Hinweis: Die Zahlen in Klammern verweisen auf die Anmerkungen am Ende des Textes
In Deutschland konnten Menschen jüdischer Herkunft spätestens ab 1941 ihrer Vernichtung nur noch entkommen, wenn sie den Entschluß faßten, sich dem Deportationsbefehl "in den Osten" zu widersetzen. Dies bedeutete die Entscheidung für ein Leben im Untergrund, oft unter falschem Namen mit falschen Papieren, zuweilen auch völlig verborgen in einem Versteck. In den meisten Fällen konnte das Überleben in der "Illegalität" nur mit Hilfe couragierter Menschen gelingen, die bereit waren, unter eigener Gefährdung für Leib und Leben die Verfolgten mit Lebensmitteln zu versorgen, mit der Beschaffung falscher Papiere zu helfen, Fluchthilfe zu leisten oder ein Versteck zur Verfügung zu stellen. Wieviele solcher Helferinnen und Helfer, wieviele Retterinnen und Retter gab es in Deutschland und wer waren diese Menschen? Unter welchen Bedingungen lebten sie, wie waren sie geprägt, welche Motive hatten sie? Wieviele verfolgte Juden konnten mit der Hilfe dieser Menschen auf deutschem Boden den Holocaust überleben?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Forschungsprojekt "Rettung von Juden im nationalsozialistischen Deutschland 1933-1945" (1), das die systematische Erfassung der bereits bekannten und eine Erschließung bislang unbekannter Rettungsfälle von Jüdinnen und Juden vor lebensbedrohender Verfolgung anstrebt. Die Erfassung dieser Daten in einer eigens zu diesem Zweck entwickelten Datenbank soll in einer späteren Projektphase eine historische Analyse und abschließende Gesamtdarstellung ermöglichen, die einen Beitrag zur Sozialgeschichte der Interaktion von Verfolgten und Nichtverfolgten und damit auch zur Mentalitätsgeschichte der Mehrheitsgesellschaft leisten.
I. Zum Forschungsstand
Die Anfänge der Beschäftigung mit dem Thema "Rettung" gehen auf Überlebende zurück, die die Geschichte der eigenen Rettung veröffentlichten. Ein wesentliches Motiv war die Dankbarkeit gegenüber ihren Rettern. Kurt Grossmann, als Verfolgter des NS-Regimes schon früh aus Deutschland emigriert, sammelte solche Berichte und publizierte 1957 einen Teil unter dem Titel "Die unbesungenen Helden". Diese Sammlung inspirierte den damaligen Berliner Innensenator Joachim Lipschitz, der selbst versteckt überlebt hatte, die in Berlin lebenden Retter öffentlich zu würdigen. In der Folgezeit erschienen weitere einschlägige Berichte und zahlreiche Memoiren, und zwar fast ausschließlich von Geretteten, sowie romanhafte Darstellungen. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre begannen sich Historiker, Soziologen und Sozialpsychologen, aber auch Archivare, Journalisten und Hobbyforscher mit dem Thema zu beschäftigen; die Oral History kam als Mittel zur Erschließung von Geschichtswissen in Gebrauch und war hilfreich bei der Untersuchung des Schicksals der Juden auf lokaler und regionaler Ebene. In die 80er Jahre fällt auch der Vorläufer dieses Forschungsprojekts. Damals arbeitete am Zentrum für Antisemitismusforschung eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen, die Interviews mit Rettern durchführte, unveröffentlichte Lebensberichte und Zeugnisse aus persönlichem Besitz sammelte und erste Forschungsergebnisse am Beispiel Berlins präsentierte. Neben den zahlreichen Lokalgeschichten, in denen der Aspekt Rettung einer von vielen ist, entstanden insbesondere für Nordrhein-Westfalen Regionalstudien zum engeren Thema "Rettung", die bislang nur zum Teil veröffentlicht sind (2). Andere wissenschaftliche Darstellungen behandeln das Thema im Rahmen der Forschung zum Widerstand von Juden und Nichtjuden.
Gemeinsam ist den genannten Veröffentlichungen, daß sie einzelne Fälle von Hilfe beschreiben oder Rettungsaktionen von Gruppen rekonstruieren und die Alltagsprobleme darstellen, mit denen Retter wie Gerettete zu kämpfen hatten.
Im Unterschied hierzu sind vor allem in den USA Arbeiten entstanden, die anhand verschiedener Samples aus autobiographischen Berichten und Interviews mit soziologischen und sozialpsychologischen Kategorien versuchen, Daten von Rettern und Geretteten statistisch zu erfassen, um zu generalisierenden Aussagen über die Retter und ihr Verhalten zu kommen. Die Anfänge dieser Forschung gehen auf die 60er Jahre zurück. Bei einem Teil dieser Autoren, vor allem bei Soziologen und Psychologen in den USA, steht das Bemühen im Mittelpunkt, zu verallgemeinerbaren Aussagen über die Motivation der Retter zu gelangen. Am bekanntesten ist hier die Studie von Samuel und Pearl Oliner geworden, die mit standardisierten Fragebögen resp. Interviews und einer Kontrollgruppe arbeiten (3). Über die Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen, von denen sie annehmen, daß sie die Retter von den Nicht-Rettern unterscheiden, konstruieren sie Rettertypen, bei denen die »altruistische Persönlichkeit« im Vordergrund steht.
Sind es bei S. und P. Oliner vor allem durch Erziehung und Erfahrung in der Familie erworbene Charaktereigenschaften, die darüber entscheiden, ob Menschen zu Rettern werden oder nicht, ist es für Mordecai Paldiel, den Leiter des Department "Righteous Among the Nations" von Yad Vashem in Jerusalem, eine menschliche Eigenschaft sui generis, die (vorübergehend) altruistisches Verhalten hervorbringt und so Retter von Nicht-Rettern oder »bystanders« unterscheidet, nicht jedoch eine altruistische Persönlichkeit an sich (4).
Solche Studien haben allerdings nur begrenzte Aussagekraft. Sofern sich diese Arbeiten ausschließlich auf das Verhalten von Rettern stützen, die als "Gerechte unter den Völkern" in Yad Vashem geehrt wurden, entsteht nicht nur im Hinblick auf die Motivation ein einseitiges Bild von dem typischen Retter, der typischen Retterin. Sie betrachten praktisch den "Idealtyp". Denn Yad Vashem hat strenge Kriterien. "Durchschnittliche" Retter oder solche, die keineswegs "edle" Ziele verfolgten, fallen heraus, etwa professionelle Schmuggler, Leute, die nur halfen, wenn ihnen als Gegenleistung Geld oder Arbeitskraft geboten wurde.
Manche dieser Studien vergleichen unterschiedslos miteinander Retter aus allen europäischen Ländern, die im NS-Machtbereich lagen, ohne die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen zu berücksichtigen. Obgleich es also eine ganze Reihe von Arbeiten zum Thema Rettung von Juden gibt, bestehen noch viele Defizite: Die meisten Arbeiten stützen sich ausschließlich auf autobiographisches Material von Geretteten und Rettern. Das heißt umgekehrt, daß amtliches Schriftgut erst in Ansätzen ausgewertet wurde. Daraus folgt auch, daß bislang kaum etwas über mißglückte Rettungsversuche bekannt ist. Dementsprechend gering ist das Wissen über die Ahndung von Hilfe für Juden im Falle der Entdeckung. Nicht zuletzt deshalb gibt es auch keine gesicherten Aussagen über die annähernde Größenordnung von Hilfeleistungen in der Gesamtbevölkerung. Schätzungen über die Zahl der als Juden Verfolgten, die in Deutschland untergetaucht überleben konnten, bewegen sich zwischen 3.000 und 15.000. Es fehlt bislang nicht nur eine Untersuchung, die die Ergebnisse einzelner Arbeiten aufeinander bezieht und (auch zahlenmäßig) zusammenfaßt, sondern ebenso eine empirische Grundlage für eine generalisierende Betrachtung.
II. Überblick über das Forschungsgebiet
Das Untersuchungsgebiet bezieht sich politisch-geographisch weitgehend auf Deutschland in den Grenzen von 1937, wobei folgende Städte mit großen jüdischen Gemeinden Schwerpunkte bilden: Berlin, Frankfurt am Main, Breslau, München, Hamburg, Düsseldorf, Köln und Leipzig. So weit als möglich wird auch jeweils das ländliche und kleinstädtische Einzugsgebiet berücksichtigt. (Recherchen in weiteren Städten wie Stuttgart, Freiburg, Dresden u.a.m. werden angestrebt.) Dank eines Kooperationsangebots der Forschungsstelle "Widerstand gegen den Nationalsozialismus im deutschen Südwesten" am Historischen Seminar der Universität Karlsruhe wird die Erforschung von Rettungsfällen in Baden-Württemberg weitgehend von Angela Borgstedt in Karlsruhe geleistet (5)
Der wichtigste Schwerpunkt des Projekts liegt zur Zeit auf Berlin, da hier aufgrund eines bedeutenden homogenen Aktenbestandes die Praktikabilität des Ansatzes auf den Prüfstand gebracht werden kann. Die Initiative des Berliner Innensenators Joachim Lipschitz von 1958, Berliner Bürger, die sich während des NS-Regimes durch menschliches Verhalten gegenüber Verfolgten ausgezeichnet haben, als "Unbesungene Helden" zu ehren, führte dazu, daß bei der Entschädigungsbehörde ein umfangreicher Aktenbestand von 1500 bearbeiteten Ehrungsanträgen entstand, der dem Projekt zur Auswertung zur Verfügung steht. Zwar wurden in den Jahren 1958-1963 nur rund 700 Ehrungen vorgenommen, aber für die Forschung ist die Sichtung der restlichen 850 Antragsakten ebenso von Bedeutung, da auch die Fälle, in denen die Ehrung z.B. wegen des Todes der zu ehrenden Person, wegen Wegzugs aus Berlin u.a.m. nicht zustande kam, berücksichtigt werden müssen.
Dies ermöglicht, für Berlin einen ziemlich großen Personenkreis der Helfer und der Überlebenden und ihrer jeweiligen Geschichte, soweit sie in der Akte erschlossen ist, zu dokumentieren und zur Grundlage einer späteren sozialwissenschaftlichen Analyse zu machen. Zudem ergibt die sorgfältige Lektüre dieser Akten oft Hinweise auf weitere noch unbekannte Personen, die an Rettungsaktionen beteiligt waren. Zu bemerken ist, daß diese Berliner Ehrungsaktion, die 1963 endete, nur auf Personen, die in West-Berlin lebten, bezogen war.
III. Definition des gesuchten Personenkreises
Wie die Ehrungsinitiative des Berliner Senats und die Abteilung "Righteous Among the Nations" der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem berücksichtigt auch dieses Forschungsprojekt nur jene Hilfen für verfolgte Juden, die Leib und Leben der Helfer gefährden konnten. Diese Einschränkung ist nicht nur notwendig, um Vorschläge zur Ehrung einzelner Personen vorzubereiten, sondern insbesondere, um die Relation zwischen den möglichen Hilfsleistungen zu wahren und die Bedeutung jener Handlungen angemessen zu werten, die der einzelne zur Verteidigung der unveräußerlichen Menschenrechte der Verfolgten gegen die Normen des Staates durchzusetzen versuchte. Diese erste Begrenzung schließt bereits einige Formen der Unterstützung der diskriminierten und verfolgten Juden aus: Es sind dies alle Zuwendungen und Hilfen, die auf legalem Wege geleistet wurden, also vor allem die Auswandererbetreuung bis zum Herbst 1941 und die gesetzlich gestattete, jedoch mit zahlreichen Drangsalierungen verbundene Aufrechterhaltung von "Mischehen".
Es ist jedoch zu berücksichtigen, daß - besonders in kleineren Ortschaften - sogenannte "Judenknechte" seit 1933 Gefahr liefen, Opfer fanatisierter Parteigenossen zu werden, die die antisemitische Politik des Regimes zusätzlich eigenmächtig forcierten. Das jeweilige gesellschaftliche Umfeld, in dem die Hilfe geleistet wurde, muß also im Einzelfall berücksichtigt werden, um gefährliche von zumutbarer Unterstützung zu trennen.
Zur weiteren Eingrenzung werden folgende Zäsuren angesetzt:
Hilfe für Juden nach dem Oktober 1941 bedeutete die Aufrechterhaltung verbotener Kontakte. Im besonderen sind hier zu nennen:
IV. Ziele und Untersuchungsfelder
Der Ertrag des Projekts soll neben der Sammlung der Namen und einer etwaigen Ehrung bisher unbekannter Helfer und Retter verfolgter Juden vor allem die grundlegenden Bedingungen und Formen dieses in weiten Teilen unbekannten Widerstands gegen die NS-Herrschaft, der zum großen Teil ein Widerstand von Frauen war, untersuchen und bewußt machen. Für viele, die in grundsätzlicher Opposition zum Regime standen bzw. eine zunehmend regimekritische Einstellung entwickelten, war individuelle Solidarität mit den Verfolgten der einzige Weg, dieser Haltung Ausdruck zu verleihen und wirksame Gegenwehr zu leisten. Andere entschlossen sich erst in dem Augenblick, als sie mit der ausweglosen Situation der Verfolgten direkt konfrontiert wurden, sich den Bestimmungen des Systems zu widersetzen.
1. Die Rekonstruktion der erfolgreichen (nicht entdeckten) Hilfen und Rettungsaktionen unter Berücksichtigung der Situation der Helfer und ihrer Motive
Ziel dieser Erhebungen ist es auch, einen möglichst genauen Überblick über Formen und Verlauf der einzelnen Hilfsleistungen zu gewinnen. Autobiographische Quellen müssen dazu soweit als möglich durch Zeugnisse anderer Personen und - sofern vorhanden- amtliches Schriftgut verifiziert und ergänzt werden.
Für die Annäherung an die Motive für die Solidarität mit den Verfolgten ist die Erforschung der Ausgangssituation der Helfer sowie der Art, wie die Rettungsaktion initiiert wurde, bedeutsam. Welche Vorerfahrungen hatten die späteren Retter mit dem Regime gemacht, bevor sie sich zu der risikoreichen Unterstützung entschlossen? In welchem Umfang spielten langjährige, persönliche Kontakte zu Juden, einschneidende Erfahrungen mit antisemitischen Übergriffen, aber auch direkte oder mittelbare Erlebnisse politischer Verfolgung eine entscheidende Rolle? Auch ist die Frage von Bedeutung, inwieweit diejenigen, die Juden vor der Deportation retteten, über konkrete Informationen über den Massenmord verfügten. Waren sie in der Lage, die jedem zugänglichen Informationen und allgemein beobachtbare Vorgänge anders zu deuten und aus diesem Argwohn dem Regime gegenüber den Entschluß zum Handeln zu fassen? Die Beantwortung dieser Frage ist allerdings ausschließlich anhand von Zeitzeugeninterviews und eventuell aus Aussagen in Akten der Nachkriegszeit möglich und nur in einem kleinen Teil der Fälle noch rekonstruierbar.
Das Verhältnis von Rettungshandlungen, die von Einzelpersonen getragen waren, und solchen, die auf Kooperation basierten, ist bislang nicht erforscht. Anhand eines Vergleichs der Fallstudien soll daher ermittelt werden, welchen Anteil jeweils ungebundene Einzelpersonen oder Menschen, die in politischen oder kirchlichen Widerstandskreisen aktiv waren, an den Rettungsbemühungen hatten und inwieweit Helferkreise und -netze jenseits politisch-ideologischer Abgrenzungen eigens zur Hilfe für Verfolgte entstanden.
Wenig Beachtung fand bislang ein Ergebnis bereits veröffentlichter Aufstellungen aus verschiedenen Samples zum Überleben in der Illegalität: In mehr als 50% der Fälle halfen die "Retter" unter Gefahr für Leib und Leben Menschen, denen sie nie zuvor begegnet waren. Das gesammelte Material wird schließlich auch Auskunft geben, ob Kontaktaufnahme und Unterstützung Verfolgter stärker auf planmäßigem Vorgehen als Folge eines grundsätzlichen Entschlusses zur Hilfeleistung beruhten oder auf einem spontanen Angebot zur Rettung angesichts eines Unbekannten in unmittelbarer Gefahr.
2. Die mißglückten Rettungsfälle und ihre Folgen
Wie gefährlich war es im nationalsozialistischen Deutschland tatsächlich, Juden zu helfen? Was genau geschah nach 1941, wenn Hilfeleistungen für die von den Deportationen bedrohten Juden, die in einem Klima von Denunziation und Bespitzelung vor sich gehen mußten, entdeckt wurden? Was mußten die Helfer befürchten?
Im okkupierten Polen (Generalgouvernement) war die Lage eindeutig. Im Oktober 1941, zum Zeitpunkt, als die großen Ghettos geschlossen wurden, wurde für jegliche Form der Hilfeleistung für Juden die Todesstrafe über die polnische Bevölkerung verhängt, es wurde permanent mit ihr gedroht, und sie wurde - auch als Kollektivstrafe für ganze Familien - rigoros vollstreckt. In Deutschland war die Lage weniger eindeutig. Die Frage nach der Ahndung solidarischer Handlungen für verfolgte Juden und damit nach der konkreten Gefahr, der sich die Helfer aussetzten, ist weitgehend Forschungsdesiderat. Tiefergehende Aufschlüsse ermöglicht die Durchsicht zeitgenössischer Strafprozeßakten in "Judensachen", die sich vor allem gegen Unterstützer richteten. Ein eindeutiges Verbot zur Unterstützung verfolgter Juden (die in der Literatur genannte "Judenbegünstigung") war im deutschen Strafgesetzbuch nicht verankert. Anklagepunkte waren meist Delikte wie "Rassenschande", Urkundenfälschung, Verstöße gegen die Kriegswirtschaftsverordnung und illegaler Grenzverkehr.
Bisher ist kein Todesurteil bekannt geworden, das eindeutig wegen "Judenhilfe" gesprochen und vollstreckt wurde. Ein bekanntes Todesurteil des Volksgerichtshofs zu Berlin - gegen Robert Havemann u.a. vom 16. Dezember 1943 - wurde mit der "Vorbereitung zum Hochverrat" begründet. Daß den Angeklagten auch noch Hilfs- und Rettungsaktionen für Juden vorgeworfen wurden, wurde als erschwerendes Moment zur Untermauerung der Todesstrafe benutzt.
Daß allerdings auch Einweisungen in ein Konzentrationslager tödlich enden konnten, zeigen Beispiele wie das eines Odenwälder Bauern, der von November 1941 bis April 1942 einen jüdischen Kaufmann auf seinem Hof versteckt hatte. Aufgrund einer Denunziation wurde er verhaftet, verbrachte zwei Monate in einem Gestapogefängnis und wurde danach in das KZ Dachau eingeliefert, wo er im Oktober 1943 starb.
Die Aufnahme verfolgter Juden und einzelne Hilfeleistungen alleine waren der Verfolgung durch die Justiz entzogen. Sie waren, sofern keine Strafdelikte berührt wurden, ausschließlich Sache sicherheitspolizeilicher Maßnahmen. Handhabe hierzu bot der oben genannte Erlaß vom 24.10.1941. Ab 1941 hatte die Polizeijustiz die NS-Justiz vollständig verdrängt. Dies zeigt auch das Beispiel von Margarete R. aus Wiesbaden, die im November 1942 aufgrund einer Denunziation verhaftet wurde, weil sie eine jüdischen Frau, die auf der Straße ohnmächtig geworden war, nach Hause begleitet und ihr in den folgenden Wochen Lebensmittel gebracht hatte. Sie wurde nicht vor Gericht gestellt und erhielt kein Urteil. Von November 1942 bis Februar 1943 war sie im Polizeigefängnis Wiesbaden inhaftiert, danach wurde sie in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück eingewiesen, von wo sie im Mai 1943 nach Hause entlassen wurde.
3. Vorarbeiten für eine regional übergreifende Statistik aus den Basisdaten von Helfern und Verfolgten
Die Informationen, die im Verlauf des Projektes zusammengetragen werden, bilden die Grundlage für eine umfassende statistische Auswertung.
a) Statistik der Helfer
Aus den Berichten über Hilfeleistungen werden die persönlichen Daten der Helfer wie Alter, Geschlecht, Ausbildung, Beruf, Familienstand, Wohnsituation etc. aufgenommen. Wenn möglich, werden auch politische Orientierungen bzw. Zugehörigkeiten und konfessionelle Bindungen dokumentiert.
Diese Personenstatistik soll in einem zweiten Schritt um zwei weitere Punkte ergänzt werden: Die Kategorisierung nach der Art der erbrachten Hilfsleistungen und die zeitliche Eingrenzung. Es soll also erkennbar werden, ob es in den zwölf Jahren der NS-Herrschaft nachweisbare Veränderungen oder Schwankungen in der Bereitschaft zur Hilfsleistung für Juden gab. So kann z.B. gefragt werden, ob die Anzeichen für eine deutsche Kriegsniederlage die Bereitschaft, zu den Zielen des Regimes auf Distanz zu gehen und Verfolgte zu unterstützen, vergrößerten.
b) Statistik der untergetauchten Verfolgten
Im Unterschied zu einer Statistik der Helfer ist zumindest für Berlin eine Statistik der "illegal" geretteten Juden anhand eines Gesamtsamples möglich, das den überwiegenden Teil aller überlebenden Untergetauchten umfaßt. Anhand einer Liste der Alliierten über in Berlin registrierte Juden vom August 1945 und der Mitgliederaufstellung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin vom Juli 1947 lassen sich gesicherte Aussagen über Geschlecht, Alter, Familienstand, vor allem aber auch über die Zahl der "illegal" überlebenden Kinder machen.
Diese Statistik kann ergänzt werden durch Aufstellungen derer, die im Untergrund überlebten, sich aber nicht in die Register der Gemeinde eintrugen und derjenigen, die vergeblich versucht hatten, versteckt zu überleben. Beide Samples sind, im Gegensatz zu der aus der Mitgliederliste erstellten Erhebung, nicht vollständig rekonstruierbar, können aber nach den gleichen wie den oben genannten Faktoren standardisiert werden.
c) Ermittlung von Basisdaten zur Erschließung regionaler Besonderheiten und Gemeinsamkeiten sowie überregionaler Vernetzung
Ziel dieses Forschungsprojekts ist es, Ergebnisse für eine auf das gesamte Deutsche Reich (1937) bezogene Studie bereitzustellen. Bereits bei der Erhebung ist es daher notwendig, auch jene Hilfs- und Rettungsaktionen, die über ein begrenztes Territorium hinausreichten, nachzuvollziehen. An diesem Punkt, der eine Verzahnung lokaler Untersuchungen erfordert, sind bislang alle auf eine Region begrenzten Forschungsvorhaben gescheitert. Diese Arbeiten und ihre Ergebnisse werden zusammengetragen und mit den Informationen aus eigenen Quellenrecherchen überprüft und ggf. systematisiert.
Für eine regional übergreifende spätere Auswertung werden für die Anlage einer Datenbank folgende Leitfragen berücksichtigt:
V. Anmerkungen zur Durchführung und Vorgehensweise
1. Quellen und ihre Fundorte
Die zur Rekonstruktion von Rettungsfällen in Frage kommenden Quellen sind sehr verschiedener Provenienz. Zu unterscheiden sind zunächst drei Hauptarten:
Ebenso disparat wie die Quellenarten sind ihre Fundorte. Zur Durchsicht vornehmlich amtlichen Schriftguts werden neben den Staatsarchiven in den genannten regionalen Schwerpunkten die Landesarchive resp. die Archive der Entschädungsämter, der Finanz- und der Justizbehörden einbezogen. Weitere potentielle Fundorte sind die Archive der Jüdischen Gemeinden, die Stadtarchive und Heimatmuseen sowie die Geschichtswerkstätten.
Über die regionalen Fundorte hinaus wird geprüft, inwieweit die Hauptstaatsarchive in den einzelnen Bundesländern für das Thema relevante Akten in ihren Beständen führen. Vergleichbares gilt für Archive mit besonderen Sammlungen oder Aktenbeständen wie das Staatsarchiv in Ludwigsburg, das "Stürmer"-Archiv im Stadtarchiv Nürnberg, in dem die einschlägigen Denunziationen gegen "Judenknechte" aus der Bevölkerung gesammelt sind, und das Institut für Zeitgeschichte, das über eine Sammlung unveröffentlichter Berichte von ehemals "Illegalen" verfügt. Solche Sammlungen befinden sich ebenfalls in den Archiven von Yad Vashem (Jerusalem), der Wiener Library (Tel Aviv) und des Leo Baeck Institute (New York).
2. Methodische Anmerkungen
Da es weder zeitlich möglich noch in der Sache sinnvoll ist, stets sämtliche Fundorte in der jeweiligen Region aufzusuchen und allen genannten Quellenarten nachzugehen, werden lokale und inhaltliche Arbeitsschwerpunkte gesetzt. Aufgrund des unterschiedlichen Erschließungszustandes mancher Quellen bzw. der Materialfülle können z.B. Entschädigungsakten oder Strafprozeßakten nicht generell, sondern nur stichprobenartig oder aufgrund von Hinweisen aus anderen Quellen eingesehen werden.
Ungeachtet der genannten Einschränkungen gilt, daß für die Dokumentation eines Rettungsvorgangs möglichst Zeugnisse verschiedener Art gesammelt werden, um einen Quellenabgleich zu gewährleisten. Im günstigsten Fall können schriftliche Quellen und eine persönliche Erzählung zu einem Gesamtbild zusammengetragen werden. Selbstverständlich ist bei allen Quellen zu berücksichtigen, welche Interessenlagen sich möglicherweise in ihnen widerspiegeln. Dies gilt insbesondere für Quellen aus der NS-Zeit, aber auch Interviews bedürfen einer quellenkritischen Überprüfung. Die oft schon sehr betagten Interviewpartner können sich über fünfzig Jahre nach diesen Geschehnissen an viele Details oft nicht mehr deutlich erinnern. Darüber hinaus können Bewertungen einfließen, die nicht dem historischen Sachverhalt entsprechen, sondern nachträgliche Sichtweisen wiedergeben oder Legitimationsbedürfnissen Rechnung tragen.
Die Interviews werden narrativ geführt. Standardisierte Interviews anhand von ausformulierten Fragebögen sind für das Forschungsvorhaben eher hinderlich, da dem Erzähler freier Raum für die Darstellung seiner individuellen Geschichte gegeben werden muß, ohne sie a priori in ein vorgefertigtes Raster zu zwingen. Das Ziel der Interviews ist, das historische Geschehen zu rekonstruieren, wobei die Interviewten in der Rolle der Experten erscheinen. Der Interviewer, der die über die jeweilige individuelle Erfahrung des Befragten hinausreichenden Zusammenhänge kennt, soll diese erst in der Nachfrage mit dem Bericht des Retters verknüpfen, um möglichst viele für die Datenbank relevanten Informationen in Erfahrung zu bringen.
VI. Arbeit mit der Datenbank
Mit der datenbankorientierten Erfassung von Rettungsfällen wird historiographisches wie sozialwissenschaftliches Neuland betreten. Zwar hat der Einsatz von Datenbanken in den vergangenen Jahrzehnten die Möglichkeiten historischer Forschung erheblich verändert, aber es existiert noch keine ausreichend entwickelte historische Fachinformatik, an die angeknüpft werden konnte.
Grundlage für die eigens eingerichtete und im Verlauf der Arbeit immer weiter ausdifferenzierte Datenbank mußte eine marktübliche, aber über große gestalterische Reserven verfügende Ausgangssoftware sein. Nur so ist garantiert, daß eine den Anforderungen angemessene wie auch für spätere datenschutzrechtlich limitierte wissenschaftliche Nutzung durch Dritte geeignete Grundlage geschaffen wird. Nach Abwägung aller relevanten Faktoren entschied sich das Projekt für die Software Microsoft Access 97.
In der im Verlauf der Projektarbeit entwickelten Datenbankstruktur wird ein Rettungsfall in viele einzeln abfragbare Informationen zerlegt, die eine detaillierte Rekonstruktion des Vorgangs ermöglichen. Sie enthält möglichst viele Angaben zu den handelnden Personen, d.h. für jeden "Retter" und jeden "Geretteten" ist ein eigener Datensatz vorgesehen.
Soweit es sich um eindeutige Fakten handelt, erfolgt die Dateneingabe über ein Schema vorgegebener Begriffe bzw. Auswahlfelder. Bei der Eingabe anderer Informationen, die sich auf komplexere, interpretationsbedürftige und wertende Sachverhalte beziehen, greifen wir auf die narrative Darstellung zurück. Nicht immer ist eindeutig zu bewerten, ob Hilfe in die Kategorie "eigennützig" oder "uneigennützig" fällt, wenn untergetauchte Juden bei ihren Quartiergebern oft erhebliche Arbeitsleistungen erbrachten oder erbringen mußten. Diese Phänomene bedürfen einer differenzierenden Beschreibung. Dafür ist in jedem Datensatz ein Textfeld vorgesehen, das die zusammenhängende Beschreibung von Verlauf, Besonderheiten und Ergebnis einer Rettungsaktion enthält. Das Schicksal eines Menschen kann nicht nur als zerlegbares Material für eine Gesamtanalyse nach sozialen und demographischen Merkmalen oder der regionalen Verteilung dienen, sondern muß auch in seiner Einmaligkeit und Besonderheit festgehalten werden, auch wenn damit die Prinzipien einer Datenbank außer Kraft gesetzt werden. Die Segmentierung einer Rettungs- oder Überlebensgeschichte in Daten bereitet nicht nur Schwierigkeiten, weil die Wirklichkeit komplex ist, sondern auch, weil das sehr heterogene Quellenmaterial eindeutige Zuordnungen und Klassifizierungen oft nicht zuläßt. Der Idealfall, daß in einem einzigen Datensatz über 200 Einzelinformationen zusammengetragen werden, ist nach den bisherigen Erfahrungen eher die Ausnahme als die Regel. Häufig sind die verfügbaren Informationen bruchstückhaft, in vielen Fällen werden sie es bleiben. Insgesamt wurden bis jetzt nahezu 1700 Namen von Retterinnen und Rettern in der Datenbank erfaßt, deren Geschichten allerdings nicht immer - wie im Idealfall vorgesehen - vollständig recherchiert werden können.
Schlußbetrachtung
Mit dieser Erforschung von Bedingungen, Art und Umfang solidarischen Handelns von Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft gegenüber rassistisch verfolgten Menschen jüdischer Herkunft im nationalsozialistischen Deutschland, vor allem angesichts der drohenden Deportationen in die Vernichtungslager, wird ein wesentlicher Bereich der Widerstandsgeschichte, vor allem auch des Widerstands von Frauen, erfaßt, der bisher noch wenig bewußt ist. Sie bildet - sofern das Projekt die Möglichkeit zur Weiterarbeit über zwei Jahre hinaus erhält - die Basis für eine Sozialgeschichte solidarischen Handelns sowie einen Beitrag zur Mentalitätsgeschichte der Deutschen unter der NS-Diktatur. Die Forschungsergebnisse über Hilfe und Rettung für Juden können künftig auch für die "Erziehung nach Auschwitz" einen wichtigen neuen Anstoß geben. Sie zeigen Handlungsspielräume, die sich Menschen zu schaffen und erhalten wußten, die bereit waren, die verzweifelte Lage ihrer jüdischen Nächsten zur Kenntnis zu nehmen, die sich ihre Fähigkeit zu Empathie und Mitleid unter unmenschlichen Bedingungen erhielten und den Mut aufbrachten, sich den menschenverachtenden Maßnahmen des NS-Regimes zu widersetzen.
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© |
Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1999. |