AHF-Information Nr. 40 vom 18.06.1999
Das zweite Kolloquium des aus Mitteln der Gerda Henkel Stiftung geförderten Projekts ging in drei Sektionen zu den Themen "Person - Lebensentwürfe und Lebensläufe", "Familie - Tradition und Dynamik" und "Gruppe - Integration und Abgrenzung" den Fragen nach, ob und wie Eliten auf die gesellschaftlichen und politischen Wandlungen um 1800 reagierten, ob und wie sie sich in Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Umbruchszeit selbst wandelten und ob und wie sie selbst als Initiatoren von Modernisierungsprozessen tätig waren. In seinen einleitenden Ausführungen reflektierte Heinz Duchhardt (Mainz) die besondere Struktur des Forschungsprojekts, das ähnlich einem Graduiertenkolleg sehr unterschiedliche Arbeiten fördert, die nicht a priori dem strengen Rahmen einer ausgearbeiteten Projektphilosophie unterworfen sind. Zugleich wies Duchhardt auf die analytischen Vorteile des Begriffs "Elite" bei der Erforschung sozialer Gruppierungen im Übergang vom Ancien Régime zur Moderne hin, der - anders als die zeitlich oder kontextuell gebundenen Konzepte von "Stand" und "Klasse" oder von "Adel" und "Bürgertum" - zur Beschreibung von Transformationsprozessen besonders geeignet sei.
Zu Beginn der ersten Sektion stellte Peter Voss (Mainz) den Grevener Kaufhändler Johann Christoph Biederlack als Exponenten der münsterländischen Kaufmannschaft im Übergang von einer handelsweltdominierten Elite zu einer industriellen Unternehmerelite vor. Dabei betonte er die Bedeutung regionaler und überregionaler Netzwerke für die erfolgreiche Realisierung von Biederlacks Lebensentwurf . Gabriela Schlick (Frankfurt/M.) berichtete über den in Frankfurt tätigen jüdischen Wechselmakler Süßkind Isaak Hirschhorn und seine Strategie der Instrumentalisierung der Wechselmaklerstelle als Ausgangspunkt zur Überwindung der gesellschaftlichen Ausgrenzung und als "Sprungbrett in die moderne Gesellschaft". In seinem Kommentar wies Wilfried Reininghaus (Münster) zunächst auf soziale und wirtschaftliche Parallelen zwischen beiden Fällen hin, analysierte dann die jeweils unterschiedliche Elitenzugehörigkeit von Biederlack und Hirschhorn und betonte schließlich, daß in beiden Fällen die Lebensentwürfe stärker von der Kontinuität der Intentionen als vom Bruch geprägt gewesen seien.
In seinem Referat über "Erinnerte Lebensläufe. Selbststilisierungen ländlicher Eliten im Rückblick" untersuchte Gunter Mahlerwein (Mainz) für die Bereiche der Agrarmodernisierung, der politischen Partizipation und der Lebensstile die Konstituierung einer ländlichen Funktionselite in Rheinhessen. Andreas Schulz (Frankfurt/M.) reflektierte anschließend über den Nutzen der Kategorie "Generation" zur Beschreibung von Kohäsionskräften innerhalb von Elitegruppen und illustrierte dieses am Beispiel zweier konkurrierender Gruppierungen zur Zeit der Märzrevolution in Bremen. Clemens Zimmermann (Heidelberg) kommentierte die beiden Referate und hob dabei die Bedeutung der Kontextanalyse bei der Untersuchung von Wandlungsprozessen und die Rolle der Kategorie "Erfahrung" zur Ergänzung herkömmlicher sozialhistorischer Methoden hervor.
Am Beispiel des Geologen Karl von Raumer entwickelte Malgorzata Morawiec (Mainz) den Typus des Breslauer Professors als "Übergangsfigur" zwischen dem weltfernen Gelehrten der Spätaufklärung und dem politisch engagierten Akademiker des Vormärz. Ann T. Gardiner (Berlin) kontrastierte den intellektuellen Lebensentwurf und den - bis zum Zusammenbruch Berns 1798 - politisch orientierten Lebenslauf Karl Victor von Bonstettens und zeigte, wie hier der Bruch die endliche Realisierung des ursprünglichen Lebensentwurfs erst möglich machte. Jochen Hoock (Paris) wies in seinem Kommentar auf die spezifischen Schwierigkeiten des biographischen Zugriffs für die Interpretation gesamtgesellschaftlicher Wandlungsprozesse hin und schlug eine Kombination der Kategorien von Modernisierung und "verdeckter Kontinuität" vor.
In der Sektion "Familie - Tradition und Dynamik" wurden in drei Blöcken je zwei Vorträge präsentiert. Den ersten Teil der Sitzung moderierte Lothar Gall (Frankfurt). Die Vorträge hielten Frans Willem Lantink (Haarlem) und Nicolas Rügge (Bielefeld). Lantink beschäftigte sich in seinem Referat mit der Frage des Aufstiegs einer bürgerlichen Familie am Fallbeispiel der Haarlemer Verleger und Drucker Enschedé und zeigte einige charakteristische Aufstiegsmuster für eine Familie des Ancien Régime auf: über Jurastudium, die aktive Beteiligung an neuen städtischen Formen des Gesellschaftslebens (Freikorps), die Entstehung eines familiären Elitenbewußtseins und schließlich die Formierung einer neuen städtischen Elite. Rügge präsentierte am Beispiel der "Landstadt" Herford den Weg eines Beamten vom Stadtoberhaupt zum Staatsbeamten. Kennzeichnend für die von ihm dargestellte Ratselite, die sich in der Abfolge der Bürgermeister bildete, war Kontinuität trotz einer Ratsreform und der neuen Städteordnung von 1833. Lothar Gall betonte in seinem Kommentar die Ambivalenz der Familienzusammenhänge, die in den Vorträgen thematisiert worden waren. Der individuelle Aufstieg wurde mit den familiären Strukturen konfrontiert. In beiden Fällen bedeutete das Vorhandensein eines Familiennetzes eine deutliche Begünstigung des möglichen politischen und sozialen Aufstiegs. Eine entscheidende Rolle spielt im individuellen Aufstieg die Wahrnehmung der Positionierungsmöglichkeit durch die Familie selbst. Wichtig für die Beschreibung und Erklärung dieser Vorgänge seien die Phasen des Erfolgs beim Aufstieg, die sich in beiden Referaten als "verschoben" zeigten. Die Frage, woher - von innen, d.h. vom Bürgertum, oder von den äußeren Rahmenbedingungen her - der Wandel komme, blieb in beiden Fällen letztlich unbeantwortet. Die Diskussion der beiden Referate kreiste um die Problematik der ökonomischen Rahmenbedingungen des Aufstiegs mit besonderer Hervorhebung der wirtschaftlichen Krisen, die solche Prozesse beeinflussen (Reininghaus), die Frage des Aufstiegs oder der Statussicherung und des gleichzeitigen Aufstiegs in bezug auf die Verteilung der Aufgaben innerhalb einer Familie und der Berücksichtigung der Machtchancen (Reif), die Rolle der politischen Macht (Kunz) und die Entstehung der potentiellen Konflikte in dem harmonischen Wechsel vom Stadt- zum Staatsbeamten, gezeigt am Beispiel Herford (Wienfort) und letztlich um das Problem der Übernahme neuer Funktionen im alten bürgerlichen Gebilde (Zimmermann).
Den zweiten Teil der Sektion "Familie - Tradition und Dynamik" leitete Heinz Reif (Berlin) ein. Beide Vorträge stellten in ihren Mittelpunkt das Problem der "Adligkeit". William D.Godsey (Wien) sprach zum Thema "Vom Stiftsadel zum Uradel: Begrifflichkeit und Mentalitätswandel innerhalb des Adels zwischen Altem Reich und Deutschem Bund" und Siegfried Grillmeyer (Regensburg) zum Thema "Der Adel und sein Haus. Zur Geschichte eines Begriffs und eines erfolgreiches Konzepts". Godsey verfolgte in seinem Referat den Wandel des Begriffs "Adel" in den Adelsbiographien und der Publizistik an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert und stellte darin eine Veränderung fest, die sich in Form einer "Neuerfindung des Adels" manifestiert: einer Wandlung vom Blutsadel zum Adel der Nation. Grillmeyer thematisierte den Begriff "Haus" auf vier Ebenen: der räumlichen, ökonomischen, sozialen und politischen. Für alle Bereiche konstatierte er eine klare Überlebensstrategie des Hauses Thurn und Taxis, das über die Brüche hinaus seine elitäre Position bewahrte. In dem Kommentar von Heinz Reif wurde erneut die Frage nach der Bedeutung des Adels für die sozialen und kulturellen Prozesse der Zeit aufgeworfen. Mit der Betonung der Kulturleistung dieser Gruppe unterstrich Reif ihre soziale Glaubwürdigkeit und ihre Anpassungspotentiale. Die Brucherfahrung habe beim Adel Energien freigesetzt, die in unterschiedliche Bereiche einflossen. Diese Prozesse seien jedoch weniger klar und linear als es in den beiden Referaten zum Ausdruck komme. In der Diskussion kamen zahlreiche Probleme zur Sprache, die sowohl den methodischen Ansatz der beiden Referenten hinterfragten als auch dem weiterführenden Interesse an der Adelsproblematik Ausdruck verliehen.
In die letzten zwei Vorträge der zweiten Sektion führte Elisabeth Fehrenbach ein. Es referierten Karine Rance (Berlin) über "Die Sozialisation junger französischer Adeliger im deutschen Exil (1789-1815)" und Monika Wienfort (Bielefeld) über das "Bildungsbürgertum und standesgemäße Lebensführung. Eine preußische Richterfamilie 1830-1850)". Elisabeth Fehrenbach wies in ihrem Kommentar auf den Prozeß des Abstiegs hin, der in beiden Referaten thematisiert wurde, und betonte die offenbar so realistisch in diesem Prozeß eingeschätzten Wege der Anpassung über die Familiensolidarität, Selbständigkeit der Frauen und andere Formen der Überlebensstrategie. Die Diskussion würdigte die Wahl der Quellen (Wienfort) und unterstrich die Notwendigkeit der möglichst breit angelegten Zusatzrecherchen zu den präsentierten Ego-Dokumenten (Rance).
Zu Beginn der dritten Sektion verdeutlichte Frank Hatje (Hamburg) am Beispiel der Allgemeinen Armenanstalt in Hamburg von 1790 das Aufbrechen des auf Ehrenamtlichkeit und Reputation beruhenden traditionellen Systems der "Gemeinnützigkeit" der Stadtrepublik im ausgehenden 18. Jahrhundert, das fortan auch Mitgliedern neuer geselliger Zirkel und Freundeskreise (Patriotische Gesellschaft, Club der Harmonie, Club der Freundschaft) zugänglich war. Mit dem Ende der Franzosenzeit erfolgte jedoch in der Armenfürsorge der Elbmetropole der Übergang zu einer staatlich garantierten Minimalversorgung, während Neueinrichtungen von Stiftungen zunehmend auf privat-religiösen Motiven beruhten. Auf die hohe personelle Kontinuität der Verwaltungseliten der Reichsstadt Regensburg verwies Bettina Blessing (Gießen). Im Gegensatz zu anderen mediatisierten Reichsstädten gehörten die Regensburger Ratsfamilien nicht zu den Verlierern der politischen Neuordnung von 1802/03, sondern setzten ihre Karriere fast ausnahmslos im Kurfürstenstaat Dalbergs fort. Ausgehend von der Frage nach der Umwandlung von Reputation in Macht bewertete Stefan Brakensiek (Bielefeld) in seinem Kommentar die durch den republikanischen Tugenddiskurs (bonum commune) und innerstädtische Elitenkonkurrenz geprägten Stadtrepubliken als hervorragendes Objekt für die Untersuchung oligarischer Herrschaftsgefüge. Demgegenüber betonte er die vergleichsweise statischen Verhältnisse in Städten der Fürstenstaaten. In zahlreichen fürstlichen Landstädten überdauerten die Grundlinien der Karrierewege städtischer Amtsträger den verfassungsgeschichtlichen Bruch um 1800.
Die folgende Untersektion befaßte sich mit der Analyse der Interaktionen zwischen politischen und wirtschaftlichen Eliten. Ingrid Mittenzwei (Bernau) veranschaulichte die entscheidende Rolle Wiener Großkaufleute bei der wirtschaftlichen Modernisierung der österreichischen Residenz- und Verwaltungsstadt (1763-1815). Die aus dem Großhandel stammenden Unternehmer entwickelten sich im Untersuchungszeitraum zu einer bourgeoisen Schicht, welche die kapitalistischen Verhältnisse durch das Eindringen in die Produktion, die Übernahme technischer Innovationen und die Ausrichtung des Außenhandels auf die Bedürfnisse der Manufakturproduktion festigte. Auch wenn die Bourgeoisie nach wie vor von politischen Ämtern ausgeschlossen blieb, garantierten Freimaurerlogen, Salons und das öffentliche Musikleben nicht nur die Teilhabe der Bourgeoisie an der kulturellen Blüte des josephinischen Wien; sie dienten ebenfalls der ständeübergreifenden Begegnung zwischen Wirtschafts- und Bildungsbürgertum. Der faktische Ausschluß des Wirtschaftsbürgertums von den Schalthebeln der politischen Macht traf mit Abstrichen auch auf das protestantische Genf zu. Anja V. Hartmann (Mainz) verdeutlichte in ihrem Beitrag "Geld und Macht in Genf: Elitegruppen zwischen Symbiose und Rivalität (1760-1840)" die Unterrepräsentation wirtschaftlicher Eliten in den politischen Entscheidungsgremien der Stadt, die bis in die 1840er Jahre fast ausschließlich von alteingesessenen Familienclans regiert wurde. Vor allem über das traditionelle Mittel des Konnubiums verfügten aber wohlhabende Kaufleute und Unternehmer über eine indirekte und beschränkte Einflußnahme auf die politischen Entscheidungsträger der Stadtrepublik. Der Kommentar Günther Lottes´ (Gießen) zu den beiden Referaten stand unter der Leitfrage der Umwandlung ökonomischen Kapitals in politische Macht. Für das Fallbeispiel Wien betonte Lottes die politischen Rahmenbedingungen, die eine wirtschaftliche Modernisierung erst ermöglichten. Den Genfer Eliten attestierte er eine durch Heirats- und Familienstrategien abgesicherte "Arbeitsteilung". Als entscheidend bezeichnete Lottes die Frage nach der Attraktivität politischer Macht aus der Perspektive der ökonomischen Elite.
Mit der stadtbürgerlichen Elite Leipzigs im Spannungsfeld bürgerlicher Selbständigkeit und monarchisch-bürokratischer Herrschaft in der Sattelzeit beschäftigte sich Thorsten Maentel (Frankfurt/Main). Unter Berufung auf die genossenschaftliche Tradition der Stadtgesellschaft vermochte die bürgerliche Elite ihren wirtschaftlichen, kulturellen und bürgerlichen Führungsanspruch in der Stadt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf einer veränderten Grundlage neu zu befestigen. In seinem Beitrag "Cultural Elites and the Invention of Modern Conceptions of Citizenship in the Netherlands in the Batavian Period" erläuterte Wijnand W. Mijnhardt (Utrecht) die grundlegende Wandlung des Bürgerbegriffs in den Niederlanden in der Umbruchszeit. Bezeichnete der Begriff ursprünglich allein den rechtlich privilegierten Stadtbürger, so erfolgte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter dem Einfluß der holländischen Dissenters (Mennoniten) sowie der englisch-schottischen Aufklärung eine Bedeutungserweiterung in Richtung eines aufgeklärten Weltbürgers mit vaterländischer Gesinnung. Durch die Französische Revolution erhielt der Begriff eine nochmalige ideologische Aufwertung. Von der sozialen Öffnung profitierten große Teile des wohlhabenden Bürgertums. Im Ergebnis entstand in der Batavischen Republik ein Elitenamalgam, das konfessionelle Minderheiten - mit Ausnahme der Katholiken - mit den alteingesessenen Familien des niederländischen Ancien Régime verband. Frank Möller (Jena) kommentierte die beiden Beiträge unter Betonung des in der Umbruchszeit erfolgenden Wandels stadtbürgerlicher Eliten in Elitenformationen der modernen Gesellschaften.
In der Schlußdiskussion wurden aus verschiedenen Blickwinkeln Ansätze und Möglichkeiten historischer Elitenforschung reflektiert.
Die Tagungsbeiträge sollen in einem Sammelband publiziert werden.
Dr. Anja V. Hartmann, Dr. Malgorzata Morawiec, Dr. Peter Voss
Institut für Europäische Geschichte
Projektgruppe Elitenforschung
Alte Universitätsstraße 19
55116 Mainz
Tel.: +49 6131 236804
Fax: +49 6131 237988
E-Mail: Anja.Victorine.Hartmann@uni-mainz.de
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