AHF-Information Nr. 43 vom 21.06.1999

Humanismus und Reformation in Siebenbürgen

Internationale Fachtagung vom 13. bis 15. Mai 1999 in Kronstadt

 

Diese internationale Fachtagung wurde von der Sektion Kirchengeschichte (Leiter: Dr. Ulrich Andreas Wien) und der Rumänien-Abteilung des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde e.V. Heidelberg (Leiter: Prof. Dr. Paul Niedermaier) sowie die Kronstädter Zweigstelle der Nationalarchive Rumäniens (Direktorin: Elisabeta Marin) und der Honterusgemeinde Kronstadt in Kronstadt (rum. Brasov, ung. Brassó) veranstaltet. Die Tagung sollte über die im vergangenen Jahr ausgiebig gewürdigte Biographie des Reformators Johannes Honterus hinausweisen und neue Forschungsergebnisse zum Themenbereich Humanismus und Reformationsgeschichte bekanntmachen.

Einführend wurde der institutionelle und geschichtliche Rahmen abgesteckt, nämlich die Herausbildung der sogenannten "geistlichen Universität" der siebenbürgisch-sächsischen Kirchengemeinden im 15./16. Jahrhundert (von Dr. Konrad Gündisch, Oldenburg) und das Verhältnis zwischen weltlicher Obrigkeit, Fürst, Landtag und Geistlichkeit im Reformationsjahrhundert (von Prof. Dr. Hermann Pitters, Hermannstadt). Das Zusammenspiel der weltlichen und der geistlichen Universität, der Vertretungen des freien Standes wie der Gemeinden der untertänigen Siebenbürger Sachsen hatte die relativ rasche und einheitliche Reformation der "Ecclesia dei nationis Saxonicae" ebenso ermöglicht wie deren Durchsetzung gegenüber den Fürsten und dem Landtag Siebenbürgens. Der Lutherforscher Prof. Dr. Helmar Junghans (Leipzig) wies darauf hin, daß Humanismus und Reformation einander nicht widersprechen, vielmehr Luthers Entwicklung zum Reformator auf die Anstöße zurückzuführen ist, die der Bruch der Humanisten mit der mittelalterlichen Scholastik durch Rückgriff auf die alten hebräischen und griechischen Vorlagen gegeben haben. Als "Transmissionsriemen" zwischen den humanistischen Ansätzen und der lutherischen Kirchenerneuerung bezeichnete Junghans die von Nikolaus Marschalk in Basel veröffentlichten griechischen Sprachkurse sowie die von Johannes Reuchlin in Basel gedruckten "Rudimenta Linguae Hebraicae".

Wie Humanismus und Reformation gerade in Siebenbürgen zusammenhingen und ineinanderliefen verdeutlichte Dr. Lore Poelchau (Heidelberg) am Beispiel des Dichters Johannes Sommer (1542-1574), der am Hof des Moldaufürsten Jakob Heraklides sowie als Gymnasiallehrer in Kotnar, Kronstadt, Bistritz und Klausenburg tätig war. Eng mit der Reformation hängt auch die Zunahme deutscher Schriftzeugnisse im 16. Jahrhundert zusammen, die ein Referat der früheren Archivdirektorin Monica Vlaicu (Hermannstadt) am Beispiel von Quellen aus ihrem Archiv nachgewiesen hat.

Eine von den Veranstaltern nicht erwartete Aktualität hatten die beiden folgenden Referate. Kurz nach dem Besuch Papst Johannes Pauls II. in Rumänien und während eines auch von religiösen Motiven ausgelösten Krieges im Nachbarland Jugoslawien setzten sich Dr. Mihai Gherman (Klausenburg) und Dr. Andreas Müller (München) in zwei ausgezeichneten Vorträgen mit Fragen der Beziehungen zwischen den siebenbürgischen Reformatoren zur Ostkirche auseinander. Gherman ging dabei auf die Verbreitung von Schriften der orthodoxen Kirchenväter in Siebenbürgen ein, Müller stellte den Honterusschüler und –Nachfolger Valentin Wagner als eine Persönlichkeit vor, deren Auseinandersetzung mit den Kirchenvätern, unter anderen mit Basilius dem Großen, nicht allein der direkten, von der Scholastik bereinigten Annäherung an die Bibel, sondern auch der Annäherung an die ostkirchliche Welt dienen sollte. Der weit über Siebenbürgen hinausreichende Rahmen, in dem das Wirken von Valentin Wagner betrachtet wurde, zeigte, wie wichtig es ist, daß sich Forscher mit einem breiten kirchenhistorischen und theologischen Horizont mit der siebenbürgischen Thematik auseinandersetzen.

Aus dieser Perspektive schilderte der führende ungarische Reformationshistoriker Prof. Dr. Mihály Balázs (Szeged) mit präzisen Detailangaben die Beziehungen des frühen siebenbürgischen und ungarischen Antitrinitarismus zu Basel, diesem "Zentrum des freien Geistes", das seinerzeit auch auf Honterus so nachhaltig gewirkt hat. Mit einem Abriß der Rezeptionsgeschichte der Reformation in Siebenbürgen seit dem 17. Jahrhundert, in dem sie insbesondere auf chronikalische Aufzeichnungen einging, schloß Edit Szegedi (Klausenburg) die Vortragsreihe ab.

Am 15. Mai eröffneten Archivdirektorin Marin und Hauptarchivar Gernot Nussbächer im Kronstädter Nationalarchiv eine informative Ausstellung zum Tagungsthema. Im Original konnten die Besucher die ältesten in Kronstadt erhaltenen Quellen in rumänischer, ungarischer, deutscher oder türkischer Sprache ebenso bewundern wie Druckerzeugnisse von Honterus und anderen Kronstädter Humanisten. Eine sachkundige Stadtführung durch Gernot Nussbächer schloß die Tagung ab, der wichtige Ergebnisse und Impulse zur Kirchen- und Geistesgeschichte Siebenbürgens zu verdanken sind.

Konrad Gündisch


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