AHF-Information Nr. 33 vom 11.06.1999
Verschwörungstheorien sind überall. Die Berichterstattung in den Medien wimmelt nur so von Spekulationen über geheime Machenschaften und Pläne, über Drahtzieher und deren Marionetten. Zu einem Tummelplatz konspirationstheoretischer Weltdeutungen hat sich das Internet entwickelt ein beliebter Gegenstand kulturkritischer Betrachtungen im Feuilleton.
Für den Historiker dagegen sind Verschwörungstheorien eine Herausforderung, die bisher nur selten angenommen wurde. Subjektiv mögen hierfür Berührungsängste vor einer Beschäftigung mit "politischer Pornographie" (Daniel Pipes) eine Rolle spielen, objektiv erschwert der besondere Charakter des Phänomens einen analytischen Zugang. So banal die Kernaussagen konspirationstheoretischer Konstrukte erscheinen ("die Juden streben die Weltherrschaft an"), so kompliziert sind ihre Wirkungsmechanismen.
Verschwörungstheorien fordern zu umfassenden Fragestellungen heraus: Was macht Menschen als Individuen wie als Angehörige gesellschaftlicher Gruppen anfällig bzw. resistent? Sind Verschwörungstheorien ein Kind der Moderne, virulent in Zeiten zyklischer Krisen? Sind sie Kennzeichen aufgeklärter Gesellschaften oder ein universales Prinzip in der Geschichte? Solche Fragen gehören in das Arbeitsfeld von Historikerinnen und Historikern, können von diesen allein aber nicht beantwortet werden.
Vertreter unterschiedlicher Disziplinen waren es daher, die das DHI Warschau zu einer Tagung über Verschwörungs-Theorien einlud. Annäherungen an das Phänomen erfolgten in vier Schritten. Einem einführenden Teil schlossen sich Themenblöcke zu Klassikern der Verschwörungstheorie sowie zu Fallbeispielen aus Osteuropa an. In einem vierten und letzten Teil sollte anhand von Testfällen die Reichweite des Erklärungsmodells "Verschwörungstheorie" erprobt werden.
In die Problematik der Tagung führte die Warschauer Publizistin Teresa Bogucka ein. Ihr Abendvortrag "Verschwörungstheorien in Polen nach 1945" verband persönliche Erfahrungen mit gesellschaftskritischen Reflexionen. Das Wort Verschwörung habe in Polen keinen schlechten Klang, stellt die Referentin im Hinblick auf die historische Tradition ihres Landes fest.
Eine Standortbestimmung aus der Sicht des Historikers nahm Rudolf Jaworski (Kiel) vor. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stand das Verhältnis von individueller Paranoia und kollektiven Verschwörungstheorien. Jaworski unterstrich in diesem Zusammenhang die eigentümliche Zwischenstellung von Verschwörungstheorien zwischen psychologischen Dispositionen und historischem Kontext, zwischen Privatem und Öffentlichem.
Philosophiegeschichtlich führte Ruth Groh (Konstanz) das Problem der Verschwörungstheorien auf ein teleologisches Weltbild zurück. Innerhalb eines solchen Systems müssen enttäuschte Erwartungen auf eine Ursache bzw. einen Verursacher projiziert werden.
Hinsichtlich der Ausgangsfrage nach einer möglichen Epochenzäsur nahm das Problem der Hexenverfolgung eine Schlüsselstellung ein. Werner Tschacher (Aachen) interpretierte die elitäre, von führenden Gelehrten ihrer Zeit entwickelte "Hexenlehre" als echten Vorläufer moderner Konspirationstheorien. Ursprungsmythos, Textmanipulationen ("Hexenhammer") und schließlich die Vermittlung über Flugblatt und Buch lassen sich als klassische Strukturmerkmale von Verschwörungstheorien beschreiben auf inhaltlicher Ebene konkretisiert durch einen Pakt von Hexe und Teufel, die permissio Dei und den Hexensabbat als Konspirationszentrum.
Eine säkularisierte Form der Verschwörerthese stellte Johannes Rogalla von Bieberstein (Bielefeld) vor. Die Freimaurer als Akteure einer Konspiration gegen Thron, Altar und bürgerliche Gesellschaft lösten innerweltlich den Teufel ab.
Das Ergebnis jüngster Forschungen präsentierte Michael Hagemeister (Bochum). Danach können die "Protokolle der Weisen von Zion" nicht länger als das Pariser Produkt der zarischen Geheimpolizei gelten. Die Spur ausgedehnter Quellenstudien führe nach Südrußland, mit einiger Wahrscheinlichkeit in die Moldau.
Mit dem anschaulichen Titel "Die sowjetische Welt als Verschwörung" zeichnete Gábor T. Rittersporn (Berlin) eine beklemmende Innensicht der hochstalinistischen Sowjetunion. Die Krise des Systems wurde von Opfern wie Tätern übersetzt in Verschwörungstheorien begünstigt durch konspirative Traditionen der Bol´eviki wie durch dämonologische Deutungsmuster der Volkskultur.
Die sprachliche Konstruktion von Verschwörungstheorien analysierte der Warschauer Literaturwissenschaftler Michal Glowinski. Als Beispiel wählte er die antisemitische Kampagne des März 1968 in Polen. Glowinski wies nach, daß es nicht der ausdrücklichen Nennung des Begriffs Verschwörung bedurfte. Sowohl in den Medien wie im internen Schriftverkehr der Partei konnten Zionisten als "Inspiratoren" der demonstrierenden Studenten denunziert werden.
Die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien behandelte Hans-Joachim Maaz (Halle) aus psychoanalytischer Sicht. Der Referent führte sie auf eine Ich-Schwäche des Individuums zurück, die wiederum ein Resultat "früher Störungen" sei. Wenn in den neuen Bundesländern Kompensationsformen aus der DDR nicht mehr und neue (westdeutsche) noch nicht griffen, böten sich Verschwörungstheorien als naheliegende Orientierungshilfe an wie sie etwa in der Formel "alte Seilschaften" ihren Ausdruck finden.
Ein Testfall für den möglicherweise universalen Charakter von Verschwörungstheorien stellt die außereuropäische Welt dar. Ließen sie sich dort nachweisen, wäre nach dem Verhältnis von kolonialem Vermächtnis und autochthoner Leistung zu fragen. Stefan Brüne (Hamburg) untersuchte in einem idealtypischen Vergleich zwei afrikanische Länder. Während im postkolonialen Mali Ansätze einer offenen Diskussionskultur zu beobachten sind, bilden in dem traditionellen geprägten Äthiopien Spekulationen über Verschwörungen ein Grundelement der Alltagskultur, was auf die spefizischen Kommunikationsstrukturen des Landes zurückzuführen ist.
Die von Rex Rexheuser (Lüneburg) moderierte Schlußdiskussion leitete Dieter Groh (Konstanz) mit einer Vorstellung seiner Taxonomie zur Verschwörungstheorie ein. In der Diskussion warnte Jaworski davor, die Epochengrenzen herunterzuspielen. Hans Hecker (Düsseldorf) führte eine Überlegung aus, die zuvor schon Gegenstand der Diskussion war: Verschwörungstheorien sind auf Öffentlichkeit angewiesen; sich verdichtenden Kommunikationsverhältnissen kommt eine Schlüsselrolle zu.
Die Gewichtung von anthropologischen Konstanten und konkretem historischen Kontext war eine der zentralen Fragen der Diskussion. Während auf der einen Seite der Einfluß einer "paranoiden Disposition" und die universale Entlastungsfunktion von Verschwörungstheorien in Krisensituationen herausgestellt wurde, betonten stärker historistisch argumentierende Teilnehmer die Bedeutung unterschiedlicher politisch-sozialer Rahmenbedingungen. Die Tagung machte deutlich, daß sich Verschwörungstheorien nur über einen interdisziplinären Zugang angemessen beschreiben und analysieren lassen. Zu den Forschungsdesideraten gehört ein Ansatz, der die "abstruse Textgattung" Verschwörungstheorie auch in ihrer Fiktionalität ernst nimmt, und diese wiederum in ihrem Verhältnis zur Faktizität untersucht.
Die Verbindung einer zugleich zeitlich übergreifenden wie methodisch breit angelegten Fragestellung ermöglicht in ihrer Focusierung auf Osteuropa einen Erkenntnisgewinn insofern, als sich erst durch diese Kombination das konkrete Mischungsverhältnis von universalen und landesspezifischen konspirationstheoretischen Mustern auch in ihrer historischen Dimension bestimmen läßt. Eine Veröffentlichung der Beiträge in der Reihe "Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau" ist vorgesehen.
Ute Caumanns / Mathias Niendorf, Warschau
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1999. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |