Christian Hartmann, Johannes Hürter, Dieter Pohl und Andreas Toppe

Wehrmacht in der nationalsozialistischen Diktatur
Ein Forschungsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte

Hinweis: Die Zahlen in Klammern verweisen auf die Anmerkungen am Ende des Textes

Die zeitgeschichtliche Forschung in Deutschland wurde in den vergangenen Jahrzehnten in regelmäßigen Abständen von großen öffentlichen Debatten erschüttert, die eigentlich wenig mit dieser Forschung zu tun hatten. Statt dessen waren es einzelne Ereignisse: ein Buch, eine Fernsehsendung, ein Prozeß, eine Ausstellung oder ein Gedenktag, an denen sich die Streitlust der deutschen Gesellschaft entzündete. Der wissenschaftliche Ertrag dieser Debatten blieb meist gering, zumindest stand er in keinem Verhältnis zum Aufwand und zur Aufgeregtheit, mit denen diese Debatten geführt wurden, die wohl eher der Positionsbestimmung und der gesellschaftlichen Selbstvergewisserung dienten. Für diese Vermutung spricht auch die Regelmäßigkeit, mit der sich diese Auseinandersetzungen wiederholen. Jede nachwachsende Generation bedarf anscheinend in einem Abstand von fünf bis zehn Jahren eines solch medialen Ereignisses, um Zugang zu finden zu jener Phase der deutschen Geschichte, die das deutsche Geschichtsverständnis nach wie vor am stärksten prägt: die nationalsozialistische Zeit.

Das Thema Wehrmacht war eines der letzten großen Themen dieses gesellschaftlichen Diskurses. Ausgelöst durch die Wanderausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die in den Jahren 1995 bis 1999 in 34 deutschen und österreichischen Städten zu sehen war[1], begann sich die deutsche Gesellschaft daran zu erinnern, daß sie auch eine militärische Vergangenheit besitzt. Die Debatte über die Wehrmacht ist freilich mehr als nur eine Auseinandersetzung über die deutschen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg, ihre Kriegführung, ihre Politik, ihre Beteiligung an NS- und Kriegsverbrechen. Sie ist immer auch Ausdruck eines tiefgreifenden mentalen Wandels, in dem sich gleich mehrere Entwicklungen manifestieren: der Generationswechsel, der Zusammenbruch des sowjetischen Machtbereichs, die zunehmende Sensibilisierung für die Verlierer der Geschichte und, nicht zu vergessen, eine Friedenszeit von über 50 Jahren und das mit ihr gewachsene Unverständnis gegenüber der Realität des Krieges und seinen Realitäten.

Vor diesem Hintergrund begann die Geschichte der Wehrmacht und die ihrer 18 Millionen Angehörigen in einem anderen Licht zu erscheinen. Zwar hatte diese Armee spätestens in den unmittelbaren Nachkriegsprozessen ihre "Unschuld" verloren[2], doch bestand lange ein gewisser Konsens darüber, daß sich zumindest die meisten deutschen Soldaten nicht an Kriegs- oder NS-Verbrechen beteiligt hätten. Einen ganz anderen Eindruck suchte die sog. Wehrmachtsausstellung zu erwecken. Noch verhältnismäßig vorsichtig formuliert war ihre offizielle Grundthese, "daß die Wehrmacht an allen Verbrechen [des NS-Regimes] aktiv und als Gesamtorganisation beteiligt war"[3]. Im Grunde genommen lief ihre Tendenz darauf hinaus, die Beweislast umzukehren und das Verbrecherische zur Regel zu erklären, so daß Michael Naumann als Staatsminister für Kulturelle Angelegenheiten 1999 die Wehrmacht als "marschierendes Schlachthaus"[4] bezeichnen konnte. Doch haben nicht erst das vergleichsweise unspektakuläre, vorläufige Ende der Wehrmachtsausstellung[5], sondern bereits die erregten Debatten, die sie von Anfang an begleiteten[6], letzten Endes nur eines bewiesen: daß die generalisierenden Behauptungen ihrer Befürworter wie ihrer Kritiker der empirischen Überprüfung und Präzisierung bedürfen.

Zugleich hat die öffentliche Debatte über die Wehrmacht auf ein Defizit aufmerksam gemacht. Spätestens jetzt ließ es sich nicht mehr übersehen, daß die Militärgeschichte ganz offensichtlich nicht in dem Maße im universitären wie auch im außeruniversitären Bereich institutionalisiert ist, wie es ihrer Bedeutung eigentlich angemessen wäre. Das Projekt "Wehrmacht in der nationalsozialistischen Diktatur", das im August 1998 mit seiner Arbeit im Institut für Zeitgeschichte begann[7], versucht deshalb nicht mehr oder weniger als das einzulösen, was während der sog. Wehrmachtsausstellung so häufig gefordert wurde, nämlich wenigstens für einzelne ausgewählte Aspekte eine differenzierte Geschichte dieser Armee zu schreiben, die sowohl der politik-, der rechts-, der sozial- und nicht zu vergessen der militärgeschichtlichen Dimension dieses Themas gerecht wird.

Eine solch differenzierte Erforschung ist schwierig. Schon weil in diesem Fall alles groß ist: die Organisation, der Raum, die Zeit. Groß ist eine Organisation, die während der Jahre 1939 bis 1945 von knapp 18 Millionen Menschen durchlaufen wurde[8]; ein Krieg, der in Europa 2.078 Tage dauerte; und schließlich der von der Wehrmacht beherrschte Raum, der von den britischen Kanalinseln bis kurz vor Moskau, vom Nordkap bis in die libysche Wüste reichte.

Angesichts solcher Dimensionen erschien uns eine Konzentration auf den deutsch-sowjetischen Krieg der Jahre 1941 bis 1944 sinnvoll, dem - so Andreas Hillgruber - "Kernstück" des nationalsozialistischen Eroberungsprogramms[9]. Entscheidend war dieser Krieg aber nicht allein für die nationalsozialistische Politik. Wenn der General Warlimont, seinerzeit Stellvertretender Chef des Wehrmachtführungsstabs, rückblickend schrieb, dieser Krieg sei zur "Schicksalssendung der deutschen Wehrmacht"[10] geworden, so ist dieses altertümliche Urteil immer noch gültig, wenn auch in einem erweiterten Sinn[11]. Mit Blick auf die Diskussion der vergangenen Jahre wäre deshalb zu fragen: Wie weit war die Funktion der Wehrmacht in der Sowjetunion auf die militärische Auseinandersetzung mit dem Gegner beschränkt und wie weit war sie involviert in die großen politischen Ziele dieses Feldzugs: die Eroberung von Lebensraum und seine wirtschaftliche Ausbeutung, in den Kampf gegen den Bolschewismus und schließlich in das rassenideologische Vernichtungsprogramm?

Die vier Studien, die momentan im Institut für Zeitgeschichte erarbeitet werden, sind unter diesen Überlegungen eng aufeinander bezogen. Konzentriert sich die Gruppenbiographie von Johannes Hürter über "Die deutschen Oberbefehlshaber an der Ostfront" auf die höchste Führungsebene, so untersucht Christian Hartmann unter dem Arbeitstitel "Front und Etappe" den Einsatz von fünf deutschen Divisionen an der Ostfront. Mit dieser hierarchisch tiefer angesiedelten Studie, die teilweise auch das Hinterland einbezieht, wird eine Brücke geschlagen zur dritten, als Edition angelegten, Arbeit von Dieter Pohl zum Thema "Militärverwaltung und Bevölkerung in der besetzten Sowjetunion". Dagegen geht es bei der Dissertation von Andreas Toppe zum Thema "Wehrmacht und Kriegsvölkerrecht" nicht um einen Raum oder ein Ereignis, sondern um die grundsätzliche Überlegung, daß sich das Verbrecherische immer auch über die einschlägige Rechtslage definiert.

1. Johannes Hürter, Die deutschen Oberbefehlshaber an der Ostfront 1941/42

Der Blick auf die militärische Führung mag zunächst als nicht sonderlich originell erscheinen, meint man doch, die Wehrmachtsgeneralität sei bereits gut erforscht. Dies gilt aber - wenn überhaupt - nur für die Personen und Strukturen der Zentraldienststellen in Berlin: Kriegsministerium, OKH, OKW. Dagegen ist die Heeresgeneralität an der Front - und gerade an der wichtigsten: der Ostfront - ein nach wie vor weitgehend unbeschriebenes Blatt. Auch die heftige Diskussion der letzten Jahre hat daran nichts geändert. In ihr wurden immer wieder einige Befehle der höchsten Frontdienststellen als Belege für die Beteiligung der Wehrmacht an einer verbrecherischen Kriegführung zitiert. Über die dafür verantwortlichen Generäle weiß man aber wenig oder nichts. Noch immer ist man auf dem von Jürgen Förster im Jahr 1983 erreichten Stand, daß einzelne Beispiele für das Verhalten der Generäle bekannt sind, die Frage nach ihrer Repräsentativität aber noch nicht beantwortet werden kann[12].

Zu den insgesamt 25 Oberbefehlshabern[13] der Heeresgruppen und Armeen im ersten Jahr des deutsch-sowjetischen Krieges gibt es bisher kaum eine Handvoll wissenschaftlicher Biographien[14]. Den Rest bilden militärische Erbauungsliteratur und flüchtige Skizzen. Fast scheint es so, als sei die Erforschung von Mentalität und Handeln der Generäle als "Geschichte von oben" verpönt. Doch gerade diese Übersicht von oben ist eine sinnvolle Ergänzung der Geschichte des "einfachen Soldaten" und der Mikrostudien über einzelne Einheiten oder Räume.

Die Oberbefehlshaber der drei Heeresgruppen und dreizehn Armeen bildeten die höchsten Instanzen der Wehrmacht an der Ostfront und besetzten damit eine Schlüsselposition. Diese Generäle hatten mitentscheidenden Einfluß auf die Kriegführung und Besatzungspolitik im Osten und besaßen trotz der Befehle und Weisungen aus dem Führerhauptquartier beträchtlichen Gestaltungsspielraum. Sie verfügten über das Schicksal von Abermillionen Menschen: eigene Soldaten, feindliche Kriegsgefangene, fremde Zivilisten. Sie waren über den gesamten Raum des Ostkrieges von Finnland bis zur Krim und von der Hauptkampflinie bis zur Grenze des zivilen Verwaltungsgebiets verteilt und spiegeln daher in ihrer Tätigkeit den Krieg in der Sowjetunion insgesamt wider. Diese kleine militärische Elite ist also im höchsten Maße relevant und für das Ganze repräsentativ.

Sie soll daher erstmals als Gruppe erfaßt und analysiert werden[15]. Dies wird durch eine im Vergleich zur Überlieferung der übrigen Offiziere und Soldaten gute Quellenlage erleichtert. Die Oberbefehlshaber haben in Privatnachlässen, Dienstakten, Memoirenliteratur, Nachkriegsprozessen etc. eine Fährte privater und dienstlicher Selbstzeugnisse hinterlassen, die zwar von Person zu Person unterschiedlich stark ausfällt, insgesamt aber zu einem schlüssigen Gruppenportrait führen kann. Voraussetzung ist allerdings die Beschränkung der Personen auf eine überschaubare Zahl, damit die individuelle Biographie nicht hinter Massendaten verschwindet. Um den Blick auf den Gesamtraum des östlichen Kriegsschauplatzes zu bewahren, wurde der zeitliche Rahmen auf das erste Jahr begrenzt. Diese richtungweisenden, wechselhaften und quellenmäßig gut belegten zwölf Monate von Juni 1941 bis Mai 1942, vom deutschen Überfall bis zum Ende der sowjetischen Gegenoffensive, waren für die Rolle der Wehrmacht in Hitlers Ostkrieg von besonders großer Bedeutung.

Die Beschäftigung mit einer übersichtlichen Gruppe führender Militärs hat neben den genannten Vorzügen noch einen weiteren Vorteil: Die personengeschichtliche Methode zwingt dazu, sich über das Schwerpunktjahr 1941/42 hinaus mit den individuellen Dispositionen und allgemeinen Bedingungen auseinanderzusetzen. Dadurch kann die Isolierung bestimmter Vorgänge aus dem historischen Kontext bei gleichzeitiger Verabsolutierung von Einzelbefunden vermieden werden. Der Leitfaden der Studie ist die Frage nach dem Anteil der Oberbefehlshaber an der heute unbestrittenen Entgrenzung des deutsch-sowjetischen Krieges zu Rechtsbruch und Verbrechen. Eine Antwort auf diese Frage darf sich nicht in der Aufzählung von Befehlen und Ereignissen erschöpfen, sondern verlangt eine vergleichende Analyse von Mentalität, Milieu und Aufgabe dieser Generäle. Erst dadurch kann das Handeln im Ostkrieg in einen größeren Zusammenhang gestellt werden, der grundsätzliche Aussagen über einen maßgeblichen Teil der militärischen Gesellschaft und ihre Kriegführung zuläßt.

Diese Vorsätze prägen Methodik und Aufbau der Studie. Der gruppenbiographische Ansatz soll nicht zu einem Nebeneinander von 25 Einzelbiographien "von der Wiege bis zur Bahre" führen. Vielmehr sollen jeweils unter bestimmten thematischen Schwerpunkten die individuellen Befunde zu allgemeinen Aussagen über diese Gruppe verknüpft werden. Das Symptomatische aus verschiedenen individuellen Biographien herauszudestillieren, ohne dabei das Verständnis für das Abweichende zu verlieren, ist eine besondere Herausforderung. Die moderne biographische Methode erlaubt die Verbindung verschiedener Ansätze: Sozialgeschichte, Mentalitätsgeschichte, Institutionsgeschichte, Alltagsgeschichte, Militärgeschichte, Politikgeschichte. Diese sechs Begriffe können den drei Hauptkapiteln der Studie zugeordnet werden: 1. Voraussetzungen, 2. Bedingungen, 3. Handeln.

Der erste Teil beschäftigt sich mit der Herkunft, der Laufbahn und dem Denken der Generäle, überblickt also die Biographie bis zum Juni 1941. Das Verhalten der Oberbefehlshaber ist auch auf die persönlichen Entwicklungen und Erfahrungen in Kaiserreich, Weltkrieg, Revolution, Weimarer Republik und NS-Diktatur zurückzuführen. Das erfordert zunächst eine genaue Beschreibung des Sozial-, des Bildungs- und des Karriereprofils. Darauf aufbauend muß dann nach den geistigen Prägungen gefragt werden. Die Generäle traten mit in Jahrzehnten entwickelten Ansichten über Krieg, Politik und Moral in den Feldzug gegen die Sowjetunion. Sie bestimmten ihre Einstellung zum NS-Regime und seiner Kriegspolitik. Diese Mentalitäten als entscheidende Voraussetzungen herauszuarbeiten, ist eine wesentliche Grundlage jeder Beschäftigung mit den Kriegsereignissen von 1941/42.

Eine andere wesentliche Grundlage ist die Beschreibung von Institution, Aufgabe und Berufsalltag eines Oberbefehlshabers an der Ostfront. Der zweite Teil geht daher der Frage nach, unter welchen Berufs- und Lebensbedingungen er arbeitete. Dabei sollen seine Kompetenzen und Möglichkeiten innerhalb des Militärapparats ebenso dargestellt werden wie die Organisation seines Geschäftsbetriebs, sein Mitarbeiterstab und sein Arbeitstag. Der Kriegsalltag des militärischen Führers ist noch unbeschrieben und spielt doch für sein Verhalten im Krieg eine wesentliche Rolle.

Der dritte Teil ist der wichtigste und bei weitem umfangreichste. Er behandelt nach den biographischen Voraussetzungen und institutionellen Bedingungen die Fakten der Kriegführung und Besatzungspolitik. Dabei wird von einer sehr einfachen, zuletzt aber häufig übersehenen Tatsache ausgegangen: Die Kriegsverbrechen lassen sich von der Kriegführung nicht trennen. Es genügt nicht, dieses oder jenes Verbrechen an diesem oder jenem Ort aus dem Zusammenhang des militärischen Geschehens zu lösen und quasi in einen luftleeren Raum zu stellen. Statt dessen muß wieder stärker nach den Wechselwirkungen und Rahmenbedingungen gefragt werden. Das heißt nicht, diese Verbrechen zu relativieren. Ganz im Gegenteil: Manche Vorgänge, die man vorher vor allem ideologisch begründet sah, erscheinen dann vielleicht auch militärisch motiviert.

Die entscheidende Frage ist: Wie führten die Oberbefehlshaber in diesem riesigen Land fernab der Heimat Krieg? Eine Antwort kann nur unter Berücksichtigung aller wesentlichen Probleme dieses Krieges und ihrer nichtmilitärischen Implikationen gegeben werden: operative und taktische Leitung, Logistik, Wirtschaft und Politik, die Behandlung der eigenen, verbündeten und gegnerischen Soldaten, der Kommissare und Kriegsgefangenen, der Zivilbevölkerung, der Partisanen, schließlich die NS-Verbrechen gegen Juden und andere aus ideologischen Gründen Ausgegrenzte. Eine genaue Beschreibung des Standorts der Oberbefehlshaber in diesen vielfältigen, sich berührenden und überlappenden Problemfeldern wird - so steht zu erwarten - zu neuen Erkenntnissen über die Stellung der Wehrmacht in NS-Diktatur und Ostkrieg führen.

2. Christian Hartmann, Front und Etappe. Eine vergleichende Divisionsgeschichte in der Zeit des deutsch-sowjetischen Kriegs 1941-1944

Diese Untersuchung ist komplementär zur vorhergehenden angelegt. Die Ausgangsfrage: Wie weit prägte die politisch-ideologische Zielsetzung des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion Kriegführung und Besatzungspolitik der Wehrmacht, soll hier auf anderen Ebenen ihrer Hierarchie untersucht werden, dort, - so der Titel einer berühmten Stalingrad-Analyse - "wo das Leben konkret war"[16]. Bietet der "Feldherrnhügel" die Möglichkeit, die Ostfront als Ganzes zu überblicken, ohne jedoch auf die Details eingehen zu können, so soll hier ein Ausschnitt genauer untersucht werden.

Damit gerät die große Gruppe der Soldaten unterhalb der militärischen Elite in den Blick, zu der immerhin 99,97% aller Wehrmachtsangehörigen gehörten[17]. Das Interesse an ihrem Verhalten ist eigentlich nicht neu. Ein Unternehmen wie der deutsch-sowjetische Krieg hat eine kaum noch zu überblickende Flut an Memoiren hervorgebracht, und es gibt Berge an Traditionsliteratur zur Geschichte einzelner Truppenteile[18]. Vor allem aber ist in der Wissenschaft ein zunehmendes Interesse am "Krieg des kleinen Mannes" zu beobachten[19]. Darin einbezogen ist in letzter Zeit immer auch die Frage, wie weit einzelne Wehrmachtseinheiten jene verbrecherischen politischen Vorgaben umgesetzt haben, die vor Beginn des Unternehmens "Barbarossa" ausgegeben worden waren[20]. Doch repräsentieren diese wissenschaftlichen Untersuchungen in der Regel nur kleine Ausschnitte, bieten aber kaum einen Gesamtüberblick über einen Kriegsschauplatz, dessen Front sich 1942 über eine Länge von insgesamt rund 3.000 Kilometer erstreckte[21], dessen Hinterland über eine Million Quadratkilometer umfaßte[22] und auf dem damals allein 183 deutsche Divisionen eingesetzt waren[23].

Diese Divisionen bilden den Ansatzpunkt der Untersuchung. Aufgrund ihrer Struktur und ihrer Aufgaben eignen sie sich sehr gut für ein solches Vorhaben: Mit knapp 18.000 Mann (im Verlauf des Krieges reduziert auf 12.000 Mann)[24] waren die Divisionen - so die einschlägige Heeresdienstvorschrift - "die kleinsten Heereskörper, die durch ihre organische Zusammensetzung zu operativer Selbständigkeit befähigt" waren[25], sie konnten selbständig kämpfen und sich selbst versorgen. Es handelte sich hier also um relativ geschlossene militärische Organisationen, wenn man so will: um Armeen im Kleinen, aus denen der Krieg nicht selten Schicksalsgemeinschaften formte. Wie hoch deren Bindekraft noch war, als dieser Krieg längst aufgehört hatte, machen Einrichtungen wie die Veteranenverbände deutlich: Deren Organisationsgrundlage war in der Regel "ihre" Division. Vorteile bietet auch die Größe einer Division, denn sie war einerseits nah "dran" am eigentlichen militärischen Geschehen. Andererseits war eine Division doch so groß, daß sich in ihrer Geschichte stets auch die Große Strategie und damit die politischen Intentionen der kriegführenden Parteien erkennen läßt.

Vielversprechend ist schließlich auch die Quellenlage. Der Stab einer Division hat sein Tun in ausführlichen Kriegstagebüchern und Tätigkeitsberichten festgehalten. Hierarchisch ist die Führungsebene der Division damit die niedrigste Führungsinstitution der Wehrmacht, deren Aktivitäten genau und umfassend dokumentiert sind[26]. Dennoch liegt 60 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs immer noch "keine vorbildliche und gründliche Divisions- und Regimentsgeschichte von wissenschaftlichem Wert" vor, so unlängst das Fazit von Rolf-Dieter Müller[27].

Ein Problem ist freilich das der Repräsentativität. Denn zwischen den einzelnen Divisionen gab es ganz erhebliche Unterschiede; Organisation, soziale Zusammensetzung, Selbstverständnis, Einsatzbedingungen und Einsatzort konnten erheblich differieren. Schon allein der letzte Punkt, die Frage nach der Zugehörigkeit zur Front oder zur Etappe, scheint folgenreich gewesen zu sein für die viel diskutierte Frage nach der Beteiligung "der" Wehrmacht an den zahllosen Kriegs- und NS-Verbrechen. Die weit überwiegende Mehrheit der deutschen Soldaten war an der Front eingesetzt, nicht aber im Hinterland, schon weil der als Blitzkrieg gegen die Sowjetunion konzipierte Feldzug alles andere als erwartungsgemäß verlief. So standen etwa im Juli 1943 177 Divisionen an der Front[28], jedoch nur 10 Sicherungsdivisionen im Hinterland[29]. Andererseits besaß gerade dieses Hinterland als Tatort der deutschen Kriegs- und NS-Verbrechen in der Sowjetunion erhebliche Bedeutung; wenn der Führer der Einsatzgruppe B, Arthur Nebe, bereits im Juli 1941 berichtete, daß seine Einheit "naturgemäß ihre Hauptaufgabe im rückwärtigen Heeresgebiet" fände[30], so gilt dies wohl nicht allein für deren Untaten.

Um wenigstens annäherungsweise zu einem repräsentativen Bild zu kommen, konzentriert sich diese Untersuchung daher nicht auf einen einzigen Verband, sondern vergleicht die Geschichte von fünf Verbänden, die jeweils für ganz unterschiedliche Divisionstypen stehen: So verkörpert die 4. Panzerdivision[31], militärisch einer der leistungsfähigsten Verbände der Wehrmacht, die motorisierte Form der Kriegführung; die 45. Infanteriedivision war wie die 4. Panzerdivision ein Vorkriegsverband, sie war im April 1938 aus Einheiten des ehemaligen österreichischen Bundesheeres zusammengestellt worden. Sie steht als Infanteriedivision für einen Divisionstyp, der am häufigsten in der Wehrmacht wie auch im deutschen Ostheer vertreten war, freilich für eine sehr leistungsfähige Variante; dagegen wurde die 296. Infanteriedivision erst im Februar 1940 ziemlich überstürzt formiert und war eine militärisch weniger schlagkräftige Reservistenformation; mit der 221. Sicherungsdivision kommt ein Verband ins Bild, dessen Einsatzraum primär im rückwärtigen deutschen Besatzungsgebiet lag und der schon aufgrund seines Auftrags und seiner Organisation ganz anders in das integriert ist, was gemeinhin als Vernichtungskrieg bezeichnet wird; die Kommandantur des rückwärtigen Armeegebiets (Korück) 580, eine rein bodenständige Organisation, stand in puncto Leistungsfähigkeit und Ansehen wohl auf den untersten Stufen des militärischen Systems, was nichts daran ändert, daß es gerade dieser Teil der deutschen Militärmaschinerie war, der die militärische Besatzungspolitik exekutierte und damit auch maßgeblich gestaltete.

Ein Vergleich dieser fünf Divisionen ist nicht gedacht als bloße Aneinanderreihung einiger Verbandsgeschichten. Im Vordergrund stehen vielmehr einige problemorientierte Fragestellungen, welche die Darstellung unter folgenden Aspekten strukturieren: Im ersten Kapitel Organisation wäre zu klären, was überhaupt eine Division war, wie weit sich die hier ausgewählten Divisionstypen organisatorisch unterschieden und wie sie in ihrem Einsatz zu verorten sind. Das folgende Kapitel Annäherungen soll die Divisionen einem ersten Vergleich unterziehen; Aspekte wie Traditionsverständnis, Regionale Herkunft, Zeitpunkt der Aufstellung, Karrieremuster des Führungskorps', Auszeichnungen und Straftaten der Angehörigen sowie Verluste stehen dabei im Vordergrund. Das dritte Kapitel Blitzfeldzüge wird sich mit dem ersten Einsatz der fünf Verbände in Polen und im Westfeldzug beschäftigen, insbesondere mit ihrer Kriegführung und ihrer Besatzungspolitik, während sich dann das vierte Kapitel unter der Überschrift Krieg ganz auf den deutsch-sowjetischen Krieg der Jahre 1941/42 konzentrieren wird. Aufgrund seiner Größe läßt sich dies methodisch nur durch einen Wechsel von ausgewählten Einzelgefechten und Überblicksdarstellungen über den Gesamteinsatz der fünf Verbände bewerkstelligen. Das fünfte Kapitel Metamorphosen schließt sich folgerichtig an, denn hier geht es um die Frage, wie sich "unsere" Verbände aufgrund dieses Einsatzes veränderten; hier werden dann auch die späteren Jahre 1943/44 miteinbezogen. Mit dem letzten und sechsten Kapitel Verbrechen soll schließlich jener Aspekt aufgegriffen werden, der im Zentrum der Diskussion der vergangenen Jahre stand. Neben dem Versuch einer möglichst umfassenden Rekonstruktion der Beteiligung der fünf Verbände an NS- und Kriegsverbrechen, sollen diese Taten juristisch diskutiert, verglichen und dann in den Gesamtkontext eingeordnet werden. Damit wäre wieder auf die übergreifende Fragestellung dieser Untersuchung verwiesen, deren Ziel es ist, so etwas wie eine Typologie dieses Krieges zu erarbeiten. Gab es Unterschiede im Hinblick auf Organisation, Raum, Auftrag und Gegner? Und: Wie weit prägten diese Determinanten dann das Verhalten der dort eingesetzten Soldaten?

Flächendeckend werden sich solche Fragen in dieser Studie nicht beantworten lassen; auch sie beschäftigt sich nur mit einen kleinen Ausschnitt. Doch könnte der komparatistische Ansatz die Möglichkeit bieten, so etwas wie ein Modell zu entwickeln, ein Modell, mit dessen Hilfe sich der Einsatz der Wehrmacht in der Sowjetunion etwas genauer strukturieren ließe, ihre Kriegführung, ihre Besatzungspolitik und nicht zuletzt Dimension und Stellenwert ihrer Verbrechen.

3. Dieter Pohl, Militärverwaltung und Bevölkerung in der besetzten Sowjetunion 1941-1944 (Edition)

Während die meisten deutschen Soldaten in der Sowjetunion in einem begrenzten Frontabschnitt kämpften, verwaltete das Militär im Hinterland mit vergleichsweise wenig Personal riesige Gebiete. Ursprünglich war vorgesehen, die besetzten sowjetischen Territorien zum größten Teil an eine Zivilverwaltung abzugeben. Wegen des unerwarteten Kriegsverlaufs wurden aber nur die westlich gelegenen Gebiete der Sowjetunion aus der Verantwortung der Wehrmacht entlassen. Die Osthälfte des besetzten Raumes, zeitweise über eine Million Quadratkilometer, blieb unter der Aufsicht des Heeres. Die Geschichte der Militärverwaltungsgebiete auf sowjetischem Boden ist von großer Bedeutung, um die Rolle der Wehrmacht in der nationalsozialistischen Diktatur genauer zu bestimmen. Die Militärverwaltung agierte in einem Bereich, der von der nationalsozialistischen Führung als zentral angesehen wurde, der Besatzung und Ausbeutung Osteuropas. Zugleich aber übte das Militär auf regionaler Ebene seine eigene Besatzungspolitik aus. In diesen Gebieten, die bis Herbst 1941 zeitweise auch die westlichen Teile der Sowjetunion umfaßten, entfaltete sich die nationalsozialistische Herrschaft frühzeitig in extremer Form.

Angesichts der Bedeutung dieser Militärverwaltung für die Geschichte der Wehrmacht und angesichts ihrer bisher rudimentären Erforschung soll eine Edition die Grundlagen für eine fundierte Diskussion und weitere Forschungen schaffen. Leitende Fragestellung ist der Zugriff der deutschen Besatzung auf die einheimische Gesellschaft: Welche Maßnahmen ergriff die Militärverwaltung gegenüber der Bevölkerung und welche Auswirkungen hatten diese? Eigentlich hatte die Wehrmacht, repräsentiert durch die Befehlshaber und die Organe der Militärverwaltung, die Hoheit in diesem Raum. Dabei mußte sie jedoch die Sonderkompetenzen des SS- und Polizeiapparates sowie des Wirtschaftsstabes Ost in zwei außerordentlich wichtigen Bereichen, der Bekämpfung ziviler "Feinde" und der Wirtschaftspolitik, berücksichtigen.

Die Besatzungspolitik unter Hoheit der Wehrmacht hatte erhebliche Folgen für die sowjetische Bevölkerung, d.h. vor allem Ukrainer, Weißrussen, Esten, Russen und die Nationalitäten auf der Krim und im Nordkaukasus. Große Teile der jüdischen Minderheit wurden unter Militärverwaltung ermordet, im Bereich der Heeresgruppe Süd etwa die Hälfte. Über die Jahre, d.h. oftmals nur für kurze Zeit, befanden sich insgesamt 55 Millionen Menschen im Zugriff der Militärverwaltung. In der Phase von Spätherbst 1941 bis Herbst 1943, als die westlichen Territorien an die Zivilverwaltung abgegeben waren, lebten etwa 25 Millionen Personen in den weiter östlich installierten Militärgebieten. Bedeutende sowjetische Großstädte, die überwiegend im Westen des Landes lagen, standen zeitweise unter Militärverwaltung, allerdings nur wenige auf Dauer (Charkow, Kursk, Smolensk und Stalino). Die städtische Bevölkerung hatte unter der Besatzung am meisten zu leiden: Dort wohnten fast alle Juden, aber auch der Großteil der Staats- und Parteifunktionäre, also die zur Ermordung vorgesehenen Personengruppen. Die Stadtbevölkerung wurde in der Ernährungspolitik erheblich benachteiligt, insbesondere solche Personen, die nicht für deutsche Interessen arbeiteten. Auch für die sowjetischen Kriegsgefangenen, die im Operationsgebiet verblieben, war allein die Militärverwaltung verantwortlich. Dort fand der Transport der Gefangenen von den Gefechtsgebieten statt, dort wurden sie in den Durchgangs- und Stammlagern gehalten, wo etwa 800.000 von ihnen 1941/42 starben.

Im Mittelpunkt der Edition stehen: 1. die allgemeine Aufgabenstruktur der Militärverwaltung, insbesondere im Hinblick auf die Landesverwaltung, 2. die Einrichtung von landeseigener Verwaltung und Hilfspolizei, 3. die Auswirkung der Wirtschaftspolitik auf die Bevölkerung, insbesondere im Bereich der Ernährung und der Arbeiterrekrutierung, 4. die Behandlung der Kriegsgefangenen im Operationsgebiet, 5. die Rolle der Militärverwaltung bei den Massenverbrechen an bestimmten Bevölkerungsgruppen wie den Juden, 6. die Behandlung der Zivilbevölkerung im Partisanenkrieg, und 7. die Maßnahmen gegenüber der Bevölkerung beim Rückzug 1943/44.

Die Edition soll sich ausschließlich auf Wehrmacht-Provenienzen beschränken. Da die Überlieferung des zuständigen Generalquartiermeisters minimal ist, liegt der Schwerpunkt auf den Befehlshabern der rückwärtigen Heeresgebiete und den Kommandanten der rückwärtigen Armeegebiete, die zusammen den Kern der Militärverwaltung ausmachten und zeitweise für riesige sowjetische Territorien verantwortlich waren. Als nachgeordnete Einheiten und Dienststellen sind die Sicherungsdivisionen (bzw. andere im rückwärtigen Gebiet eingesetzte Divisionen), die Feldkommandanturen, in Einzelfällen auch die Oberfeldkommandanturen von Bedeutung. Für die eminent wichtigen wirtschaftspolitischen Zusammenhänge werden weiter Akten des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamts, des Wirtschaftsstabes Ost, der Wirtschaftsinspektionen (und im Einzelfall der Wirtschaftskommandos) herangezogen. Mit Ausnahme der Kommandanturen ist die Überlieferung bei allen diesen Provenienzen vergleichsweise gut, aber bis heute von der Forschung noch nicht annähernd ausgeschöpft worden. Die Einbeziehung ehemals sowjetischer Archive in die Recherchen macht weiteres, weitgehend unbekanntes Quellenmaterial zugänglich.

Ediert werden ausschließlich Dokumente aus der Zeit nach dem 22. Juni 1941, vor allem bis Oktober 1943. Die Planungen im Vorfeld des "Barbarossa"-Feldzuges sind zwar von grundlegender Bedeutung für die späteren Strukturen und Ereignisse; dazu sind jedoch schon eine Reihe zentraler Quellen veröffentlicht und grundlegender Untersuchungen vorgelegt worden. Deshalb wird die Vorgeschichte in einem langen Einleitungskapitel referiert. Die Einleitung soll darüber hinaus einen Gesamtüberblick über die Militärverwaltung bieten, der die Zusammenhänge der abgedruckten Dokumente herstellt. In der breiter angelegten Kommentierung werden nicht nur unbekannte Vorgänge erklärt und Personen näher beschrieben, sondern die Bedeutung des jeweiligen Aktenstücks innerhalb der Besatzungspolitik beleuchtet. Dazu sind umfangreichere Recherchen auch in anderen Provenienzen, etwa dem SS- und Polizei-Apparat und der Zivilverwaltung, und die Analyse von Zeugenaussagen der Nachkriegszeit notwendig. Zugleich können ausländische Forschungsergebnisse aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, die bisher wenig rezipiert wurden, in die Kommentierung einfließen.

Durch eine repräsentative Quellenauswahl, eine monographische Einleitung und eine sorgfältige Kommentierung will diese Edition eine Grundlage schaffen, auf der sich die Besatzungspolitik der Wehrmacht in den sowjetischen Gebieten systematisch rekonstruieren läßt. Die Folgen, die diese Besatzungspolitik für die dort lebende Bevölkerung und die Kriegsgefangenen hatte, stehen dabei im Mittelpunkt. Dadurch wird ein Vergleich mit den weit besser erforschten Militärverwaltungen im übrigen besetzten Europa ermöglicht. Doch geht es nicht nur darum, weiße Flecken auf der europäischen Geschichtslandkarte zu tilgen. Die Besatzungspolitik der Wehrmacht in der Sowjetunion besitzt einen besonderen Stellenwert, ohne dessen Kenntnis sich die Funktion dieser Armee in der nationalsozialistischen Diktatur kaum adäquat bestimmen läßt.

4. Andreas Toppe, Wehrmacht und Kriegsrecht 1933 bis 1945

Ungeachtet eines wachsenden Interesses an den deutschen Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkrieges hat sich die historische Forschung mit dem damals geltenden Kriegsrecht wie dessen Rezeption durch die Wehrmacht nur am Rande beschäftigt. Dieses Defizit ist erstaunlich, denn schließlich lieferte dieser internationale Regelkodex erst die Kriterien, anhand derer die zahllosen Verbrechen, die das nationalsozialistische Regime und seine Armeen verübt hatten, als solche erkannt und damit sanktioniert werden konnten. Auch die gerade in jüngster Zeit geführte Debatte, ausgelöst durch die Wehrmachtsausstellung, bestätigt diesen Befund.

Normativer Rahmen für das Verhalten der damaligen Kriegsparteien bildeten zunächst die positiv-rechtlichen Bestimmungen internationaler Verträge, wie die Haager Landkriegsordnung vom 18. Oktober 1907 und die Genfer Kriegsgefangenenkonvention vom 27. Juli 1929, des weiteren aber auch das Kriegsgewohnheitsrecht und internationale Rechtsgrundsätze. Beinahe alle Staaten, die am Zweiten Weltkrieg teilnahmen, hatten sich auf diesen Kodex verpflichtet, nach Beginn des deutschen Überfalls auch die Sowjetunion. Daß die deutschen Streitkräfte diese Regeln internationalen Rechts modifizierten, ignorierten oder ganz außer Kraft setzten, war bereits Teil der Anklage in den Nürnberger Prozessen. Jedoch finden sich auch Gegenbeispiele, die belegen, daß die Wehrmacht die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln des Krieges durchaus beachten konnte.

Angesichts dieser Widersprüche liegt es nahe, der Frage nachzugehen, wie es denn generell mit der Rezeption des Kriegsrechts durch die Wehrmacht bestellt war. Diese zentrale Frage wird in drei Teilschritten (Rechtstheorie, Rechtsorganisation, Rechtspraxis) untersucht:

Das erste Kapitel versucht die normativen Bedingungen der verantwortlichen Entscheidungsträger innerhalb der Wehrmacht und der Regierung des Dritten Reiches deutlich zu machen. Zugleich legt es den Rahmen für die gesamte Dissertation fest. Zweck dieses Kapitels ist es, sowohl komplexe juristische Sachverhalte des damals geltenden Kriegsrechts zu erläutern, als auch Kontinuitäten und Diskontinuitäten im deutschen Rechtsdenken nachzuzeichnen, um damit mögliche Anhaltspunkte für die deutschen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg zu erhalten. Gab es, so wäre hier zu fragen, einen deutschen Sonderweg in der internationalen Rechtslehre? Selbstverständlich können hier nicht alle Vorschriften des internationalen Kriegsrechts behandelt werden. Vielmehr wird analog zu den Ergebnissen der Wehrmachtsforschung auf die wichtigsten Kriegsrechtsfälle eingegangen. Anhand ausgewählter Publikationen namhafter deutscher Völkerrechtler, der deutschen Kriegsführung im Ersten Weltkrieg, der Ergebnisse des III. Untersuchungsausschusses der Verfassunggebenden Nationalversammlung und des Deutschen Reichstags 1919 bis 1928, ferner der veröffentlichten Urteile aus den Kriegsverbrecherprozessen vor dem Reichsgericht zu Leipzig im Jahre 1921 werden folgende kriegsrechtlichen Bestimmungen diskutiert:

  1. Der rechtliche Status des Kombattanten
  2. Damit verbunden die Frage nach der rechtlichen Stellung des Partisanen
  3. Die wichtigsten Regelungen aus dem Besatzungsrecht
  4. Der juristische Komplex der Geisel- und Repressalmaßnahme
  5. Die rechtliche Situation des Kriegsgefangenen

Als Orientierung dienen hierzu vor allem die Urteile der Nürnberger Prozesse, aber auch Abhandlungen angelsächsischer und Schweizer Völkerrechtler.

Im zweiten Teil werden jene Einrichtungen der Wehrmacht, des Heeres und der Armeen vorgestellt, die sich mit kriegsrechtlichen Fragen zu befassen hatten. Dazu zählten u.a. die Wehrmachtrechtsabteilung und die Justizdienststelle beim Chef OKW unter Leitung von Oberstkriegsgerichtsrat Dr. Rudolf Lehmann, die Gruppe IV im Amt Ausland/Abwehr beim OKW, welche von Oberstleutnant Dr. Wilhelm Tafel geführt wurde, die Gruppe Rechtswesen im OKH unter Oberstkriegsgerichtsrat Dr. Erich Lattmann oder der Chef der Heeresrüstung und Befehlshaber des Ersatzheeres im OKH Generaloberst Friedrich Fromm. Als Rechtsberatungsstelle fungierte zudem der "Vorausschuß Kriegsrecht", der sich aus Angehörigen der Wehrmacht und des Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zusammensetzte. Ein Forum für rechtswissenschaftliche Diskussionen bildete darüber hinaus der "Ausschuß für Völkerrecht" der Akademie für Deutsches Recht.

Im Blickpunkt stehen somit zunächst der organisatorische Aufbau dieser Rechtsinstitutionen, ihre Aufgaben und Kompetenzen, ihre wichtigsten Mitarbeiter wie auch deren Vernetzung mit anderen Abteilungen und Einrichtungen. Anschließend werden aus den Sitzungsprotokollen der Ausschüsse, den Denkschriften und Lehrmaterialien der genannten Abteilungen sowie aus den vom OKH herausgegebenen Heeresdienstvorschriften die Standpunkte der deutschen Wehrmacht zu den bereits diskutierten kriegsrechtlichen Fragen herausgearbeitet. Die Auswertung konzentriert sich dabei vor allem auf mögliche Kontinuitätsbrüche in der Interpretation relevanter Kriegsrechtsartikel in der Zeit zwischen 1933 bis 1939. Hierauf schließen sich weitere Fragestellungen an: Wie wirkte sich die Völkerrechtsdogmatik des Nationalsozialismus auf die Arbeiten dieser Rechtsabteilungen aus? Inwiefern prägten ihre Gutachten das Rechtsbewußtsein der Wehrmacht? Wie sah ihre Beratertätigkeit im Vorfeld und während des Krieges aus? Reagierten sie auf Kriegsrechtsverletzungen der Wehrmacht und wenn ja mit welchem Erfolg?

Das letzte Kapitel analysiert den Stellenwert des Völkerrechts für die Entscheidungen von OKW, OKH und der jeweiligen Armeeoberbefehlshaber. Die Untersuchung konzentriert sich dabei auf die Kriegsschauplätze in Polen, Frankreich und in der Sowjetunion, um damit nicht nur eine zeitlich lückenlose Studie der deutschen Rechtspraxis gewährleisten zu können, sondern auch um Motive und Bedingungen für Kriegsrechtsverletzungen deutlich zu machen. So wird in einem ersten Schritt der Befehlsentwicklung in jenen Bereichen des Kriegsrechts nachgegangen, die in der Literatur mitunter am häufigsten thematisiert wurden: die Partisanenbekämpfung und die Behandlung von Kriegsgefangenen. Im zweiten Teil dienen nun gleichfalls ausgewählte Kriegsgerichtsverfahren der Wehrmacht dazu, die Umsetzung des Kriegsrechts an den verschiedenen Frontabschnitten zu verfolgen. Die Urteilspraxis wird unter folgenden Kategorien erforscht:

Durch die Gegenüberstellung von Befehlen und Gerichtsverfahren sollen einerseits die Auswirkungen der nationalsozialistischen Ideologie in den jeweiligen Feldzügen der Wehrmacht untersucht und andererseits mögliche Zusammenhänge zwischen der konkreten Frontsituation und der Handhabung des Kriegsrechts offengelegt werden. Gerade hierdurch wird sich zeigen, daß die Wehrmacht aufgrund einer intakten Öffentlichkeit in Westeuropa und in den USA sich dem anhaltenden Rechtfertigungsdruck nicht immer entziehen konnte.

 

Schließlich sind in unserem Projekt auch einige Magisterarbeiten angesiedelt. Diese zunächst als Literaturarbeiten angelegten Projekte sind einerseits angebunden an unser Schwerpunktthema, den deutsch-sowjetischen Krieg, weisen jedoch räumlich, zeitlich und institutionell über dessen Grenzen hinaus. In der bereits fertiggestellten Arbeit von Peter Lieb "Das deutsche Westheer und die Eskalation der Gewalt August 1942 bis September 1944" stehen die Auswirkungen im Mittelpunkt, die der deutsch-sowjetische Krieg für die Besatzungspolitik und Kriegführung der Wehrmacht im besetzten Frankreich hatte. Die zweite Arbeit (momentan unbesetzt) "Die Rezeption der Wehrmacht durch die westdeutsche Forschung und Publizistik während der 60er Jahre" konzentriert sich auf einen Zeitraum, der für die Rezeptionsgeschichte der Wehrmacht unter mentalitäts- wie wissenschaftsgeschichtlichen Aspekten ganz besondere Bedeutung besaß. Max Spindler untersucht, vergleichend zur Wehrmacht, die zweite deutsche Landstreitmacht, die an der Ostfront kämpfte, also die "Waffen-SS im deutsch-sowjetischen Krieg 1941/42".

 

Die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, ihre Kriegführung, ihre Besatzungspolitik, ihre Verbrechen - ein historisches Thema wie viele? Bereits die große Publizität dürfte eher dagegen sprechen. Doch begründet sich die Bedeutung des Themas nicht allein darin, daß die NS-Vergangenheit der deutschen Politik und der deutschen Gesellschaft auch künftig erhalten bleiben wird. In unserem Projekt ist immer auch eine zweite große Frage angelegt, die nicht an Institutionen oder Zeiten gebunden ist - die Frage nach dem Verhältnis von Krieg und Gewalt. Seit 1945 wird in immer neuen Varianten vorgeführt, wie sehr das, was gemeinhin als Kriegsverbrechen gilt, den modernen Krieg prägt und ihn teilweise auch ersetzt. Diese Entgrenzung der Gewalt, genauer: der Rückfall des Krieges in seine Ursprünge, allein technisch oder militärisch zu begründen, trifft nicht den Kern der Sache. Wirklich erklären läßt sich diese Barbarisierung nur mit den dahinter liegenden ideologischen und politischen Motiven sowie mit dem Wandel im Selbstverständnis der Kriegführenden.

Massiv zeigte sich dieses neue Gesicht des Krieges erstmals wieder im Zweiten Weltkrieg, in der westlichen Hemisphäre auf jenem Kriegsschauplatz, auf dem die Armeen zweier antagonistischer totalitärer Regime aufeinander trafen. Im deutsch-sowjetischen Krieg finden sich viele jener Entwicklungen, die das militärische Geschehen der Gegenwart zunehmend bestimmen: die Strategie des Vernichtungskriegs, die Terrorisierung des besetzten Landes und seine hemmungslose Ausbeutung, die unübersehbaren Probleme, die sich aus dem Partisanenkrieg, der Mißhandlung der Kriegsgefangenen und der Rekrutierung des ehemaligen Gegners ergeben, aber auch aus ganz speziellen technischen Entwicklungen wie etwa der des Minenkriegs. Zu beobachten ist hier auch eine zunehmende Emanzipation des Soldaten im Sinne seiner Loslösung aus der militärischen Hierarchie, sowie die gnadenlose Ideologisierung des Kampfes, der Verlust der traditionellen ethischen, wie auch christlichen Normen und, damit einhergehend, die wachsende Unfähigkeit, zwischen dem militärischen und dem zivilen, dem wehrhaften und dem wehrlosen, Gegner zu unterscheiden.

Vielleicht läßt sich unter diesen Überlegungen unser Projekt nicht nur als ein weiterer Beitrag zur Bewertung der Wehrmacht verstehen, sondern auch als Modellstudie, die um eine zentrale Frage kreist: Warum eskalieren militärische Konflikte? Wie verläuft dies? Und schließlich: Gibt es so etwas wie Sicherungsmechanismen? Natürlich sind historische Untersuchungen keine politischen Handlungsanleitungen. Aber solange es den politisch und militärisch Verantwortlichen nicht gelungen ist, eine wirklich überzeugende Antwort auf die Eskalation der modernen Kriege zu geben, solange ist auch die historische Erforschung dieses Phänomens nicht allein ein historiographisches Problem.

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Anmerkungen

[1]   Die beste Zusammenfassung bietet: Hans-Günther Thiele (Hrsg.), Die Wehrmachtsausstellung. Dokumentation einer Kontroverse, Bonn 1997. Vgl. ferner Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944", Hamburg 1999; Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Krieg ist ein Gesellschaftszustand. Reden zur Eröffnung der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944", Hamburg 1998.

[2]   Vgl. mit der Übersicht von Bernd Boll, Wehrmacht vor Gericht. Kriegsverbrecherprozesse der Vier Mächte nach 1945, in: Geschichte und Gesellschaft 24 (1998), S. 570-594

[3]   Aus der Einleitung zum Ausstellungskatalog. Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, Hamburg 1996, S. 7.

[4]   In einem Interview mit der "Sunday Times". Vgl. Welt am Sonntag vom 14.2.1999, "Staatsminister Naumann: Wehrmacht war eine 'Tötungsmaschine'".

[5]   Ausgelöst durch die folgenden drei Aufsätze: Bogdan Musial, Bilder einer Ausstellung. Kritische Anmerkungen zur Wanderausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941- 1944", in: VfZ 47 (1999) S. 563-591; Dieter Schmidt-Neuhaus, Die Tarnopolstellwand der Wanderausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944". Eine Falluntersuchung zur Verwendung von Bildquellen, in: GWU 10/99 S. 596-603; Krisztian Ungváry, Echte Bilder- problematische Aussagen. Eine quantitative und qualitative Analyse des Bildmaterials der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944", in: ebd., S. 584-595.

[6]   Ihren ersten publizistischen Niederschlag fand diese Debatte in der Reihe "Zeit-Punkte": Gehorsam bis zum Mord? Der verschwiegene Krieg der deutschen Wehrmacht - Fakten, Analysen, Debatte, Gütersloh 1995, insbes. S. 70 ff.

[7]   Das mittlerweile auf fünf Jahre angelegte Projekt, zu großen Teilen finanziert vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, leitet Christian Hartmann; Projektmitarbeiter sind Johannes Hürter und Dieter Pohl, Doktorand Andreas Toppe, die Studentischen Hilfskräfte Peter Lieb und Andreas Götz. Für die Unterstützung des Projekts sei an dieser Stelle Hermann Graml herzlich gedankt.

[8]   Vgl. Burkhart Müller-Hillebrand, Das Heer 1933-1945. Entwicklung des organisatorischen Aufbaus, Bd. III: Der Zweifrontenkrieg. Das Heer vom Beginn des Feldzuges gegen die Sowjetunion bis zum Kriegsende, Frankfurt a. M. 1969, S. 253. Die Zahl umfaßt die Angehörigen von Feldheer, Ersatzheer, Luftwaffe, Kriegsmarine, Waffen-SS, fremdländische Kräfte und Wehrmachtgefolge.

[9]   So Andreas Hillgruber, Die "Endlösung" und das deutsche Ostimperium als Kernstück des rassenideologischen Programms des Nationalsozialismus, in: VfZ 20 (1972), S. 133-153.

[10]   Walter Warlimont, Im Hauptquartier der deutschen Wehrmacht 39-45. Grundlagen, Formen, Gestalten, München 31978, S. 133.

[11]   Dies wird schon in den quantitativen Dimensionen dieses Krieges deutlich. Vgl. hierzu Müller-Hillebrand, Heer, Bd. III, S. 65, 217.

[12]   Jürgen Förster, Die Sicherung des "Lebensraumes", in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 4: Der Angriff auf die Sowjetunion, Stuttgart 1983, S. 1030-1078, hier S. 1045: "Welche Haltung hoher Offiziere gegenüber dem Vorgehen der Sicherheitspolizei und des SD in den besetzten sowjetischen Gebieten aber ist typisch oder repräsentativ zu nennen? Da eine Quantifizierung nicht Aufgabe dieses Überblicks über die deutsche Besatzungspolitik sein kann, bleibt nur die beispielhafte Anführung einiger Äußerungen." Vgl. auch ebd., S. 1054, über einen Befehl General v. Mackensens, der sich von den Befehlen Reichenaus, Mansteins und Hoths unterschied: "Die entscheidende Frage in diesem Zusammenhang ist die: wie repräsentativ ist dieser Befehl für das Verhalten des deutschen Heeres in der Sowjetunion? Sie kann nur indirekt beantwortet werden, da eine quantifizierende Untersuchung darüber noch aussteht."

[13]   Unter Mitberücksichtigung des Kriegsschauplatzes im äußersten Nordosten (Finnland) sind dies die Oberbefehlshaber Bock, Busch, Dietl, Falkenhorst, Guderian, Heinrici, Hoepner, Hoth, Kleist, Kluge, Küchler, Leeb, Lindemann, Manstein, Model, Paulus, Reichenau, Reinhardt, Rundstedt, Ruoff, Schmidt, Schobert, Strauß, Stülpnagel und Weichs.

[14]   Wissenschaftlichen Ansprüchen genügen überhaupt nur drei Arbeiten: Generalfeldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb. Tagebuchaufzeichnungen und Lagebeurteilungen aus zwei Weltkriegen. Aus dem Nachlaß hrsg. u. mit einem Lebensabriß versehen v. Georg Meyer. Stuttgart 1976; Charles Messenger, The Last Prussian. A Biography of Field Marshal Gerd von Rundstedt 1875-1953, London [u.a.] 1991; Christoph Clasen, Generaloberst Hans-Georg Reinhardt, Stuttgart 1996. Zwei vor wenigen Jahren erschienene biographische Sammelwerke enthalten lediglich einige knappe Lebensskizzen: Die Militärelite des Dritten Reiches. 27 biographische Skizzen. Hrsg. v. Ronald Smelser u. Enrico Syring. Berlin/Frankfurt a. M. 1995; Hitlers militärische Elite. Hrsg. v. Gerd R. Ueberschär. 2 Bde., Darmstadt 1998. Vgl. jetzt - als erstes Ergebnis des Projekts - Johannes Hürter, "Es herrschen Sitten und Gebräuche, genauso wie im 30-jährigen Krieg". Das erste Jahr des deutsch-sowjetischen Krieges in Dokumenten des Generals Gotthard Heinrici, in: VfZ 48 (2000), S. 329-403.

[15]   Vgl. auch die Bemerkungen von Michael Ruck, Bibliographie zum Nationalsozialismus, Köln 1995, S. 25: "Ein zweites Charakteristikum der neueren NS-Forschung ist die intensive Beschäftigung mit der Geschichte einzelner Sozialgruppen. [...] Als Schwerpunkte zeichnen sich die Komplexe Justiz, Medizin/Psychatrie und Universitäten ab; vergleichsweise defizitär sind demgegenüber die Bereiche Verwaltung, Militär und Wirtschaft. Vor allem aber mangelt es auch hier noch an Studien, welche das Verhalten verschiedener Elitegruppen komparativ untersuchen." Auch zu letzterem Problem kann das hier vorgestellte Projekt erste Ergebnisse liefern.

[16]   So der Titel des gleichnamigen Werkes: Wilhelm Raimund Beyer, Stalingrad - unten, wo das Leben konkret war, Frankfurt a. M. 1987.

[17]   Vgl. Reinhard Stumpf, Die Wehrmacht-Elite. Rang- und Herkunftsstruktur der deutschen Generale und Admirale 1933-1945, Boppard a. Rh. 1982, S. 161 ff. Die Stärke des Ostheeres betrug am 22.6.1941 3.050.000 Mann. Vgl. Ernst Klink, Die militärische Konzeption des Krieges gegen die Sowjetunion, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Bd. 4, Stuttgart 1983, S. 190-277, hier S. 270. Zahlen über die damals an der Ostfront eingesetzten Angehörigen von Luftwaffe und Kriegsmarine sind hier nicht angegeben.

[18]   Vgl. hierzu Walter Held, Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg. Eine Bibliographie der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Hrsg. mit Unterstützung des Arbeitskreises für Wehrforschung, z. Z. 4 Bde., Osnabrück 1978-1995.

[19]   So der Titel des von Wolfram Wette herausgegebenen Sammelbandes (München 1992). Vgl. ferner Klaus Latzel, Deutsche Soldaten - nationalsozialistischer Krieg? Kriegserlebnis - Kriegserfahrung 1939-1945, Paderborn 1998; Hans Joachim Schröder, Die gestohlenen Jahre. Erzählgeschichten und Geschichtserzählung im Interview: Der Zweite Weltkrieg aus der Sicht ehemaliger Mannschaftssoldaten, Tübingen 1992.

[20]   Vgl. etwa Theo J. Schulte, The German Army and Nazi Policies in Occupied Russia, Oxford 1989; Omer Bartov, Hitlers Army. Soldiers, Nazis, and War in the Third Reich, Oxford 1991 (dt.: Hitlers Wehrmacht. Soldaten, Fanatismus und die Brutalisierung des Krieges, Hamburg 1995); Hannes Heer, Klaus Naumann (Hrsg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944, Hamburg 1995 (insbes. Beiträge Margers Vestermanis, Bernd Boll/Hans Safrian, Truman O. Anderson, Theo J. Schulte, Klaus Geßner).

[21]   Vgl. Bernd Wegner, Der Krieg gegen die Sowjetunion 1942/43, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Bd. 6, Stuttgart 1990, S.761-1102, hier S. 795.

[22]   Vgl. Europa unterm Hakenkreuz. Die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus (1938-1945). Hrsg. vom Bundesarchiv, Bd. 8: Analysen, Quellen, Register. Zusammengestellt und eingeleitet von Werner Röhr, Heidelberg 1996, S. 91. Gemeint ist der Umfang des Gefechtsgebiets sowie der Rückwärtigen Heeres- bzw. Armeegebiete. Die beiden Reichskommissariate "Ostland" und "Ukraine", die der zivilen Verwaltung unterstanden, waren 400.000 bzw. 533.000 qkm groß.

[23]   Vgl. Müller-Hillebrand, Heer, Bd. III, S. 64.

[24]   Gemeint ist die Stärke einer Infanteriedivision, des häufigsten Divisionstyps. Vgl. Wolf Keilig, Das Deutsche Heer 1939-1945, Bad Nauheim o. J. , Lieferung 101, I, 1 ff..

[25]   H.Dv. 300/1: Truppenführung, 1. Teil (Abschnitt I-XIII), Berlin 1936, S. 7.

[26]   Vgl. Das Bundesarchiv und seine Bestände. Von Gerhard Granier, Josef Henke und Klaus Oldenhage. Begründet von Friedrich Facius, Hans Booms und Heinz Boberach, Boppard a. Rh. 31977, S. 244 ff., 339.

[27]   Vgl. Rolf-Dieter Müller, Die Wehrmacht, S. 29. Für die Waffen-SS vgl. Charles W. Sydnor, jr., Soldiers of Destruction. The SS Death's Head Division 1933-1945, Princeton, N. J. 1977.

[28]   Einen Überblick über die wichtigsten Operationen gegen die Partisanen in den besetzten Gebieten der UdSSR, an denen auch einzelne Kampfverbände beteiligt waren, bietet Röhr, Europa, Bd. 8, S. 202 f.

[29]   Müller-Hillebrand, Heer, Bd. III, S. 119. In Stärkezahlen ausgedrückt bedeutete das, daß am 1.10.1943 1.578.000 Soldaten des Feldheeres an der Front kämpften und dabei zusätzlich von 400.000 Mann Heerestruppen (Einheiten der Korps-, Armee- und Heeresgruppenkommandos) unterstützt wurden. Hinter diesem Gefechtsgebiet befanden sich nochmals 490.000 Mann für rein logistische Aufgaben; hinter diesen beiden Streifen wurden die rückwärtigen Gebiete von 96.000 Soldaten gesichert. Vgl. ebd., S. 217.

[30]   Aus dem Tätigkeitsbericht des Chefs der Einsatzgruppe B für die Zeit vom 23.6.1941 bis zum 13.7.1941, ed. in: Peter Klein (Hrsg.), Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42. Die Tätigkeits- und Lageberichte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD, Berlin 1997, S. 375-386, hier S. 381.

[31]   Die Angaben beruhen auf folgenden Werken: Georg Tessin, Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg 1939-1945, 16 Bde., Osnabrück 1996; Peter Schmitz, Klaus-Jürgen Thies, Günther Wegmann und Christian Zweng, Die deutschen Divisionen 1939-1945. Heer/Landgestützte Kriegsmarine/Luftwaffe/Waffen-SS, z. Z. 3 Bde., Osnabrück 1993-1996; Werner Haupt, Die deutschen Infanterie-Divisionen, 3 Bde., Friedberg 1992; Kurt Mehner, Die deutsche Wehrmacht 1939-1945. Führung und Truppe, Norderstedt 1993; Wolf Keilig, Das deutsche Heer 1939-1945. Gliederung, Einsatz, Stellenbesetzung. Loseblattwerk in zwei Leinenordnern, Bad Nauheim, 1955 ff.; Divisionsschicksale. Hrsg. vom Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes, 2 Bde., München 1960; Schottelius/Caspar, Die Organisation des Heeres 1933-1939, in: Handbuch zur deutschen Militärgeschichte 1648-1939, Bd. 4, S. 289-399.

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