Daniel Schlögl

Informationsknotenpunkt "Geschichte Bayerns" im Internet
Ein Gemeinschaftsprojekt der bayerischen Landeshistoriker

Hinweis: Die Zahlen in Klammern verweisen auf die Anmerkungen am Ende des Textes

Genese des Projekts

Der Internet-Informationsknotenpunkt und das E-Mail-Forum mit der Bezeichnung "Geschichte Bayerns"[1] gehen auf eine Initiative der "Konferenz der Landeshistoriker an den bayerischen Universitäten"[2] vom Sommer 1999 zurück, die Möglichkeiten des Mediums Internet verstärkt für eine Verbesserung der Kommunikation und Koordination in der Forschung heranzuziehen. Eine wesentliche Anregung bot dabei die Funktionalität der organisatorisch an der Humboldt-Universität Berlin angesiedelten Mailing-Liste "H-Soz-u-Kult", eines seit 1996 bestehenden, frei subskribierbaren automatischen Nachrichtenverteilers[3]. Für die weitere Planung und Umsetzung des Projekts wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Ferdinand Kramer (Universität Eichstätt) eine Arbeitsgruppe aus Vertretern der universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen[4], sowie des Hauses der bayerischen Geschichte als zentraler wissenschaftsvermittelnder Institution eingerichtet. Ein in der Folge mit der Redaktion von H-Soz-u-Kult aufgenommener Kontakt trug wesentlich zur Klärung der inhaltlichen und technisch-organisatorischen Konzeption bei. In der weiteren Diskussion wurde das Projekt um die Einrichtung einer Internetseite, die über ihren engeren Sinn einer Plattform für die Mailing-Liste als allgemeiner Einstiegspunkt für die landesgeschichtliche Forschung in Bayern dienen sollte, ausgeweitet. Die anschließende Realisierung und Betreuung des Projekts erfolgte organisatorisch bei der Kommission für bayerische Landesgeschichte als der zentralen außeruniversitären, die Forschung koordinierenden Einrichtung. Um den kooperativen Charakter des Projekts kenntlich zu machen, wurde die neue Seite jedoch bewußt nicht als Teil des bestehenden Informationsangebot der Kommission[5] gestaltet, sondern es wurde ein virtueller Server mit der sprechenden Domain "www.geschichte-bayerns.de" am Leibniz-Rechenzentrum der Bayerischen Akademie der Wissenschaften neu eingerichtet. Neben das Ziel einer nach innen gerichteten integrierenden Wirkung trat hierbei der Aspekt, mit der Homepage auch ein zentrales und übersichtliches Portal für die bayerische landesgeschichtliche Forschung und ihre Vermittlung zu schaffen und damit zur Darstellung des Faches nach außen beizutragen.

Gegenwärtiger Stand

Der Informationsknotenpunkt Geschichte Bayerns ist seit Juli 2000 in Betrieb; zur Absicherung des gesamten Projekts wurde aus den Vorständen der beteiligten Einrichtungen ein wissenschaftlicher Beirat gebildet.

Die funktionale und technisch unaufwendige Gestaltung der Netzseiten[6] entspricht einmal dem Charakter eines Kooperationsprojekts ohne eigene personelle und finanzielle Ressourcen. Darüber hinaus ist die Gestaltung aber auch Programm: Der Server sollte die bestehenden einschlägigen Informationsangebote nicht ablösen oder überlagern, sondern miteinander verknüpfen. Korrespondierend zu dieser Intention wurde für das Titelbild der Eingangsseite mit einem Merian-Stich der Stadt Moosburg bewußt ein Motiv gewählt, das nicht für Zentralismus stehen oder eindeutig mit einem bestimmten Landesteil assoziiert werden kann. Vielmehr soll die Ansicht die Landesgeschichte und ihre Methoden insgesamt repräsentieren und über die Person des Künstlers die Außenperspektive hereinbringen[7]. Ein symbolhaft deutbarer Detailausschnitt des Bildes dient auf den weiteren Seiten des Informationsknotenpunkts als Logo und Navigationselement.

Das Angebot besteht derzeit aus Informationen über den Server an sich und seine Zielsetzung, Querverbindungen zu seinen Trägereinrichtungen, einem Wegweiser zu den wichtigsten Recherchestartpunkten für die bayerische Geschichte im Netz[8], sowie der eigentlichen Plattform für die Mailing-Liste. Mit deren Bezeichnung als "E-Mail-Forum" und der Informationsaufbereitung in Form eines Fragenkatalogs wird gezielt versucht, Hemmschwellen gegenüber dem für manche Wissenschaftler noch ungewohnten Medium abzubauen. Die Anmeldung erfolgt über ein Formular am Bildschirm. Als Teilnehmerkreis werden - konform zu den im internationalen "H-Net"[9] zusammengeschlossenen Mailing-Listen - graduierte Wissenschaftler und Mitarbeiter von Forschungseinrichtungen, aber auch Studenten höherer Semester angesprochen. Für die weitere Sicherung des Charakters eines wissenschaftlichen Diskussions- und Informationsforums durchlaufen alle E-Mails vor der Verteilung an die Listenteilnehmer eine Redaktionsstufe. Die über die Liste verteilten Beiträge werden automatisch in einem frei zugänglichen, vom Leibniz-Rechenzentrum bereitgestellen Mail-Archiv abgelegt, so daß auch breitere Interessentenkreise als passive Teilnehmer in den Informationsaustausch einbezogen sind. Neben der Lokal- und Heimatforschung ist dabei insbesondere an den schulischen Bereich gedacht, von dessen Seite in den letzten Jahren Interesse an einem leichteren Zugang zu den Erträgen landesgeschichtlicher Forschung geäußert wurde.

Bilanz und Perspektiven

Seit der Einrichtung wurde auf die Seiten des Informationsknotenpunkts Geschichte Bayerns knapp 18000 mal zugegriffen[10]. Die Mailing-Liste wurde von ca. 175 Teilnehmern subskribiert; mit insgesamt etwa 60 verteilten Beiträgen[11] liegt der Durchschnitt bei ein bis zwei E-Mails pro Woche. Obwohl das Potential sowohl hinsichtlich der Teilnehmerzahl wie auch des Informationsdurchsatzes zweifellos noch nicht ausgeschöpft ist und insbesondere bei den Institutionen die Beteiligung noch deutlich am Engagement einzelner Personen hängt, sind positive Effekte bei der Integration nach innen und der Wirkung nach außen doch bereits eindeutig anhand der Rückmeldungen feststellbar. Die angestrebte Integration der Mailing-Liste in das H-Net läßt eine Intensivierung dieser Effekte erwarten.

Was das Server-Projekt insgesamt betrifft, findet das Geschehen auf mehreren Ebenen statt: Einerseits erleichtert das Medium den Informationsfluß und trägt dazu bei, daß Aktivitäten wechselseitig stärker wahrgenommen und koordiniert werden können. Andererseits sorgt schon allein die Tatsache eines gemeinsamen Projekts, dessen Thema "Kommunikation" ist, dafür, daß sich über die koordinierende Arbeitsgruppe und den wissenschaftlichen Beirat die Kommunikation zwischen den Institutionen intensiviert. Auf diese Weise kann ein Konsens über die weitere gemeinsame Nutzung des Internets herausgebildet und der wissenschaftliche Austausch sukzessive von den klassischen auf die neuen Medien ausgedehnt werden. Die Anbindung an etablierte Wissenschaftseinrichtungen vermag dabei gleichermaßen für die Vermeidung unnötiger zusätzlicher Kosten wie für die Schaffung von Mehrwert durch Synergieeffekte und gesteigerte Effizienz zu sorgen.

Weitere Entwicklungsmöglichkeiten betreffen die Durchführung gemeinsamer Projekte, wobei insbesondere auf die bestehende Zusammenarbeit der Kommission für bayerische Landesgeschichte mit der Bayerischen Staatsbibliothek bei der Bayerischen Landesgeschichtlichen Zeitschriftenschau[12] und der Digitalisierung der Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte[13] aufgebaut werden kann. In den letzten Jahren wurde seitens der landesgeschichtlichten Forschung wiederholt die Notwendigkeit eines lexikalischen Informationssystems zur bayerischen Geschichte ins Spiel gebracht. Wichtige Einzelmaßnahmen sind bereits jetzt als mögliche Bausteine für die Verwirklichung dieses Desiderats, für das sich Konzepte und Projektanträge in Entwicklung befinden, angelegt: Die Datenbanken der Zeitschriftenschau und des ZBLG-Gesamtinhaltsverzeichnisses[14] weisen eine gemeinsame Sacherschließung, die Datenbanken der ebenfalls bei der Kommission erstellten Ortskonkordanz für den Historischen Atlas von Bayern[15] und der beim Institut für Bayerische Geschichte der Universität München im Entstehen begriffenen Neuausgabe des Handbuchs der historischen Stätten in Bayern[16] einen identischen Primärschlüssel auf. Auf weite Sicht hin wird damit prinzipiell die Integration dieser Datenbestände in ein komplexeres System ermöglicht.

Generell werden die Bemühungen um die digitale Publikation bereits bestehender und neuer Quelleneditionen und -werke, etwa der vergriffenen Bände des Historischen Atlas von Bayern[17] und der Protokolle des bayerischen Landtags, zwischenzeitlich deutlich forciert. Die Interessen der historischen Forschung konvergieren dabei zum Teil mit dem kürzlich ins Leben gerufenen, von der Bayerischen Staatsbibliothek und den Universitätsbibliotheken Regensburg und Augsburg betriebenen Großprojekt einer allgemeinen "Bayerischen Landesbibliothek Online"[18]. - Für die Diskussion, Koordinierung, Durchführung und nicht zuletzt die Publizität der genannten sowie weiterer Vorhaben liegen mit den Kommunikationsstrukturen, wie sie im Informationsknotenpunkt Geschichte Bayerns selbst wie auch in seinem Umfeld geschaffen wurden, notwendige und geeignete Voraussetzungen vor.

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Anmerkungen

[1]   Homepage: Informationsknotenpunkt Geschichte Bayerns <http://www.geschichte-bayerns.de/>. - Auf sämtliche hier angegebenen Internetseiten wurde zuletzt am 28.3.2001 zugegriffen.

[2]   Die Gründung der Konferenz als eines Zusammenschlusses der Landeshistoriker an den bayerischen Universitäten wurde 1990 von Prof. Dr. Walter Ziegler (Universität München) angeregt. Seit 2000 hat den Vorsitz Prof. Dr. Ferdinand Kramer (Universität Eichstätt) inne.

[3]   Homepage: H-Soz-u-Kult: Humanities Sozial- und Kulturgeschichte <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de>. - Die ursprünglich als Diskussionsplattform für neuere Ansätze in der Sozial- und Kulturgeschichte gedachte Mailing-Liste hat sich zum mittlerweile wohl wichtigsten Forum für den Informationsaustausch und die Diskussion der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft im Internet entwickelt.

[4]   Die einschlägigen Lehrstühle und Professuren der Universitäten Augsburg, Bamberg, Bayreuth, Eichstätt, Erlangen-Nürnberg, München (Institut für Bayerische Geschichte), Passau, Regensburg und Würzburg, außerdem die Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, die Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns und die Bayerische Staatsbibliothek.

[5]   Homepage: Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften <http://www.kbl.badw.de/>.

[6]   Derzeit sechs Text- und drei Bilddateien sowie das Mail-Archiv; zu letzterem s. weiter unten.

[7]   Vgl. Informationsknotenpunkt Geschichte Bayerns, Matthäus Merian, Moosburg (1657) <http://www.geschichte-bayerns.de/titelbild.htm>, 29.6.2000.

[8]   Besonders hervorzuheben ist hier die an der Universität Regensburg betreute umfassende Zusammenstellung von Informationsressourcen von Georg Köglmeier, Virtual Library Geschichte: Bayerische Landesgeschichte <http://www.uni-regensburg.de/Fakultaeten/phil_Fak_III/Geschichte/Bayern.html>. Eng damit verwandt ist das bei der Kommission für bayerische Landesgeschichte angesiedelte Portal zum Fach Landesgeschichte als Ganzes von Daniel Schlögl, Virtual Library Geschichte: Landes- und Regionalgeschichte <http://www.kbl.badw.de/vl/ressourc.htm>. Das von PD Dr. Johannes Merz initiierte und maßgeblich konzipierte Informationsangebot der Kommission für bayerische Landesgeschichte (s. oben Anm. 5) besitzt mit dem Verzeichnis der Publikationen und Forschungsprojekte der Kommission, dem Dissertationenverzeichnis zur bayerischen Geschichte, dem Gesamtinhaltsverzeichnis der Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte und der Aufsatzbibliographie "Bayerische Landesgeschichtliche Zeitschriftenschau" ein herausragendes inhaltliches Eigengewicht.

[9]   Das an der Michigan State University angesiedelte H-Net - Humanities and Social Sciences Online <http://www2.h-net.msu.edu/> stellt den international wohl bedeutendsten Verbund von Mailing-Listen in den Geisteswissenschaften dar. Für die deutsche Geschichtswissenschaft besonders relevant sind die Listen H-German <http://www2.h-net.msu.edu/~german/>, sowie H-Soz-u-Kult (s. oben Anm. 3).

[10]   Stand: Ende März 2001. - Von der Statistik nicht erfaßt ist das außerhalb des Servers am Leibniz-Rechenzentrum liegende Mail-Archiv.

[11]   V. a. Anzeigen von Publikationen, Ausstellungen, Projekten und neuen Internetseiten, fachliche Diskussionen, Buchbesprechungen in Zweitnutzung.

[12]   Kommission für bayerische Landesgeschichte u. Bayerische Staatsbibliothek, Bayerische Landesgeschichtliche Zeitschriftenschau (BLZS) <http://www.kbl.badw.de/blzs/blzs.htm>. Vgl. auch oben Anm. 8.

[13]   Bayerische Staatsbibliothek, Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte <http://mdz.bib-bvb.de/digbib/bayern/zblg/>.

[14]   Siehe oben Anm. 8.

[15]   Historischer Atlas von Bayern, Teil Altbayern und Schwaben: Ortskonkordanz zur Statistik am Ende des Alten Reichs, unter Verwendung der Vorarbeiten von Erwin Riedenauer u. a. bearb. von Volker Laube, Manuskript München 2000.

[16]   Letzte Auflage: Karl Bosl (Hrsg.), Bayern (Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Bd. 7), Stuttgart 31981.

[17]   Beschreibung des Atlas-Projekts: Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Historischer Atlas von Bayern <http://www.kbl.badw.de/publ/hab.htm>, 5.10.1999.

[18]   Vgl. Bayerische Staatszeitung Nr. 50 (15.12.2000), S. 5; Pressemitteilung 163/2000 (29.11.2000) des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst <http://www.stmukwk.bayern.de/presse/nov00wk/nov163.html>.

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