Karl Heinrich Kaufhold

Numismatik und Wirtschaftsgeschichte*

1.

Numismatik und Wirtschaftsgeschichte - manch einer mag erstaunt sein, diese Zusammenstellung als Thema des Festvortrages zu lesen. Denn wenn auch in beiden Fächern kaum jemand die Bedeutung des jeweils anderen verneinen wird, so scheinen die Berührungspunkte doch nicht sonderlich zahlreich zu sein. In der wirtschaftsgeschichtlichen Literatur, nicht zuletzt in den Hand- und Lehrbüchern, fällt jedenfalls für die Numismatik im allgemeinen wenig ab. Falls auf sie überhaupt eingegangen wird, begnügen sich die Autoren mit Angaben über die Währungsrelationen. Die Form, in der sich diese im Zahlungsverkehr darstellten, bleibt dagegen in der Regel offen, und damit fehlen auch mit den Geldzeichen die Gegenstände der Numismatik.

Dies ist um so erstaunlicher, als - wie ich an Beispielen zu zeigen hoffe - die Geldzeichen, besonders die Münzen, nicht eine im Grunde für den wirtschaftlichen Verkehr beliebige Erscheinung waren, sozusagen eine ihn nicht beeinflussende äußere Hülle, sondern seinen Verlauf über lange Zeiträume hinweg durchaus zeitweise erheblich beeinflußten. Auf der anderen Seite vernachlässigt zwar numismatische Literatur nicht die wirtschaftlichen Verhältnisse, die mit ihren Gegenständen verbunden waren, doch bleiben die Hinweise darauf im allgemeinen eher zurückhaltend. Erst in jüngster Zeit sind einige Arbeiten erschienen, die Numismatik und Wirtschaftsgeschichte integrieren.

Nun ließe sich einwenden, eine eigenständige Entwicklung wissenschaftlicher Fächer sei der Regelfall. Verschmelzungen könnten dieser Entwicklung sogar gefährlich werden, indem sie klare Fachgrenzen verwischten und im Extremfalle zu hybriden Mischformen führten, mit denen keinem gedient sei. Dieser Einwand ist gerechtfertigt, doch geht es in meinen Ausführungen gar nicht darum, sondern lediglich um ein Plädoyer für einen verstärkten Dialog zwischen den Fächern oder, zugleich vereinfachend und ein wenig pathetisch gesagt, um die Anregung, aus dem weitgehenden Nebeneinander ein stärkeres Miteinander in der Arbeit zu machen. Das bedeutete für die Numismatik als Fach nichts grundsätzlich Neues. Hans Gebhart (1900-1960), der zu den "Gründervätern" der Numismatischen Kommission gehört, hat schon 1949 in seinem Buch "Numismatik und Geldgeschichte" auf die Fruchtbarkeit einer solchen Zusammenarbeit hingewiesen und weiter den Plan eines Instituts für Numismatik und Geldgeschichte entwickelt, das leider nicht zustande kam. Mit der von Gebhart geplanten Besetzung hätte es wertvolle Arbeit leisten können.

Wirtschaftsgeschichte zählt nicht zum alltäglichen Arbeitsgebiet der Numismatiker; der Vortrag ist also kein Fachvortrag im engeren Sinne. Doch steht die Numismatik wie alle Wissenschaften nicht für sich allein, sondern in vielfältigen Beziehungen zu anderen Disziplinen, und dies in einem ständigen Prozess des Gebens und Nehmens. Vielleicht gilt dies für die Numismatik - wenn ich es richtig sehe - noch stärker als für andere Fächer, denn sie bedarf mehr als manche andere intensiver Beziehungen zu vielen anderen Wissenschaften: angefangen von der Metallurgie über die Technik der Prägung hin zur Geschichte der münzprägenden Staaten, ihrer Herrscherhäuser, ihrer Verwaltungen, der von ihnen geführten Kriege, zur Geschichte der Kunst - und eben auch zur Geschichte der Wirtschaft. Das Thema gehört also zumindest zum Umfeld der Numismatik. Es ist damit eines jener "Brückenthemen", die das Umfeld eines Faches erkunden und Verbindungen in dieses Feld schlagen oder die, modisch formuliert, interdisziplinären Charakter haben.

Ein Thema dieser Art läßt sich auf zweierlei Weise behandeln: generalisierend in seinen grundsätzlichen Dimensionen oder anhand von Beispielen aus der Forschungspraxis. Ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden, weil sie anschaulich ausgewählte Felder wirtschaftsgeschichtlicher Arbeit beschreibt und dabei konkrete Verbindungen zur Numismatik aufgezeigt werden können. Ich hoffe dabei an Beispielen deutlich zu machen, welche wertvollen Dienste die Numismatik der Wirtschaftsgeschichtsforschung geleistet hat und noch leisten kann. Ich hoffe aber auch, Numismatiker für eine intensivere Beschäftigung mit der Wirtschaftsgeschichte zu interessieren, indem ich die Nähe, ja die Verwandtschaft mancher Fragestellungen in beiden Fächern skizziere. Aus dem weiten, differenzierten Arbeitsbereich der Wirtschaftsgeschichte greife ich zwei Gebiete heraus, an denen sich diese Nähe besonders gut zeigen läßt, nämlich die Geld- und Währungsgeschichte (2) und die Preis- und Lohngeschichte (3). Beide sind allerdings auch ihrerseits weit und differenziert, und so wird eine Auswahl aus der Auswahl ebenso notwendig sein wie eine Beschränkung auf (zum Teil ihrerseits vereinfachte) Grundlinien. Auch wird es sich um der Zusammenhänge willen nicht immer vermeiden lassen, Fragen anzusprechen, die den meisten geläufig sein werden.

 

2.

Um zu verstehen, was die Geld- und Währungsgeschichte zu einem wichtigen Bestandteil der Wirtschaftsgeschichte macht, muß man die Genese der Geldwirtschaft innerhalb der Entwicklung der Wirtschaft allgemein in den Blick nehmen. Am Anfang stand der elementare Tatbestand der Tauschbeziehungen zwischen Menschen, von denen nur der bei den ökonomischen Theoretikern beliebte Robinson ausgenommen war. Alle anderen, gesellschaftlich verbunden, benötigten einen solchen Tausch, und sei es nur gelegentlich und in ganz schlichter Weise. Der Tauschverkehr entwickelte sich im Laufe der Wirtschaftsgeschichte in aufsteigenden Formen, wobei deren Nebeneinander oder auch eine vorübergehende Rückkehr zu einer früheren Form nicht selten waren. Am Anfang stand wohl überall der Naturaltausch (Ware gegen Ware), doch schon früh zeigte sich die Geldwirtschaft (Tausch Ware-Geld) zumindest in Ansätzen. Der Ort für beide war der Markt, der anfänglich meist konkret als ein bestimmter Platz zu verstehen war, sich dann freilich zunehmend zu einem abstrakten Begriff losgelöst von konkreten Plätzen entwickelte.

Der Weg von der Natural- zur Geldwirtschaft gehört zu den großen Themen der Wirtschaftsgeschichte und ist keineswegs zu Ende diskutiert. Sichere Antworten fallen auch schwer oder sind schlicht unmöglich, weil uns die traditionellen Quellen (und das heißt in erster Linie die schriftlichen) weithin im Stich lassen. Aufzeichnungen über Marktvorgänge finden sich in etwas größerem Umfange erst seit dem späten Mittelalter, also seit einer Zeit, in der sich in West- und Mitteleuropa die Geldwirtschaft bereits durchgesetzt hatte.

Doch kann man das wirklich mit solch ruhiger Selbstverständlichkeit behaupten? Zumindest Zweifel scheinen mir angebracht zu sein, bedenkt man, welchen im Grunde nur schmalen Bereich die Schriftquellen abdecken. Sie entstammen in der Regel Städten, meist größeren und bedeutenderen. Waren die Verhältnisse dort repräsentativ für die Masse der kleinen Städte oder gar für das Land, auf dem sich immerhin die Masse der wirtschaftlichen Handlungen abspielte? Wir wissen es nicht, doch ist es unwahrscheinlich. Selbst im 18. Jahrhundert, für das die Quellen reicher und zuverlässiger fließen, traten zahlreiche kleine und mittlere Bauern in geldwirtschaftliche Beziehungen allein aus dem Zwang heraus, ihre Steuern und/oder andere Abgaben in Geld zu entrichten. Deswegen mußten sie gegen Geld verkaufen. Die Masse ihrer ökonomischen Handlungen blieb außerhalb dieses monetären Bereichs: Das Benötigte wurde soweit wie möglich selbst produziert (Arbeit im Hause, für das Haus), und wo man nicht ohne fremde Hilfe auskam, entlohnte man sie wenn irgend möglich in Naturalien. Warum soll das im Mittelalter anders gewesen sein? Man müßte dann schon eine Rückbildung entwickelter monetärer Beziehungen von dort zum 18. Jahrhundert hin annehmen, für die uns jeder Beleg fehlt. Um nicht mißverstanden zu werden: Ich leugne zumindest für das späte Mittelalter nicht das Bestehen einer entfalteten Geldwirtschaft. Nur gab es sie nicht allgemein, sondern sektoral begrenzt. Das Nebeneinander zum Teil "modern" anmutender Wirtschaftsformen und weiterbestehender "archaischer" Verhältnisse ist für das späte Mittelalter und die frühe Neuzeit bezeichnend, wobei zu den sektoralen auch regionale und lokale Differenzierungen traten. Vor Pauschalierungen muß also entschieden gewarnt werden.

Die Frage nach Umfang und konkreter Verbreitung der Geldwirtschaft ist für den Wirtschaftshistoriker deswegen wichtig, weil von der Antwort darauf auch Antworten auf zentrale Probleme seines Faches abhängen können. Um lediglich ein Beispiel zu nennen: In der Diskussion über die wirtschaftliche Lage im späten Mittelalter, besonders in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, die meist unter dem Begriff der spätmittelalterlichen Agrarkrise geführt wird, spielt die Frage eine wichtige Rolle, wie weit in dieser Periode Geldwirtschaft herrschte. Denn ohne auf Einzelheiten der zum Teil komplizierten Argumentationen einzugehen, leuchtet ein, daß eine Landwirtschaft, die mit geldwirtschaftlich organisierten Märkten eng verbunden war, krisenanfälliger war als die einer weithin selbstgenügsamen und in nur wenig entwickelten naturalen Austauschbeziehungen stehende. In allen diesen Diskussionen kann der Numismatiker dem Wirtschaftshistoriker wertvolle Hilfe leisten, indem er für einen bestimmten Zeitraum und für einen bestimmten Ort das Vorhandensein von Geld nachweisen kann. Denn dann ist zumindest die grundlegende Aussage möglich, hier habe Geldwirtschaft bestanden oder, vorsichtiger gesagt, sie sei wahrscheinlich. Offen bleiben freilich auch dann Ausdehnung und Umfang, denn die Münze bleibt insoweit stumm. Hier indes hat die Numismatik vor allem in dem vergangenen halben Jahrhundert Methoden entwickelt, von denen besonders die verschiedenen Verfahren der Münz- und Schatzfundanalyse bei allen Problemen und Unsicherheiten, die auch sie aufwerfen, eine Fülle von für den Wirtschaftshistoriker wertvollen Ergebnissen gebracht haben. Ihre volle Aussagekraft entfalten sie in unserem Fach in Verbindung mit anderen Quellen und Methoden, wobei sie indes meist eine Leitfunktion wahrnehmen. Darüber freilich in einem Kreis von Fachleuten im Einzelnen zu handeln, scheint mir überflüssig zu sein.

Lassen sie mich statt dessen zur Entwicklung der Geldwirtschaft zurückkehren. Hauptsächlich der Numismatik verdankt die Wirtschaftsgeschichte die Erkenntnis, Geldwirtschaft sei ein Kennzeichen der Hochkulturen gewesen. Dabei zeigt sich eine bezeichnende Eigenart der Geldwirtschaft, nämlich ihre häufige, wenn nicht regelmäßige Beziehung zur Stadt, vermittelt über den Markt. Dieser ist ja bekanntlich ein wesentlicher Bestandteil der Stadt, und eine Ausweitung und Verdichtung der Marktbeziehungen in den Städten mußte nahezu zwangsläufig zur Geldwirtschaft führen. So bildete das Städtewesen einen wichtigen Motor bei der Ausbreitung der Geldwirtschaft, und es überrascht nicht, daß - wenn ich es richtig sehe - Städte als Fund- und Untersuchungsraum auch für die Numismatik eine hervorragende Rolle spielen.

Bei der Ausbreitung der Geldwirtschaft scheint ferner der schon früh nachweisbare Fernhandel ein wichtiger Beförderer gewesen zu sein. Entgegen gelegentlich anzutreffenden Behauptungen konnte er zwar grundsätzlich auch als Naturaltausch abgewickelt werden, doch ob das jemals der Fall war, ist zweifelhaft. Denn die Vorteile, die ein durch Geld vermitteltes Geschäft bot, waren groß, und Ausweitung und Verdichtung des Fernhandels wären ohnehin ohne Geld nicht denkbar gewesen. Er hatte seinen Hauptsitz in den Städten, die damit ein weiteres Mal für die Geldwirtschaft wichtig wurden. Eng mit ihm verbunden waren Entstehung und Ausweitung der Kreditwirtschaft mit ihrer die ökonomische Entwicklung so ungemein anregenden Kraft. Nimmt man West- und Mitteleuropa als Beispiel, so setzte sich hier die Geldwirtschaft in den größeren Städten wahrscheinlich im späten Mittelalter durch und etablierte sich im 16. Jahrhundert endgültig. Freilich darf man nicht vergessen, daß daneben noch lange - vor allem auf dem Lande - beachtliche naturalwirtschaftliche Bereiche bestanden, und daß in Krisenzeiten Rückfälle in die Naturalwirtschaft nicht selten waren.

Die Älteren unter uns werden sich in diesem Zusammenhang an die lebhafte Tauschwirtschaft der Jahre 1945 bis 1948 und an ihr markantes Kennzeichen, die Zigarettenwährung, ebenso erinnern wie ehemalige DDR-Bewohner daran, welche Bedeutung auch hier in bestimmten Bereichen die naturale Kompensation hatte. Wohl unbeabsichtigt spiegelte sich darin übrigens das Experiment der jungen Sowjetunion von 1918 bis 1921, eine "proletarische Naturalwirtschaft" aufzubauen, in der das Geld zunehmend bedeutungslos werden sollte; ein Experiment, das bekanntlich scheiterte.

Die Form des Geldes ist auch für den Wirtschaftshistoriker wichtig, denn sie beeinflußte die Modalitäten des wirtschaftlichen Verkehrs oft entscheidend. Wie allgemein bekannt, setzte sich in den europäischen Territorien das Münzgeld in Form der Edelmetallmünzen als Währungsmünzen allgemein durch; für den kleinen Verkehr gab es daneben die mit geringem Silbergehalt und zunehmend aus Kupfer geprägten Scheidemünzen. Wichtig und bis in das 19. Jahrhundert hinein umstritten blieb bei den Währungsmünzen die Frage, ob sie aus Silber oder Gold (Monometallismus) oder aus beiden nebeneinander (Bimetallismus) geprägt werden sollten. Die Praxis der Münzprägungen zeigte hier eine Vielzahl von Lösungen. In ihnen schlugen sich neben praktischen Gesichtspunkten, insbesondere dem Vorhandensein von Münzmetall, auch die besonders im 19. Jahrhundert lebhaften und für die Geldtheorie ergiebigen wirtschaftswissenschaftlichen Diskussionen des Problems nieder.

Dieses Nebeneinander von Münzen aus verschiedenen Metallen, die offensichtlich im wirtschaftlichen Verkehr auch verschieden bewertet wurden, stellt den Wirtschaftshistoriker vor die Fragen, wie sie konkret bewertet wurden und in welchem quantitativen Verhältnis zueinander sie in einem Raum, etwa einem Territorium oder einer Stadt, umliefen. Vor allem für die Preisgeschichte sind diese Probleme wichtig; ich komme daher darauf im nächsten Teil noch einmal kurz zurück. Für ihre Lösung ist mein Fach ein weiteres Mal notwendig auf die Hilfe der Numismatik angewiesen, die gerade für diese Fragen oft zur entscheidenden Instanz wird.

Münzgeldsysteme herrschten in Europa im allgemeinen von der Antike bis zum Ersten Weltkrieg. Ihre Bedeutung kann daher kaum hoch genug eingeschätzt werden. Sie bildeten, freilich in unterschiedlicher, zum Teil auch zeitlich wechselnder Intensität den monetären Rahmen für wesentliche Bereiche der europäischen Wirtschaft und beeinflußten deren Entwicklung insgesamt positiv. Denn die Geldwirtschaft und mit ihr die Münzgeldsysteme spielten in den Sektoren eine große, zunehmend wichtige Rolle, von denen die Ausweitungen und Vertiefungen der Wirtschaft ausgingen, wie vor allem Handel und Gewerbe. (Man kann den Einsatz der Geldwirtschaft, wenn man diesen Begriff schätzt, geradezu als "Modernisierungsindikator" bezeichnen.) Wenn Europa, wie oft betont, einen einzigartigen wirtschaftlichen und darauf aufbauend politischen Aufstieg nahm, sollte bei der Diskussion der Ursachen dafür auch das Bestehen leistungsfähiger Münzgeldsysteme nicht übersehen werden. Freilich bedarf diese Leistungsfähigkeit des Vergleichs mit den Geldsystemen anderer Hochkulturen, um sie richtig einzuschätzen - eine inhaltlich und vor allem methodisch anspruchsvolle Aufgabe, die nur im Zusammenwirken von Numismatik, Wirtschaftsgeschichte und Geldtheorie gelöst werden kann.

Gegenüber diesen positiven Aspekten dürfen aber die Grenzen der Münzgeldsysteme nicht übersehen werden, die meiner Ansicht nach vor allem in ihrer Bindung an die Edelmetalle lagen. Denn diese waren relativ selten, und ihr Angebot hing zu einem erheblichen Teil von den wechselnden, schwer kalkulierbaren Ergebnissen der Montanwirtschaft ab. Außerdem wurde bei größeren Transaktionen ihr Gewicht schnell hinderlich. So begleiteten sie zwar den Aufstieg der europäischen Wirtschaft ein langes Stück überwiegend fördernd, drohten aber schließlich für die weitere Entwicklung zum Hemmschuh zu werden. Die Großkaufleute spürten das als erste, und sie sowie der Staat mit seinem von Anfang an unersättlichen Finanzbedarf schufen die Instrumente, die die Münzgeldsysteme erst ergänzten und schließlich ersetzten. Für den Zahlungsverkehr entstanden so mit zunehmender Tendenz zwei andere Formen des Geldes, nämlich das Buch- und das Papiergeld. Buchgeld, seit dem hohen Mittelalter von den Kaufleuten in Italien verwendet, verbreitete sich seit dem 16. Jahrhundert, blieb aber lange das Instrument des Zahlungsverkehrs der Geschäftsleute, vor allem der Kaufleute. Allgemein setzte es sich in Deutschland erst seit den 1960er Jahren durch. Papiergeld erschien in seinen beiden Formen der Banknote und des Staatspapiergeldes verstärkt seit dem 18. Jahrhundert. Allerdings waren die Erfahrungen des Publikums damit anfänglich oft negativ, weil es zu Spekulationszwecken und für eine ausufernde Staatsfinanzwirtschaft mißbraucht wurde; als Stichworte nenne ich beispielhaft nur John Law und die Assignaten. In den deutschen Territorien gewann Papiergeld in Gestalt der Banknoten besonders seit der Mitte des 19. Jahrhunderts an Bedeutung, wobei sich die Noten der Reichsbank als der Zentralnotenbank des Reiches seit 1876 zunehmend nach vorn schoben. 1909 wurden sie gesetzliche Zahlungsmittel.

Hinter diesem Vordringen des Buch- wie des Papiergeldes stand, wie schon gesagt, eine ökonomische Notwendigkeit: Die Ausweitung der ökonomischen Beziehungen, besonders die Industrialisierung und ihre wirtschaftlichen Folgen erhöhten den Bedarf an Zahlungsmitteln so stark, daß er mit den herkömmlichen Münzgeldsystemen nicht mehr zu befriedigen gewesen wäre. Erst recht galt dies für den unerhörten Geldbedarf der kriegführenden Staaten im Ersten Weltkrieg. Seitdem dominiert neben dem Buchgeld das Papiergeld in Form von Banknoten der zentralen Notenbanken. Münzen spielen nur noch als Scheidemünzen für den alltäglichen Zahlungsverkehr eine Rolle; doch auch sie werden zunehmend abgelöst durch die Zahlung mit Kreditkarten oder mit elektronischen Verfahren.

Schon diese knappe Skizze zeigt, wie eng, ja unlöslich Geld- und Währungsgeschichte bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts hinein mit der Numismatik verbunden waren. Eine dichte Zusammenarbeit beider Disziplinen ist daher auf diesem Gebiet besonders fruchtbar, da sie sich vielfach ergänzen können.

 

3.

Das zweite Beispiel, die Preis- und Lohngeschichte, geht ebenfalls vom Markt aus. Denn beim Tausch auf Märkten bildet sich aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage als Tauschrelation der Preis. Er kann grundsätzlich in beliebigen Größen ausgedrückt werden, keineswegs notwendig in Geldgrößen. Auch in Naturalwirtschaften gibt es Preise mit einer außerordentlichen Variationsbreite; ein Feld, das hier allerdings nicht zu betreten ist. In Geldwirtschaften werden Preise in Währungseinheiten definiert, im Münzgeldsystem konkret in Teilen davon. Damit ist zugleich die enge Verbindung von Preis- und Geldgeschichte bezeichnet - für den Numismatiker eine alte Einsicht, denn schon Arnold Luschin von Ebengreuth sah 1874 die Geschichte des Geldes als Voraussetzung für eine Preisgeschichte an.

Preisbildung und -entwicklung sind in Marktwirtschaften zentrale ökonomische Kategorien: Der Preis ist "die ökonomische Dimension schlechthin", in der sich die Knappheitsrelationen der auf den Märkten getauschten Güter spiegeln. Entsprechend ist die theoretische Erklärung der Preisbildung als Preistheorie ein Kernstück der ökonomischen Theorie. Löhne als Preise des Produktionsfaktors Arbeit werden in sie mit einbezogen, obwohl ihre Bildung bestimmte Eigentümlichkeiten aufweist. Für die Wirtschaftsgeschichte sind Preise als Spiegel der Knappheitsverhältnisse von besonderer Bedeutung. Denn die Forschung kann hier aus dem Verhältnis der Preise zueinander und aus dessen Veränderungen Schlüsse auf die wirtschaftliche Entwicklung ziehen, etwa als Beispiel aus dem Steigen der Getreidepreise auf eine Verschlechterung der Versorgungslage. Allerdings ist bei solchen Schlüssen immer Vorsicht geboten, denn sie gelten nur bei einem hohen Maß von Marktverflechtung und bei freier Preisbildung.

Beide Voraussetzungen lassen sich vor allem für das Mittelalter und den Beginn der Frühen Neuzeit meist nur schwer nachweisen. Hier steht die Wirtschaftsgeschichtsforschung also vor einem ähnlichen Problem wie bei der oben angesprochenen Frage nach Einführung und Umfang der Geldwirtschaft. Am ehesten kann sie noch Aussagen über die Marktverflechtung (im Sinne des Bestehens von Marktbeziehungen) machen. Daß eine solche zumindest in Ansätzen im frühen, verbreiteter seit dem hohen Mittelalter bestand, ist unter Wirtschaftshistorikern unbestritten; die Schwierigkeiten liegen in den Details: Wo, mit welchen Waren, wie viel, wann - und so fort. Hier kann die Numismatik helfen. Wieder sind es die Münz- und Schatzfunde, die wertvolle Hinweise geben, doch auch Angaben über Zeit und Ort von Münzprägungen sind wichtig. Denn sie bilden ein Indiz für das Bestehen von Marktbeziehungen. Allerdings muß sich der Forscher stets dessen bewußt sein, daß beim Fehlen zusätzlicher zuverlässiger Belege aus Schriftquellen allein auf Münzfunde gestützte Aussagen im günstigen Falle wohl begründete Annahmen sind, nicht mehr, freilich auch nicht weniger.

Ähnlich sieht es bei der freien Preisbildung auf offenen Märkten aus. Selbst heute, in der sich marktwirtschaftlich-liberal definierenden Bundesrepublik, ist sie in vielen Fällen nicht gegeben. Zahlreiche Preise sind behördlich administriert; von den Wirkungen oligopolistisch strukturierter Märkte nicht zu reden. Märkte dieser Art waren zwar im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit Randerscheinungen, doch wirkte der herrschaftlich-obrigkeitliche Einfluß auf die Preisbildung in dieser Zeit um so stärker. Obrigkeitliche Preisregulierungen - ich nenne nur das Stichwort Taxen - spielten eine große Rolle, zumal sie in einer Zeit knapper Ressourcen und stets drohender Versorgungsengpässe überlebensnotwendig werden konnten. Der Preishistoriker ist also gut beraten, die Preis- durch eine Marktgeschichte zu ergänzen und dadurch zu untermauern. Eine solche Geschichte zu schreiben, ist allerdings eine anspruchsvolle Aufgabe, die wahrscheinlich die Kräfte eines Einzelnen übersteigt. Es gibt sie bisher auch erst in Ansätzen, obwohl schon viel Material dafür zusammengetragen ist. Beide, Preis- und Marktgeschichte, geben meiner Meinung nach auch dem Numismatiker wichtige Informationen für seine Arbeit. Lassen sie mich diese Überlegung in aller Kürze weiter ausführen.

Gegenstände der Preisgeschichte können sein einmal die Preisstrukturen, also ein Querschnitt durch möglichst alle (zumindest alle wichtigen) Preise zu einem bestimmten Zeitpunkt. Daraus können etwa Folgerungen auf die wirtschaftliche Lage von Wirtschaftszweigen (etwa im Verhältnis Landwirtschaft/Gewerbe) oder auf die der Lohnempfänger (Reallöhne) gezogen werden. Die zweite, wichtigere Fragestellung ist die nach der Preisentwicklung, methodisch die Untersuchung von Preisreihen. Bekannt geworden sind hier vor allem die Analysen der Getreidepreise mit dem Ziel, Konjunkturen und Krisen der Landwirtschaft oder den Verlauf von Reallöhnen (ausgedrückt in Getreidemengen, die mit einer nominalen Lohneinheit erworben werden konnten, sogenannte Kornlöhne) zu ermitteln.

Preisgeschichtliche Forschung hat stets enge Grenzen zu beachten; der "Königsweg" wirtschaftshistorischer Forschung ist sie ungeachtet ihrer Bedeutung nicht. Schon die Quellenprobleme sind oft erheblich. Bei der Quellenkritik kommt die Geld- und Währungsgeschichte und damit die Numismatik voll ins Spiel, denn eine ihrer Hauptaufgaben ist die Vereinheitlichung (Reduktion) von Preisangaben. In Münzwährungssystemen (und damit für die gesamte vorindustrielle Zeit) ist es dabei notwendig, über den Nennwert der Münze hinaus zu ihrem "tatsächlichen" Wert vorzustoßen. Beide sind nicht immer identisch, denn der Metallgehalt einer Münze verkörperte eine eigenständige Wertgröße, die von Menge und Preis des Münzmetalls abhing. In dieser Differenz zwischen Nominal- und Metallwert der Münze eröffnete sich für den Münzherren eine weite Möglichkeit der Manipulation. Die daraus folgenden Münzverschlechterungen sind zu bekannt, als daß sie hier dargestellt werden müßten.

Die preisgeschichtliche Forschung hat sich hier häufig dadurch zu helfen versucht, daß sie die Geldbeträge, in der die Preise in den Quellen angegeben worden sind, zu Münzsummen addierte und diese dann auf ihren Gehalt an Münzmetall (Silber- oder Goldäquivalente) umrechnete. Ohne Hilfe der Numismatiker wäre das nicht möglich gewesen, denn diese ermittelten die Feingewichte der Münzen als Grundlage für die genannten Berechnungen. Allerdings ist auch die Methode der Ermittlung von Edelmetalläquivalenten nicht unbestritten geblieben, weil sie davon ausgeht, Münzverschlechterungen beeinflußten die Preise nicht und weil in der Regel nicht bekannt ist, welche konkrete Münzsorte (oder welche Kombination verschiedener Münzsorten) bei der in Rede stehenden Preisangabe maßgebend waren und daher in die Rechnung eingehen müßten. Doch selbst wenn diese Frage beantwortet ist, stellt sich vor allem bei langfristigen Betrachtungen die nächste: Da das Edelmetall eine Handelsware war: änderte sich sein Preis in der Untersuchungszeit und ggf. wie? Und schließlich: In welche Größe soll umgerechnet werden - in Gewichtseinheiten Gold oder Silber oder in eine moderne Währung? Ich stelle hier diese Fragen nur, denn sie zu diskutieren, erforderte einen eigenen Vortrag.

Wie man sieht, besteht auch bei der Preis- und Lohngeschichte eine enge Verbindung zwischen der Arbeit des Numismatikers und der des Wirtschaftshistorikers. Die schwierigen und bisher nur zu einem Teil gelösten Fragen, vor denen unser Fach bei der Preis- und Lohngeschichte steht, können meiner Ansicht nach nur mit Hilfe der sachkundigen Numismatiker befriedigend (und wahrscheinlich auch schneller als sonst) gelöst werden.

 

4.

Soweit die beiden Beispiele. Zu ihnen ließe sich noch mehr sagen, und sie ließen sich durch weitere ergänzen. Welches Fazit ist aus ihnen für das Thema zu ziehen? Der einleitende Eindruck, Numismatik und Wirtschaftsgeschichte scheine wenig zu verbinden, hat sich wohl als unzutreffend erwiesen. Im Gegenteil zeigte sich, wie nützlich eine Zusammenarbeit für beide sein kann. Vor allem der Wirtschaftshistoriker bedarf, wie die Beispiele zeigten, der sachkundigen Hilfe des Numismatikers, um für ihn wichtige Fragen befriedigend beantworten zu können. Dem Numismatiker eröffnen auf der anderen Seite, so hoffe ich wenigstens, die Arbeitsergebnisse der Wirtschaftsgeschichte für sein Fach neue Perspektiven, die ihm deutlich machen, wie wichtig es im weiten Bereich einer Erforschung der wirtschaftlichen Vergangenheit ist. Das gilt vor allem für die "vorindustrielle" Zeit, also (vereinfacht gesprochen) für die Antike, das Mittelalter und die frühe Neuzeit bis hinein in das 19. Jahrhundert, in der Münzwährungssysteme das Geldwesen beherrschten.

Diese Einsicht ist freilich nicht neu. Einleitend habe ich Hans Gebhart zitiert, und er sollte auch jetzt noch einmal genannt werden. Schon 1949 forderte er die Numismatiker in seinem Buch "Numismatik und Geldgeschichte" auf, den Schritt von der Münz- zur Geldgeschichte zu tun: "Geldgeschichte ist die wesenseigene Aufgabe der Numismatik". Der Wirtschaftshistoriker wird dieser Aussage nicht widersprechen, doch hinzufügen: in enger Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsgeschichte. Denn dann werden beiden Fächern die (modisch gesprochen) Synergieeffekte zugutekommen. Übrigens wäre das auch im Sinne Gebharts, der in dem von ihm angeregten Institut unter anderem einen Volkswirt und Geldtheoretiker sowie Wirtschaftshistoriker beschäftigt sehen wollte. Allerdings ist zur Zeit, das gebe ich zu, die Zahl kompetenter Ansprechpartner in meinem Fach nicht groß, und sie nimmt gegenwärtig auch nicht zu, weil sich die Mehrzahl der jüngeren Fachgenossen dem 19. und vor allem dem 20. Jahrhundert zuwendet. Um so intensiver sollte der Dialog zwischen den Interessierten in beiden Fächern sein.

Lassen sie mich daher mit der Bitte schließen, diesen Dialog zu eröffnen oder, wo er besteht, zu verstärken. Noch einmal ist zu sagen: Wir benötigen die Ergebnisse der Numismatik. Ob sich dieses Fach stärker als bisher der Wirtschaftsgeschichte öffnet, liegt selbstverständlich in der Hand seiner Vertreter. Zu wünschen ist es, zu beiderseitigem Nutzen.

 

Literaturhinweise zur Wirtschaftsgeschichte

Eine knappe Darstellung, die den "interessierten Laien" in die Wirtschaftsgeschichte einführt, gibt es noch nicht. Am nächsten kommen ihr die folgenden Arbeiten, die freilich in erster Linie zur Einführung für Studenten gedacht sind:

Christoph Buchheim, Einführung in die Wirtschaftsgeschichte, München, Beck 1997

Willi A. Boelcke, Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Einführung, Bibliographie, Methoden, Problemfelder, Darmstadt, Wiss. Buchges. 1987

Rolf Walter, Wirtschaftsgeschichte. Vom Merkantilismus bis zur Gegenwart, Köln usw., Böhlau 1995

Für die deutsche Wirtschaftsgeschichte bietet eine knappe, gute Einführung das dreibändige Taschenbuch-Werk von Friedrich-Wilhelm Henning, das zeitlich gegliedert ist:

Das vorindustrielle Deutschland 800 bis 1800

Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914

Das industrialisierte Deutschland 1914 bis 1972 (und später)

Alle Bände sind im Verlag Schöningh in Paderborn in mehreren Auflagen erschienen.

Für eine kurze, umfassende Information über die Breite des wirtschaftshistorischen Wissens greife man zu Hugo Ott/Hermann Schäfer (Hrsg.), Wirtschafts-Ploetz. Die Wirtschaftsgeschichte zum Nachschlagen, Freiburg/Würzburg, Ploetz 1984.

Alle genannten Werke enthalten umfassende Literaturangaben für das Weiterstudium.

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* Festvortrag bei der Veranstaltung "Fünfzig Jahre Numismatische Kommission der Länder in der Bundesrepublik Deutschland 1950-2000" am 15. Juni 2000 in München. Die Vortragsform wurde mit geringfügigen Änderungen und Ergänzungen beibehalten.

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