Hinweis: Die Zahlen in Klammern verweisen auf die Anmerkungen am Ende des Textes
Die kirchlichen und weltlichen Entwicklungen des 15. Jahrhunderts haben in vielen Bereichen intensive Diskussionen und wichtige Detailstudien angeregt, wobei 'Reform' zu einem Zentralbegriff geworden ist (2). Diskutiert werden Reformbedürfnis, Reformanlaß und Reforminitiativen, Fragen der unterschiedlichen Vorstellungen von 'Reform', die Bereiche des politischen und gesellschaftlichen Lebens, die überhaupt von Reformen betroffen waren, die Artikulation zeitgenössischen Reformbewußtseins und die Erlangung praxisrelevanter Umsetzungen von Reformprogrammen. Die zur Zeit bereits vorliegenden Ergebnisse zeigen, daß die Suche nach geistiger Neuorientierung und praktischer Lösungsfindung viele Anstrengungen bestimmte, die im 15. Jahrhundert unternommen wurden, damit die Auseinandersetzungen um konträre Positionen und unterschiedliche Interessen nicht in einem systemsprengenden Konflikt eskalierten, sondern durch einen für alle Beteiligten akzeptablen Konsens, durch Reformen, wenigstens auf Zeit beigelegt wurden. Die Vorstellungen darüber, was 'Reform' beinhalten sollte, divergierten. Reform konnte die Rückkehr zu alten, bekannten und geschätzten Verhältnissen, konnte die Anpassung von Organisationen, Institutionen, Vorgehensweisen an veränderte historische Bedingungen sein, konnte sogar bedeuten, daß lediglich Störungen beseitigt und ehemals bestehende Funktionalität wiederhergestellt wurde. Reich und Reichsreform, die Intensivierung der territorialen Landesherrschaften, die Konzilien von Konstanz und Basel, die Ordensreformen und die veränderte Frömmigkeit der Laien werden mit stets neuen Fragestellungen angegangen. Immer wieder werden bei der Beschäftigung mit diesen Fragen gravierende Forschungslücken sichtbar. Eine davon ist die vielfach ungeklärte Position der Frauenklöster überhaupt und im Prozess der monastischen Reformen im besonderen, wie es für verschiedene Zeiten des Mittelalters vielfach beklagt wird. Entsprechend steht die Untersuchung in dem Spannungsverhältnis, die Forschungsansätze der spätmittelalterlichen Ordensgeschichte einerseits und die Fragestellungen der Frauen- und Geschlechtergeschichte andererseits zu rezipieren. Die Forscher der Ordensgeschichte, die sich zu einem guten Teil aus den Reihen der Orden selbst rekrutieren, konzentrieren sich auf den Rhythmus von Aufstieg und Niedergang einzelner Orden bzw. individueller Klöster und behalten dabei aus ihrer inneren Perspektive die Veränderungen vor allem zu theologischen Fragen im Blick (3). Dagegen stellen Forscher und Forscherinnen, die sich dem Ansatz der historischen Frauen- und Geschlechtergeschichte verpflichtet haben, die Forderung auf, insbesondere die Kenntnisse über die Frauenklöster nicht nur kompensatorisch bzw. kontributorisch zu erweitern, sondern die geschlechtspezifischen Differenzierungen herauszuarbeiten, um auf diese Weise die geschlechtsspezifischen Möglichkeiten, Restriktionen und Ausgestaltungen des klösterlichen Lebensbereiches reflektieren zu können (4). Auf einem weiteren Weg wurden hier die Ergebnisse der beiden Ansätze genutzt, um die Reformbestrebungen von Frauenklöstern in ihrem institutionellen Zusammenhang als auch in ihren Interdependenzen mit dem gesellschaftlichen Umfeld aufzuzeigen. Die lange Liste von Desiderata umfaßt die Frage nach dem Grad der Integration in die institutionalisierten Ordensverbände, nach den Zugriffsmöglichkeiten der weltlichen und geistlichen Territorialherren auf Frauenkonvente und die damit verbundene Instrumentalisierung von Klöstern für landesherrschaftliche Zwecke, nach den Gründen für die Annahme oder Ablehnung von Reformen, nach den Formen ihrer Einführung und Umsetzung, nach frauenklösterlicher Bildung, nach Wissensvermittlung und -bewahrung in Schulen, Skriptorien und Bibliotheken. Die literarische und materielle Kultur reformierter und nicht-reformierter Frauenklöster wurde dort, wo sie bislang studiert wurde, zumeist an einem einzelnen Beispiel ausgeführt, wobei die traditionelle chronologische Klostergeschichtsschreibung vorherrschte.
In dem hier beschriebenen Projekt wurde ein anderer Zugriff gewählt. Die Klosterreformen waren für die monastischen Gemeinschaften eine wichtige Umbruchszeit, bevor ihre Existenzberechtigung im Zuge der Reformation endgültig in Frage gestellt und die Entscheidung für das Leben im Kloster nur noch vom katholischen Teil der Christenheit als die bessere Alternative zum Leben in der Welt anerkannt wurde. Die Reformen boten noch einmal die Chance, um in einer Krisenzeit, die vieles Altbewährte in Frage stellte, neue Orientierungen und neue Perspektiven zu gewinnen. Dies geschah, so wird es hier an westfälischen Frauenklöstern benediktinischer Observanz ausgeführt, in einer Wechselwirkung von innerer und äußerer Akzeptanz der Reformen. Bei diesem integrativen Betrachtungsansatz geht es darum, die klösterlichen Reformen sowohl aus Sicht der Mitglieder als auch aus Sicht des gesellschaftlichen Umfeldes zu erfassen und ihre wechselseitigen Einflüsse aufzuzeigen. Das heißt, daß damit die Innenoptik eines Klosters aufgegeben und die klösterliche Gemeinschaft nicht nur als monastischer Verband mit geistig/geistlichen Zielsetzungen gesehen wird, sondern als eine soziale und wirtschaftliche Gemeinschaft, deren Existenz sich nicht nur über ihr spirituelles Dasein definierte, sondern auch über ihr alltägliches Handeln, über ihre praktische Lebensorganisation und ihr Beziehungsgeflecht mit anderen sozialen Gruppen, Verbänden, Institutionen. Demzufolge wurde den Zeugnissen der Schriftkultur und der Sachkultur ebenso wie den aufzudeckenden Kommunikationsstrukturen gleicher Stellenwert zugemessen. Erst in dieser Ergänzung erschließen sich die klösterlichen Reformen in ihrer umfassenden Relevanz für alle Bereiche des monastischen Lebens. Sie bleiben damit nicht auf die liturgischen und bildungskulturellen Veränderungen beschränkt, vielmehr erfassen sie die Ganzheit eines Klosters in seiner geistigen wie materiellen Gestalt. Auf diese Weise war es möglich, auch da den Einfluß von Reformen zu greifen, wo die theologische Literatur, die liturgischen Zeugnisse und die Texte zur frommen Reflexion aus den ehemaligen klösterlichen Bibliotheken nur spärlich zu finden sind.
Den geographischen Bezugsraum bildete das monastische Westfalen mit seiner dichten, von verschiedenen Orden geprägten Klosterlandschaft (5). Der eigentliche Focus richtete sich auf die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts reformierten Frauenklöster, die dem Benediktinerorden zugehörten bzw. denen es auferlegt wurde, im Zuge der Reformen zur benediktinischen Observanz zu wechseln. In der Diözese Münster handelte es sich folglich um das stadtmünstersche Stift Überwasser (1460/1482 reformiert) sowie die beiden ehemaligen Zisterzienserinnenklöster St. Ägidien in Münster (1465/68 reformiert) und Vinnenberg bei Warendorf (1465 reformiert). In der Diözese Osnabrück wurden die Klöster Herzebrock, Gertrudenberg und Malgarten (1459, 1475, 1472/1486 reformiert) untersucht, in der Diözese Paderborn die Klöster Gehrden und Willebadessen (1464/65 und 1473 reformiert) (6). An den Vergleich der Reformprozesse in den genannten Klöstern wurden mit Hilfe des überlieferten Materials verschiedene Fragen herangetragen: Wie wurden Reformen initiiert und umgesetzt? Wie gestaltete sich der Klosteralltag als Reaktion auf die Reformen? Welche Veränderungen der materiellen und geistigen Kultur lassen sich feststellen? Die erhaltenen Schriftquellen der alltäglichen Verwaltungspraxis finden sich vorwiegend in den Staatsarchiven von Münster und Osnabrück sowie in der Erzbischöflichen Diözesanbibliothek in Paderborn, das - nicht allzu umfangreiche - liturgische Schriftgut ist in verschiedenen Bibliotheken und Archiven verstreut. Es sind jedoch gerade das heterogene Material der verwaltungstechnischen Quellen wie die zahlreich vorhandenen Kopiare oder Rechnungsbücher, die noch weit mehr als Nekrologe oder Memorienbücher für die hier untersuchten Frauenklöster ihr enges gesellschaftliches Beziehungsnetz spiegeln und gleichzeitig Zeugnis für die Bedeutung der Reformannahme ablegen. Auch die ehemaligen architektonischen Zeugnisse und die Güter der klösterlichen Sachkultur sind zu ihrem weitaus größeren Teil nur noch indirekt über ihre Dokumentation in den Schriftquellen (einschließlich weniger historiographischer Texte) zu fassen, da die Klöster und Klosterkirchen als solche mehrfach umgebaut und schließlich in ihrer Mehrzahl anderen Bestimmungen zugeführt wurden.
Die Perspektive der klösterlichen Innensicht und der gesellschaftlichen Außensicht sowie deren Überschneidungen ermöglichten es, eine breite Facette von Aktivitäten in den westfälischen Frauenreformklöstern in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bis zur Reformation zu betrachten (7). Unter der Innensicht werden die klosterinternen Prozesse verstanden, die den Reformen vorausgingen, sie dann begleiteten und schließlich ihrer Anerkennung durch den Konvent auf verschiedenste Weise Ausdruck verliehen. Unter der Außensicht werden die Reaktionen zusammengefaßt, die dem Kloster die Akzeptanz seiner inneren Veränderungen durch Personen und Institutionen seines gesellschaftlichen Umfeldes signalisierten.
Die Untersuchung setzt mit einer Beschreibung der vorreformerischen wirtschaftlichen, verwaltungstechnischen und geistigen Verhältnisse in den Klöstern ein, denn nur auf diesem Hintergrund ist das im Reformprozeß entstehende und teilweise über Jahrhunderte wachgehaltene Bewußtsein eines wirklichen Neubeginns zu erklären. Die Klagen über die Mißstände in geistlichen Angelegenheiten zur Mitte des 15. Jahrhunderts erschöpften sich in der Regel in schon allseits bekannten bzw. bei allen Klosterreformen sich wiederholenden Vorwürfen wie mangelnde Einhaltung der Klausur, Mißachtung der klösterlichen Lebensgebote, Vernachlässigung des Gottesdienstes, erhebliche Bildungsdefizite, die ein geregeltes Chorgebet kaum noch zuließen etc.. Das Wissen um bestimmte ökonomische Notlagen war dagegen sehr konkret. Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren in manchen Klöstern so desolat, daß die Grundlage der Selbständigkeit, die autarke Versorgung, nicht mehr gewährleistet war; z.T. litten die Frauen Not und Armut, jedenfalls nach dem Verständnis der überwiegend noch immer adeligen Konventsmitglieder. Das Bild, das die Frauenklöster insgesamt boten, ist bekannt: Sie waren ihrer geistigen und gesellschaftlichen Funktionen verlustig gegangen. Sie erfüllten nicht mehr die Verpflichtungen einer Gebetsgemeinschaft noch waren sie mehr in der Lage, adeligen bzw. patrizischen Frauen eine angemessene, nämlich standesgerechte Versorgung zu gewährleisten.
Doch waren es nicht nur die internen Zustände, die die Konvente von der Notwendigkeit durchgreifender Reformen überzeugten. Insbesondere die Frauenklöster wurden aufgrund ihrer Abhängigkeit von der übergeordneten kirchlichen Instanz der Bischofsgewalt zu einem integralen Bestandteil landesherrlicher, weltlicher wie geistlicher Politik, die darauf abzielte, den eigenen territorialen Herrschaftsbereich in weltlichen wie kirchlichen Belangen stärker zu kontrollieren. Wohlgeordnete bzw. wohlreformierte Klöster konnten hier geradezu Vorzeigeobjekte für herrschaftliche Initiative und Durchsetzungskraft sein. Entsprechend wird in einem nächsten Schritt aufgezeigt, wie die gesamtkirchliche Entwicklung Reformvorhaben auf unterschiedlichen Ebenen begünstigte und in Folge auch mögliche Erklärungen für die Disposition der geistlichen Landesherren Westfalens zu 'Reformern' liefern kann. Die Konzilien von Konstanz und Basel und das geistige Klima, das sie schufen, stellen dafür die Ausgangsbasis der Überlegungen dar. Die langen Amtszeiten der westfälischen Bischöfe in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, ihre vielfachen familiären und/oder politischen Bindungen an die anliegenden Landesherrschaften und ihr persönliches Reformengagement, mit dem sie Reformideen rezipierten und in aktives Handeln umsetzten, begünstigten die Durchsetzung der von Konzilien und Ordensinstitutionen als notwendig geforderten Reformen in den Frauenklöstern. Vor allem dort sollten die Bischöfe ihrer Aufsichtspflicht und Jurisdiktionsgewalt nachkommen. Die Generalkapitelrezesse der Bursfelder Kongregation zeigen, daß die Bischöfe Johann von Bayern, Simon zur Lippe, Konrad von Rietberg und Konrad von Diepholz Reformanträge für die Frauenklöster ihrer westfälischen Diözesen stellten. Man kann das auch anders wertend formulieren: In Münster, Osnabrück und Paderborn wurde zwangsreformiert.
Einführung und Umsetzung der Reformen wurden durchaus nicht von allen Klosterfrauen mit uneingeschränktem Jubel begrüßt, denn schließlich bedeuteten sie massive Einschränkungen bisheriger selbstverständlicher Freiheiten, die der offeneren stiftischen Lebensweise sehr nahe kamen. Wenn auch einige Konvente selbst Reformhilfe anforderten, so stand dem doch jahrzehntelanger Widerstand gegen die Reformen in anderen Konventen gegenüber. Insbesondere wehrten sich die Stiftsdamen aus dem Münsterschen Überwasser massiv gegen alle Restriktionen, denen sie unterworfen werden sollten. Einschneidende personelle Veränderungen und bestimmte formale (und kostenintensive) Schritte erschütterten die inneren Strukturen und das manchmal sehr labile wirtschaftliche Gleichgewicht der Klöster. An mehreren Beispielen wird deshalb vorgeführt, wie sich der Reformablauf vom Beginn bis zur Durchsetzung gestaltete, wie unterschiedlich die Konvente auf die Reformen reagierten, welche Oppositionsmöglichkeiten wahrgenommen und welche Maßnahmen zur Reformdurchsetzung ergriffen wurden. Dazu gehören Überlegungen zu Alter, Herkunft, Ausbildung und Sozialisationsgeschichte der Reformerinnen sowie ihrer verwandschaftlichen Beziehungen ebenso wie die Hinweise auf Abhängigkeiten und den Aufbau eines Kommunikationsnetzes der reformierten Klöster untereinander.
Die Einführung von Reformen folgte meist einem bewährten mehrschrittigen System. Dem Entschluß zur Reform folgte als nächster Schritt der Antrag auf Reform, der von der Klosterführung, also der Äbtissin, bei dem für das Kloster zuständigen Bischof oder eben häufiger von diesem Bischof bei einer der bekannten Reformkongregationen, in Westfalen der Bursfelder Kongregation, gestellt wurde. Daraufhin wurde die bisherige Äbtissin ihres Amtes enthoben und eine Äbtissin aus einem bereits reformierten Kloster von seiten des Bischofs ernannt und dem Konvent unter Mißachtung seines Wahlrechtes oktroyiert. Oftmals wartete man für die Entsendung einer Reformdelegation die entscheidende Situation der Vakanz des Äbtissinnenstuhles ab, bevor der Versuch unternommen wurde, ein Kloster in die Observanz zurückzuführen. Den Konventsmitgliedern wurde freigestellt, die Reformen anzunehmen oder das Kloster zu verlassen. Die neue Äbtissin erhielt in der Regel Unterstützung durch ihr bekannte Mitglieder einer Reformdelegation oder durch reformwillige Mitglieder ihrer eigenen Verwandtschaft. Der Konvent wurde künftig der Aufsicht eines reformierten Männerklosters unterstellt, das auch das notwendige Personal für die geistlichen wie weltlichen Angelegenheiten - Priester, Beichtväter, Verwalter - in die Frauenklöster schickte. Ein Kloster, das erfolgreich reformiert worden war, konnte anschließend selbst als Reformträger auftreten und Reformdelegationen in andere Klöster entsenden.
Die Reformen der westfälischen benediktinischen Frauenklöster entwickelten sich in zwei Phasen. Die ersten drei Reformklöster - Herzebrock, St. Ägidien und Vinnenberg - hatten intensiver männerklösterlicher Hilfe bedurft, die zweite Etappe der Reform vollzog sich im Austausch der Frauenklöster untereinander, wobei die Diözesangrenzen keine Rolle spielten. Die Reformen wurden schließlich in allen westfälischen Benediktinerinnenklöstern durchgesetzt, aber es bedurfte dazu doch mehrerer Jahrzehnte. Die Neuorientierung realisierte sich nicht in einer einzigen großen, Geist, Gemüt und Lebensweise erfassenden Aufbruchstimmung, sondern verwirklichte sich in kleinen, teilweise mühsamen Schritten. Es dauerte Jahre bis Jahrzehnte, bis die neuen Lebensregeln tatsächlich den praktischen Klosteralltag bestimmten. Den alteingesessenen Mitgliedern wurden sie durch aktive Neugestaltung unterschiedlicher Bereiche des monastischen Lebens zu Bewußtsein gebracht; erst den neuen Mitgliedern waren sie selbstverständlich, denn ihre Akzeptanz war Voraussetzung für den Eintritt in das Kloster. Erst wenn das reformierte Leben keine Neuheit, sondern die allseits akzeptierte Regel war, konnte einem solchen Kloster die Fähigkeit zugesprochen werden, die Reformen auch nach außen zu tragen.
Die Reformen sollten den klösterlichen Alltag bestimmen. Dazu zählte auch eine intensivierte Schriftlichkeit. Die Aktualisierung von jeder Art des Verwaltungsschriftgutes - Rechnungsbücher für unterschiedliche Posten, Heberegister, Einnahmen- und Ausgabeverzeichnisse, Einkaufslisten -, die Notierung von Spenden und Stiftungen, ebenso wie die Bemühungen um die Ergänzung des liturgischen Buchbestandes, die Anlage neuer Nekrologe, die Anschaffung und Bereitstellung von Lehr- und Gebetbüchern einschließlich der Sorge um eine elementare Ausbildung der Konventsangehörigen, endlich mit einigem zeitlichen Abstand die Indienstnahme der Chronistik zur Reflexion über die innerklösterlichen Entwicklungen - dies alles geschah explizit zur Festigung und Förderung der Reformen. So weisen es in allen reformierten Klöstern die entsprechenden Einträge in den neu angelegten Büchern aus. Die Reformen wurden zum Eckdatum der klösterlichen Erinnerung. Sie wurden als auslösende Faktoren für die schriftliche Neuordnung in geistlichen Angelegenheiten sowie in Wirtschaft und Verwaltung erkannt, als Beginn einer zukunftsweisenden Entwicklung gesehen, als Moment der wiederhergestellten monastischen Ordnung begriffen, mit der man auch die Zählung der Äbtissinnen neu einsetzen ließ.
Die mangelnde Integration der Frauenklöster in die Ordensorganisation bedingte ihren vorgegebenen Ausschluß aus den ordensinternen Entscheidungsfindungsprozessen, so daß es auch während der Reformübernahme zwar eine Orientierung an den Diskussionsergebnissen der Reformkongregation gab, aber keine verpflichtende Bindung. So verfolgten die Frauenkonvente in einigen Bereichen kreativ und produktiv einen eigenen Weg der Reform. In den untersuchten Klöstern kam dies zum einen in der Betonung von Vokal- und Instrumentalmusik zum Ausdruck - man tauschte Gesangslehrerinnnen aus und bemühte sich im Widerspruch zu den Reformforderungen der Bursfelder Kongregation intensiv um den Einsatz der Orgel im Gottesdienst -, zum anderen in künstlerischen Tätigkeiten, z.B. dem Sticken und Weben und der damit verbundenen Umsetzung geistlicher Programme in visualisierte Erzählwelten. Die untersuchten Quellen bestätigen darüber hinaus die Rezeption geistlicher Gebets- und Erbauungsliteratur als festen curricularen Bestandteil der frauenklösterlichen Schulprogramme.
Die allgemeine Anerkennung der Reformen von außen zeigte sich in dem zügigen personellen Wachstum derjenigen Konvente, die zahlenmäßig vor der Reform arg zusammengeschrumpft waren, sowie teilweise in der neuen sozialen Zusammensetzung der Mitglieder. Allein das Münstersche Stift Überwasser konnte seine adelige Exklusivität aufrechterhalten, die es zur Bedingung für die Annahme der Reformen machte. Darüberhinaus wurden die Reformen nach innen und nach außen in ein für Konventsmitglieder wie mögliche Besucher optisch wahrnehmbares Gewand gekleidet. Neuer Kirchenschmuck sowie Bau- und Modernisierungsmaßnahmen in Kirche, Klausurtrakt und Wirtschaftsgebäuden demonstrierten den klösterlichen Willen, Inneres und Äußeres in wohlgeordnete Übereinstimmung zu bringen. Hier überschneiden sich die Wirkungen, die die Reformen innerhalb der monastischen Gemeinschaft und außerhalb der Klostermauern zeitigten. Für die Konventsmitglieder war jeder neue Zierrat, jede reparierte Mauerbresche, jedes neue Bild und jedes instandgesetzte Mühlwerk Ausdruck für die neue Ordnung, die im Inneren des Klosters herrschte. Gleichzeitig war es das auch für die das Kloster umgebende Gesellschaft: Für viele Reformklöster läßt sich eine verstärkte Spenden- und Stiftungsbereitschaft nachweisen - Anerkennung dafür, daß die Klöster ihre geistlichen Aufgaben wieder wahrnahmen.
Die Art und der Radius der Außenkontakte der Frauenreformklöster zu kirchlichen wie weltlichen Einrichtungen stellte einen weiteren Aspekt dar, der insbesondere durch das Verwaltungsschriftgut erläutert werden konnte. Die Klöster waren Empfänger von Stiftungen und Schenkungen, Landbesitzer, Bauherren, Käufer und Verkäufer. Außerdem waren sie sowohl über ihre Mitglieder als auch durch ihre Unterordnung unter kirchliche Kontrollbestimmungen in verwandtschaftliche wie institutionelle Beziehungsnetze eingebunden. Geschäftliche Transaktionen, Informationsaustausch, gegenseitige Hilfsleistungen, allgemeiner Verkehr mit Geschäftspartnern, Handwerkern, städtischen Obrigkeiten, adeligen Familien und anderen Klöstern geben Aufschluß über die Voraussetzungen sowie die Reichweite klösterlicher Kommunikation und Aktivitäten und zeigen die Einbettung der Klöster in ihr gesellschaftliches Umfeld. Dabei lassen sich verschiedene Beziehungsstränge ausmachen. Zum einen unterhielten die westfälischen Frauenklöster Kontakte untereinander. Das gilt nicht nur für das jeweilige Männerkloster, dem sie unterstellt bzw. das Frauenkloster, von dem aus sie reformiert worden waren, sondern auch für andere, meist reformierte Klöster überwiegend in der westfälischen Umgebung, wie es die Botenzahlungen in mehreren Rechnungsbüchern darlegen. Es handelte sich bei diesen Kontakten einerseits um profane wirtschaftliche Transaktionen, andererseits aber auch um reformbezogene kulturelle und personelle Beziehungen wie z.B. dem Austausch von Büchern oder Lehrpersonal. Zum zweiten bezogen sich die Kontakte auf die notwendigen Verwaltungsaktivitäten mit Bezug auf die klösterlichen Besitzungen, die, wie ein Vergleich ergab, zum größten Teil in einem überschaubaren und von den Verwaltern bzw. ihren Abgesandten leicht zu erreichenden Radius von etwa vierzig Kilometern um das Kloster lagen. Zum dritten wurden Wirtschafts- und Finanzbeziehungen zu bestimmten Marktorten gepflegt. Die Märkte von Münster und mit großem Abstand Osnabrück wurden für die Versorgung mit kleineren Gütern des täglichen Bedarfs aufgesucht. Die ostniederländischen Märkte von Deventer, Zutphen und Zwolle dagegen wurden für den Einkauf von Massengütern wie Fisch und Luxusartikeln wie Gewürzen mehrmals im Jahr angefahren. Auch bestimmte andere Produkte wie Salz oder Getreide wurden stets von denselben Orten bezogen. Die Kontakte zu den Stadtverwaltungen, dem bischöflichen Landesherren, zu Vertretern der Domkapitel und zu einzelnen umliegenden Familien wurden über Geldleihgeschäfte sowie über einen regelmäßigen Austausch von Geschenken aufrechterhalten, die durchaus adeligen Ansprüchen genügten, wie z.B. die Übergabe von Edelfisch und Wildbret gegen kostbare Stoffe.
So bestimmte nicht Isolation, sondern Integration in das gesellschaftliche Umfeld die Existenz auch der Frauenklöster. Doch wird man wohl deutlich unterscheiden müssen zwischen dem Leben der klausurierten Nonnen und den Klöstern als Institutionen. Die einzelnen Frauen, die sich den reformierten Klöstern anschlossen, blieben hinter nun wieder geschlossenen Mauern und vergitterten Sprechfenstern fast unsichtbar, was sie deutlich von den 'freieren' Nonnen der vorreformerischen Zeit ebenso wie von den Stiftsdamen unterschied. Die Chancen, die sich ihnen innerhalb des Klosters boten, bestanden in der Möglichkeit, an einer wieder ernstgenommenen klösterlichen Bildungskultur zu partizipieren sowie, für einige Frauen, als überzeugte, tatkräftige und durchsetzungsfähige Reformerinnen in einer schnellen Karriere innerhalb der klösterlichen Amtshierarchie aufzusteigen. Als Institutionen waren die Reformklöster durch ihre wiedergewonnene Bereitschaft, ihren Verpflichtungen als Gebetsgemeinschaft nachzukommen, sowie durch die Pflege der wirtschaftlichen und sozialen Kontakte auf verschiedenen kommunikativen Ebenen in der spätmittelalterlichen Gesellschaft omnipräsent.
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Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1999. |