Joachim Heise

SED und Kirche
Ein Editionsprojekt des Instituts für vergleichende Staat-Kirche-Forschung, Berlin

Hinweis: Die Zahlen in Klammern verweisen auf die Anmerkungen am Ende des Textes

Im Frühjahr 1995 erschienen im Neukirchener Verlag in der Reihe "Historisch-Theologische Studien zum 19. und 20. Jahrhundert" zwei Bände der Edition "SED und Kirche". Herausgeber ist der französi­sche, in Straßburg lehrende Historiker Frédéric Hartweg. Band 1 umfaßt den Zeitraum von 1946 bis 1967 und ist vom Autor dieses Beitrags erarbeitet worden. Der von Horst Dohle verantwortete Band 2 enthält Dokumente aus der Zeit zwischen 1968 bis 1989. Der 3. Band sollte Dokumente der evangeli­schen Kirchen in der DDR enthalten und von Martin Onnasch bearbeitet werden. Die beiden vorlie­genden Bände haben einen Umfang von 1200 Seiten und enthalten 217 ungekürzte Dokumente aus dem Archiv Stiftung der Parteien und Massenorganisationen der DDR. Sie geben Aufschlüsse über kirchenpolitische Zielvorstellungen der SED-Führung sowie über die Mittel und Methoden zu ihrer Durchsetzung in über vier Jahrzehnten.

Es handelt sich bei der Mehrzahl der edierten Dokumente um Vorlagen für das Politbüro bzw. für das Sekretariat des ZK der SED und um Beschlüsse dieser Gremien, also um Dokumente aus dem Zentrum der Macht in der DDR. Nur in wenigen Ausnahmefällen sind Dokumente aus der Dienst­stelle des Staatsekretärs für Kirchenfragen ediert worden, wenn sie zur Erhellung des kirchenpoli­tischen Vorgehens der SED unverzichtbar waren. Die Edition enthält keine Dokumente aus dem Archiv des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR ("Gauck-Behörde").

Zu jedem der insgesamt sieben Kapitel gibt es in beiden Bänden jeweils eine längere Einführung, die der historischen Einbettung der vorgestellten Dokumente dient und in der auf weitere wichtige Dokumente aufmerksam gemacht wird. Komplettiert wird das ganze durch ein Vorwort des Heraus­gebers und Vorbemerkungen der Bearbeiter, eine Übersicht über die personelle Zusammensetzung der Führungsgremien der SED, eine Zeittafel, ein Literaturverzeichnis sowie ein Personenregister.

Ungewöhnlich an dem Erscheinen der beiden Editions-Bände war die Tatsache, daß sie von zwei Historikern erarbeitet worden waren, die sich bereits in der DDR wissenschaftlich mit dieser Materie beschäftigte hatten und einer von ihnen, nämlich Horst Dohle, noch dazu im Staatssekretariat für Kir­chenfragen tätig war. Nicht nur an ihren beiden Namen entzündete sich Anfang der neunziger Jahre eine erbitterte Auseinandersetzung um die Frage "Wer darf DDR-Geschichte schreiben?" Die Ant­worten fielen freilich je nach Standort sehr unterschiedlich aus. Im Kern aber ging es um die Frage, ob Zeithistoriker aus der DDR, die die engen Grenzen der offiziellen DDR-Historiographie nicht über­wunden und auch nicht zur politischen Opposition gezählt hatten, überhaupt in der Lage seien, einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit zu leisten und fähig seien, sich den strengen Maßstäben wissenschaftlichen Arbeitens zu stellen. Von der Antwort auf diese Fragen hing für die beiden Bearbeiter der Edition viel ab, auch ob sie sich zukünftig an der Diskussion um die DDR-Geschichte beteiligen könnten oder ob sie sich - wie viele ihrer ehemaligen Berufskollegen - Tätigkeitsfeldern zuwenden sollten, die ihnen ein gutes Einkommen und ein ruhiges Leben sicherten, fernab von Verdächtigung und Ausgrenzung.

Das Thema Kirchen und Kirchenpolitik in der DDR hat nach der sogenannten Wende eine große Aufmerksamkeit in der Geschichtswissenschaft der Bundesrepublik erfahren. Auch im Ausland gibt es eine Reihe von Wissenschaftlern, genannt sei hier nur Robert F. Goeckel[1] aus den USA, die sich mit den Fragen von Religion und Kirche in der DDR und anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks beschäftigen. An der historischen Aufarbeitung der Geschichte der Beziehungen zwischen SED/Staat und Kirchen in der DDR haben sich insgesamt nur sehr wenige ehemalige DDR-Historiker beteiligt. Das hing zum einen damit zusammen, daß dieses Thema in DDR-Zeiten in der offiziellen Geschichts­schreibung nur geringe Beachtung gefunden hatte und eher als "Spielwiese für Exoten" galt, denen man teilweise ein ähnliches Mißtrauen entgegenbrachte wie dem von ihnen untersuchten Forschungsgegen­stand: Kirche und Religion. Erst nach dem Spitzengespräch zwischen Erich Honecker und Bischof Albrecht Schönherr am 6. März 1978 und im Zusammenhang mit der sich langsam durchsetzenden Erkenntnis, daß Religion und Kirche im Sozialismus eine längere Lebensdauer haben würden, als vormals angenommen, begann sich dies allmählich zu ändern. Erst Anfang der achtziger Jahre kamen einige wenige historische Graduierungsarbeiten zum Thema "Kirchenpolitik der SED/DDR" zum Ab­schluß, die aber wegen des verwendeten Archivmaterials, das durchgängig den Vermerk "Gesperrt" trug, nicht an die Öffentlichkeit gelangten.

Hier ist nicht der Platz, auf die ideologischen Vorgaben einzugehen, denen die offizielle Ge­schichtswissenschaft der DDR zu folgen hatte, und auch nicht der Ort, über die ideologischen Fesseln zu schreiben, die sich DDR-Historiker - auch der Autor dieses Artikels - nur allzu widerstandslos anlegen ließen. Es war zwar durchaus möglich, in diesen Arbeiten auf Fehler und Mängel in der kir­chenpolitischen Arbeit hinzuweisen. Sie mußten aber so beschrieben werden, daß sie bereits als über­wunden erschienen und an der Richtigkeit der Politik keine grundsätzlichen Zweifel aufkommen konnten. In der Regel wurden Fehler und Mängel einzelnen Funktionären angelastet, denen vorgewor­fen wurde, die Politik der Partei nicht richtig verstanden und deshalb zu sektiererischer Enge oder aber opportunistischer Anpassung geneigt zu haben. Dabei hatte der Vorwurf, sektiererisch gehandelt zu haben, für den Betroffenen in der Regel weit weniger schmerzliche Folgen, als derjenige, dem "Klassenfeind" nicht genügend "wachsam" gegenüber getreten zu sein.

Obwohl beide Autoren bereits in ihren Graduierungsarbeiten auf Quellen aus dem SED-Zentral­archiv zurückgegriffen hatten, waren ihnen viele Quellen, die in die Edition "SED und Kirche" einge­gangen sind, bis dahin nicht zugänglich, da sie zum internen Politbüroarchiv gehörten und nur mit einer Sondergenehmigung eingesehen werden durften. Die Autoren hatten zu DDR-Zeiten auch kei­nen Zugang zu Findbüchern u.ä. Hilfsmitteln, sondern waren auf die Akten-Zuteilung durch die Archivleitung angewiesen. Diese restriktive Benutzungsordnung galt selbst für Kader, die aus den höheren Parteischulen und Partei-Forschungseinrichtungen kamen.

Von der Idee bis zur Veröffentlichung der Edition war es ein schwieriger Weg, auf dem das Projekt mehrfach zu scheitern drohte. Die Arbeit an der Edition vollzog sich nicht in der Abgeschiedenheit ruhiger Studierstübchen und Zeiten, in der die Geschichte ihren ruhigen Gang ging. Es waren vielmehr stürmische Zeiten gewaltiger Veränderungen und gesellschaftlicher Umbrüche und tiefer, auch schmerzlicher Brüche im Leben der drei Autoren. Ihr Tun geriet, wie könnte es anders sein, in die Stürme jener Zeit. Die Auseinandersetzung um die DDR-Vergangenheit hatte Konjunktur. An der Frage "Wer soll, wer darf DDR-Geschichte schreiben" entzündete sich ein heftiger Streit, in den die Autoren unversehens gerieten.

Die Idee, kirchenpolitische Dokumente der SED-Führung, also aus dem Zentrum der Macht in der DDR zu veröffentlichen, entstand bereits zu einer Zeit, als die DDR noch als selbstständiger Staat exi­stierte, aber bereits in Agonie versank. Der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR bestand noch, die Signale waren aber schon auf Wiederherstellung der organisatorischen Einheit im Rahmen der EKD gestellt worden. Das Ansehen der Kirchen und einzelner ihrer Repräsentanten in der DDR war im letzten Jahr der Existenz der DDR so groß wie nie zuvor. Zugleich wurden aber bereits Stim­men laut, die den Kirchen eine allzu große Nähe zum DDR-Staat und eine gewisse Sozialismus-Affini­tät vorwarfen. Derartige Anwürfe kulminierten in der Behauptung, die Kirchen seien durch die Staats­sicherheit unterwandert worden.

Recht bald stießen die drei Autoren auf konzeptionelle Schwierigkeiten, die sie nicht vorausgese­hen hatten. Ursprünglich war die Absicht, das konfliktreiche Wechselspiel der Beziehungen von SED und Staat auf der einen und den Kirchen auf der anderen Seite so zu bearbeiten , daß die im Laufe der Zeit eingetretenen Veränderungen sichtbar würden. Dieser Plan, Aktion und Reaktion durch Doku­mente beider Seiten deutlich werden zu lassen, scheiterte bald, zum einen an unterschiedlichen Zugangsbedingungen zu den Aktenbeständen der SED und der Kirchen und zum anderen an der Aktenlage überhaupt und der unterschiedlichen Aussagekraft der Akten. Aus verständlichen Gründen war man in den Kirchen weit weniger "aktenfreudig" als in den Führungsetagen der DDR.

Gemeinsam mit dem Verlag ist dann entschieden worden, das Projekt nicht für gescheitert zu erklären, sondern zwei Bände mit Dokumenten der SED und einen Band mit Dokumenten der evan­gelischen Kirchen bzw. des BEK zu erarbeiten.

Als 1991 das Buch von Gerhard Besier und Stephan Wolf, "Pfarrer, Christen und Katholiken" als Band 1 in der Reihe "Historisch-Theologische Studien zum 19. und 20. Jahrhundert" erschien, geriet das Editionsprojekt erneut in eine schwere Krise. Gerhard Besier, der zu dieser Zeit auch Heraus­geber der drei Editionsbände war, hatte in diesem Buch und in der Öffentlichkeit Positionen gegen­über den Kirchen in der DDR bezogen, die von den drei Autoren so nicht geteilt wurden. Aus diesem Grund konnten sie auch keine "sachgerechte Begutachtung" ihrer Manuskripte durch ihn erwarten, wie das im Verlagsvertrag vorgesehen war. Außerdem war in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden oder geweckt worden, die Bände folgten der "Linie" des ersten Bandes der Reihe. Die Autoren erklär­ten in dieser Situation gegenüber dem Verlag, daß sie unter diesen Bedingungen ihre Vertragsver­pflichtungen nicht erfüllen könnten und das Vorhaben als gescheitert ansehen würden. In Frédéric Hartweg fand sich auch diesmal ein Ausweg. Er übernahm nicht nur die Herausgeberschaft. Ihm ist auch zu danken, daß das Projekt die noch folgenden Stürme überlebte.

In der Nummer 26 des "Spiegel" 1994 erschien ein Beitrag mit dem Titel "Lieber kungeln. SED-Altkader und Christenfunktionäre kontrollieren die Vergangenheitsbewältigung der DDR-Kirche". Die "Berliner Morgenpost" titelte am 26. Juni 1994: "Eppelmann: SED-Altkader arbeiten Vergangen­heit auf". In der Medienkampagne wurde der Eindruck erweckt, als arbeiteten die Editoren im Auftrag der evangelischen Kirche bzw. bestimmter Teile von ihr. Richtig ist vielmehr, daß sie sich bei ihrem Vorhaben von Anfang an um kritische Begleitung durch kompetente kirchliche Persönlichkeiten bemüht haben. So haben sie die Zusammenarbeit mit Martin Onnasch gesucht und in der Zusam­menarbeit mit ihm jene Grenzen überschritten, die ihnen bis 1990 gesetzt waren. Die Auswahl der Dokumente und auch alle Begleittexte sind gemeinsam mit ihm diskutiert worden. Das Manuskript ist von Siegfried Bräuer gegengelesen worden. Schließlich haben Herausgeber und Verlag das Manuskript auf die allgemein geltenden Standards wissenschaftlicher Arbeit geprüft. Die Editoren hatten sich nicht angemaßt, die Geschichte der Kirchen in der DDR zu schreiben. Es ging ihnen in den beiden Bänden in erster Linie um die SED und ihre Kirchenpolitik. Ulrich Schröter hat dieses Anliegen in sei­ner Rezension als realisiert erkannt, wenn er schreibt: "Heise und Dohle bieten in erster Linie Arbeitsmaterial, das es eigenständig auszuwerten gilt. Ihre Einleitungen und Einführungen wollen Hil­festellung geben, jedoch das Urteil nicht dominieren. Beide führen behutsam in die Dokumente ein, zeichnen die Situation nach, weisen auf weitere Dokumente hin. Vor allem geben sie dabei eine her­meneutische Lesehilfe. Es ist ja eine eigene Denkbewegung und Sprachgestalt, die da entschlüsselt werden muß. Vor allem ist der Kontext von Bedeutung. Hier zeigt sich der Vorteil der eigentlichen Herausgeber, mit dem System und dessen Sprachregelung vertraut zu sein. Und diese Sachkompetenz ist von Außenstehenden nur schwer zu erreichen."[2]

Rudolf Mau, der selbst zum Thema SED-Kirchenpolitik publiziert hat[3], bescheinigt beiden Autoren eine "umsichtige und sorgfältige Arbeit". Das betreffe sowohl die Dokumentenauswahl wie die editori­sche Sorgfalt und die quellenbezogene Darstellung der heiklen Materie. Wörtlich schreibt er in seiner Rezension für die Theologische Literaturzeitung : "Lautstarker Protest gegen das Editionsvorhaben schon bei dessen Ankündigung hatte nichts mit der Qualität des Verlegten, sondern mit politischen Einstellungen zu tun - bezogen auf die Tatsache, daß die Hauptlast der Arbeit bei Personen lag, die vormals im SED-Auftrag mit Forschung (Heise) bzw. kirchenpolitischen Funktionen (Dohle) befaßt waren. Dringend zu wünschen ist, daß nicht die einstige Tätigkeit der Autoren, sondern das Werk als solches zum Gegenstand der Urteilsbildung wird."[4]

Die Resonanz auf die Edition "SED und Kirche" hat zur Fortsetzung der Arbeit ermutigt. Zusam­men mit Horst Dähn wurde in Berlin ein Institut aufgebaut, das sich seit sechs Jahren um die Geschichte der Staat-Kirche-Beziehungen in der DDR und anderen ehemals realsozialistischen Län­dern bemüht. Unter den schwierigen Bedingungen eines außeruniversitären Forschungsinstituts in freier Trägerschaft, trotz knapper Ressourcen, wurden bisher mehrere Publikationen herausgegeben, über zwanzig internationale Staat-Kirche-Kolloquien bzw. Werkstattgespräche durchgeführt und eine Wanderausstellung erarbeitet. Wenn es um Fragen der Geschichte von Staat und Kirche im unterge­gangenen Ostblock geht, dann hat das Institut für vergleichende Staat-Kirche-Forschung an Profil ge­wonnen und sich einen Platz in der deutschen und internationalen Wissenschaftslandschaft erkämpft.

Anmerkungen
[1] Robert F. Goeckel, Die evangelische Kirche und die DDR. Konflikte, Gespräche. Vereinbarungen unter Ulbricht und Honecker, Leipzig 1995 (amerikanische Erstausgabe 1990).
[2] Ulrich Schröter, SED und Kirche. In: Theologische Rundschau, 61 Jg., 4/1996, S. 466.
[3] Rudolf Mau, Eingebunden in den Realsozialismus? Die evangelische Kirche als Problem der SED, Göttingen 1994.
[4] Theologische Literaturzeitschrift, 5/1996, S. 466-468.

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