AHF-Information Nr. 30 vom 10.06.1999

RUSSLAND UND DIE BÖHMISCHEN LÄNDER

Kontakte, Einflüsse und Wahrnehmungen vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert

Jahrestagung des Collegium Carolinum
19. bis 22. November 1998 in Bad Wiessee

 

Die diesjährige Wiesseer Tagung des Collegium Carolinum griff ein weiteres – und Ferdinand Seibt zufolge auch letztmalig in dieser Veranstaltungsreihe – "Beziehungsthema" auf: Nach Frankreich, Großbritannien und den USA, Ungarn, Polen und in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder auch Deutschland bzw. den Deutschen sollte nun Rußland als Bezugspunkt böhmisch-mährischer, tschechischer und slowakischer Orientierung in der Welt untersucht werden.

Es waren verschiedene Bereiche, die dabei angesprochen wurden: Im Vordergrund vieler Beiträge stand die politische Geschichte, so in den Vorträgen Valentina Mar'inas und Jan Foitziks, welche die sowjetisch-tschechoslowakischen Beziehungen der Jahre 1939–1945 bzw. 1945–1948 behandelten. Ebenfalls in diesen Bereich gehörten der Beitrag Zdenek Kárníks, der die Haltung der tschechoslawischen und der deutschen Sozialdemokratie zu den russischen Revolutionen beschrieb, sowie Karel Pichlíks Ausführungen zur russischen Regierungspolitik des Jahres 1917.

Im weiteren Zusammenhang mit den russischen Revolutionen standen auch die Beiträge Vladimír Gonec' (Der Einfluß emigrierter russischer Philosophen und Denker auf die intellektuelle Entwicklung in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit), Lubica Harbulovás (Konfessionelle Zentren und Vereinswesen der russischen Emigration in der Slowakei in der Zwischenkriegszeit) und Zdenek Sládeks (Humanität, Russophilie oder Kalkül? Die Einstellung der tschechoslowakischen Politik zur russischen Emigration in der CSR 1918–1938) über russische Emigranten, die in der Tschechoslowakei zumindest in den ersten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg besonders zahlreich Aufnahme fanden – ein zur Zeit in der Forschung sehr intensiv bearbeitetes Thema mit vielen Facetten.

Diese Vorträge leiteten zu anderen Untersuchungsbereichen über, so zu dem der Kontakte und Differenzen in philosophischen Fragen und zu dem auf dieser Tagung besonders reich bedachten Feld der Religions- und Konfessionsgeschichte. Tatiana Ivantyšynová sprach über das komplexe Verhältnis slowakischer Intellektueller zur russischen Orthodoxie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Martin Schulze Wessel stellte Untersuchungen über die Stellung der Kirchen und der Religion in Böhmen und Rußland während des Ersten Weltkrieges vor. Damit folgte er Peter Heumos' Aufforderung, den Vergleich als Methode historischer Forschung explizit und reflektiert in den Vordergrund zu stellen. Der Vergleich Böhmens und Rußlands war aufgrund der Asymmetrie nicht ganz unproblematisch, zeigte sich jedoch durch die Basis einer ähnlichen Problemlage – in beiden Ländern kann, anders als in Westeuropa, von einem "Religionskrieg" nicht gesprochen werden – gerechtfertigt und erwies sich als innovativ und in mehrfacher Hinsicht als fruchtbar: bezüglich der aktuellen Forschung zum Ersten Weltkrieg ebenso wie hinsichtlich der Untersuchung konfessioneller Aspekte sowie des komparativen Blickes aus West- und Osteuropa.

Michail A. Bojcovs Vortrag über den Umgang russischer Geschichtswissenschaft und vor allem Geschichtskultur mit Elementen der böhmischen Geschichte (Karl IV., Wenzel IV. und die Hussiten in der russischen Historiographie) verdeutlichte die Komplexität von Wahrnehmungsmechanismen. Bojcov beschäftigte sich vor allem mit dem – in seiner Bedeutung eher marginalen, jedoch in verschiedenen Formen zu beobachtenden – Hussitenbild in der russischen Geschichtskultur. Auch Christiane Brenner zeigte in ihrem Vortrag über "Die Sowjetunion im tschechischen politischen Diskurs 1945–1948", an einem völlig anderen Beispiel also, wie auf dem Weg zu einem bestimmten Selbst- und Fremdbild alte Topoi benutzt, neue geschaffen und unliebsame "vergessen" werden, und auf welche Schwierigkeiten solche Konstruktionen stoßen können. Daß politische Optionen und Interessen Wahrnehmungen prägen, wurde hier nicht nur behauptet, sondern nachgewiesen und vorgeführt.

Das Rußlandbild tschechischer Intellektueller, Politiker und Journalisten wurde auch in verschiedenen anderen Vorträgen beschrieben: So als Überblick bei Radomír Vlcek (Die russische Gesellschaft und der russische Panslawismus in der Sicht tschechischer Politiker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts), am Beispiel der zwischen verschiedenen nationalen Deutungsmustern stehenden nationalen "Erwecker"-Generation bei Anna M. Drabek (Der allslawische Gedanke und Rußland im Denken tschechischer Literaten und Politiker im Vormärz) sowie sehr konkret bezüglich Thomas G. Masaryks und Jan Slavíks im Vergleich mit Max Weber bei Bedrich Loewenstein (Die russische Revolution in den zeitgenössischen Diskursen). Antonín Meštan fragte nach der Bedeutung sowjetischer Literatur in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit und der Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Kunst – mit dem Schluß, russische Autoren seien weniger häufig rezipiert worden, als dies der Rückblick aus den fünfziger und sechziger Jahren oft glauben machen wollte.

Einige Aspekte riefen Diskussionen und offenbar auch besondere Empfindlichkeiten hervor. So insbesondere die Frage nach der Einstellung Benešs gegenüber der Sowjetunion und nach der Freiheit seiner Entscheidungen. Ähnlich verhielt es sich mit der Frage nach der Haltung "der Tschechen" im Ersten Weltkrieg.

Die Haltung "der Tschechen": Damit ist ein besonderes Problem angesprochen, das die Vorträge und Debatten der Tagung begleitete. Insbesondere in Bezug auf Wahrnehmungen Rußlands als "das Andere" ist die Frage nach den Akteuren bedenkenswert. Die sehr allgemeine Überschrift "Rußland und die böhmischen Länder" erschließt ein interessantes Thema und bezieht die gesamte Bevölkerung ein; eine Pauschalisierung, ja Personifizierung "der Tschechen" oder "der tschechischen Öffentlichkeit" in einzelnen Vorträgen allerdings erscheint problematisch. Auch auf den zu schematischen Charakter der klassischen Unterscheidung von "den Intellektuellen" einerseits und "dem Volk" andererseits wurde in der Diskussion hingewiesen. Methodisch ebenso problematisch ist die zu wenig reflektierte Verwendung von Begriffen wie Panslawismus und Slawophilie. Die Hoffnung, gerade solche Schwierigkeiten würden auf der Tagung angesprochen und möglicherweise geklärt, hat sich kaum erfüllt.

In der Gewichtung der Themen hat das erste Schlagwort des Titels – die Kontakte – eindeutig gewonnen. In vielen Vorträgen wurden politische Beziehungen zwischen Böhmen und Rußland in ihrer Entwicklung Schritt für Schritt dargestellt, die Komplexität gegenseitiger Beeinflussung und vor allem Wahrnehmung jedoch kam häufig zu kurz. Leider wurde die in den letzten Jahrzehnten sich so reich entwickelnde Forschung zur Selbst- und Fremdwahrnehmung häufig außen vor gelassen und erst in der Schlußdiskussion pointiert angesprochen. Darüber hinaus drängte sich die Frage auf, weshalb der Nachwuchs unter den Vortragenden so sehr in der Minderheit war. Sowohl in Deutschland als auch in Tschechien wie in Rußland forschen viele junge Nachwuchswissenschaftler zu einschlägigen Themen und setzen sich dabei mit neuen Methoden und Theorien auseinander. Gerade das Collegium Carolinum hat sich die Förderung jüngerer Wissenschaftler zum Ziel gesetzt und sich in dieser Hinsicht sehr verdient gemacht; solange die Geförderten jedoch nur zu "Nachwuchstagung" als Referenten eingeladen werden, verfehlt ein solcher Anspruch letztlich sein Ziel.

Die abschließenden Thesen Ferdinand Seibts erschienen eher als weitergehende Zielsetzung und als Ausblick denn als Fazit; die Aussage, Politik sei bezüglich des Tagungsthemas nicht vorrangig, vielmehr entstünden und entwickelten sich Beziehungen in den Köpfen, entspricht vollkommen dem Forschungsstand, spiegelte jedoch nur sehr bedingt die Inhalte der Veranstaltung. "Ein Stück Geschichte europäischer Intellektualität, intellektuelle Geschichte" (Seibt) wurde nur in einigen Beiträgen geboten. Es waren dies vor allem Referate, in denen begrenzte Bereiche mit Blick auf Einflüsse und Wahrnehmungen untersucht wurden. Hier wurden die Ergebnisse neuerer Forschung angewandt, die Reflexion und Differenzierung erlauben und verlangen – die Fragestellung der Konferenz erhielt hier neue und weiterführende Impulse, welche auf den Tagungsband (in der Reihe Bad Wiesseer Tagungen des Collegium Carolinum) und weitere Veranstaltungen solcher Art hoffen lassen.

Martina Winkler


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