AHF-Information Nr. 44 vom 21.06.1999
Herder-Forschungsrat und Herder-Institut hatten 16 Experten aus Estland, Polen, der Tschechischen Republik, Österreich und der Bundesrepublik Deutschland zu einer Tagung über "Universitäten zwischen Kirche, Staat und Nation. Sozialgeschichtliche und politische Entwicklungen im ostmitteleuropäischen Raum" eingeladen, um Forschungsergebnisse auszutauschen und zu diskutieren. Die von Prof. Dr. Dr. h.c. Ferdinand Seibt (München) und Dr. Peter Wörster (Marburg/Lahn) vorbereitete und von diesen sowie Dr. Marie-Luise Bott (Berlin) in drei Blöcken moderierte Tagung behandelte grundlegende Fragen der Universitätsgeschichte des östlichen Mitteleuropa vom Spätmittelalter bis zum 20. Jahrhundert an ausgewählten Beispielen. Damit sollte eine europäische Region ins Zentrum der Betrachtung gestellt werden, die in der allgemeinen universitätsgeschichtlichen Forschung bislang zu wenig, oftmals gar nicht beachtet wurde. Ferdinand Seibt eröffnete die Konferenz mit einem einführenden Vortrag über "Gründungswellen der Universitäten in Europa". Wichtiges Anliegen der Tagung war, Universitätsgründungen in einzelnen Territorien im Vergleich zu betrachten, um so Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede erkennen zu können. So standen für das Spätmittelalter Prag neben Erfurt, Krakau neben Wien, Greifswald neben Dorpat, für das 19. und 20. Jahrhundert Prag neben Czernowitz, Posen zwischen Breslau und Königsberg. Die brandenburg-preußischen Universitätsgründungen wurden im Zusammenhang der Gründungswellen untersucht.
Im einzelnen sprachen Franz Machilek (Bamberg), über "Kirche und Universität im Spätmittelalter: die Gründungen Prag und Erfurt", Jerzy Wyrozumski (Krakau), "Die Universität im alteuropäischen Fürstenstaat: die Beispiele Krakau und Wien", Alfred A. Strnad (Innsbruck) über "Wien und die Frage einer Stiftungsuniversität' in Mittelalter und früher Neuzeit", Katherine Walsh (Salzburg) über "Die Naturwissenschaften im Spannungsfeld von Kirche und Nation: die Universitäten Krakau und Wien im Spätmittelalter", Helmut Slapnicka (Linz) über "Die Rechtsstellung der Universitäten im alten Österreich von der Reform Leo Thuns bis zum Ende der Monarchie", Jan Havránek (Prag) über "Die Universitäten im Zeitalter nationaler Bewegungen: die Pole Prag und Czernowitz". Hieran schloß thematisch Helmut Neubach (Zornheim b. Mainz) mit seinem Vortrag über "Die Akademie in Posen 1903-1918. Eine deutsche Ersatzuniversität' zwischen Breslau und Königsberg" an, die vor dem Hintergrund der Spannungen im deutsch-polnischen Verhältnis in der Provinz Posen Bedeutung gewann.
Weitere Vorträge behandelten einzelne Universitäten unter besonderen Fragestellungen: Herbert Langer (Klein Petershagen b. Greifswald) sprach über "Die pommersche Landesuniversität Greifswald und das schwedische Reichsinteresse (mit Ausblicken auf Dorpat und das Pädagogium Stettin)", Emanuel Turczynski (München) über "Czernowitz: Eine vom Bildungsbürgertum erkämpfte Universität im Dienst staatlicher Wissenschaftsförderung". Da der Vortrag von Villu Tamul (Reval) über "Universität und Regionen. Zwischen Landesuniversität' und Reichsuniversität': das Beispiel Dorpat 1803-1914. (Brücke und Vermittler zwischen Deutschland und Rußland)" krankheitsbedingt ausfallen mußte (für den Tagungsband allerdings zugesagt), beleuchtete Klaus Meyer (Berlin) in einem kurzfristig übernommenen Referat die Stellung Dorpats innerhalb der russischen Universitätsgeschichte und der gerade in jenen Jahren zu verzeichnenden stürmischen "Gründungswelle" von Universitäten im Russischen Reich. Csaba J. Kenéz (Marburg/Lahn) beschäftigte sich mit "Bildungszentren neuer Staatsvölker nach dem Ersten Weltkrieg: das Beispiel Dorpat". Iselin Gundermann (Berlin) referierte über "Gründungswellen brandenburg-preußischer Universitäten: Von Frankfurt/Oder bis Frankfurt Oder" und ordnete so die beiden Universitätsgründungen in Frankfurt von der ersten im Jahre 1506 bis zur jüngsten im Jahre 1993 in den großen Zusammenhang der Landesgeschichte ein. Über "Die Universitäten und die Juden: das Beispiel Prag im 19. und 20. Jahrhundert" sprach Rudolf M. Wlaschek (Mönchengladbach).
In der Erkenntnis, daß die Universitätsgeschichte des östlichen Mitteleuropa nur unzureichend in den allgemeinen Diskurs universitätsgeschichtlicher Forschungen integriert ist, und in der Überzeugung, daß ältere Ansätze aus den sechziger und achtziger Jahren aufgegriffen und weitergeführt werden müssen, betrachten es Herder-Forschungsrat und Herder-Institut als ihre besondere Aufgabe, Forscher aus den eigenen Reihen, aber auch andere aus dem In- und Ausland, vor allem aus dem östlichen Mitteleuropa selbst, zusammenzuführen und die Universitäten ihres geographisch definierten Arbeitsgebietes wieder in die allgemeine universitätsgeschichtlichen Forschungen zu integrieren. Dies konnte bei dieser Tagung natürlich nur anhand ausgewählter Teilbereiche geschehen, wobei nicht alle Universitäten und auch nicht alle Epochen der Kulturgeschichte berücksichtigt, schon gar nicht gleichgewichtig berücksichtigt werden konnten. Es war eines der Anliegen, die Universitäten in dem zu verschiedenen Zeiten verschieden intensiv wahrnehmbaren Spannungsfeld von Kirche, Staat und Nation zu betrachten, die alle drei in jeweils wechselnden Zusammenhängen, einzeln oder im Verbund, die Forschung und Lehre an den Universitäten z.T. erst ermöglichten, förderten und begünstigten, die aber jede zu bestimmter Zeit Forschung und Lehre auch einzuengen, zu behindern, ja auch zu unterdrücken vermochten. Es galt, die Geschichte der Universitäten im östlichen Mitteleuropa in verschiedene Zusammenhänge einzubetten und auch der allgemeinen historischen und speziell universitätsgeschichtlichen Forschung nahezubringen. Die Beiträge der Tagung ermöglichten epochen- bzw. länderübergreifende systematische Vergleiche und führten so aus der isolierten Betrachtung einzelner Universitäten heraus.
Die Bedeutung der Marburger Tagung ist darin zu sehen, daß die Geschichte der Universitäten im östlichen Mitteleuropa erstmals unter bestimmten Fragestellungen und im Zusammenhang der gesamten Region Ostmitteleuropa zum Gegenstand der Erforschung gemacht wurde. Es konnten Gesichtspunkte aufgegriffen werden, die bislang noch gar nicht - jedenfalls wiederum nicht im Zusammenhang - behandelt wurden. Zum Ertrag der Konferenz trugen die Diskussionen nach den Vorträgen sowie die Schlußdiskussion wesentlich bei. Von großem Gewinn war in diesem Zusammenhang die Teilnahme von Prof. Dr. Laetitia Boehm (München), die immer wieder, ausgehend von der allgemeinen universitätsgeschichtlichen Forschung, wissenschaftliche Fragen im Hinblick auf den ostmitteleuropäischen Raum formulierte, die im Kreis der Spezialisten teilweise besprochen und geklärt werden konnten, die teilweise auch Anregungen für weitere Forschungen darstellten.
Die Vorträge werden, angereichert um weitere Beiträge zur Universitätsgeschichte des östlichen Mitteleuropa, die im Programm der Marburger Tagung nicht mehr untergebracht werden konnten bzw. deren Relevanz sich während der Tagung ergeben hatte, in einem Sammelband erscheinen.
Herder-Forschungsrat und Herder-Institut haben durch die Ergebnisse der Tagung eine Grundlage geschaffen, auf der weitere Untersuchungen aufbauen können. Das Voranschreiten wissenschaftlicher Erkenntnis ist dabei ebenso hoch zu bewerten wie die Förderung der Überzeugung, das gemeinsame wissenschaftliche Arbeit an den weitgehend gemeinsamen geistig-kulturellen Grundlagen von Deutschen, Tschechen, Ungarn, Polen und Balten hilft, ein neues Verständnis für das gemeinsame kulturelle Erbe zu gewinnen. Ein weiteres Anliegen der Marburger Gespräche stellt dabei eine bleibende Aufgabe dar: verstärkt Forscher aus dem östlichen Mitteleuropa in die Arbeiten einzubeziehen, um die Erträge ihrer Spezialstudien an die internationale Universitätsgeschichtsschreibung zu vermitteln.
Peter Wörster
| Kontaktadresse: | Dr. Peter Wörster Herder-Institut Gisonenweg 5-7 35037 Marburg/Lahn |
| Tel.: | 06421/184-140 |
| Fax: | 06421/184-139 |
| E-Mail: | woerster@mailer.uni-marburg.de |
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