AHF-Information Nr. 45 vom 21.06.1999
Die Jahrestagung der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen fand auf Einladung der Stadt Braunschweig im dortigen Altstadtrathaus statt. Die Dornse, der spätgotische Festsaal, bot der Veranstaltung einen nicht nur sehr würdigen, sondern höchst beziehungsreichen Rahmen, denn das Thema der Tagung lautete: Weltliche Feste und Feiern in der Neuzeit.
Nach der Begrüßung durch den Ministerpräsidenten des Landes Niedersachsen und den Oberbürgermeister, für die der Vorsitzende der Kommission, Herr Prof. Ernst Schubert (Göttingen) mit anerkennenden Worten dankte, begann Frau Prof. Dr. Ruth-E. Mohrmann (Münster) die Reihe der wissenschaftlichen Vorträge. Sie sprach über "Fest und Alltag in der frühen Neuzeit Rituale als Ordnungs- und Handlungsmuster", ein Thema, das sie programmatisch anging. Zunächst ließ sie die Moden und neuen Ansätze Revue passieren, die Volkskunde und Geschichte beschäftigt haben, seitdem das Konzept der Alltagsgeschichte abgebraucht erschien. Sie systematisierte diese Ansätze und wandte sie dann auf die Festkultur der Frühen Neuzeit an. Dabei hob sie besonders den Nutzen der Ritualforschung hervor; Fest und Alltag sind durch ritualisierte Handlungs- und Ordnungsmuster überformt gewesen. Man muß die symbolischen Konnotationen berücksichtigen, die sich in der Kommunikation wie den Handlungen abbilden; an ihnen läßt sich die soziale Ordnung ablesen, für welche als zentrale Handlungskategorie die Ehre entscheidende Bedeutung besessen hat.
Mehr an den überlieferten Quellen orientierten sich danach die Ausführungen von Frau Prof. Ellen Widder (Tübingen), die "Alltag und Fest am welfischen Fürstenhof im ausgehenden 15. und 16. Jahrhundert" behandelte. Sie stellte fest, daß es für die welfischen Lande an neueren Vorarbeiten weitgehend fehlt. Einen neuen Impuls hat die Hofforschung jedoch durch das Residenzenprojekt erhalten, das die Akademie der Wissenschaften in Göttingen betreibt. Aus diesem Kontext, den Hof als "Haushalts- und Herrschaftsinstrument des Fürsten" begreifend, präsentierte sie Quellen pragmatischer Schriftlichkeit, die den Alltag dokumentieren: Hofordnungen, Rechnungen, Inventare. Der Komplementärbegriff, das Fest, das den Alltag durchbricht, läßt sich für den gewählten Zeitraum weit schlechter illustrieren. Trotzdem konnte sie vor Augen führen, wie im 16. Jahrhundert noch spätmittelalterlichen Traditionen, z. B. Fastnachtsfeste und Turniere, sehr lebendig waren; ein Befund, der die doch sehr rationalen Planungen des höfischen Alltags kontrastierte.
Am Nachmittag des nächsten Tages, nachdem die Mitgliederversammlung getagt hatte, trug Dr. Uwe Meiners (Cloppenburg) vor; sein Thema lautete "Von der Kehrseite des Alltags. Aspekte der ländlichen Sonntags- und Festkultur im 18. und 19. Jahrhundert". Er zeichnete an nordwestdeutschen Beispielen den kulturellen Wandel nach, die Zäsuren, die seit dem 16. Jahrhundert zu konstatieren sind, und belegte sie mit Sachzeugnissen und Bildquellen. Er machte u. a. anschaulich, wie der Siegeszug des Branntweines im 17. Jahrhundert nicht nur eine "andere Dimension des Rausches" ermöglichte, sondern eine eigene Trinkkultur schuf. Die Aufklärung propagierte hingegen Kaffee und Tee, die im 19. Jahrhundert auch in die ländliche Fest- und Sonntagskultur eindrangen. Die öffentlichen Feste gestalteten nun zunehmend Vereine. Nach der Industrialisierung wurde das Dorf als Lebensraum neu erfunden und aus ihm heraus die Trachten- und Heimatfeste.
Frau Prof. Ute Daniel (Braunschweig) behandelte einen Abschnitt des Zeitraums, den auch Meiners untersucht hatte, aber mit Blick auf den Hof. "Das höfische Fest im Barock" lautete ihr Thema. Sie stellte die narrative Struktur des Festgeschehens heraus und fragte nach seinem Zweck. Einfach "Repräsentation" zu antworten, meinte sie, erkläre wenig. Um präziser zu werden, ist es notwendig, nicht nur die inszenierte Darstellung zu betrachten, sondern ebenso Vorbereitungen und Folgen. Sie verdeutlichte dies an der Trauerfeier, die Herzog Ludwig Rudolf zu Braunschweig-Lüneburg 1731 möglichst kostensparend für seinen Bruder ausrichten wollte. Sodann sei zu fragen: Was wird geboten, für wen wird es geboten und wie? Auf die zweite Frage fand sie eine generelle Antwort: Adressaten der im Fest erzählten Geschichte sollten andere Höfe sein, sie richtete sich nicht an die eigene Bevölkerung. Es sind mithin viele Bedeutungsebenen in der Interpretation zu unterscheiden, nicht jeder Akt diente allein der Repräsentation.
Das letzte Vortragspaar betrachtete Aspekte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Prof. Gerhard Schneider (Freiburg) untersuchte die "Feste der Bürger in Hannover 1866 - 1914". Er bestimmte zunächst die Festtypen und besprach die Schwierigkeiten, die es bereitet, Feste zu benennen, die einen integrativ bürgerlichen Charakter besaßen. Auch in seinen Festen zerfiel das Bürgertum in unterschiedliche Gruppe. Das gilt sogar für die Sedansfeiern, die eine relativ große Akzeptanz behaupteten. Nicht nur, daß die Sozialdemokraten gegen die herrschende Tendenz protestierten: Im Kulturkampf verstanden die Katholiken diese Feiern als Veranstaltungen der Gegenpartei, und die welfisch gesinnten Kreise in Hannover pflegten ohnehin ihre Resentiments gegen den Borussismus der Staatsdiener. Als "Bekenntnistag der Wehrbereitschaft" nutzte sich der Sedanstag außerdem schnell ab. Insgesamt grenzten die bürgerlichen Feste konkurrierende Gruppen eher aus, als das sie eine soziale oder politische Integration bewirkten. Ihre Abläufe verfestigten sich in strenger Regelung; symbolische Vereinigungsakte schlossen die Reihen, statt sie zu öffnen.
Den gesellschaftlichen Contrepart übernahm Dr. Hans-Ulrich Ludewig (Braunschweig), der sich mit den "Arbeiterfesten in Braunschweig" beschäftigte. Hier hatte außerdem die regionalen Differenz zwischen dem eher eigenständigen, radikaleren Arbeitermilieu in Braunschweig und dem hannoverschen ihren Reiz. Auch Ludewig stellte fest, dass die Gesellschaft in ihren Feiern zerfallen sei. Es gab im Kaiserreich keine einigende Feier. Die Arbeiter veranstalteten Gegenfeste, gegen das Sedansfest z. B. das Gewerkschaftsfest. Die Lutherfeier 1883 regte zum Spott an. Trotzdem zeigen sich die öffentlichen Arbeiterfeste in vielem als Abklatsch bürgerlicher Veranstaltungen; deren Formen wurden rezipiert, und man bemühte sich, Ordnung und Disziplin herzustellen und die kulturelle Reife der Arbeiterklasse nachzuweisen. Im 1. Weltkrieg nahm die Abgrenzung der Arbeiterschaft vom Bürgertum schärfere Formen an, die in die heftigen Auseinandersetzungen um die Feiertagsregelungen in der Weimarer Republik mündeten.
Die auch sonst rege Diskussion war nach diesen abschließenden Vorträgen besonders lebhaft.
Sämtliche Vorträge werden in erweiterter Form 2000 im Niedersächsischen Jahrbuch für Landesgeschichte erscheinen.
Brage Bei der Wieden
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Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1999. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |