Wolfgang Klötzer

Heinrich von Gagern (1799-1880). Briefe und Reden
Ein Editionsunternehmen der Hessischen Historischen Kommission

Hinweis: Die Zahlen in Klammern verweisen auf die Anmerkungen am Ende des Textes

1. Heinrich von Gagern, ein vergessener Politiker?

Wenige Tage nach seinem Tode schrieb eine Frankfurter Zeitung[1]: "Wir sahen Gagern zuletzt im Sommer 1872 an einem schwülen Julinachmittag am Bahnhof zu Alzey. Mit einer Anzahl demokrati­scher Parteigenossen kamen wir von dem Kirchheim-Bolandener Friedhof, wo dankbare Erinnerung den dort gefallenen Blutzeugen für die Reichsverfassung ein Denkmal errichtet und geweiht hatte. Da geht ein Flüstern von Mund zu Mund, man deutet auf den hochgewachsenen Greis, der einsam den Perron entlangwandelt. Der toten Streiter für die deutsche Freiheit hatten heute Tausende gedacht; ob wohl aber nur ein einziger des Lebenden, der dort schreitet, den das Geschick dereinst mit einer Mis­sion betraut hatte, wie sie ehrenvoller nicht gedacht werden kann? Das war die Frage in aller Blicke."

Heinrich von Gagern, 1848 der erste Präsident der Frankfurter Nationalversammlung, war auf der Woge der deutschen Einheits- und Freiheitsbewegung hoch aufgestiegen und nach dem Scheitern der demokratischen Bewegung von 1848/49 tief gefallen. Bismarck begegnete ihm mit Geringschätzung, nachdem er ihn einmal als "Phrasengießkanne" bezeichnet hatte.

2. Wer war Heinrich von Gagern?

Wilhelm Heinrich August Freiherr von Gagern, war am 20. August 1799 in Bayreuth geboren worden. Dorthin war die Familie vor den Truppen Napoleons geflohen, um dann bald nach Weilburg zurück­zukehren, wo der Vater damals in nassauischen Diensten stand. Heinrich war der Sohn des pfalz-zwei­brückischen, nassauischen und niederländisch-luxemburgischen Diplomaten und Politikers Hans Chri­stoph Freiherr von Gagern (1766-1852) und Bruder des niederländischen Generals Friedrich Freiherr von Gagern (1794-1848) und des nassauischen, dann österreichischen Ministerialbeamten Max Frei­herr von Gagern (1810-1889).

Nach der Gymnasialzeit in Weilburg bezog Heinrich mit 13 Jahren die Münchener Kadettenanstalt, die er bis 1814 besuchte, um anschließend sich als Unterleutnant im 1. Nassauisch-Weilburgischen In­fanterieregiment in der Schlacht bei Waterloo zu bewähren. Dort leicht verwundet, konnte er nach kurzem Aufenthalt in Paris alsbald sein Jura-Studium in Heidelberg aufnehmen, wo er zum Mitstifter der Burschenschaft wurde. Er wechselte nach Göttingen, dann nach Jena, und rückte in den Vorstand der Burschenschaft auf. Nach einem abschließenden Studienjahr in Genf legte er sein juristisches Staatsexamen im Juli 1820 in Gießen ab, um anschließend seine Berufslaufbahn im Staatsdienst von Hessen-Darmstadt zu beginnen; 1829 wurde er Regierungsrat bei der Starkenburgischen Provinzial­regierung und 1830 Kammerherr. Schon 1828 war er eine erste Ehe mit Luise von Pretlack (1805-1831), Tochter eines großherzoglich-hessischen Oberforstmeisters und Kammerherrn, eingegangen, die allerdings schon zweieinhalb Jahre später starb.

Entscheidend für seinen politischen Lebensweg wurde 1832 seine Lorscher Wahl in die Zweite Kammer des Hessen-Darmstädtischen Landtags, wo er gleich zum Präsidenten des Finanzausschusses und zum Führer der Liberalen avancierte. Wie zu erwarten, kam es wegen Kontroversen mit dem Großherzog schon im nächsten Jahr zur Landtagsauflösung; die Entlassung als Kammerherr folgte, worauf Heinrich von Gagern den Staatsdienst überhaupt quittierte.

Dennoch - oder gerade deswegen - wurde er 1834 in Lorsch für den neuen Landtag wiedergewählt. Abermals folgte die Auflösung durch den Großherzog, worauf sich Heinrich von Gagern 1835 in Hungen aufstellen ließ. Erst dieser Landtag fand sein normales Ende, worauf Heinrich seinen Wohn­sitz auf das Gagernsche Familiengut Monsheim bei Worms verlegte, um Landwirt zu werden.

Als solcher hatte er durchaus Erfolg, wodurch sein Ansehen bei der Landbevölkerung stieg. 1839 ging er eine zweite Ehe mit Barbara Tillmann (1818-1889), einer Gutsbesitzerstochter aus Freinsheim, ein, was ihn noch mehr an Rheinhessen band, so daß er dort 1845 zum Präsidenten des Landwirt­schaftlichen Vereins gewählt wurde. 1847 gelangte er über eine Wormser Ersatzwahl wieder in den Hessischen Landtag und als Abgeordneter für Lorsch auch in die folgende Session 1847/48. Hier stellte er am 28. Februar 1848 den für die weitere politische Entwicklung bedeutenden Antrag auf deutsche Nationalrepräsentation, den die interparlamentarische Liberalen-Versammlung zu Heppen­heim am 10. Oktober 1847 vorbereitet hatte.

In der Folge riß ihn die deutsch-nationale Woge mit sich: am 5. März 1848 nahm er während der Märzrevolution als hessen-darmstädtischer Leitender Minister die Geschicke des Landes selbst in die Hand, beruhigte die Odenwälder Bauern und übernahm, in die Frankfurter Nationalversammmlung gewählt, am Tage nach der Eröffnung, am 19. Mai 1848, die Präsidentschaft dieses ersten gesamtdeut­schen, demokratisch gewählten Parlaments.

Er war es, der - vom Vater animiert - zur Provisorischen Zentralgewalt den "kühnen Griff" wagte, indem er den österreichischen Erzherzog Johann zum Reichsverweser vorschlug, der am 29. Juni 1848 dann auch mit überwältigender Mehrheit von der Nationalversammlung gewählt wurde. Dachte man zunächst noch an ein Großdeutsches Reich mit Einschluß Österreichs, so zwang die Realpolitik doch bald zur kleindeutschen Lösung eines preußischen Erbkaisertums ohne Österreich, das man dem Engeren Bund allerdings durch einen Weiteren Bund angliedern wollte. Es war Heinrich von Gagerns Mißgeschick, daß er - seit Dezember 1848 als Chef der Provisorischen Reichsregierung - diesen zum Scheitern verurteilten Plan vertreten mußte, den König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen katego­risch ablehnte. So mißglückte das Einigungswerk Heinrich von Gagerns, der mit seiner Partei am 21. Mai 1849 aus der Nationalversammlung austrat, aber 1849 auf dem Nachparlament in Gotha und 1850 auf dem Reichstag in Erfurt noch einmal versuchte zu retten, was nicht zu retten war. Enttäuscht von dem politischen Desaster meldete er sich im August 1850 zur schleswig-holsteinischen Armee, um als Major im Generalstab eher den Heldentod als militärische Erfolge im Kampf gegen Dänemark zu suchen. Resigniert kehrte er 1851 auf sein Monsheimer Gut zurück, das er umgehend verkaufte, um als Privatmann in Heidelberg die weitere politische Entwicklung abzuwarten.

Nachdem bereits in der Hochphase seiner politischen Tätigkeit ein seinerzeit sehr angesehener Biograph sich mit der Person Gagerns befaßt hatte[2], verging eine lange Zeit, bis Gagern angesichts der 50-Jahrfeier der Deutschen Revolution 1898 wieder Aufmerksamkeit fand[3]. Als in spätwilhelminischer Zeit die Diffamierung des deutschen Liberalismus und namentlich der Paulskirchenbewegung abebbte, war das Eis gebrochen und das Interesse an der Gagerns politische Persönlichkeit betreffenden Quel­lenforschung geweckt.

3. Beginn der Gagern-Forschung

Schon vor dem Ersten Weltkrieg (1910) hatte Ernst Vogt, Gießen, in der Absicht, eine wissenschaft­liche Biographie Heinrich von Gagerns zu schreiben, aus dem in Schloß Neuenbürg bei Erlangen verwahrten Freiherrlich von Gagernschen Familienarchiv eine Auswahl von Briefen Heinrich von Gagerns zur Auswertung erhalten, während sich Ludwig von Pastor gleichzeitig mit einer Max-von-Gagern-Biographie[4] beschäftigte. Doch Ernst Vogt fiel im Ersten Weltkrieg, ohne sein Vorhaben ver­wirklicht zu haben. Die ausgeliehenen Briefe aus dem Gagernarchiv übernahm Georg Küntzel, Frank­furt am Main, in der gleichen Absicht, ohne jedoch viel weiter zu kommen. Es ist überliefert, daß er die Briefe im Rucksack durch die Luftschutzkeller des Zweiten Weltkriegs schleppte, so daß sie im großen ganzen erhalten geblieben sind. Nach seinem Tod 1945 händigte die Witwe die Briefe Paul Wentzcke, Frankfurt am Main, aus, der sich schon vielfältig mit der Geschichte der deutschen Ein­heitsbewegung befaßt hatte und das von Vogt und Küntzel beabsichtigte Werk endlich realisieren wollte. Er versicherte sich dazu des Wohlwollens der Familie Gagern, die bisher wenig Interesse am Zustandekommen des Vorhabens gezeigt hatte, nun aber auf die Verwirklichung einer Heinrich-von-Gagern-Biographie drängte, zumal gleichzeitig Hellmuth Rößler, Erlangen, auf Grundlage der Quellen eine Biographie Hans Christoph von Gagerns in Angriff nahm und auch 1958 mit Hilfe der Hi­storischen Kommission für Nassau herausbrachte[5]. Paul Wentzcke (+1960), damals bereits nahe den Achtzigern, fehlte jedoch die Kraft zu der großen Publikation, wennschon er in den fünfziger Jahren viele Einzeluntersuchungen zum Komplex Einheitsbewegung/Paulskirche/Gagern veröffentlichte[6]. Wentzcke bemühte sich daher mit Beginn der 50er Jahre um institutionelle Unterstützung seiner Gagern-Forschung. Seine Pläne waren nun weniger auf die Biographie als auf eine Quellenpublikation zu Heinrich von Gagern gerichtet, um die Erforschung der deutschen Einheits- und Freiheitsbewegung im 19. Jahrhundert auf eine breitere Grundlage zu stellen, wofür er außer dem 1952 in Koblenz etablierten Bundesarchiv die Hessische Historische Kommission in Darmstadt gewinnen konnte.

4. Das Gagern-Archiv als die Grundlage der Forschung

Zwei Umstände beflügelten seit Mitte der 50er Jahren die Gagernforschung: Zum einen versicherte sich Wentzcke meiner Mitarbeit, der ich 1954 als Referent für die Nachlässe der Paulskirchenzeit in die Abteilung (heute "Außenstelle") Frankfurt des Bundesarchivs eingetreten war. Zum andern wur­den die Beziehungen zum Gagern-Archiv in Neuenbürg neu aufgenommen und in mehreren Besuchen durch Wentzcke und mich vertieft. Die Bemühungen um eine intensivere Auswertung der Gagern­schen Familien-Nachlässe gipfelten schließlich 1955 (Vertrag 1958) in der Deponierung des Neuen­bürger Archivs in der Frankfurter Abteilung des Bundesarchivs. 1959 gelang es mir, dem in Frankfurt deponierten Gagern-Archiv auch den bisher in Linz/Donau verwahrten Nachlaß Max von Gagerns anzuschließen[7].

Die Deponierung des Gagernarchivs in Frankfurt beförderte die wissenschaftliche Bearbeitung des Gagern-Nachlasses ungemein, denn bald stellte sich heraus, daß die von Vogt, Küntzel und Wentzcke tradierten Materialien nur Bruchstücke der Gesamtüberlieferung darstellten. Die Frage nach dem Forschungsziel, ob Biographie oder Briefsammlung Heinrich von Gagerns, wurde Mitte der 50er Jahre zugunsten einer umfassenden Briefedition entschieden, für die drei Bände (Bd.1: Bis 1848, Bd.2: 1848 bis 1851, Bd.3: Ab 1851) vorgesehen waren.


5. Der erste Band der Gagern-Publikation

Zur Herausgabe des ersten Bandes hatten sich Bundesarchiv und Hessische Historische Kommission 1953 verständigt. Ich traf die Auswahl der zu edierenden Texte und besorgte die Edition und Kom­mentierung; Wentzcke schrieb die Einleitung zu dem Werk, das bereits 1959 erscheinen konnte[8].

Die Mehrzahl der 265 edierten Texte (darunter 23 Reden und Anträge) sind Briefe Heinrich von Gagerns an den Vater und seine "politischen" Brüder Friedrich und Max und neben anderen Freunden besonders an Reinhard Eigenbrodt, von dem sich Gagern seine Briefe hatte zurückgeben lassen, als er sich zwischen 1870 und 1877 mit autobiographischen Absichten trug, die aber nie über Fragmente hinaus gediehen sind[9].

Die Briefe Heinrich von Gagerns beginnen 1815 mit ersten burschenschaftlichen Bekenntnissen zur deutschen Einheit und führen meist auf dem Hintergrund der hessischen liberalen Kammeropposition durch die gesamte vormärzliche politische Problematik bis zu den von Bassermann in Baden und Heinrich von Gagern in Hessen-Darmstadt im Februar 1848 eingebrachten Anträgen auf Einrichtung eines Nationalparlaments. Die Texte sind in den wesentlichen Teilen in extenso, in den unwesentlichen im Regest wiedergegeben.

6. Verzögerung des zweiten Bandes der Gagern-Publikation

Mit meinem Wechsel (1960) vom Bundesarchiv zum Frankfurter Stadtarchiv verlor ich in der Folge­zeit zwar nie den Kontakt zum Gagern-Archiv und dem Editionsapparat für die geplanten Folgebände der Gagernpublikation[10], zumal die Bestände der Außenstelle des Bundesarchivs sich unter dem glei­chen Dach wie das Stadtarchiv, im Frankfurter Karmeliterkloster, befanden. Meine dienstlichen und wissenschaftlichen Aufgaben waren aber in den folgenden Jahren mehr auf Stadtfrankfurter Themen gerichtet. Immerhin konnte ich noch die aus dem Gagern-Archiv und den Nachlässen der Deides­heimer Freunde stammenden Briefe der Gagern-Freundin Clotilde Koch-Gontard, Frau des engli­schen Konsuls in Frankfurt, herausgeben und dabei auch ihr berühmtes "Parlamentstagebuch" neu edieren, um das sich schon Georg Küntzel bemüht hatte[11].

Mit den nun der Wissenschaft weiter zugänglichen 214 Briefen - darunter 103 an Heinrich von Gagern - dieser außergewöhnlichen, politisch mitdenkenden, mitfühlenden und Einfluß ausübenden Frau wurde die Gagern-Forschung weiter befruchtet. Eine Bereicherung stellt auch das 1848 bis 1852 geführte, in die Briefedition integrierte Stammbuch Clotilde Kochs dar, in den Selbstzeugnissen ihrer politischen Freunde ein Dokument von hohem biographischen und zeitgeschichtlichen Wert, dessen ganz unzureichende Veröffentlichung (Buenos Aires 1924) bisher unbekannt geblieben war.


7. Der zweite Band der Gagern-Publikation vor dem Abschluß

Trotz anderweitiger beruflicher Inanspruchnahme konnte die Gagern-Publikation, vor allem mit Un­terstützung der Frankfurter und der Hessischen Historischen Kommission Darmstadt weiter gefördert werden, so daß auch der zweite Band demnächst erscheinen kann.

Der zweite Band der Gagern-Publikation, der unter dem (Arbeits-) Titel "Deutscher Liberalismus in der Revolutionszeit. Heinrich von Gagern. Briefe und Reden 1848-1851" gemeinsam vom Bundes­archiv, der Hessischen Historischen Kommission Darmstadt und der Frankfurter Historischen Kom­mission herausgegeben wird, umfaßt die Zeit von Anfang März 1848 bis Ende Juni 1851. Er befaßt sich in erster Linie mit Gagerns Frankfurter Zeit (Mai 1848 bis Mai 1849)[12], seinem Auftreten auf dem Nachparlament der Erbkaiserlichen in Gotha (Juni 1849)[13] und dem Erfurter Unions-Reichstag (März/April 1850) und schließt nach Gagerns schleswig-holsteinischer Episode (August 1850 bis Januar 1851) mit dem Verkauf von Monsheim und der Übersiedlung nach Heidelberg.

Für die Publikation wurden aus dem Gagern-Archiv ca. 1100 Briefe ausgewählt und zwischen 1972 und 1984 mit Unterbrechungen von dem Frankfurter Philologen Joachim Schulze auf Kosten der Hes­sischen Historischen Kommission Darmstadt und der Frankfurter Historischen Kommission für den wissenschaftlichen Publikations-Apparat transskribiert. Darunter befinden sich 244 Briefe von der Hand Heinrich von Gagerns und 693 Briefe, die er in der fraglichen Zeit empfangen hat, bei dem ver­bleibenden Rest handelt es sich um Korrespondenzen Dritter, soweit sie für die Kommentierung re­levant sind. Korrespondenzpartner Gagerns sind in den herangezogenen Jahren hauptsächlich seine Gattin Babette, sein Vater Hans Christoph und der jüngste Bruder Max, unter den zahlreichen ande­ren Korrespondenten begegnen die namhaftesten Politiker der Zeit. Leider haben die Recherchen er­geben, daß wichtige Empfänger-Nachlässe verloren gegangen sind.

Aus der Fülle der überlieferten und im wissenschaftlichen Apparat zusammengestellten Briefe kann natürlich nur eine Auswahl zum Druck kommen, wie beim ersten Band der Gagern-Publikation das Wichtigste in extenso, anderes in Regestenform oder auch nur andeutungsweise in der Kommentie­rung. Denn es gilt auch die Reden zu berücksichtigen, die Heinrich von Gagern in der Hessischen Kammer, im Vorparlament und in der Nationalversammlung, in Gotha und in Erfurt gehalten hat. Sie liegen alle in den gedruckten Protokollen vor und sind bereits für die Publikation ausgewählt.

Soviel ist abzusehen, daß mit dem lange erwarteten zweiten Band der Gagern-Publikation eine bis­her schmerzlich empfundene Forschungslücke für die Zeit der deutschen Einheits- und Freiheitsbewe­gung, für die demokratische Entwicklung und das deutsche Nationalbewußtsein geschlossen wird.

8. Gibt es noch einen dritten Band der Gagern-Publikation?

In Vertiefung und Fortführung der Untersuchung von Heinrich Petran[14] bleibt eine Bearbeitung der Quellen zur Reaktions- und Reichsgründungszeit aufgrund des reichen Gagernschen Briefnachlasses ein wissenschaftliches Desiderat, zumal Gagern sich von der von ihm selbst propagierten kleindeut­schen Realpolitik löste und wieder in das großdeutsche Lager überschwenkte.


Nachdem er sein Monsheimer Gut verkauft hatte, zog Gagern mit seiner Familie nach Heidelberg (Mai 1852), um dem "Heidelberger Kreis" der Freunde um Gervinus, Häusser, Wilhelm Beseler, Welcker u.a. näher zu sein, wurde jedoch in seinen Erwartungen enttäuscht.  Seine propreußischen Träume, seit den 20er Jahren gehegt und gefördert durch seinen älteren Bruder Friedrich (+1848), der nun als Mentor fehlte, waren zerstoben, so daß die alte großdeutsche Reichsbindung wieder zum Tragen kam. Innerlich löste er sich immer mehr vom Kern der alten Erbkaiser-Partei, und nachdem sein jüngster (katholischer) Bruder Max im Mai 1855 als Ministerialrat nach Österreich gegangen war, konnte es nach Ansicht der Freunde nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Heinrich von Gagern hin­fort wieder seinen angestammten österreichischen (Reichs-) Sympathien und großdeutschen Idealen nachgeben werde.

In der Tat hielt er sich 1859 vom preußisch-deutschen "Nationalverein" fern, seine Sympathien galten eher dem großdeutschen "Reformverein", der sich 1862 konstituierte. So verwunderte es niemanden mehr, daß Heinrich von Gagern im Dezember 1863 als Wirklicher Geheimer Rat und hessen-darmstädtischer Gesandter seinem Bruder nach Wien folgte. Die Ereignisse von 1866 ließen Gagern in der Folgezeit allerdings an seiner Aufgabe in Wien zweifeln, zumal er 1868 wieder in die Zweite Hessische Kammer gewählt worden war, wo er 1871 die von demokratischer und hochkonser­vativer Seite scharf angegriffene Versailler Reichsproklamation in einer denkwürdigen Rede, die man seinen politischen Schwanengesang nennen könnte, warm verteidigte.

Noch fast ein Jahrzehnt lebte Gagern, seit 1871 im Ruhestand, in Darmstadt, bis ihn der Tod am 22. Mai 1880 abberief. Mit dem Lauf der Geschichte war Gagern zwar ausgesöhnt, aber er litt unter der tragischen Trennung Deutschlands von Österreich, die er wie Bismarck mit "Eisen und Blut" zu lösen niemals über sein Gewissen gebracht hätte. Späte Genugtuung dürfte ihm daher der 1879 ge­schlossene Zweibund zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn gewesen sein, worin sich Gagerns "Weiterer Bund" von 1848/49 in etwa verwirklichte, aber letztlich zu den weltgeschichtlichen Problemen von 1914 führte.

[Zum Seitenanfang]

Anmerkungen
[1] Frankfurter Zeitung, 26.5.1880.
[2] Karl Buchner, Heinrich von Gagern, in: Die Männer des Volks, hg. von  E. Duller, Bd.3, Darmstadt 1847, S.101-143; ders., Heinrich von Gagern. Ein öffentlicher Charakter, Stuttgart/Tübingen 1848.
[3] F. Hiemenz, Heinrich von Gagern in seinen politischen Grundanschauungen, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 55, 1899, S.519-572.
[4] Ludwig von Pastor, Leben des Freiherrn Max von Gagern (1810-1889). Ein Beitrag zur politischen und kirchlichen Geschichte des 19. Jahrhunderts, Kempten und München 1912.
[5] Hellmuth Rößler, Zwischen Revolution und Reaktion. Ein Lebensbild des Reichsfreiherrn Hans Christoph von Gagern 1766-1852 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau XIV), Göttingen 1958. - Vgl. dazu: Hellmuth Rößler, Hans Christoph von Gagern und die Politik seiner Söhne 1848-1852, in: Geschichtliche Kräfte und Entscheidungen. Festschrift zum 65. Geburtstage von O. Becker, hg. von M. Göhring und A. Scharff, Wiesbaden 1954, S.121-137.
[6] Zum Komplex Gagern: Paul Wentzcke, Drei Brüder von Gagern, in: Nassauische Lebensbilder 4, 1950, S.112-171; ders., Ideale und Irrtümer deutschen Einheitsstrebens in Lebensläufen der Brüder Fritz, Heinrich und Max von Gagern, in: Hist. Jahrbuch 71, 1952, S.212-245; ders., Wege zur Politik im Vormärz. Heinrich von Gagern und Otto von Bismarck, in: Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft 109, 1953, S. 460-482; ders., Anfänge und Aufstieg Heinrichs von Gagern, in: Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im 19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert 1, 1957, S.9-117; ders., Heinrich von Gagern. Vorkämpfer für deutsche Einheit und Volksvertretung (Persönlichkeit und Geschichte 4), Göttingen 1957; ders., Entscheidende Jahre des Vormärz, Heinrich von Gagern auf dem Wege zur deutschen Politik (1836-1848), in: Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im 19. und 20. Jahrhundert 2, 1958; Paul Wentzcke und Wolfgang Klötzer, Ideale und Irrtümer des ersten deutschen Parlaments, Heidelberg 1959. - Schon früher erschien: Paul Wentzcke, Zur Geschichte Heinrich von Gagerns. Seine Burschenschafterzeit und seine deutsche Politik, in: Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheitsbwegung 1, 1910, S.162-239. - Auch der ehem. Direktor des Frankfurter Stadtarchivs schöpfte aus dem Gagern-Archiv: Harry Gerber, Heinrich von Gagern als Student. Aus dem Briefwechsel mit seinem Vater, in: Nassauische Annalen 68, 1957, S.175-212.
[7] 1992 wurde das Gagernarchiv in das Gesamtverzeichnis national wertvollen Kulturgutes und national wertvoller Archive auf­genommen (Bundesanzeiger vom 29.12.1992, S.47, Nr.0629). - 1998 ging das Depositum, 282 Kartons auf 22 Aktenmetern, darunter die politisch so wichtigen Nachlässe von Hans Christoph, Heinrich und Max von Gagern, mit Hilfe der Kulturstif­tung der Länder in das gemeinsame Eigentum von Bund und Land Hessen über. Vgl. Archiv der Freiherrn von Gagern (Patrimonia 153, hg. von der Kultur-Stiftung der Länder), Koblenz 1998. - Ein Repertorium war schon vorher erschienen: Hans Schenk (Bearb.), Familienarchiv der Freiherrn von Gagern (Findbücher zu Beständen des Bundesarchivs 27), Koblenz 1987.
[8] Deutscher Liberalismus im Vormärz. Heinrich von Gagern. Briefe und Reden 1815-1848, hg. vom Bundesarchiv und der Hessischen Historischen Kommission Darmstadt, bearb. von Paul Wentzcke und Wolfgang Klötzer, Göttingen/Berlin/ Frankfurt a.M. 1959. - Ergänzend dazu: Wolfgang Klötzer, Ein unbekannter Waterloo-Brief Heinrich von Gagerns, in: Nassauische Heimatblätter 46, 1956, Heft 1, S.15-26; ders., Heinrich von Gagerns Pariser Briefe (Februar bis April 1832), in: Festschrift für Ludwig Clemm 1963, S.383-415.
[9] Von Küntzel aus dem Nachlaß veröffentlicht: Georg Küntzel, Aus dem Leben Heinrich von Gagerns, in: Quellen und Dar­stellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheitsbewegung 15, 1938, S.262-298.
[10] Wolfgang Klötzer, Heinrich Freiherr von Gagern, in: Personen und Wirkungen. Biographische Essays, Mainz 1979, S.177-182; ders., Der Paulskirchenpräsident Heinrich von Gagern und seine Bedeutung für das hessische Bewußtsein, in: Bernd Heidenreich (Hg.), Kritische Hessen des 19. Jahrhunderts (Kleine Schriftenreihe zur hessischen Landeskunde 2), Wiesbaden 1993, S.32-38; ders., Heinrich Freiherr von Gagern - Präsident der Frankfurter Nationalversammlung, in: Sabine Freytag (Hg.), Die Achtundvierziger, München 1998, S.126-133.
[11] Wolfgang Klötzer (Bearb.), Clotilde Koch-Gontard an ihre Freunde. Briefe und Erinnerungen aus der Zeit der deutschen Einheitsbewegung 1843-1869 (Frankfurter Lebensbilder XVI, hg. von der Frankfurter Historischen Kommission), Frank­furt a.M. 1969; vgl. Wolfgang Klötzer, Clotilde Koch-Gontard (1813-1869). Der politische Salon einer Frankfurterin, in: Frankfurt Lebendige Stadt 4, 1959, Heft 1, S.6-11; Georg Küntzel, Tagebuch von Frau Clotilde Koch-Gontard über die Kon­stituierende Deutsche Nationalversammlung zu Frankfurt a.M. (Mai bis Dezember 1848), Frankfurt a.M. 1924.
[12] Vgl. Ernst Bammel, Gagerns Plan und die Frankfurter Nationalversammlung, in: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst, 5.Folge, Bd.1, Heft 1, 1948, S.5-53; ders., Der Pakt Simon-Gagern und der Abschluß der Paulskirchenverfassung, in: ders. (Hg.), Geschichte und Politik. Festschrift für Ludwig Bergsträßer, Düsseldorf 1954, S.57-87; T. Stelzenmüller, Das Gagernsche Programm und die Paulskirche. Die Entstehung der kleindeutschen Partei und ihres Verfassungsprogramms in der Frankfurter Nationalversammlung vom November 1848 bis Januar 1849, Phil.Diss. Frankfurt a.M. 1959, Maschr.; Gunther Hildebrandt, Heinrich von Gagern. Führer der Liberalen im Frankfurter Parlament, in: Helmut Bleiber, Walter Schmidt, Rolf Weber (Hg.), Männer der Revolution von 1848, Bd.2, Berlin (-Ost) 1987, S.357-390; ders., Politik und Taktik der Gagern-Liberalen in der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49, Berlin (-Ost) 1989; Michael Wettengel, Heinrich von Gagern und die liberale Bewegung im 19. Jahrhundert, in: Patrimonia 153 (vgl. Anm. 7), 1998, S. 9-36.
[13] Vgl. zuletzt: G. A. Kertesz, Die "Gothaer" 1849/50. Zu den Anfängen der politischen Parteien in Deutschland, in: Darstellun­gen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im 19. und 20. Jahrhundert 15, 1994, S.214-245, der aus dem Gagern-Nachlaß schöpft.
[14] Heinrich Petran, Heinrich von Gagerns Denken im Wandel der Ereignisse von 1850 bis 1859. Phil.Diss.Frankfurt a.M. 1953 (Maschr.).

[Zum Seitenanfang]


©

Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 2000.
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Übernahme in elektronische Medien nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung der AHF.
www.ahf-muenchen.de