AHF-Information Nr. 31 vom 10.06.1999

Gesundheit und Kultur - Eine Standortbestimmung der Forschung

Zweites Arbeitstreffen des "Netzwerkes Gesundheit und Kultur in der volkskundlichen Forschung"
vom 17. bis 19. März 1999 in Würzburg (Akademie Frankenwarte)

Gesundheit und Krankheit, das sind Themen, die eigentlich zum "traditionellen" Interessensgebiet kulturhistorischer und besonders volkskundlicher Forschung gehören. Seit drei Jahren besteht nun ein Kommunikationsforum für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die innerhalb verschiedener kulturwissenschaftlicher Disziplinen auf dem weiten Themenfeld "Gesundheit und Kultur" arbeiten: Das "Netzwerk Gesundheit und Kultur in der volkskundlichen Forschung" wurde 1996 von Eberhard Wolff, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart, am Rande des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde in Karlsruhe initiiert. Vom 17. bis 19. März 1999 traf sich dieser lose interdisziplinäre Zusammenschluß zum zweiten Mal zu einem längeren Arbeitstreffen, das unter das Motto "Gesundheit und Kultur- Eine Standortbestimmung der Forschung" gestellt war. Nach Würzburg waren rund 25 Personen aus den Fächern Medizingeschichte, Volkskunde/ Europäische Ethnologie, Ethnologie und Pflegewissenschaften gekommen. Fast alle beschäftigten sich in ihrer momentanen Arbeit, in Forschung und Lehre, in ihrem Studium, als Freiberuflerinnen, Museumsfachleute, Museumspädagogen oder Ausstellungskuratorinnen aus kulturwissenschaftlicher Sicht mit dem Tagungsthema. Einige hatten ihr Interesse an der kritischen Auseinandersetzung mit Gesundheit und Krankheit aus ihrer früheren Arbeit in Heil- und Pflegeberufen mitgebracht.

In ihrem Einführungsvortrages "Volkskundliche Forschung zu Gesundheit und Krankheit - eine Bestandsaufnahme" versuchte die Kulturwissenschaftlerin Gudrun Silberzahn-Jandt (Esslingen) eine Analyse aller zwischen 1991 und 1999 in den Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde verzeichneten volkskundlichen Abschlußarbeiten (Magister-, Doktorarbeiten, Habilitationsschriften), die sich im weitesten Sinne mit dem Thema "Gesundheit" beschäftigten. Da viele der aufgeführten Arbeiten nicht einsehbar waren, aus Titeln nicht immer genau auf die behandelten Themen zu schließen und die Trennung von verwandten Sachgebieten, etwa "Körperforschung", häufig unmöglich war, waren nur wenige konkrete Aussagen und Schlußfolgerungen aus der Erhebung zu ziehen. Silberzahn-Jandt konnte dennoch einige Beobachtungen machen, die die Diskussionen der Arbeitstagung anregten: Die Beschäftigung mit Gesundheit und Körperlichkeit ist (nach wie vor) vorwiegend "Frauensache". Arbeiten zur historischen und gegenwärtigen Medikalkultur halten sich in etwa die Waage. Viele Arbeiten blieben unreflektiert in ihren Methoden und Begriffen; selbst eine Auseinandersetzung mit dem in der kulturhistorischen Forschung sehr problematischen Begriff "Volksmedizin" fand häufig nicht statt.

Der erste große Themenkomplex der Tagung widmete sich der Gesundheitsforschung im Museum. Marita Metz-Becker, Volkskundlerin in Marburg, berichtete über ihre Erfahrungen mit einem zweisemestrigen Forschungsprojekt an der dortigen Universität zur Medikalkultur, das in einer sehr erfolgreichen, bis vor kurzem in Marburg gezeigten Ausstellung zur "Hebammenkunst" mündete. Die Schwierigkeiten, das Thema "Gesundheit" ins Museum zu bringen, wurden auch am Beispiel des Deutschen Hygienemuseums in Dresden und einigen seiner jüngeren Ausstellungsprojekte deutlich. Die Leiterin der 1990 neu konzipierten Sammlungen des "Museums vom Menschen" Susanne Rößiger zeigte anhand von Geschichte und Sammlungs- und Ausstellungskonzept die vielfältigen Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Darstellbarkeit von Gesundheitsthemen im Museum. Die Kulturanthropologin Heidrun Merk (Frankfurt a.M.) vertiefte das Gesagte am Beispiel ihrer zusammen mit Susanne Rößiger konzipierten Ausstellung "Hauptsache gesund!- Gesundheitsaufklärung zwischen Disziplinierung und Emanzipation" (1998). Der Aufbau einer "historischen Distanz" des Publikums zu den Objekten hat sich im Falle dieser Präsentation als besonderes Problem herausgestellt: Besucherinnen und Besuchern sollte deutlich werden, daß in der Ausstellung gezeigte Plakate, Broschüren, Bildmaterialien etc. nicht zur Aufklärung über Aids, TBC etc. dienten, sondern historische Entwicklungen der Gesundheitsaufklärung zeigen sollten. Daß diese fehlende Distanz auch ein Problem der Ausstellungskonzeptorinnen und -konzeptoren sein kann, zeigte eine kurze kontroverse Diskussion, die sich am Ausstellungskonzept der Marburger "Hebammenkunst"-Ausstellung entzündet hatte: Das Aufzeigen bestimmter Entwicklungslinien habe zwangsweise auch einen gewissen Aufklärungscharakter, der für oder gegen einen bestimmten Sachverhalt - etwa für die "sanfte Geburt" und gegen eine "herkömmliche Klinikgeburt"- einstellen könne. Die aufgeworfene Frage nach dem "erlaubten Ideologieanteil" dürfte sich jedoch weder auf kulturhistorische Ausstellungen beschränken, noch pauschal klären lassen.

Susanne Hahn, Medizinhistorikerin am Deutschen Hygienemuseum, demonstrierte in einem dichten Vortrag die Berührungspunkte kulturwissenschaftlicher und neurologischer Forschungsparadigmen. Unter dem Titel "Die vertauschten Köpfe. Kognitive und heuristische Potenzen im volkskundlichen Bereich für die Neurowissenschaften" formulierte sie die These, Vorstellungen über den menschlichen Kopf, das Gehirn und das Denken, wie sie z.B. in Erzählmotiven verankert sind, würden von den modernen Neurowissenschaften aufgegriffen. Versuche, beispielsweise Hundewelpen einen zweiten Kopf zu transplantieren, rekurrierten auf Motive von Doppel- oder Mehrköpfigkeit, wie sie u.a. in Sagen vorkommen. Der mit vielen Bildbeispielen illustrierte Vortrag konnte außerdem zeigen, wie die Vorstellungen vom Gehirn als Zentrum des Menschen solche vom Herz ersetzt haben. Hahns anregende Überlegungen waren in Zusammenarbeit mir Alois Unterkircher, Volkskunde-Student in Innsbruck, entstanden. Er hatte in Bild- und Textquellen, wie Votivbildern oder "modernen Sagen", Belege für die Topoi Kopflosigkeit, Doppel- und Vielköpfigkeit und vertauschte Köpfe bzw. Gehirne zusammengetragen.

Im Mittelpunkt des Beitrags von Lars-Ole Andersen stand der sog. "Placeboeffekt", mit dem sich der Volkskundler und Museumspädagoge am Medizinischen Museum in Kopenhagen schon seit längerem auseinandersetzt. Zentrale Fragestellung seiner Forschungen ist der Anteil der "Kultur" an Heilungs- oder Linderungsprozessen bei denen ein "Placeboeffekt" auftritt. Die Abgrenzungen und Übergänge von "illness" (Leiden an einer Krankheit) und "disease" ("tatsächlich" diagnostizierte Krankheit), die in Andersens Überlegung eine große Rolle spielten, beschäftigten auch Christian Postert (Münster) in seinem Vortrag "Normative Krankheitskonzepte und der kulturelle Kontext". Ihm gelang es, die Genese der komplexen Vorstellungen von "illness" und "disease" zu verdeutlichen: An Beispielen beschrieb er eingängig die allmähliche Aufweichung dieser strengen Dichotomie. Die Überschneidung zwischen natur- und kulturwissenschaftlicher Gesundheitsforschung verkörperte Postert als Ethnologe und angehender Arzt quasi in eigener Person. In seinem dichten Vortrag plädierte er u.a. für die Auseinandersetzung mit Heilmethoden und Krankheitskonzepten außereuropäischer Kontexte. So könnten idealtypische Kategorien gewonnen werden, die vor allem bei schwieriger Quellenlage für historische Erforschungen (europäischer) medikaler Laienkultur neue Ansätze bieten könnten. Für die notwendige ausführliche Auseinandersetzung mit der Berechtigung und Anwendbarkeit dieses im außereuropäischen Jetzt gewonnenen "anderen Blicks" für das europäische Gestern blieb jedoch leider keine Zeit.

Den letzten Vortrag bestritt die Münchner Volkskundlerin Waltraud Pulz, die sich sehr pointiert mit "Nutzen und/oder Nachteil der retrospektiven Diagnose für die Gesundheitsforschung" auseinandersetzte. Retrospektive Diagnosen haben derzeit vor allem in der US-amerikanischen Forschung Konjunktur. Anhand von historischen medizinischen Darstellungen, z.B. von Mißbildungen, oder auch DNA-Analysen werden Befunde erstellt, Krankheiten "diagnostiziert". Dabei werden in den meisten Fällen unkritisch heutige Vorstellungen von einer bestimmten Krankheit, z.B. "der Pest", rückprojiziert. Das eigene Wissen wird nicht historisiert. Aufgabe kritischer Forschung, so betonte Pulz, sei es aber zu fragen, was kulturell bzw. historisch an Diskursen über Krankheit und Gesundheit sei.

Das Lob für Ablauf und Inhalt der Tagung überwog in der Abschlußdiskussion, die Walburga Haas (Frankfurt a.M.) mit einem Initiativstatement eingeleitet hatte. Der informelle Charakter und die offene Atmosphäre ermöglichten es, sich auch mit Schwächen zu präsentieren, wie es eine Teilnehmerin formulierte. Die meisten Anwesenden empfanden vor allem den interdisziplinären Ansatz als Bereicherung. Für weitere Treffen des Netzwerkes wurde jedoch angeregt, sich stärker den Differenzen kulturwissenschaftlicher und naturwissenschaftlicher Forschung zu widmen. Deutlicher als bisher sollten auch unterschiedliche Fragestellungen und Sichtweisen innerhalb der kulturwissenschaftlichen Disziplinen selbst thematisiert werden.

Organisator und Tagungsleiter Eberhard Wolff hatte das Programm flexibel genug geplant, um auf Wünsche reagieren zu können. So blieb neben den Vorträgen Zeit, aktuelle Forschungsprojekte im Plenum vorzustellen und zu diskutieren. Die Bandbreite der laufenden Forschungen reicht von Körperkonzepten des 18. und 19. Jahrhunderts, über die Beschäftigung mit Homöopathie und Psychiatrie, bis zur Analyse von Idenititätskonzepten von Transplantationspatientinnen und -patienten und der Etablierung neuer Todes- und Lebensdefinitionen wie sie sich in deutschen Parlamentsdebatten um Humantechnologien abzeichnen. Angesichts der Relevanz die die Ergebnisse solcher kulturwissenschaftlicher Forschungen für die gegenwärtigen Diskussionen um Humantechnologie, Körper, Identität etc. haben könnten, müßte sich das während der Tagung von vielen geäußerte Gefühl der "Randständigkeit" und mangelnder Anerkennung der Beschäftigung mit "Gesundheit und Krankheit" in und außerhalb der eigenen Disziplinen eigentlich erübrigt haben.

Eine dritte Arbeitstagung des "Netzwerkes" ist für März 2000 in Würzburg vorgesehen. Kontakt: Dr. Eberhard Wolff, Institut für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung, Straußweg 17, 70184 Stuttgart (eberhard.wolff@po.hi.uni-stuttgart.de).

Bettina Keß M.A. (Würzburg)


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