AHF-Information Nr. 46 vom 21.06.1999
Die unumstößliche Tatsache, daß die Stadt des vorindustriellen Zeitalters ohne Handwerk nicht denkbar ist, postuliert eine Fülle von möglichen Betrachtungen, die sich unter dem diesjährigen Tagungsthema Stadt und Handwerk in Mittelalter und Früher Neuzeit subsumieren ließen. Folglich konzipierten Wilfried Reininghaus, Münster, und Karl Heinrich Kaufhold, Göttingen, ein Programm, das sich mittels Detailbeobachtungen und Fallstudien dem komplexen Thema mit dem Ziel näherte, inhaltliche Gemeinsamkeiten tendenziell aufzuzeigen, denn einer Systematisierung entzieht sich der Forschungsgegenstand nicht nur durch vielschichtige Quantität sondern bereits durch die disparate Terminologie.
Unschärfen der Begriffe - Handwerk, Gewerbe, Zunft - führten in der Literatur, deren große Entwicklungslinien Wilfried Reininghaus einleitend aufzeigte, zu differierenden Zugriffen. Verglichen mit europäischen Nachbarländern und im Gegensatz zu den handwerklichen Korporationsbildungen, fanden Handwerk und Gewerbe in den letzten Dezennien geringes, meist in Orts- und Landesgeschichte angesiedeltes, historisches Interesse, stärkere Beachtung dagegen durch die Volkskunde. Zur Strukturierung des Themas schlug der Referent einen übergreifenden Fragenkatalog vor, gegliedert nach: Handwerkerdichte, deren Relation zu Gesamtbevölkerung und Gesamtzahl der Beschäftigten, ökonomischen Handwerkerorganisationen, Mitwirkung der Handwerkerschaft am Stadtregiment, Handwerkerkultur, beruflicher Zusammensetzung und der Relation von Handwerk und Markt. Darüber hinaus biete die innere Struktur des Handwerks, etwa die berufliche Ein- und Abgrenzung, soziale und ökonomische Divergenzen, Betriebsformen oder politische Korporationsbildungen vielfältige Forschungsansätze.
In einer extensiven Bestandsaufnahme zur Frage nach Technischen Innovationen im Handwerk der frühen Neuzeit? stellte Reinhold Reith, Berlin, ältere Einschätzungen, die einem leistungs- und innovationsorientierten Verhalten des Handwerks ebenso skeptisch gegenüberstehen wie Reformbemühungen der Zünfte, die sie durch Zunftzwänge und -bräuche eingeschränkt sehen, neuere, vor allem technikhistorische Arbeiten gegenüber. Diese konstatieren zumindest partiell ressource- und arbeitssparende Innovationen, Erfindungen und Verbesserungen von Werkzeugen und Geräten, sowie Verfahrens- und Produktinnovationen, besonders im Textil- und Metallgewerbe.
Die Reihe der Fallstudien wurde mit zwei exponierten Städten des Ancien régime eröffnet: Nürnberg als führende Gewerbe- und Exportstadt und Wien als europäische Metropole. Übersichtlich verfolgte Michael Diefenbacher, Nürnberg, die soziale und politische Entwicklung der Stadt Nürnberg, deren Bevölkerung bis zum Ende der reichsstädtischen Zeit etwa zur Hälfte aus Handwerkern bestand, die sich aber weder zünftig organisieren (Zunftverbot 1349) noch politisch betätigen konnten, sondern einer vom patrizischen Rat gelenkten Planwirtschaft mit einem Instrumentarium aus Handwerksgericht, Gewerbeaufsicht und Qualitätskontrolle unterstanden. Für den Erfolg des Nürnberger Handwerks können vier Charakteristika angeführt werden: Bündelung bestimmter Handwerke zu Handwerksgruppen, Spezialisierung, Arbeitsteilung - anschaulich vorgeführt an der Waffen- und Rüstungsproduktion - sowie hohe Flexibilität und Anpassung an die internationale Marktsituation.
Führte in Nürnberg der Export das Handwerk zur Blüte, so florierte es in Wien durch die spezifische lokale Situation, die Josef Ehmer, Salzburg, für das 18. Jahrhundert in den Blick nahm. Voraussetzung für den Aufschwung war die exzeptionelle Entwicklung Wiens zur glanzvollen Residenzstadt mit enormem Bevölkerungszuwachs, darunter eine umfangreiche, luxusorientierte Konsumentenschicht, für die ein Großteil der Handwerker tätig war, zum Teil in neu etablierten Gewerben. Zwei Drittel aller handwerklichen Korporationen konstituierten sich im 18. Jahrhundert, wobei nicht die Obrigkeit Existenz und Anzahl der Zünfte regulierte, sondern der Bedarf. Obschon politisch fast unbedeutend, gedieh das Wiener Zunftwesen zum dynamischen Wirtschafts- und ethnischen Integrationsfaktor.
Im Kontrast zur Metropole Wien standen die neunzig kursächsischen Kleinstädte, deren handwerkliche Strukturen und Entwicklungstendenzen Katrin Keller, Leipzig, für das 18. Jahrhundert untersuchte. Die explizit vorgeführten Handwerksprofile von vier Beispielstädten (Aue, Delitzsch, Frohburg, Schildau), die jeweils einen Stadttypus vertraten ohne ihn idealtypisch zu verkörpern, bestätigten weitgehend die generellen Feststellungen über Zuwachs und Differenzierung des Handwerks, Vergewerblichung kleinstädtischer Wirtschaft sowie Öffnung und Abschottung der Zünfte.
Berufliche Spezialisierung, hoher Qualitätsstandard, Investitionsbereitschaft und differenzierte Organisation des Handwerks verhalfen der exportorientierten Wirtschaft flandrischer Städte, mit der sich Peter Stabel, Gent, beschäftigte, zum Erfolg. Neben Impulsen des Zunftwesens, das weder homogen noch statisch war, ließen vielfältige Implikatoren und Konstellationen, vornehmlich ein unzünftiger, finanzstarker und zu hohen Investitionen fähiger Personenkreis, die flandrische Wirtschaft prosperieren. Dominierte in Flandern Leinengewerbe und -handel, so führte Ende des 18. Jahrhunderts in s-Hertogenbosch die Lederverarbeitung die Liste der Gewerbe an. Quellennah unternahm Maarten Prak, Utrecht, den ausführlichen Versuch, Handwerker nach Sparten zu differenzieren, sozial zu schichten und eine Verbindung zwischen merkantilen Strategien und lokal ausgerichtetem Gewerbe aufzuzeigen.
Verglichen mit der hochspezialisierten Produktion in Flandern nimmt sich die Leinenherstellung in Münster quantitativ und qualitativ bescheiden aus; Christof Jeggle, Berlin, apostrophierte sie im Titel seines Referats auch als Nebenerwerb. Dank des Zuzugs von Webern aus der Umgebung, die unter den Neubürgern die größte Berufsgruppe stellten, stand im 17. Jahrhundert die Leinenweberei an erster Stelle der Gewerbe. Dennoch blieb Münster ein kleiner Produktions- und Vermarktungsstandort, der sich schon im Laufe des 17. Jahrhunderts der konkurrierenden Leinenherstellung des Umlandes - insbesondere in Tecklenburg, Warendorf und Borghorst - nicht mehr gewachsen sah.
Konkret an drei statistischen Primärquellen des späten 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts quantifizierte Markus A. Denzel, Göttingen, das Professionistenwesen in 14 mittleren und größeren Städten Kurbayerns. Neben den obligatorischen Angaben zu Handwerkerdichte, Zusammensetzung der Handwerkerschaft, Spezialisierung und Relation zur Gesamtbevölkerung nach Gewerbegruppen, charakterisieren die Statistiken das Handwerk insgesamt durch Kontinuität, verzeichnen aber einen Rückgang der Handwerkerdichte bei gleichzeitiger Zunahme der Spezialisierung, die sich erwartungsgemäß in der Residenzstadt München am höchsten entfaltete.
Terra incognita betrat Reinhard Spree, München, mit seinen Ausführungen zu Handwerkern und kommunalen Krankenhäusern im 19. Jahrhundert. Das Referat streifte zwangsläufig eine Vielzahl interdisziplinärer Aspekte, angefangen bei der Armenfürsorge als wesentliches Motiv der Kommunen für die Errichtung von Krankenhäusern, über medizinhistorische und sozialpolitische Faktoren bis hin zu Kostenträgern und der Etablierung von Krankenversicherungen, um sich dann auf zentrale Fragen des Rahmenthemas zu konzentrieren, etwa den prozentualen Anteil, die berufliche Struktur und die soziale Absicherung der in Krankenhäusern betreuten Handwerker.
Wie üblich werden die Tagungs-Beiträge in einem Sammelband der Reihe Städteforschung des Instituts publiziert.
Michael Schmitt
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Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1999. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |