Bruno Thoß

Sicherheitspolitik und Streitkräfte in der Aufbau- und Konsolidierungsphase der Bundeswehr 1955-1967/68

Konzeption eines neuen Forschungsprojekts im Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Potsdam

Mit der Publikation von Band 4 des Reihenwerkes Anfänge westdeutscher Sicherheitspolitik 1945-1956 hat das Militärgeschichtliche Forschungsamt 1997 sein erstes Großprojekt zur deutschen Militärgeschichte nach 1945 abgeschlossen. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der Herausbildung eines bipolaren Weltsystems war darin die Entwicklung der Sicherheitsfrage in Mitteleuropa von der völligen Entmilitarisierung Deutschlands bis zum Allianzbeitritt der Bundesrepublik nachgezeichnet worden. Internationale, rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, innenpolitische Auseinandersetzungen und militärische Planungen waren zusammengeführt worden zu einer Vorgeschichte der Aufrüstung in Westdeutschland. Diese "Militärgeschichte ohne Militär" wird nunmehr in einem mehrbändigen Anschlußprojekt für die Aufbaujahre westdeutscher Streitkräfte fortgeschrieben.

Mit dem chronologischen ist auch ein enger methodischer Anschluß an eine multiperspektivische Sicht von Militärgeschichte verbunden, wie sie im Forschungsbereich "Deutsche Militärgeschichte nach 1945" bereits für die Vorphase bis 1955 entwickelt wurde. Für die Erforschung des Aufbaus westdeutscher Streitkräfte ab 1955 resultieren daraus einige kennzeichnende allgemeine Grundbedingungen, die - wenn auch für die verschiedenen Themenfelder unterschiedlich ausgeprägt - doch generell auf den engeren sicherheitspolitischen und militärischen Kernbereich durchschlagen:

  1. Entstehung und Entwicklung beider deutscher Staaten wie ihrer Streitkräfte als "Kinder des Kalten Krieges" sind nur vor dem Hintergrund und in ständiger Verrechnung mit ihren internationalen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen zu verstehen. Die Systemauseinandersetzung des Ost-West-Konflikts einerseits, das parallel dazu anwachsende Netzwerk internationaler Zusammenarbeit im Zeichen einer beginnenden Détente andererseits durchdringen daher mit ihren konfrontativen wie mit ihren kooperativen Strukturen deutsche Nationalgeschichte allgemein wie ihren militärischen Teilbereich im besonderen unmittelbar und auf allen Ebenen. Das Maß an Fremdbestimmung und die Durchsetzung von Eigeninteressen sind daher gerade auf dem Feld der Sicherheitspolitik durchgängig miteinander zu verrechnen.
  2. Die Sicherheitspolitik der Bundesrepublik und der Aufwuchs ihrer Streitkräfte bedeuten insofern ein Novum in der deutschen Militärgeschichte, als sie sich von Anfang an und kontinuierlich im Bündnisrahmen entwickeln. Zusätzlich überlappen sich aber auch militärische Allianzbildung und Strategien zur politisch-wirtschaftlichen Integration in Westeuropa. Integrationsgeschichtliche Ansätze aus der allgemeinen Historiographie zur Nachkriegszeit sind daher in die Analyse ihres militärhistorischen Teilbereichs einzubeziehen. Dies gilt verstärkt für den eigentlichen Streitkräfteaufbau, der zwar noch im nationalen Rahmen, aber nach übernationalen Vorgaben erfolgt. Dabei darf freilich nicht übersehen werden, daß gemeinsame Allianzziele und fortdauernde nationale Interessen in einem natürlichen Spannungsverhältnis zueinander standen und stehen. Zwischen beiden Einflußfeldern aber wachsen die westdeutschen Streitkräfte auf. In ihrer Strukturentwicklung müssen daher allianzpolitische Vorgaben, innenpolitische Umsetzbarkeit und nationale militärische Erfahrungen und Interessen gegeneinander abgeglichen werden.
  3. Der völlige staatliche und militärische Zusammenbruch von 1945 schlägt sich nieder in einer phasenverschobenen Neuorientierung im staatlich-gesellschaftlichen und im militärischen Raum. Anders als nach 1918 entstanden politisches System und militärisches Subsystem nicht parallel, sondern in einem zeitlichen Nacheinander von der Schaffung staatlicher Strukturen seit 1945/46 bis zum Aufbau der Bundeswehr ab 1955. Gegenüber der Weimarer Republik hatte dies den Vorteil, daß sich in der Bundesrepublik bereits eine parlamentarische Demokratie und ein ausdifferenziertes marktwirtschaftliches System voll ausgeprägt hatten, in die nachträglich eine systemkonforme Wehrverfassung integriert werden konnte. Bei der finanziellen, infrastrukturellen und personellen Sicherung des Streitkräfteaufwuchses machte sich der späte Start allerdings nachteilig bemerkbar, da der neue Bedarfsträger Bundeswehr bereits auf etablierte konkurrierende Interessen traf. Die Analyse des Militärischen als Instrument und in Abhängigkeit von Politik erfordert deshalb nicht nur eine Verzahnung des militärischen Kernbereichs mit dem innenpolitischen, sondern auch mit dem ökonomischen Umfeld.
  4. Die Sonderrolle des Militärischen in der Geschichte des deutschen Machtstaates bis 1945 ragt als historische Vorbelastung in die politisch-militärische Neuorientierung der Nachkriegszeit hinein. Zusätzlich verschärft wird die psychologische Situation für die neuen Streitkräfte durch die Probleme einer Verteidigungsplanung unter wechselseitiger nuklearer Vernichtungsdrohung. Die offene Gesellschaft der Bundesrepublik reagiert daher auf den Bundeswehraufbau in Teilen ausgesprochen militärkritisch. Auf diese permanente gesellschaftliche Herausforderung antwortet das neue militärische Führungskorps uneinheitlich, teils mit Tendenzen zur Selbstghettoisierung, teils mit verstärkt reformerischen Impulsen. Der durchgängige Meinungsstreit über Standort, Wege und Ziele moderner Streitkräfte in der Demokratie und im Bündnis prägt deshalb in einem Verhältnis von Challenge und Response das Wechselspiel zwischen Gesellschaft und Bundeswehr.

Vor diesem Hintergrund wird in allen Untersuchungsfeldern das eigentliche sicherheitspolitische und militärische Kernthema in eine themenspezifische Synthese mit den international-allianzpolitischen wie mit den innenpolitisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Herausforderungen zu bringen sein. Dies wird zugleich zu verrechnen sein mit den besonderen streitkräfteimmanenten Anforderungen an eine Armee im Nuklearzeitalter.

Zur Eingrenzung des Untersuchungszeitraums wird eine Periodisierung vorgenommen, die sich von den beiden zentralen externen Bestimmungsgrößen militärischen Planens und Handelns im Allianzrahmen wie in der Demokratie herleitet. Klar markiert ist dabei das Einstiegsjahr 1955, in dem die militärische Blockbildung durch den Allianzbeitritt beider deutscher Staaten abgeschlossen ist und der Übergang von der Planungs- zur Realisierungsphase einer westdeutschen Aufrüstung vollzogen wird. Historisierbar erscheint jedoch insbesondere mit Blick auf den Aktenzugang zunächst nur die Phase bis zu einem vorläufigen Abschluß des Streitkräfteaufbaus in Verbindung mit einem bündnispolitischen und einem innenpolitischen Einschnitt. Als Zwischenzäsur lassen sich dazu die Übergangsjahre 1965/68 inhaltlich wie forschungstechnisch begründen:

Allianzpolitisch markiert die Jahreswende 1967/68 den Übergang in der Bündnisstrategie vom Konzept einer massiven nuklearen Vergeltung (massive retaliation) zu einem System flexibler konventioneller wie nuklearer Antworten auf unterschiedliche sicherheitspolitische und militärische Herausforderungen (flexible response). Verbunden damit ist zugleich eine Umgewichtung von den bisher dominierenden konfrontativen zu zunehmend kooperativen Strukturen im Ost-West-Verhältnis im Zuge einer beginnenden Détente.

Innenpolitisch wird mit dem Eintritt der SPD in die Große Koalition 1966 ein Prozeß abgeschlossen, bei dem sich die größte Oppositionspartei Zug um Zug aus einer prinzipellen, insbesondere deutschlandpolitisch begründeten Ablehnungshaltung löst und volle Mitwirkung an allen Fragen von Sicherheitspolitik und Streitkräften beansprucht und erhält.

Bundeswehrintern findet der Streitkräfteaufwuchs mit der Assignierung der letzten Großverbände an die NATO 1965 einen ersten Abschluß. Die Streitkräfte treten nunmehr aus ihrer Aufbau- in ihre Konsolidierungsphase ein.

Dabei verstehen sich diese Zwischenzäsuren nicht als starre Trennlinien, sondern als Umgrenzungen für einen inhaltlich wie chronologisch geschlossenen Kernraum der Betrachtung, der themenspezifisch variabel gehalten wird.

Im Unterschied zu seinem Vorläufer ist das Projekt über die Aufbauphase der Streitkräfte zunächst monographisch angelegt. Die Erforschung der Vorgeschichte einer westdeutschen Aufrüstung zwischen 1945 und 1955 konnte sich bereits auf einen breiten Forschungstand zur Geschichte des Kalten Krieges, der deutschen Frage und der Frühgeschichte der Bundesrepublik stützen. Im Gegensatz dazu muß dieser Forschungsstand für die Folgezeit auf quellengestützter Basis über weite Strecken erst erarbeitet werden. Deshalb wird das umfassende Rahmenthema in einer ersten Forschungsphase in thematisch geschlossene Einzelbausteine zerlegt, die in ihrer Summe ein Gesamtbild des Bundeswehraufbaus in seinen bündnis- und innenpolitischen Verästelungen vorstellen. In einem zweiten Schritt werden die Ergebnisse der Detailforschung dann in einer komprimierten Gesamtdarstellung zusammengeführt. Zu diesem Zweck wurde der thematische Gesamtkomplex in eine Reihe von monographisch zu bearbeitenden Themenfeldern zerlegt:

(1) Außen-und bündnispolitische Rahmenbedingungen

Im Rahmen einer Geschichte des Kalten Krieges und der internationalen Beziehungen nach 1945 werden hier Einzelaspekte der westdeutschen Sicherheitspolitik in ihren außen- und bündnispolitischen Vernetzungen untersucht.

(2) Bündnisstrategie und nationale Verteidigungsplanung

Als Beitrag zu einer modernen Strategiegeschichte im Sinne einer Grand Strategy sind globale, regionale und nationale Sicherheitsinteressen an einer gemeinsamen Verteidigung Mitteleuropas herauszuarbeiten, nukleare Abschreckung und konventionelle Verteidigung miteinander zu verschränken und die Rückwirkungen einer tendenziell totalen Kriegsvorbereitung schon im Frieden auf das potentielle Schlachtfeld Bundesrepublik zu analysieren.

(3) Armee in Staat und Gesellschaft

Als integraler Bestandteil einer Geschichte der westdeutschen Innenpolitik wird dem nachträglichen Einbau von Streitkräften in die parlamentarische Demokratie und in die pluralistische Gesellschaft der Bundesrepublik nachgegangen. Dabei stehen die Auseinandersetzungen um die Ausgestaltung der Wehrverfassung, der infrastrukturelle Einbau in die föderale und wirtschaftliche Ordnung der Bundesrepublik wie die wechselseitige Wahrnehmung von Bundeswehr und Öffentlichkeit im Vordergrund.

(4) Bündnisintergration und nationale Verteidigungsorganisation

Mit einem verwaltungs- und organisationsgeschichtlichen Ansatz sind Bündnisstrukturen, nationale Verteidigungsadministration und föderaler Verwaltungsaufbau miteinander zu verschmelzen zu einer politischen Geschichte der Verteidigungsorganisation in der Bundesrepublik als Bündnismitglied und als Bundesstaat.

(5) Die personelle Rüstung

Eine Geschichte der von der Bundeswehr betriebenen personellen Rüstung hat den Prozeß zu analysieren, bei dem aus der zivilen Gesellschaft kommende ,Ungediente' über die Vermittlungsinstanz der Armee zu einsatzwilligen und -fähigen Soldaten umgeformt werden. Dazu sind die ,Kultur' der zivilen Gesellschaft, die ihres militärischen Gegenstücks und die historische Gewalterfahrung der Deutschen analytisch miteinander zu verbinden.

(6) Die materielle Rüstung

Rüstung und Rüstungspolitik in den Aufbaujahren der Bundeswehr sind in den Rahmen mehrfacher Spannungsbögen zu stellen zwischen

(7) Erziehung, Bildung und Ausbildung

Bildungs- und Ausbildungsziele der Bundeswehr, ihre Erziehungsstrategien und ihre Ausbildungsorganisation finden ihren gemeinsamen Zielpunkt in einer reformorientierten Armee neuen Typs, nach außen und innen kenntlich gemacht im Leitbild des ,Staatsbürgers in Uniform'. Dieser Anspruch muß in der Bildungsgeschichte einer Wehrpflichtarmee vor den Spiegel allgemeiner gesellschaftlicher Bildungsziele und militärischer Anforderungsprofile gestellt und dabei auf Kontinuitäten wie Diskontinuitäten aus der deutschen Militärgeschichte hin überprüft werden.

(8) Militärischer Alltag und pluralistische Gesellschaft

Soldatsein in der Wehrpflichtarmee einer offenen Gesellschaft ist geprägt von den Spannungen zwischen mitgebrachter gesellschaftlicher Individualität und abgeforderter militärischer Reglementierung. Ein alltags- und mentalitätsgeschichtlicher Ansatz muß daher drei Wirkungsebenen gegeneinander abgleichen:

(9) Aufbau und Entwicklung der Teilstreitkräfte/Großbereiche der Bundeswehr

Während in den Themenfeldern (1) bis (8) die Komplexe ausgewiesen sind, die auf der Ebene der Gesamtstreitkräfte und im Kontext ihrer Integration in die Bündnisorganisation, das demokratisch-marktwirtschaftliche System und die pluralistische Gesellschaft abzuhandeln sind, werden unter dem bewußt weitgefaßten Themenfeld (9) alle die Untersuchungsgegenstände subsummiert, die sich mit den großen Teilkomplexen der Bundeswehr wie Teilstreitkräfte, Bundeswehrverwaltung Militärseelsorge u. ä. befassen. Ihre Erarbeitung als abhängige Teile des übergeordneten Gesamtkomplexes von Sicherheitspolitik und Streitkräften ist dabei thematisch wie methodisch in enger Anlehnung an die Forschungsergebnisse aus den Komplexen (1) bis (8) gebunden.

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Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1999.
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