AHF-Information Nr. 48 vom 22.06.1999
Der Bayerische Landesverein für Heimatpflege und die Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns veranstalteten gemeinsam die Fachtagung "Historische Jubiläen. Planung-Organisation-Durchführung". Historische Jubiläen aller Art, sei es zum Beispiel ein Orts-, Vereins- oder Bahnhofsjubiläum, erfreuen sich größter Beliebtheit. Ziel der Tagung war, konkrete Anregungen und Hilfestellung bei der Planung, Organisation und Durchführung eines Jubiläums zu leisten und den gedanklichen Austausch zu fördern. So individuell jedes einzelne Jubiläum auch ist, so gibt es doch gewisse Grundmuster, die der Orientierung dienen können. Es wurden nach Intention, Art und Umfang verschiedene Einzelprojekte der letzten Jahre vorgestellt und anhand von Einzelaspekten wichtige Vorgehensweisen aufgezeigt.
Knapp 200 Teilnehmer, Historiker, Kommunalpolitiker, Kreisheimatpfleger, Archivpfleger und Projektleiter verschiedener Jubiläumsveranstaltungen waren der Einladung gefolgt. In seiner Begrüßung wies der Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, Hermann Rumschöttel, auf die Akualität der Fragestellung hin. Vor wenigen Wochen fand in Nürnberg die Tagung statt "Die Magie der runden Zahlen. Ereignisse-Gedenkjahre-Jubiläen in der Erlebnisgesellschaft" und der diesjährige Hessische Archivtag wird sich dem Thema "Jubiläen und Archive" zuwenden. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Krisen habe auch die Geschichte ihren Beitrag zu deren Bewältigung zu leisten. Auf der Suche nach Orientierung böten gerade historische Feste die Chance, den Menschen die Geschichte näher zu bringen und damit ein Stück Identität zu geben.
In seiner Einführung setzte sich der Geschäftsführer des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege, Hans Roth, der bereits seit über dreißig Jahren in der Heimatgeschichte tätig ist und um die Problematik der Jubiläen weiß, kritisch mit der noch nie dagewesenen Jubiläumseuphorie und ihrer Inflation von Festen auseinander. Dabei gehe es, wie er ausführte, mehr um handfeste ökonomische Interessen und Ziele sowie um den Selbstdarstellungswillen von Kommunalpolitikern als um den eigentlichen Anlaß. Geschichte müsse aber ernst genommen werden, sie dürfe nicht banalisiert werden. Jubiläen dürften nicht nur abgefeiert werden. Roth stellte die kritische Frage, warum bei Ortsjubiläen so viele Grußworte gesprochen werden und Auswärtige als Festredner geholt werden, "nur" um einen bedeutenden Namen vorweisen zu können. Roth wies auch auf "Problemfälle" hin, dazu gehöre, wenn eine Kommune an einem Sonntag ein Spital feiere, das am Montag abgerissen werde, oder wenn eine Gemeinde kein Jubiläum vorweisen könne und sich schließlich eines eingemeindeten Weilers erinnern müsse. Ein Problem bei vielen Jubiläen sei es, daß die jüngere Vergangenheit oft übergangen werde, wenn es auch vereinzelt löbliche Ausnahmen gibt. Die Vorteile eines Jubiläums für eine Gemeinde wurden von Roth ebenfalls aufgezeigt: die Sanierung von Straßen, der Kirche oder von Gebäuden. Geschieht das jedoch unter Zeitdruck, kann es vorkommen, daß historisch bedeutende Funde, auf die man bei dieser Gelegenheit stößt, schnell wieder zugedeckt werden. Unterschätzt werden dürfe nicht das gemeinschaftsbildende Element von Jubiläen. Sie fördern den Bürgersinn und den Gemeinschaftsgeist. Deshalb haben Jubiläen ihre Aufgabe verfehlt, wenn für die Planung, Organisation und Durchführung Auswärtige geholt werden, auch wenn es sich dabei um Profis handelt und die einheimische Bevölkerung zu Statisten degradiert wird. Roth rät von den sehr beliebten Festzügen ab, trotz ihrer Tradition, da sie sehr viel Arbeit und viel Geld kosten und oft am Wetter scheitern.
Bei der Vorstellung der praktischen Beispiele machte die Kunsthistorikerin der Stadt Freising, Ulrike Götz den Anfang. Sie berichtete über Planung, Organisation, Durchführung und Finanzierung des Jubiläums "1000 Jahre Marktrecht Freising", das 1996 begangen wurde. Stand bisher bei Jubiläumsfeierlichkeiten Freisinger Geschichte immer die "geistliche Stadt" im Vordergrund, so wurde mit diesem Jubiläum bewußt die Bürgerstadt in den Mittelpunkt des Ereignisses gerückt. Ein ausführliches Heft, mit Bebilderungen und Erläuterungen führte durch ein Rahmen- und ein Kernprogramm. Zwei Höhepunkte wurden besonders hervorgehoben: Der Festzug mit 2000 Teilnehmern und etwa 20 30.000 Zuschauern (bei nur 40.000 Einwohnern) sowie ein großformatiger "Fotowandrundgang" durch die Altstadt. Hier wurde die städtebauliche Vergangenheit Freisings den Passanten an acht ausgewählten Orten auf einer großen Wand mit Hilfe historischer Fotografien und kurzer Erläuterungen nahegebracht.
Bei dem in Straubing 1998 begangen Ordensjubiläum "Kloster Azlburg 1748-1998 250 Jahre Elisabethinen" galt es, wie Dorit-Maria Krenn, die Leiterin des Stadtarchivs Straubing ausführte, sowohl das Denkmal als auch die Elisabethinen mit ihren Leistungen und ihrer Geschichte zu würdigen. Die Elisabethinen, die bis Ende der 1960er-Jahre in strenger Klausur lebten, öffneten am Tag des offenen Denkmals erstmals ihre Klosterpforten für jedermann. Die Zahl der Besucher und das entgegengebrachte Interesse übertrafen alle Erwartungen.
Jubiläumsfeierlichkeiten von Bahnhöfen erfreuen sich großen Zuspruchs die Faszination "Eisenbahn", die nach wie vor von Bahnhöfen, Lokomotiven und Zügen ausgeht, zieht viele Besucher an. Anläßlich der 100-Jahr-Feier fand im denkmalgeschützten Giesinger Bahnhof eine Ausstellung statt, worüber der Historiker Thomas Guttmann berichtete.
Die Gemeinde Prittriching hatte 1996 anläßlich ihrer 900-Jahr-Feier im ausgebauten Schulspeicher eine Ausstellung zur Ortsgeschichte mit Gegenständen von Einwohnern des Orts erstellt, daraus wurde mittlerweile eine Dauereinrichtung, die "Heimatstube". Mit jährlich neuen Sonderausstellungen wird deren Attraktivität erhalten. Die "Heimatstube" wird nach den Ausführungen von Karl Arzberger auch genutzt, um den Schulkindern die Geschichte des Ortes wie auch die Lebensweise ihrer Großeltern und Urgroßeltern nahezubringen.
Am Nachmittag vertieften Vorträge zu Einzelaspekten zahlreiche bereits am Vormittag angesprochene Probleme. Es wurde ausführlich aufgezeigt, was machbar ist, wie systematisch vorgegangen werden sollte, was unbedingt beachtet aber auch was vermieden werden sollte. Johanna Rumschöttel, die Leiterin des Kulturamts/ Festbüros Oberhaching lieferte einen "Werkstattbericht" aus den laufenden Jubiläumsfeierlichkeiten "1250 Jahre Oberhaching", für die der bayerische Ministerpräsident die Schirmherrschaft übernommen hat. Die Planung, in deren Zusammenhang Fragen gestellt wurden wie: "Was wollen wir eigentlich feiern?" oder "Was wird von uns erwartet, was wollen wir erreichen?" sowie die Organisation und die Durchführung wurden detailliert geschildert. Um die corporate identity zu symbolisieren, wurde ein Festlogo entworfen. Zahlreiche Arbeitsgruppen wurden gebildet, Alteingesessene und neu Hinzugezogene und schließlich auch die anfangs wenig begeisterten Jugendlichen konnten gewonnen werden, an der Gestaltung der Feierlichkeiten mitzuwirken. Ein umfangreiches Programm, das als einen Höhepunkt einen Festzug vorsieht, und für das zahlreiche junge und bedeutende Künstler und Interpreten gewonnen werden konnten, führt durch das ganze Jahr. Was für viele Teilnehmer der Tagung, wie sich auch in der Diskussion zeigte, von Interesse war, der Finanzierungsrahmen, wurde ausführlich vorgestellt. Als Novum hat sich die Gemeinde Oberhaching entschlossen, einen Dokumentarfilm und einen Film von Oberhaching heute im Jahr 1999, der auch die Jubiläumsfeierlichkeiten festhalten soll, erstellen zu lassen.
Christine Spiegel, eine Mitarbeiterin im Festbüro Oberhaching berichtete, wie sich für eine Berufsanfängerin nach einem Hochschulabschluß das Berufsfeld "Jubiläum" darstellt.
Wie ein roter Faden zogen sich zwei Probleme durch sämtliche Vorträge: die korrekte historische Darstellung, was bereits mit der urkundlichen Erstnennung beginnt und die Art einer Publikation. Archivoberrätin Ingrid Heeg-Engelhart wies auf die Grundlagen der Forschung hin. Sie gab wichtige Hinweise auf gedruckte Hilfsmittel und Quelleneditionen sowie zur Benützung archivalischer Quellen. Wolfgang Pledl, Leiter der Kontaktstelle Heimatforschung beim Landesverein für Heimatpflege, gab praktische Ratschläge, was bei der Erstellung einer Publikation zu beachten ist, von den Grußworten über die Anzahl und Anordnung von Annoncen bis hin zur Abgabe der Pflichtexemplare an die benützten Archive und an die Bayerische Staatsbibliothek. Letzteres wird häufig vergessen, würde aber die größte Breitenwirkung erzielen. Abschließend berichtete der Filmemacher Michael Lehmann-Horn über den Videofilm als neues Medium bei historischen Jubiläen.
Die Publikation der Beiträge ist noch für dieses Jahr geplant.
Bei Rückfragen wenden Sie sich an:
Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (Tel.: 089/286382486)
oder an
Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e.V. (Tel.: 089/2866290)
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