglichkeit, hierin den Namen einer Münzstätte zu sehen, scheidet allerdings wegen der großen Vielfalt der Prägungen aus. Ungeklärt ist außerdem, weshalb die Otto-Adelheid-Pfennige vor allem in skandinavischen, die Sachsenpfennige dagegen vor allem in slawischen Schatzfunden vorkommen.
Cord Meckseper (Hannover) wandelte sein angekündigtes Vortragsthema "Die bauliche Anlage der Pfalz Ottos I. in Magdeburg. Aachenbezug und Neuerung" zugunsten neuster Erkenntnisse bei der Auswertung der Grabungsfunde ab. Diese trug er zusammen mit Babette Ludowici (Quedlinburg) vor, die mit dieser Auswertung betraut ist. Der bereits vor mehr als dreißig Jahren ergrabene Profanbau wurde bisher als aula regia Ottos I. interpretiert. Allerdings entstammen die Fundament- und Mauerreste zwei deutlich von einander zu trennenden Bauphasen, deren Datierung absolut wie relativ - derzeit noch nicht möglich ist. Es könnte sich entweder um ein grundlegend verändertes Gebäude oder um zwei einander ablösende handeln. Da sich für den Grundriß kaum profane Vorbilder finden lassen, ist grundsätzlich auch ein Kirchenbau denkbar; einige historiographische Nachrichten könnten diese Interpretation stützen. Allerdings hält Meckseper nach wie vor einen als Pfalzanlage anzusprechenden Profanbau für wahrscheinlicher.
Hatte am Beginn der Tagung die Einführung von Stefan Weinfurter ("Neuanfänge" und Perspektiven) Problemkomplexe und Leitfragen für den Verlauf der Tagung entwickelt, führte Bernd Schneidmüller die Erträge der Referate und Diskussionen in seinem Schlußvortrag "Am Ende der Anfänge Schlußgedanken über Neuanfänge" zusammen. In der abschließenden Diskussion wurde besonders auf den interdisziplinären Ansatz der Tagung hingewiesen. Joachim Ehlers lenkte den Blick auf die ottonischen Neuanfänge in karolingischer Tradition und fragte, ob diese Neuanfänge nicht vielfach eine Notlösung waren. Dagegen betonte Hagen Keller, daß die Neuanfänge vielleicht erst aus diesen Notlösungen entstanden, und Thomas Zotz gab zu bedenken, daß der Versuch der Karolinger, Herrschaft über Schriftlichkeit auszuüben, nicht ohne Schwierigkeiten geblieben sei, so daß der Rückgang der Schriftlichkeit in ottonischer Zeit nicht notwendig einen Rückschritt bedeutete. Stefan Weinfurter hob hervor, daß während der "Blütezeit der 960er Jahre" die ottonischen Herrscher nicht im Reich nördlich der Alpen präsent waren, die Impulse also so stark gewesen sein müssen, daß die entscheidenden Personenkreise erfaßt wurden, die die begonnene Entwicklung weitertrugen. Ulrich Kuder fügte an, daß man zur kunsthistorischen Klärung des Wandels noch einmal gezielt das untersuchen müßte, was im Bereich der (Bau-)Kunst bereits zur Zeit Ottos I. vorhanden war (v.a. Ergrabenes, Krypten, einige Wandmalereien und Metallarbeiten). Johannes Koder forderte eine stärkere Berücksichtigung der geographischen Orientierung in den europäischen Osten ein. Ernst-Dieter Hehl machte darauf aufmerksam, daß die Synoden als Versuche allgemeiner Ordnung zwar unter Heinrich I. und Otto I. aus der Karolingerzeit fortgeführt wurden, jedoch mit der Kaiserkrönung Ottos I. abbrachen. Eine baldige Publikation der Vorträge ist geplant.
Klaus van Eickels / Tania Brüsch (Bamberg)
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1999. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |