Mit dem Wort Krimkrieg kann ein heute lebender Deutscher kaum eine oder gar keine Vorstellung verbinden. Man kennt die Krim als eine sonnige Ferienhalbinsel an der russischen (heute ukrainischen) Riviera; man weiß auch, daß es dort einen idyllischen Badeort namens Jalta gibt, in dem am Ende des letzten Weltkriegs eine Konferenz der "Großen Drei" stattgefunden hat, auf der die Teilung Deutschlands beschlossen wurde. Die ältere Generation weiß wohl noch, daß es beim deutschen Rückzug aus Rußland 1944 zu besonders harten Kämpfen auf der Krim kam; vielleicht auch, daß die Deutschen schon einmal, am Ende des Ersten Weltkriegs, die Halbinsel mit dem strategisch wichtigen Hafen Sevastopol besetzt hielten. Aber der Krimkrieg selbst? Er ist aus unserem Bewußtsein verschwunden, genauer: Er war darin nie fest verankert, weil die deutschen Staaten - Preußen und Österreich - daran nicht teilgenommen haben.
Ganz anders ist es in den Ländern, die am Krimkrieg direkt beteiligt waren: an vorderster Stelle England, Frankreich und Rußland. In England kann jedes Schulkind irgendeine Verbindung zum Krimkrieg herstellen. Man kennt den Todesritt der "Light Brigade", der von Alfred Tennyson in dem berühmten Gedicht "Theirs not to reason why ... Someone had blundered" verewigt wurde. Jeder Engländer weiß, daß eine Krankenschwester namens Florence Nightingale das katastrophal heruntergekommene Sanitätswesen in der englischen Armee auf der Krim reformierte. Für die Franzosen ist die Erstürmung der Malachov-Bastion, des Herzstücks der russischen Festung Sevastopol, am 8. September 1855 - sie bedeutete die Wende des Kriegs - einer der Glanz- und Höhepunkte der eigenen National- und Militärgeschichte. Für die Russen gar hat der Name Sevastopol wegen des Krimkriegs und der beiden Weltkriege einen geradezu weihevollen Klang. Er ist Symbol für die heldenmütige Verteidigung der Heimat.
I. Die Bedeutung des Krimkriegs und des Pariser Friedens
Die Bedeutung des Krimkriegs und des ihn abschließenden Pariser Friedens läßt sich von vier Gesichtspunkten her verdeutlichen:
1. Der Weltkriegscharakter des Krieges
Der Krimkrieg von 1853-1856 ist der einzige Krieg von gesamteuropäischen Dimensionen in dem Jahrhundert zwischen den Napoleonischen Kriegen und dem Ersten Weltkrieg, in den mehr als zwei Großmächte verwickelt waren. An ihm waren aber nicht nur alle fünf Großmächte direkt (England, Frankreich, Rußland) oder indirekt (Österreich, Preußen) beteiligt; auch die neutral gebliebenen kleineren Staaten und Staatengebilde Europas von Schweden bis Griechenland und Neapel, vom Deutschen Bund bis Portugal fanden sich wiederholt vor die Frage Krieg oder Frieden gestellt. Der scheinbar auf die Krim lokalisierte Krieg hat sogar zahlreiche Ansätze zu einem Weltkrieg in sich geborgen: Aus militärstrategischer Sicht war er der erste Stellungskrieg der modernen Geschichte; auf waffentechnischem Gebiet hat er die Entwicklung neuer Kampfmittel - Minié-Gewehr, Minen, Panzerschiffe - vorangetrieben; auf wehrwirtschaftlicher Ebene hat er zahlreiche Methoden der wirtschaftlichen Kriegführung des 20. Jahrhunderts vorgeformt; geographisch hat er Nebenkriegsschauplätze nicht nur in Nordeuropa, in der Ostsee und im Weißen Meer gehabt, sondern auch im pazifischen Raum; die politischen Ausstrahlungen schließlich reichten bis auf den amerikanischen Kontinent, da er zu scharfen Spannungen zwischen den USA und Großbritannien führte, und sogar bis auf den australischen Kontinent, der monatelang unter Invasionsfurcht stand.
Trotz dieser verschiedenartigen Ansätze zu einem weltumspannenden Konflikt gelang es, wenn auch nicht ohne große Schwierigkeiten, die Ausweitung zu einem Weltkrieg zu verhindern. Aber die Furcht vor dem "großen Krieg" - "la grande guerre", "la guerre universelle" u.ä. heißt es in den Quellen - wirkte stark nach. Sie wurde wieder besonders akut in der nächsten großen Orientkrise von 1875 bis 1878, tauchte stoßartig in den zahlreichen internationalen Krisen zwischen 1904 und 1914 auf, bis sie schließlich in die große Katastrophe von 1914 umschlug. In Deutschland war das Empfinden nie sehr stark gewesen, daß der Erste Weltkrieg auch und wesentlich aus orientalischen Ursachen entsprungen ist. In den Augen der anderen Mächte - Frankreichs, Englands, Rußlands - dagegen war die direkte Verbindung vom Krimkrieg über die Kette der folgenden Orientkrisen zum Weltkrieg stets präsent. Am Krimkrieg läßt sich daher gut studieren, warum der Krieg "lokalisiert" blieb und nicht in einen Weltkrieg mündete.
Ein Vergleich zwischen dem Krimkrieg und analogen Konfliktsituationen im 20. Jahrhundert fördert folgende bedeutsame Einsicht zutage: Eine Großmacht im 19. Jahrhundert durfte im internationalen Kräftespiel nicht ungestraft bestimmte Spielregeln des Zusammenlebens verletzen, wenn sie durch Erpressung mit militärischen Mitteln einer anderen Macht oder anderen Mächten ihren Willen aufzuzwingen versuchte und dadurch das allgemeine Gleichgewicht störte. Das sogenannte Europäische Konzert funktionierte damals - im Unterschied zur unfertigen Konstellation der Groß- und Weltmächte im 20. Jahrhundert - noch derart, daß Rußland durch seinen Einmarsch in die Donaufürstentümer (das spätere Rumänien) im Juli 1853 die anderen vier Großmächte auf den Plan rief, deren diplomatische und militärische Gegenaktionen es schließlich wieder in die Schranken wies. Am Krimkrieg kann also paradigmatisch untersucht werden, welches Instrumentarium der Friedenswahrung, der Konfliktregelung und des Krisenmanagements zur Verfügung stand, in welcher Weise und mit welchem Erfolg oder Mißerfolg es gehandhabt wurde.
2. Der Wendepunktcharakter des Krieges für die gesamteuropäische Geschichte
Für die Geschichte der internationalen Beziehungen zwischen 1815 und 1914/18 markieren der Krimkrieg und der Pariser Friede den deutlichsten Wendepunkt. Sie haben die nach dem Wiener Kongreß betriebene Politik relativ fester Blockbildung (Heilige Allianz, konservative Ostmächte kontra liberale Westmächte) beendet, die Fronten der europäischen Politik aufgeweicht und ein Zeitalter ad hoc und kurzfristig geschlossener Bündnisse eingeleitet. Die Heilige Allianz wurde endgültig zerstört. Die Kraft des Konzerts der europäischen Großmächte zur Erhaltung des Friedens wurde von da an immer fragwürdiger. Vor allem blieb der englisch-russische Gegensatz, der über Europa hinausragte, unausgetragen.
In der englischen Politik der Krimkriegsjahre trat die Sorge um die Verbindungslinien nach Indien - besonders durch das Schwarze Meer, den Kaukasus, Persien oder Afghanistan - verstärkt in den Vordergrund der politischen Entscheidungen. Vergleicht man das damalige russische Vorgehen auf dem Balkan und im Kaukasus und die englische Reaktion darauf mit ähnlich gelagerten Vorgängen in der heutigen Weltpolitik, so ist die Analogie nicht zu übersehen.
3. Die Umschichtungsfunktion des Krieges für Mitteleuropa
Als Folge seiner Niederlage im Krimkrieg ging Rußlands Einfluß in Mitteleuropa stark zurück. Das war eine entscheidende Voraussetzung für die Etablierung der Nationalstaaten Italien und Deutschland. Hatte vorher Rußland, teilweise zusammen mit Österreich, das Osmanische Reich auf dem Balkan zurückgedrängt, so veränderte sich jetzt die Front der osmanischen Gegner. Rußland tat sich auf dem Balkan mit Frankreich zusammen. Dadurch verschärfte sich der österreichisch-russische Gegensatz - eine der zentralen Ursachen des Ersten Weltkrieges. Die Isolierung Österreichs im Jahrzehnt nach dem Krimkrieg wurde daher höchst folgenreich für die deutsche und für die europäische Geschichte: Sie beschleunigte den Machtabstieg Österreichs und erleichterte den Machtaufstieg Preußens.
4. Der Standort des Krieges innerhalb der orientalischen Frage
Der Krimkrieg ist auch ein Markstein in der Geschichte der "orientalischen Frage", des langwierigsten und verwickeltsten Problems der internationalen Politik des 19. Jahrhunderts, das heute u.a. in der Nahost-Frage fortlebt. Die orientalische Frage bedeutet die Gesamtheit der Probleme, die mit dem Abdrängen und dem Rückzug des Osmanischen Reiches aus Europa zusammenhängen. Neben den von innen her wirkenden Auflösungstendenzen und den aus dem Nationalismus der von den Türken unterdrückten Balkan-Völkerschaften herrührenden destruktiven Einwirkungen ist es vor allem die Intervention der europäischen Großmächte in diesen Zersetzungsprozeß des Osmanischen Reiches, welche die orientalische Frage geschaffen und immer wieder neu belebt hat. Im 18. Jahrhundert waren es zunächst nur Rußland und Österreich, die in die türkische Rückzugsbewegung nachstießen. Rußland war die treibende Kraft, die im Verlauf periodisch ausgetragener Kriege der Türkei an beiden Flanken des Schwarzen Meeres ein Territorium nach dem anderen abnahm, um sich an das strategische Zentrum der türkischen Meerengen heranzuarbeiten. Österreich spielte dabei die Rolle des ungern tolerierten Juniorpartners. Durch die Mitwirkung Frankreichs, besonders aber Englands seit dem griechischen Unabhängigkeitskrieg verschärfte sich die orientalische Frage und wuchs sich geradezu zum Regulator der Beziehungen der Großmächte untereinander aus. England proklamierte den gegen die russischen Expansionsbestrebungen gerichteten Grundsatz der Integrität des Osmanischen Reiches, um seine imperialen Verbindungslinien nach Asien zu sichern. Seit den zwanziger Jahren wurde daher dem allgemeinen Prinzip des europäischen Gleichgewichts das regionale Prinzip des orientalischen Gleichgewichts einverleibt. Es reagierte auf Beanspruchungen äußerst empfindlich und bildete eine Quelle dauernder internationaler Spannungen. Diese führten 1853/54 zum Krimkrieg, da sich Rußland einen in den Augen der übrigen Großmächte unangemessenen Einfluß im türkischen Reich (in den Donaufürstentümern) verschafft, dadurch die Spielregeln der Gleichgewichtspolitik umgestoßen und sich aus dem Europäischen Konzert ausgeschlossen hatte.
II. Zum Forschungsstand
Die orientalische Frage, in welcher der Krimkrieg einen Höhepunkt darstellt, hat wegen ihrer schier unauslotbaren Komplexität nicht nur Generationen von Historikern in ihren Bann geschlagen; auch Mitlebende und besonders mithandelnde Politiker hat sie immer wieder wegen ihres unüberschaubaren Reichtums an Ursachen und Folgen verblüfft und vor kaum lösbare Aufgaben gestellt. Vom Fürsten Metternich etwa gibt es eine Reihe von Zeugnissen, aus denen sein Unmut und seine Verzweiflung über das Unmaß an menschlicher Torheit, die zum Krimkrieg geführt habe, sprechen, aber auch das überwältigende Gefühl von der unheimlichen Rätselhaftigkeit der orientalischen Frage, die er mit seinem erfahrenen Intellekt nur schwer zu durchdringen vermochte. Der österreichische Außenminister Graf Buol schrieb einmal am Anfang des Krieges: "Man könnte Bände über die orientalische Verwicklung schreiben, und dennoch empfindet man Hemmungen, das Thema anzurühren, so schwierig ist es, sich in den Widersprüchen, auf die man stößt, zurechtzufinden."
Tatsächlich sind zahlreiche Bücher über den Krimkrieg geschrieben worden. Für das Jahrzehnt zwischen 1961 und 1970 sind 334 einschlägige Arbeiten aller Art gezählt worden. Während der Krimkrieg in den deutschsprachigen Ländern nur sporadische Aufmerksamkeit erhält, wird er in den angelsächsischen Ländern besonders rege untersucht. Als "one of the most unnecessary wars in history" findet er dort sogar ein breiteres nichtwissenschaftliches Publikum. Im Jahr 1999 erschienen allein drei für ein breites Publikum konzipierte Bücher über ihn.
Im Gegensatz zur intensiven Erforschung des Krimkriegs lag seine Aufarbeitung durch Quellenveröffentlichungen bisher nahezu brach. Nur die rumänische Historiographie hat in den letzten Jahrzehnten einschlägige rumänische Quellen im Rahmen einer Edition über die Staatswerdung Rumäniens veröffentlicht; ähnliches gilt auch für die italienische Geschichtswissenschaft. Von diesen beiden Randfällen abgesehen war die Quellenlage desolat und chaotisch. Über die größeren Kriege und Friedensschlüsse seit Anfang des 19. Jahrhunderts gibt es immerhin gewichtige Quellenpublikationen: über den Wiener Kongreß, über die Vorgeschichte des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 und des Ersten Weltkrieges. Einzig über den Krimkrieg und den Pariser Friedenskongreß gab es bisher keine derartige Edition. Sie ist nun seit etlichen Jahren im Erscheinen begriffen, herausgegeben vom Verfasser dieses Berichts. Ihr Abschluß ist in wenigen Jahren zu erwarten.
III. Die Bedeutung einer Aktenedition zur Geschichte des Krimkriegs
Die Nichtexistenz einer solchen Edition ist der Hauptgrund dafür, daß es trotz einer überaus intensiven wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Krimkrieg bisher noch keine umfassende und vorerst abschließende Darstellung über diesen Wendepunkt der europäischen Geschichte gibt. Alle bisherigen größeren Studien schöpfen ihr Material vornehmlich aus einem Archiv oder höchstens aus zweien. Sie haben damit zwar wichtige Aspekte erschlossen, aber eine Gesamtansicht der Friedenssuche und Friedensfindung in den Jahren 1853-1856 bietet keine von ihnen. Selbst jahrzehntelang behandelte Fragen der Krimkriegsgeschichte haben zahlreiche Unklarheiten und Widersprüche nicht aufzuhellen vermocht oder überhaupt erst geschaffen.
Neben den oben im größeren Zusammenhang der europäischen Geschichte skizzierten Aspekten der Krimkriegsgeschichte, die durch eine solche Edition verfeinert dokumentiert werden können, sei hier nur beispielhaft auf einige der Forschungsprobleme der Krimkriegsgeschichte hingewiesen:
1. Zur Rolle Österreichs
Welche Triebfedern lagen seiner Option zugrunde, sich aus dem Krieg herauszuhalten, sich aber dennoch politisch immer stärker den Westmächten zuzuwenden? Welchen Stellenwert hatten in seiner Außenpolitik die Beziehungen zu Preußen, zum Deutschen Bund? Welches Instrumentarium zur Krisenregelung und Kriegsbeendigung hat Österreich bereitgestellt?
2. Zur Rolle Preußens
Welche Motive und welche Personen (der König, Prinz Wilhelm, Manteuffel, Bismarck usw.) haben seine Neutralitätspolitik bestimmt? In welchem Umfang hat es durch Duldung des Waffenschmuggels nach Rußland das Kriegsgeschehen beeinflußt?
3. Zur Rolle Frankreichs
In welchem Mischungsverhältnis stehen Napoleons III. orientalische Politik, seine Nationalitätenpolitik, seine Innen- und dynastische Politik zueinander? Wie hoch war der Einfluß der ihn umgebenden Hofclique? Welche Bedeutung spielte seine noch gänzlich unbekannte "Rheinpolitik" in der Schlußphase des Krieges?
4. Zur Rolle Englands
Welchen Einfluß besaß der berühmte Botschafter in Konstantinopel, Stratford de Redcliffe, der "eigentliche Sultan" am Goldenen Horn, auf das Geschehen in Konstantinopel, auf seine Regierung in London, auf die englische Öffentlichkeit mit seiner These von der inneren Regenerationsfähigkeit des Osmanischen Reiches? Welche Verantwortung trägt er für den Kriegsausbruch? Wie sind im politischen Willensbildungsprozeß in London die Gewichte der verschiedenen Regierungsfaktoren (Krone, Prinzgemahl, Kabinette, einzelne Minister, das Parlament) und anderer Faktoren (der "öffentlichen Meinung", der Times, der Russophobie) zu verteilen? Welche Bedeutung spielten Englands gespannte Beziehungen zu den USA für die Beendigung des Krieges? Hat England mit seinen Kriegsanleihen an die Türkei bewußt oder unbewußt den Boden für die spätere imperialistische Einflußnahme auf die Region des Vorderen Orients bereitet?
Für die Beantwortung solcher offenen Fragen soll die Edition der Krimkriegsakten das Quellenmaterial zur Verfügung stellen.
IV. Erscheinungs- und Planungsübersicht
Der Autor dieses Beitrags, der die Edition herausgibt, möchte eigentlich in einer Grundreihe die amtlichen Akten aller fünf Großmächte (Rußland, England, Frankreich, Preußen, Österreich) und die Nachlässe der entscheidenden Politiker edieren, hat dieses Projekt aber auf verschiedene Etappen aufgeteilt. In der ersten Phase wurden die österreichischen Akten in drei Bänden vorgelegt. Die Voranstellung der Österreich-Reihe empfahl sich besonders aus zwei Gründen: Wien war der Mittelpunkt von Verhandlungen, die seit der türkischen Kriegserklärung vom 4. Oktober 1853 die Kriegführung ständig begleiteten und auf Wiedererlangung des Friedens gerichtet waren; und es herrschte in der Forschung ein einseitiges Bild von der österreichischen Krimkriegspolitik vor. Für die oben angedeutete Revision dieses Bildes stellt die Edition das einschlägige Material auf breiter Grundlage bereit.
Im Anschluß an die Österreich-Reihe wurden die archivalischen Quellen zur auswärtigen Politik Preußens in zwei Bänden ediert. Das Erscheinen der englischen und der französischen Quellen hat sich wegen Finanzierungsschwierigkeiten verzögert. Unter großen finanziellen Mühen konnten indes zwei der vier geplanten Bände der England-Reihe und einer der Frankreich-Reihe erstellt werden. Ein zweiter Band der Frankreich-Serie ist druckfertig. Von den insgesamt 12 vorgesehenen Bänden sind also nunmehr acht erschienen, der neunte ist fertig. Drei Bände stehen noch aus; ihr Erscheinen ist für die nächsten fünf Jahre geplant. Von der Veröffentlichung der russischen Akten wird im Rahmen dieses Unternehmens abgesehen, da sie im Zuge der Aktenedition "Die Außenpolitik Rußlands im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts" ("Vnesnjaja politika Rossii XIX i nacala XX veka") ohnehin ediert werden sollen. Nach dem bisherigen Erscheinungstempo der russischen Akten zu urteilen, ist allerdings mit der Veröffentlichung der den Krimkrieg betreffenden russischen Quellen, wenn überhaupt, in ungewissem Zeitraum zu rechnen. Durch die Wende von 1990 ist diese Edition ziemlich ins Stocken geraten.
Die Veröffentlichung der österreichischen und der preußischen Akten wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziell ermöglicht. Die Erstellung der England- und Frankreich-Bände geschah bzw. geschieht weitgehend aus eigener Kraft. Die DFG hat nur noch Druckkostenbeihilfen gewährt und wird selbst diese für die restlichen vier Bände noch weiter einschränken. Zuschüsse zu Archivreisen und zur Beschäftigung von wissenschaftlichen Hilfskräften haben bislang die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, die "Freunde der Universität Mainz" und das Deutsche Historische Institut Paris bereitgestellt.
V. Zur Arbeit des Editors
Die Arbeit des Herausgebers eines Aktenbandes erfolgt in mehreren Schritten:
Zunächst muß er sich durch ausgedehnte Lektüre der einschlägigen Literatur und der veröffentlichten Quellen ein präzises Bild von der Geschichte des Krimkriegs insgesamt und besonders des von seinem Band zu erfassenden Zeitraums machen. Wie umfangreich sich die Lektüre gestalten muß, macht die obengenannte Zahl von 334 einschlägigen, zumeist fremdsprachigen Titeln für den Zeitraum 1961-1970 deutlich.
In einem nächsten Schritt muß sich der Editor über die aufzusuchenden Archive und ihre einschlägigen Bestände orientieren. (Diese Aufgabe haben der Herausgeber und einige Mitarbeiter in früheren Jahren bereits geleistet.) Für die österreichischen Quellen war dies vor allem das Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien; für die preußischen das ehemalige Zentrale Staatsarchiv der DDR in Merseburg (jetzt Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin); für die englischen das Public Record Office in London, das Königliche Archiv in Schloß Windsor und zahlreiche über Großbritannien verstreute staatliche und private Archive; für die französischen das Archiv des Außenministeriums, das Nationalarchiv und das Heeresarchiv in Vincennes.
In einem dritten Arbeitsstadium fährt der Editor ins Archiv, um sich die in Frage kommenden Akten herauszusuchen. In der Regel erfolgt der Archivbesuch in mehreren Etappen, zwischen denen das gesammelte Material gesichtet wird. Zusammengenommen dauern die Recherchen mindestens ein Jahr. Aus 50.000 - 100.000 pro Band in Frage kommenden Aktenblättern werden in einer groben Auswahl ungefähr 10.000 Blatt verfilmt oder xerokopiert.
In einer vierten Stufe wird das Aktenmaterial gesichtet. Die Aktenstücke, die für den Abdruck in Frage kommen, werden jetzt endgültig ausgewählt. Die ausgeschiedenen Akten erfüllen noch ihren Zweck für die spätere Kommentierarbeit.
In einem fünften Schritt werden die Akten, die für die Mitte des 19. Jahrhunderts noch ausnahmslos handschriftlich vorliegen, in eine computergeschriebene Version übertragen. Schwierigkeiten können schwer lesbare Handschriften bereiten.
Die sechste Arbeitsstufe besteht aus zwei Teilen: Es muß zunächst der Dokumentenkopf eingerichtet werden. Er besteht aus einer fortlaufenden Nummer; aus einer Überschrift, in der der Absender und der Empfänger genannt werden; aus der Archivsignatur und der Aktenbeschreibung; aus einem Regest, das für die rasche Orientierung des Benutzers wichtig ist. Sodann muß der Anmerkungsapparat erarbeitet werden, der Personennamen erläutert, sachliche Zusammenhänge klärt, die für den Leser nicht ohne weiteres zu erkennen sind, und Verweise zu abgedruckten oder nicht abgedruckten Aktenstücken herstellt. Für diese Arbeit sind eine letzte Reise ins Archiv und die Benutzung einer großen Bibliothek (etwa der British Library in London oder der Nationalbibliothek in Paris) oder spezialisierter Bibliotheken notwendig.
In einem siebenten Schritt müssen alle zum Abdruck gelangenden Quellen noch einmal kollationiert werden, d.h. die Druckversion und die Vorlage müssen auf die Identität von Wortlaut und Orthographie überprüft werden.
In einer achten Etappe ist das gesamte Quellenmaterial nach inhaltlichen Gesichtspunkten zu lesen, damit eine Einleitung von 20 - 30 Seiten verfaßt werden kann, in der die allerwichtigsten Ergebnisse für die Forschung skizziert werden.
Nachdem das satzfertige Manuskript an den Verlag gegangen ist, muß der Editor nach der Korrektur der Druckfahnen und des Umbruchs schließlich noch ein ausführliches Register für den Band anfertigen.
Die gesamte editorische Arbeit an einem Band füllt drei bis dreieinhalb Jahre aus.
Hrsg. v. Winfried Baumgart. München: R. Oldenbourg 1979ff.
| 1. | 1852 XII 27 - 1854 III 25. |
Bearb. v. Ana María Schop Soler. 1980. 749 S. ISBN 3-486-49391-4 |
| 2. | 1854 III 30 - 1855 IX 9. | Bearb. v.
Werner Zürrer. 1980. 1054 S. ISBN 3-486-49401-5 |
| 3. | 1855 IX 10 - 1856 V 24 | Bearb.
v. Winfried Baumgart. 1979. 644 S. ISBN 3-486-48691-8 |
| 1. | 1853 I 25 - 1854 VIII 8 | Bearb.
v. Winfried Baumgart und Ana María Schop Soler. 1991. 933 S. ISBN 3-486-55879-X. |
| 2. | 1854 VIII 9 - 1856 IV 15 | Bearb. v. Winfried
Baumgart, Wolfgang Elz und Werner Zürrer. 1990. 969 S. ISBN 3-486-55621-5 |
| 1. | 1852 XII - 1853 XII. | Bearb. v. Winfried Baumgart. [iV] |
| 2. | 1853 XII - 1854 XII 2. | Bearb. v. Winfried Baumgart. [iV] |
| 3. | 1854 XII 3 - 1855 IX 9 | Bearb.
v. Winfried Baumgart unter Mitwirkung v. Martin Senner. 1994. 960 S. ISBN 3-486-56053-0. |
| 4. | 1855 IX 10 - 1856 VII 23. | Bearb. v. Winfried
Baumgart unter Mitwirkung v. Wolfgang Elz. 1988. 1088 S. ISBN 3-486-54271-0 |
| 1. | 1852 XII 18 - 1854 III 27. | Bearb. v. Winfried Baumgart. [iV] |
| 2. | 1854 III 28 - 1855 III 2. | Bearb. v.
Martin Senner. 1999. 977 S. ISBN 3-486-56323-8 |
| 3. | 1855 III 3 - 1856 V 29. | Bearb.
v. Martin Senner. [im Druck] |
Neben etwa einem Dutzend Aufsätzen des Herausgebers und eines der Mitarbeiter, Dr. Martin Senner, sind aus der Beschäftigung mit den Krimkriegsakten zwei Monographien entstanden:
Winfried Baumgart, Der Friede von Paris 1856. Studien zum Verhältnis von Kriegführung, Politik und Friedenswahrung. München/Wien 1972 [engl. Übers. u.d.T.: The Peace of Paris 1856. Studies in War, Diplomacy, and Peacemaking. Transl. by Ann Pottinger Saab. Santa Barbara, Ca./Oxford 1981]
Winfried Baumgart, The Crimean War 1853-1856. London [u.a.] 1999 (Modern Wars)
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Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 2000. |