AHF-Information Nr. 47 vom 22.06.1999

Religiöse Toleranz in Polen-Litauen und seinen Nachbarstaaten
in der Frühen Neuzeit

Deutsch-polnischer Workshop vom 15. bis 18. März 1999 in Marburg

 

Die Frage nach der Bedeutung von Religion und religiöser Koexistenz für die Gesellschaften der Frühen Neuzeit beschäftigt die historische Forschung in den letzten Jahrzehnten wieder verstärkt. Dabei steht heute weniger die Frage nach der "Vorgeschichte" modernen Toleranzdenkens im Vordergrund. Eher geht es vielmehr darum, die bis ins 18. Jahrhundert (und darüber hinaus) anhaltenden Wirkungen des Konfessionellen auf das Handeln von Individuen, gesellschaftlichen Gruppen und Staaten zu erkunden – und aus dieser Perspektive auch die Prinzipien und Praktiken des frühneuzeitlichen Umgangs mit Problemen der Glaubensspaltung neu zu betrachten.

Die Geschichte der konfessionellen Beziehungen in der polnisch-litauischen Adelsrepublik bietet hier ein wichtiges Arbeitsfeld für vergleichende Forschung. Erste neuere Untersuchungen legen nahe, daß das beinahe einhellig negative Urteil der Geschichtsschreibung über die Toleranzkultur in Polen-Litauen im 17. und besonders im 18. Jahrhundert in verschiedener Hinsicht revidiert werden muß. Schon heute läßt sich sagen: Die Durchsetzung der Gegenreformation innerhalb der Adelsnation hat nie (auch nicht im 18. Jahrhundert) zu einer vollständigen "Konfessionalisierung" von Gesellschaft und Staat geführt, und der Vergleich mit den Praktiken der absolutistischen Nachbarstaaten läßt die Entwicklung in der Adelsrepublik keineswegs als einen "Sonderweg" der Intoleranz erscheinen.

Die Arbeit des Workshops war auf die folgenden Aufgaben konzentriert:

Als Arbeitsgrundlage dienten ausgewählte Quellen zur Entwicklung der normativen Regelung von konfessionellen Beziehungen in Polen und dem Reich vom 16. bis zum 18. Jahrhundert.

Da die Arbeitsgruppe überwiegend aus Studenten/Doktoranden mit einem überraschend großen Expertenwissen (und ebenso überraschend hoher Sprachkompetenz) zusammengesetzt war, hatte der Workshop weniger den Charakter eines Kurses als den eines professionellen Forschungskolloquiums. Sehr rasch konnten sich die Teilnehmer über die Unzulänglichkeit der bisherigen Deutungsansätze verständigen und das vorgelegte Quellenmaterial interpretativ verarbeiten. Entsprechend viel Raum blieb für die Diskussion darüber, welche alternativen Konzepte und Kategorien die vergleichende Analyse anzuleiten haben und wo die Bedürfnisse weiterführender empirischer Forschung liegen. Nur zwei Aspekte seien hier erwähnt:

Das der Workshop für alle Beteiligten einen Mehrwert erzeugt hat, läßt sich mit einiger Berechtigung unterstellen. Einerseits hat er seine Funktion in der Vermittlung zwischen polnischer und deutscher Geschichtswissenschaft zweifellos erfüllt: Zwar ging es (erwartungsgemäß) von Anfang an nicht um Diskrepanzen zwischen "nationalen" Deutungen, um so mehr jedoch um die Verständigung über die Methoden und Parameter trans-nationaler Vergleiche. Anderseits hat die durchaus professionelle Diskussion für alle Beteiligten, auch die Veranstalter, konzeptionelle Anregungen und verwertbare Sachinformationen geliefert. Die Tatsache, daß es hier gelungen ist, sowohl Polnisch als auch Deutsch als gemeinsame Arbeitssprachen zu benutzen (und damit eine kommunikative Asymmetrie zwischen Muttersprachlern und Nicht-Muttersprachlern zu vermeiden), ist nicht zuletzt als Erfolg an sich zu werten.

Michael G. Müller


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