AHF-Information Nr. 32 vom 11.06.1999
Der von der VW-Stiftung geförderte Projektverbund "Das französische Deutschlandbild im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts", in dem Wissenschafter der Universitäten Marburg, Leipzig und Paris VIII sowie der Maison des Sciences de lHomme mitarbeiten, wollte auf dieser Tagung ihre Arbeitsergebnisse in Fachkreisen vorstellen und diskutieren. Zugleich wurden Fachkollegen eingeladen, um weitere Aspekte der Fragestellung zu behandeln. Die Projektgruppe "Französisch-Sächsischer Kulturtransfer" am Frankreichzentrum der Universität Leipzig, die die Tagung ausrichtete, bot dem Projektverbund ein Forum und stellte eigene Ergebnisse zur Diskussion. Ihre zahlreichen Aktivitäten spiegeln sich bereits in einer stattlichen Zahl von Veröffentlichungen. Die neuerliche Zwischenbilanz der gemeinsamen Arbeit war dem scheidenden Direktor des Centre Marc Bloch in Berlin, Etienne François, gewidmet, der die Arbeit der Projektgruppe wie auch des Frankreich-Zentrums der Universität Leipzig wesentlich gefördert hat. Matthias Middell würdigte einleitend die Verdienste des so geehrten, der sich, wenn man so will, mit einer intensiven Teilnahme an den Diskussionen revanchierte und so die Fruchtbarkeit der Zusammenarbeit demonstrierte.
Das Treffen thematisierte Fremdbilder und Eigenbilder am Beispiel Deutschlands und Frankreichs, ohne jedoch in die Einseitigkeiten der traditionellen "Bilder"-Forschung verfallen zu wollen und orientierte sich dabei konzeptionell am "Kulturtransfer"-Ansatz. Das recht umfassende Thema der Veranstaltung wurde in zwei aufeinanderfolgenden Sektionen behandelt. Die erste widmete sich den "vornationalen" Deutschland- und Frankreichbildern, die zweite suchte die Rolle der Selbst- und Fremdbilder im Prozeß der Nationalstaatsbildung zu erkunden. Dem war ein Beitrag von Fred E. Schrader (Paris) vorgeschaltet, der thesenartig den Stand der theoretischen Diskussionen zusammenfaßte und dabei besonders Bemerkungen zum Vergleich machte, indem er sich u.a. auf einen Aufsatz von Michel Espagne bezog.
Die ersten fünf Beiträge setzten sich mit dem französischen Bild des Alten Reiches und seiner Verfassung auseinander. Dabei wurde deutlich, daß das Reich und seine Institutionen unter verschiedenen Gesichtspunkten und aus verschiedenen Gründen betrachtet wurden: sie reichen von politischer Bildung, über interessengeleitete vom Gewicht der Geschichte determinierte Politik bis zur Projektionsfläche für alternative Gesellschaftsmodelle. Martin Wrede (Osnabrück) stellte dar, daß die französischen Perzeptionen der Reichsverfassung im 18. Jahrhundert zwischen Zuschreibung einer Vorbildfunktion und völligem Unverständnis schwankte. Das hattte seinen Grund darin, daß für die Institutionen des Reichs schlicht keine französische Begrifflichkeit existierte und nur als radikale Differenz beschrieben werden konnte.
Jörg Ulbert (Marburg) zeigte, daß trotz einer nach 1715 veränderten weltpolitischen Konstellation das diplomatische Korps Frankreichs weiterhin am traditionellen Feindbild Habsburg festhielt und einzelne diplomatische Vertreter völlig überzogene Szenarien der habsburgischen Bedrohung nach Paris übermittelten. Der Beitrag Sven Externbrinks (Marburg) zeigte dann am Beispiel des politischen Denkens eines hohen Diplomaten Frankreichs, Louis-Augustin Blondel (1696-1791), daß das veränderte europäische Kräfteverhältnis im Laufe des 18. Jahrhunderts auch Auswirkungen auf die französische Reichspolitik hatte. Sie suchte sich durch eine Stabilisierung des Reiches den Rücken gegen England freizuhalten. Die Erhaltung des Gleichgewichts im Reich war dazu unumgänglich. So konnte Externbrink in Abgrenzung zur These von Eckhard Buddruss auch auf manche Entscheidungen in der frühen Phase des siebenjährigen Krieges ein neues Licht werfen.
Im Gegensatz zu dieser aus politischen Gründen motivierten Sicht auf das Reich zeigten Olaf Asbach (Marburg) und Dieter Hüning (Marburg), daß das Reich und seine Institutionen auch als Alternative zum absolutistischen Systems Frankreichs gesehen wurde. Asbach zeigte so, daß der Abbé de Saint Pierre versuchte, das Reich und seine Institutionen zum Vorbild für eine gesamteuropäische Friedensordnung in Form einer Föderation oder Konföderation zu machen. Hüning stellte die Reichsverfassungsperzeption bei einem anderen Vertreter des französischen politischen Denkens, beim Abbé de Mably dar. In dessen Verfassungsgeschichte, die in moralphilosophischer Absicht verfaßt wurde, erscheint das Reich als Alternative zur politischen Gesellschaftsverfassung in Frankreich.
Auf die Beiträge zur Perzeption des Reiches folgten zwei Vorträge, die sich stärker auf ein Reichsterritorium, auf Kursachsen, konzentrierten. Katharina Middell (Leipzig) beschrieb die Stellung französischer Réfugiés (Hugenotten) in Sachsen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Dabei wurde der Unterschied zwischen Integration des Fremden und dessen Assimilation sehr deutlich. Der "Deutsch-Franzos" strebte zwar die rechtliche Integration in die örtliche Bürgergemeinschaft an, bezog jedoch sein "Geschäftskapital" aus seiner besonderen Frankreichkompetenz. Diese "Hybridität" zog eine besondere Wahrnehmung durch die sächsische Bevölkerung nach sich, wie K. Middell exemplarisch an den Schriften des "Deutsch-Franzos" belegte.
Das Bild Sachsen in der Korrespondenz der französischen diplomatischen Missionen in Dresden stellte Steffen Sammler (Leipzig) vor. Die vom diplomatischen Personal wiederholt eingesandten umfassenden Landesbeschreibungen zogen als Vergleichsmaßstab Frankreich oder Preußen heran. Die französischen Vertreter registrierten so, daß Sachsen am Ende des 18. Jahrhunderts zum wirtschaftlichen Konkurrenten Frankreichs avancierte. Das außenpolitische Gewicht Kursachsens wurde indessen gering geschätzt. Auch der innenpolitische Machtapparat wurde als nicht auf der Höhe der Zeit stehend bewertet.
Hans-Martin Blitz (Freiburg) leitete thematisch bereits zur zweiten Sektion über. Die Erfindung des deutschen Nationalismus schien bisher immer ein Produkt der Befreiungskriege von 1815 zu sein. Mit seinem Beitrag zu frühen Konstruktionen eines deutschen Vaterlandes im Siebenjährigen Krieg präsentierte er jedenfalls Vorformen, die eine deutliche Verwandschaft zeigten. Er bezog sich dabei auf die Herausbildung eines Vaterlandsbegriffs in Texten, die für die preußische Armee bestimmt waren und in denen Preußen als Führungsmacht des Reiches dargestellt wurde. Allerdings blieben solche Äußerungen noch durchgehend auf den Monarchen bezogen und weniger auf dessen Staat. Auch war die Produktion dieser Texte von den Konjunkturen des sich mit dem Kriegsverlauf wandelnden Marktes abhängig.
Thomas Höpel (Leipzig) zeigte, wie im Zuge der Behandlung der Revolutionsflüchtlinge von 1789ff. in Preußen ein klareres Bild vom Eigenen und vom Fremden entstand und die staatliche Herrschaftspraxis in diesem Prozeß zu einem wesentlichen Motor für eine kulturelle Integration wurde. Diese drückte sich nicht nur in der Stabilisierung von Fremd- und Selbstwahrnehmungen aus, sondern vor allem auch in der schrittweisen Einführung des Paradigmas Staatsbürger/Ausländer. Die Herausforderung durch die Revolution in Frankreich, durch den Krieg und durch die massenhafte Konfrontation mit Fremden, die keine dauerhafte Assimilation in die Kultur der Fluchtstaaten anstrebten, beförderten diesen Prozeß der Ablösung von den frühneuzeitlichen Mustern des Umgangs mit Fremden.
Die Sichtweise der adligen Revolutionsflüchtlinge auf "Deutschland" wurde im Gegenzug von Karine Rance (Paris) anhand von deren Memoiren dargestellt. Sie zeigte, wie deren Blick auf das Alte Reich im Laufe ihres dortigen Aufenthalts umkippte. Wurde es in der Anfangsphase als Rückzugsraum gesehen, in dem das Ancien Régime noch intakt war, führten die zahlreichen Beschränkungen und Ausgrenzungen, denen die Emigranten im Alten Reich nach der Niederlage von Valmy ausgesetzt waren, zu einer Neuentdeckung der eigenen französischen Identität.
In den folgenden Beiträgen wurden die Bilder vom anderen in Literatur und Musik behandelt. Guido Müller (Tübingen) wandte sich in seinem Beitrag gegen die These von der frühen Herausbildung von Nationalopern, die nationale Antagonismen und abgrenzende Nationalbilder thematisierten. Vielmehr blieb die Oper zwischen 1770 und 1850 eher eine europäische und transnationale Einrichtung, die Nationalisierung erfolgte erst ab 1850.
Am Beispiel von Madame de Staël behandelte Julia Ahlers-Hestermann (Göttingen) das Problem des kulturellen Transfers und der damit verbundenen Einbußen. In der Diskussion wurde deutlich, daß die Vermittlungsleistung Mme de Staëls auch eng von ihren marktpolitischen (d. h. dem anvisierten Rezipientenkreis) und ihren politischen Ambitionen abhängig war.
Christoph auf der Horst (Düsseldorf) zeigte, auf welche Weise Heinrich Heine die Napoleonlegende für die Vermittlung liberaler Ideen nutzte.
Im abschließenden Beitrag untersuchte Wolfgang Schmale (Wien), wie sich vom 16. zum 18. Jahrhundert das Wahrnehmungsmuster "Grenze" änderte: von einem eher gleitenden Übergang, der durch sich verändernde kulturelle Zeichen wahrnehmbar wurde, hin zur linearen Grenze. Entscheidend für diese Veränderung des kulturellen Gedächtnisses war, daß seit dem 17. Jahrhundert die einzelnen Sprachen für die Konstruktion von kulturellen Räumen an Bedeutung gewannen, während zuvor die Abgrenzung zur antiken Tradition stärker eine europäische Gesamtkultur zur Folge hatte. Die Veränderung des Wahrnehmungsmusters "Grenze" konstruiert zugleich ein anderes Bild vom Fremden.
In einer angeregten Schlußdiskussion wurden abschließend noch einmal die grundlegenden Diskussionspunkte herausgearbeitet. Insbesondere wurde auf die Instrumentalisierung der Bilder und ihre Aufladung mit unterschiedlicher Bedeutung hingewiesen. Zugleich wurde unterstrichen, daß die binäre deutsch-französische Struktur, wie Jeismann gezeigt hat, zwar gerade für die Herausbildung beider Nationen wichtig gewesen ist, die alleinige Reduzierung der Diskussion auf diesen Rahmen aber irreführend sei. Die Ergebnisse der Tagung werden voraussischtlich in den Veröffentlichungsreihe des Leipziger Frankreich-Zentrums publiziert. Rückfragen möglich an hoepel@rz.uni-leipzig.de.
Thomas Höpel/Hans-Martin Moderow
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1999. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |