AHF-Information Nr. 15 vom 04.03.1999
Das 44. Wolfenbütteler Symposion, organisiert von Bert Fragner und Bernd Schneidmüller, durchgeführt von der Herzog August Bibliothek (Friedrich Niewöhner), bot 20 Referentinnen und Referenten aus Deutschland, Frankreich, Italien, der Schweiz, Ungarn und den USA Gelegenheit zu einem interdisziplinären Versuch: Historiker, Philologen, Ethnologen und Kulturwissenschaftler diskutierten über Zusammenhänge von Identität, Wahrnehmung und Raumbewußtsein in der Vormoderne und verglichen Befunde, Methoden und Forschungsstand für Okzident und Orient.
Folgende Überlegungen standen am Anfang: Entgegen landläufiger Meinungen von jeweils uniformer kultureller, mentaler und religiöser Gleichförmigkeit in Okzident und Orient in der Vormoderne lassen sich bei genauerer Betrachtung in beiden Kulturkreisen vielfältige regionale Differenzierungen ausmachen. Die Tagung machte darum sowohl die prägende Bedeutung dieser Regionalitäten als auch die regionalen Voraussetzungen für die politische, soziale und mentale Bewußtseinsbildung, die sich eher an kleineren Verbänden als an der übergreifenden Religionsgemeinschaft orientierte, zum Gegenstand interdisziplinärer Debatten. Im Blick auf die jeweiligen Trägerschichten wurde der Versuch einer streng sozialgeschichtlich orientierten vergleichenden Betrachtung der Verfassungs- und Ideengeschichte unternommen.
Die Beschränkung auf die Vormoderne resultierte aus der Einsicht, daß Europa seine Vorstellung von der Nation und der Industriegesellschaft seit dem 19. Jh. über die Erde verbreitete. Im Blick auf die Wurzeln der Moderne, also auf das Mittelalter und die frühe Neuzeit, wurden Einsichten in den Zusammenhang von Struktur und Bewußtsein gewonnen, wobei der besondere Reiz des Ansatzes (freilich auch die Gefahr des interdisziplinären Diskurses) im Kulturvergleich von Regionalität wie Regionalismen in Europa und Asien (bzw. der "Islamischen Welt") lag.
Für die historisch ausgerichtete Islamforschung wurde durch diese Themenstellung ein Ausgleich zu einer derzeit stark verbreiteten, eher integrationalistischen Arbeitsrichtung gesetzt, nämlich der kulturhistorischen Beschäftigung mit sozialen und religiösen Fragen der islamischen Theologen in gesamtislamischer Perspektive. Zwar wurde die regionale Komponente von den Protagonisten solcher Ansätze durchaus nicht geleugnet, aber faktisch kam sie oft zu kurz.
Die historisch ausgerichtete kulturwissenschaftliche Erforschung des Abendlandes konzentrierte sich bisher auf die regionale Vielfalt Europas und die produktive oder zerstörerische Wirkung von interregionalen Kulturkontakten. Pluralismus wurde in politischen Forderungen durchaus postuliert, müßte aber erst aus seiner Genese beschrieben und fruchtbar gemacht werden, indem die Ursachen für Divergenzen und Differenzierungen über das vermeintlich Verbindende von Rechts- und Glaubensgemeinschaft hinweg erkannt und beschrieben werden.
Das Wolfenbütteler Tagungsprogramm verschränkte themenorientiert Beiträge zu Okzident und Orient. Kurze Vorträge unterrichteten in thesenartiger Zuspitzung über den Forschungsstand; ihnen folgten ausgiebige Diskussionen. Nach einem thematisch-methodischen Einleitungsreferat von Bernd Schneidmüller (Die Entstehung der Region aus dem Bewußtsein) sprach Helmut G. Walther über Wahrnehmungs- und Deutungsmuster im Kulturkontakt (Sarraceni, Heiden und "gute Muslime". Regionale Differenzen und Wandlungen in den Deutungsmustern christlicher Missionare und Gesandter zwischen dem 10. und dem 14. Jahrhundert).- Den zeitlichen Wandel in der Kreation und Pflege regionaler Identität sowie regionale Differenzierungen als Produkte politischer, mentaler, und wirtschaftlich-sozialer Faktoren behandelten - jeweils in der Reihenfolge der Vorträge - Peter Moraw (Regionale Differenzierung im vormodernen Europa), Jean-Marie Moeglin (Dynastie und regionale Identität in Alteuropa), Beatrice F. Manz (Ethnogenese im spätmittelalterlichen islamischen Zentralasien), Günther Lottes (Öffentlicher Abendvortrag: Regionalität und regionales Bewußtsein im frühneuzeitlichen Europa), Eckart Schiewek (Regionalismus, dynastische Konstruktion und Protonationalismus im vormodernen Zentralasien: Identität im Chanat von Kokand) und Walter Posch (Was ist eine Grenze? Die Verortung Kurdistans zwischen dem Osmanischen Reich und Iran im 16. Jahrhundert).- Über Zusammenhänge von Sprache, Literatur und regionalem Bewußtsein handelten Bert Fragner (Sprachliches und ethnisches Selbstbewußtsein im spätmittelalterlichen islamischen Osten), Wolfgang Haubrichs (Sprachentwicklung und regionale Identität im Mittelalter), Hartmut Kugler (Matière de Rome, matière de France, matière de Bretagne - Regionalität und Interregionalität epischer Stoffe im Mittelalter), Eva Jeremias (Was ist Persisch? Ethnische und grammatische Perzeptionen einer 'islamischen' Sprache) und Birgitt Hoffmann (Türkische Iraner, iranische Türken).- Die Bedeutung von Konfession und Konfessionalisierung arbeiteten Stephan Conermann (Muslime in Indien [13. bis 18. Jh.]: Beispiele für 'Ethno-Konfessionalität'?), Götz-Rüdiger Tewes (Einheit und Vielheit im spätmittelalterlichen Christentum) und Heinrich Richard Schmidt (Konfessionalisierung und regionale Identität in der frühen Neuzeit) heraus.- Bewußtseinsbildung in Kontaktzonen von Okzident und Orient analysierten Klaus Kreiser (Regionalisierung im Osmanischen Reich - Islam und Christentum im osmanischen Südosteuropa: ethnische und konfessionelle Dimensionen), Rainer C. Schwinges (Begegnung der Kulturen und regionale Identität in den sogenannten Kreuzfahrerstaaten), Hubert Houben (Regionalität und Kulturkontakt im mittelalterlichen Königreich Sizilien: Christen - Juden - Araber).- Die Zusammenfassung von Georg Elwert nahm mit vielfältigen Beispielen aus der ethnologischen Forschung Integrations- und Abgrenzungsphänomene in den Blick und unterstrich die Bedeutung des Raums als Bedingung für die Imagination des Historischen.
Die Tagung beabsichtigte nicht die publikationsreife Bündelung abgeschlossener Forschungsvorhaben. Intendiert war vielmehr ein erster Versuch, im Hinblick auf das Thema "Regionalität und Bewußtseinsbildung" Methoden, Fragen und Ergebnisse verschiedener Kulturwissenschaften sowie die Chancen des Kulturvergleichs zu diskutieren. Im Kennenlernen unterschiedlicher Ansätze und eines sehr ungleichen Forschungsstandes ist dies eindrucksvoll gelungen: Die Anstöße des Wolfenbütteler Symposions werden in mehreren interdisziplinären Forschungsprojekten der beteiligten Referentinnen und Referenten aufgenommen und weitergeführt.
Bernd Schneidmüller
| Informationen | Bert Fragner - Bernd Schneidmüller Universität Bamberg Zentrum für Mittelalterstudien D-96045 Bamberg |
| Fax: | 0951/8632452 |
| © | Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1999. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der AHF. Heruntergeladen von www.ahf-muenchen.de. |