Matthias Frese, Julia Paulus und Karl Teppe

Gesellschaft in Westfalen. Kontinuitäten und Wandel 1930-1960

Ein Forschungsschwerpunkt des Westfälischen Instituts für Regionalgeschichte (Münster) zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

Hinweis: Die Zahlen in Klammern verweisen auf die Anmerkungen am Ende des Textes

Das Forschungsprojekt "Gesellschaft in Westfalen. Kontinuitäten und Wandel 1930-1960" wurde 1991 am Westfälischen Institut für Regionalgeschichte (1) als Schwerpunktprogramm eingerichtet. Sein Ziel ist es, an lokalen und regionalen Beispielen unter sozial- und kulturgeschichtlichen Fragestellungen langfristig wirksame Weichenstellungen für die formativen Jahre der Bundesrepublik Deutschland zu untersuchen (s. hierzu I.) (2).

Die Laufzeit des Forschungsprojektes wurde auf acht Jahre angelegt. Neben den Forschungsvorhaben von Institutsmitarbeiterinnen und -mitarbeitern wurde ein Stipendienprogramm für Promotions- und Postdoc-Projekte eingerichtet, in dem gegenwärtig 16 Einzelstudien gefördert wurden bzw. werden. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten müssen sich hierfür in eine breit gefaßte Thematik einarbeiten, da die Projekte sich im Unterschied zu den zumeist üblichen zeithistorischen Untersuchungen nicht auf Entwicklungen während eines politischen Systems beschränken, sondern konsequent politische Zäsuren übergreifen. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten sind in den Forschungskontext des Instituts eingebunden. Hierzu tragen insbesondere die halbjährlichen Projektcolloquien bei, auf denen auch unter Hinzuziehung der betreuenden Hochschullehrer und auswärtiger Referentinnen und Referenten intensiv einzelne Teilprojekte, die allgemeinen Leitlinien des Projektes und weiterführende Fragestellungen diskutiert werden, u.a. zur Amerikanisierung/Westernisierung der deutschen Gesellschaft, zur doppelten Zeitgeschichte von Bundesrepublik und DDR, zu Anwendung, Reichweite und Erklärungskraft der Modernisierungstheorie bei der Untersuchung langfristiger Entwicklungen, zum Verhältnis von politischen Zäsuren und sozialgeschichtlichen Entwicklungen, zum Vergleich und zur Einordnung regionalhistorischer Befunde in überregionale Ergebnisse. Zusätzlich unterstützt das Stipendienprogramm die Vernetzung des Projektes mit den anderen zeithistorischen Forschungsverbünden und Instituten.

Neben den bereits abgeschlossenen und publizierten Forschungsvorhaben und Tagungsergebnissen werden in den folgenden Jahren noch etliche laufende Teilprojekte fortgeführt (s. hierzu II.). Eine zweite große Tagung innerhalb des Forschungsschwerpunktes zum Thema "Die 1960er Jahre als Wendezeit der Bundesrepublik. Demokratisierung und gesellschaftlicher Aufbruch" befindet sich für Februar 2000 in Vorbereitung (s. hierzu III.). Diese Tagung schließt einerseits das Forschungsprojekt ab, verweist andererseits auf neue Forschungsvorhaben und -perspektiven im Schwerpunktprogramm des Instituts zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Darüber hinaus wurden kleinere Teilprojekte und einzelne Ergebnisse in den Jahrgangsbänden der Institutszeitschrift "Westfälische Forschungen" und im Kontext eines parallelen Forschungsprojektes des Instituts zur "Geschichte der Wohlfahrtspflege in Westfalen" veröffentlicht (3). Es bietet sich daher eine vorläufige Bilanz an.

I.

Die Ausgangsüberlegung für das Forschungsvorhaben war, daß es für das Verständnis zahlreicher sozialer, kultureller, ökonomischer und politischer Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland unerläßlich ist, epochenübergreifende Fragestellungen zu entwickeln. Deshalb wurden die Jahre zwischen 1930 und 1960 als variabler Untersuchungszeitraum festgelegt und damit eine Zeitspanne, in der epochenspezifische Daten wie die Jahre 1933 und 1945 eine besondere politische Signalfunktion besitzen und in der der Frage nach dem Verhältnis von Kontinuitäten und Wandel eine grundsätzliche Relevanz zukommt (4).

Zu den leitenden Gesichtspunkten gehören:

Die regionale Einordnung der Teilprojekte, die lokalen und regionalen Untersuchungsfelder in Westfalen sind eine zwingende Voraussetzung, zumal in Westfalen beispielhaft die allgemeinen sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Prozesse verfolgt werden können. Zugleich wurde von Beginn an betont, daß der lokale und regionale Zugriff den Vergleich enthalten muß, sei es im intraregionalen oder sei es im interregionalen oder internationalen Vergleich. Der regionalgeschichtliche Ansatz dient als konturierende Folie für umfassendere, auf generelle sozialhistorische Entwicklungen zielende Fragestellungen, da sich unter regionalhistorischem Blickwinkel und "pars pro toto" differenziertere Ergebnisse gewinnen lassen. Das Ziel ist es somit, an regionalen Beispielen Westfalens und mit Vergleichen sowohl gesamtstaatliche Entwicklungen empirisch dicht herauszuarbeiten, als auch lokale und regionale Besonderheiten, Ungleichzeitigkeiten und unterschiedliche Geschwindigkeiten aufzuzeigen. Neben "Erfolgen" sollen zugleich die "Kosten" und "Verluste" gesellschaftlicher Entwicklungen thematisiert werden.

Einen wichtigen Schub sowohl für die leitenden Gesichtspunkte und Leitlinien als auch für die Orientierung der Einzelstudien erfuhr das Forschungsprojekt durch eine erste große Konferenz 1994 (5), auf der das Verhältnis von politischen Zäsuren und gesellschaftlichem Wandel im 20. Jahrhundert in sechs Sektionen vergleichend diskutiert wurde und zwar an regionalen und internationalen Beispielen zu gesellschaftlichen Leitbildern und Zukunftsvorstellungen, zu industriellen Beziehungen und betrieblicher Sozialpolitik, zu Problemen der Modernisierung der ländlichen Gesellschaft, zur Entwicklung der sozialmoralischen Milieus, zu Widerständen gegen die Modernisierung am Beispiel des Heimat- und Naturschutzes und für einzelne Erklärungsansätze.

Insgesamt heißt das für das Projekt und die Studien: das Explanandum ist die Gesellschaft der Bundesrepublik.

II.

Im folgenden werden Teilergebnisse der bisher publizierten Einzelstudien synoptisch nebeneinandergestellt, ohne damit einer beabsichtigten Zusammenfassung vorzugreifen.

1. Zu den Themenfeldern

Zu den behandelten Themenfeldern gehören die Entwicklung der agrarischen Gesellschaft, der Arbeitsbeziehungen, der sozial-moralischen Milieus sowie der Wandel in den gesellschaftlichen Leitbildern. Konkret gruppieren sich die einzelnen Untersuchungen um die Forschungsfelder: Katholisches und protestantisches Sozialmilieu (6), ländliche Gesellschaft (7), Industriearbeiterschaft (8), öffentlicher Dienst und Verwaltung (9), Entwicklungsformen der Erwerbsarbeit (10), Jugend und Jugendfürsorge (11), Wohnungswesen (12), Stadtplanung (13), kommunale Eliten (14), geschlechtsspezifische Auswirkungen der segregierten Arbeitswelt (15), Wohlfahrtspflege und Sammlungswesen (16), Heimatbewegung und Naturschutz (17), Pressewesen und Pressepolitik (18), die Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Wiedergutmachung (19). Weitere Themen, wie z.B. Tourismus, Reiseverkehr und Verkehrspolitik (20) werden in kleineren Untersuchungen behandelt.

Ein Schwerpunkt der Untersuchungen liegt auf der ländlichen Gesellschaft und auf den Sozialmili- eus. In den lokal- und teilregionalausgerichteten Studien werden z.B. für das katholische Milieu und die ländliche Gesellschaft des Westmünsterlandes mehrere unterschiedlich strukturierte Städte und Dörfer verglichen. Für die Entwicklung der Heimat- und Naturschutzbewegung werden Ostwestfalen-Lippe und Thüringen, für das Wohnungswesen deutsche und englische Großstädte, für die kommunalen Verwaltungen und Betriebe westfälische und süddeutsche Städte, für die Agrarwirtschaft das Münsterland und die Niederlande untersucht.

2. Zum zeitlichen Rahmen

Um das Verhältnis zwischen Kontinuität und Diskontinuität über die Epochengrenze von 1945 hinweg und damit zeittypische Erscheinungen in ihrer Bedeutung für die gesellschaftliche Konstituierung der Bundesrepublik erforschen und bestimmen zu können, umfaßte der Untersuchungszeitraum als formale Rahmensetzung zunächst die Jahre zwischen 1930 und 1960. Das Jahr 1930 wurde hierbei in seiner Bedeutung als das letzte Normaljahr der ersten deutschen Demokratie (Weimarer Republik) gewählt; der Endpunkt wurde mit dem Jahr 1960 angesetzt, da bisherige Untersuchungen eine Zäsur in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen feststellen konnten, die sich entlang der Generationenlinie festmachen ließ (Generationenwandel).

Im Laufe des Projektes wurde deutlich, daß je nach Themenstellung ein anderer zeitlicher Einstieg sinnvoller war. Zumeist beginnen die Studien mit Hinweis auf politische, rechtliche und soziale Neustrukturierungen in den Anfangsjahren der Weimarer Republik, einzelne Arbeiten verweisen aber auch auf Vorläufer im Kaiserreich (Jugend, katholisches Milieu, ländliche Gesellschaft). Der zeitliche Endpunkt der Studien wird ebenfalls nicht schematisch für das Jahr 1960, sondern je nach Themenstellung unterschiedlich im Verlauf der 1960er Jahre, zumeist in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre, teilweise sogar Anfang der 1970er Jahre gesetzt, z.B. bei der Jugendpolitik und -fürsorge in der ersten Hälfte der 1960er Jahre, beim katholischen Milieu in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre, bei der Studie über die ländliche Gesellschaft Ende der 1960er Jahre, bei der Pressepolitik mit dem Jahr 1970.

Je nach sozialer Gruppe, Milieu, Konfession, Geschlecht, städtischer oder ländlicher Gesellschaft werden Ungleichzeitigkeiten und 'Überhänge' bzw. länger dauernde 'Übergänge' hervorgehoben.

3. Zur Frage der Periodisierung

Ziel der Arbeiten war es, den Anteil von Kontinuität und Wandel sowie die Veränderungsrichtung in Struktur und Rolle der jeweiligen Themenbereiche über die politischen Zäsuren von 1933 und 1945 hinweg zu untersuchen sowie nach den Ursachen und der Reichweite des sozialen Wandels im 20. Jahrhunderts zu fragen und ob und inwieweit dieser mit den politischen Verlaufsformen korrespondierte oder andere Intervalle entwickelte.

In der Gesamtschau der Einzelergebnisse gelingt der Nachweis, daß kaum eine der grundlegenden wirtschaftlichen, sozialen, politischen oder kulturellen Wandlungsprozesse in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts über die übliche Periodisierung politischer Epochen erfaßt werden kann. Insofern bestätigen die bisherigen Untersuchungen die methodische Fruchtbarkeit des Projektansatzes, nämlich die Ursprünge sozialgeschichtlicher Entwicklungen, ihre Genese und gesamtgesellschaftliche Wirkung auf dem Hintergrund der politischen Zäsuren zu analysieren.

4. Zur Bedeutung der Zäsuren

Die zeitliche Rahmensetzung 1930 als dem "letzten Normaljahr" der Weimarer Republik wird, wie erwähnt, von allen Studien "nach hinten" überschritten. Zudem heben die Studien die langfristige Anlage sozialer und mentaler Entwicklungen hervor.

Der Endpunkt liegt je nach Thema in den 1960er Jahren. Dazwischen werden unterschiedliche zeitliche Einschnitte gesetzt. Betont werden z.B. die milieuschwächenden Einflüsse der Weimarer Popularkultur seit Mitte der 1920er Jahre. Während der NS-Zeit verengten sich die Öffnungstendenzen im katholischen Milieu teilweise erneut und festigten andererseits den Milieuzusammenhalt. Zugleich zeigten sich aber auch deutliche Aufweichungstendenzen in einzelnen Teilbereichen. Sieht man von den sozialdemokratischen und kommunistischen Organisationen ab, so setzen die Studien für das Jahr 1933 keine deutlichen sozialgeschichtlichen Einschnitte, sondern nehmen verschiedene, zeitlich versetzte Zäsuren an.

Mit Blick auf die Entwicklung der Bundesrepublik tritt die Entwicklung während der ersten Jahre der NS-Zeit in den Hintergrund und wird das starke Gewicht der Kriegszeit und der Zerstörung, der sozialen Deregulierung und moralischen Desorientierung unterstrichen. Das Jahr 1945 wird hier als "relative Zäsur" - z.B. im Bereich der Jugendwohlfahrt - interpretiert, wohingegen in einzelnen (kommunal-)politischen Bereichen, wie Corinna Nauck zeigen konnte, eine Gemengelage aus Kontinuitäten und Brüchen je nach Einflußfaktoren aus Politik und Elitenrekrutierung über die politischen Zäsuren hinweg auszumachen ist. Die Dauer dieser Umbruchphase läßt sich aber kaum mit den Zeitmarken Besatzungszeit oder Währungsreform beschreiben.

Ein wesentliches Ergebnis der Studien besteht darin, die Absage an die Stunde Null aufs Neue erhärten zu können, da die Entscheidungsträger unter Besatzungsbedingungen doch eher für Kontinuität und die Überlieferung der Tradition aus der Zeit vor 1945 bzw. 1933 sorgten.

So läßt sich z.B. im Hinblick auf die Beschäftigungsstruktur kommunaler Betriebe und Verwaltungen (21) feststellen, daß politische Zäsuren nur eine geringe Bedeutung spielen, da die Umstrukturierung der Verwaltung (Entbeamtung) durch die Nationalsozialisten lediglich als eine nachholende Entscheidung nach entsprechenden Diskussionen Anfang der 30er Jahre anzusehen ist. Diese Tendenz hat sich kriegsbedingt und nach 1945 durch den von den Städten bevorzugten Abschluß von befristeten Angestelltenverträgen sowie die Ausgliederung städtischer Eigenbetriebe weiter fortgesetzt. Die entscheidende Phase für die "Herausbildung einer kommunalen Arbeitnehmergesellschaft" liegt hingegen erst in den 1950er/Anfang der 1960er Jahre, als der Arbeitskräftemangel die Gelegenheit bot, die Arbeitskräftestruktur der städtischen Betriebe und Verwaltungen an denen der Privatwirtschaft auszurichten (z.B. Beschäftigung von Frauen, Teilzeitarbeit). Die eigentliche Modernisierungsleistung kann in diesem Bereich in der arbeitsrechtlichen Annäherung von Beamten, Angestellten und Arbeitern ausgemacht werden.

Der wohl deutlichste Einschnitt erfolgt schließlich seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre, wobei der von Teilen der Forschung übereinstimmend festgemachte Umbruch etwa Ende der 1950er Jahre nicht bestätigt wird. So betont die Studie von Peter Exner zu mehreren münsterländischen Dörfern die Ungleichzeitigkeit bei der Periodisierung, wonach man mit Blick auf die politische Orientierung und Wahlverhalten, die Elitenrekrutierung und das Heiratsverhalten von Kontinuitäten bis in die zweite Hälfte der 1960er Jahre, mit Blick auf Freizeitverhalten, Vereinswesen und Landflucht hingegen von den kurzen 1950er Jahren sprechen kann. Dieses Ergebnis wird auch von der Studie von Markus Köster zum Verhalten von Jugendlichen gestützt, der ebenfalls einen "Schwellencharakter" der End-1950er Jahre konstatiert mit allerdings deutlichen Unterschieden bei städtischen und dörflichen, weiblichen und männlichen, katholischen und protestantischen Jugendlichen.

5. Zur Frage nach gesamtgesellschaftlichen Modernisierungsprozessen und der "Modernisierungsfunktion" des Nationalsozialismus

Die Frage nach den modernisierenden Wirkungen des NS-Regimes berührt im Kern die Frage, ob das Regime unter der Perspektive der langfristigen Entwicklungstendenzen moderner Industriegesellschaften als epochaler Einschnitt zu werten ist, oder ob während der NS-Zeit Entwicklungen nur nachvollzogen wurden, die in der Entfaltungslogik moderner Industriegesellschaften ohnehin angelegt waren. Dahrendorfs These von dem "Stoß in die Moderne", den der Nationalsozialismus der deutschen Gesellschaft durch den "brutalen Bruch mit der Tradition" versetzte, wird durch die bisher vorliegenden Studien nicht bestätigt. Vielmehr brach der Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus an der bereits ausgebildeten Modernität bzw. der vor allem in den ländlich katholischen Regionen vorhandenen Traditionalität. Andererseits ließen sich gemeinsame Generationserfahrungen der sozialkulturellen Enttraditionalisierung und Nivellierung zeigen, wobei nicht geklärt werden konnte, wie weit überhaupt die reale Reichweite bzw. "Eindringtiefe" der NS-Jugendorganisationen reichte.

Hinsichtlich der NS-Sozialpolitik kann in keiner Hinsicht von einer "Modernisierungsfunktion" des Nationalsozialismus gesprochen werden. Hier bestätigen die Untersuchungen, daß die NS-Sozialpolitik aus dem langfristigen Trend deutscher Sozialstaatlichkeit herausfiel. So sieht die die Studie von Markus Köster vor dem Hintergrund des Paradigmenwechsels hin zu einer völligen Enthumanisierung und Aussonderungspraxis einen Beleg für den regressiven Charakter des nationalsozialistischen Regimes, das im Bereich der Wohlfahrtspolitik einen tiefen Bruch mit der Sozialstaatstradition bedeutete, wie sie von der Weimarer Republik begründet wurde.

Mit Blick auf das katholische Milieu wirkte der Nationalsozialismus eher als Unterbrechung eines langfristigen Erosionsprozesses, gleichwohl beeinflußten politische Ereignisse und das NS-System die Konfiguration des Milieus. Für die ländliche Gesellschaft läßt sich auch hier feststellen, daß die dörflichen Strukturen, die die Herrschaftspartizipation und Elitenrekrutierung, das generative Verhalten und das Fest- und Vereinsleben bestimmten, die NS-Zeit und den Vertriebenenzuzug überdauerten und bis Ende der 1960er Jahre dominant blieben, als der wirtschaftliche Strukturwandel, die Urbanisierung und die regionale Mobilität die ländlichen Strukturen nachhaltig veränderten. Ebenso verhält es sich mit dem demographischen Wandel, der sich nicht so sehr in Sprüngen, sondern im säkularen Trend vollzog. Insofern erwies sich der Nationalsozialismus weder in den ökonomischen Strukturbeziehungen noch im sozialen Gewebe der ländlichen Gesellschaft als fundamentaler Modernisierer. Aufgrund der Ergebnisse der Studie von Peter Exner über die ländliche Gesellschaft in Westfalen kann festgestellt werden, daß die Tradition ihre große Beharrungskraft sowohl vor dem Zugriff des Nationalsozialismus wie durch die Flüchtlinge bewies. Nur dort, wo die Umbrüche schon weiter fortgeschritten waren, vollzogen sich erste Einbrüche und Veränderungen, die dann allerdings erst in den späten 1960er Jahren auf breiter Front wirkten. Somit bestimmte zunächst Kontinuität nach 1945 die politisch-soziale Wirklichkeit. Die nationalsozialistische Zeit bildete danach eine Phase der Verschleppung. Ein durchgreifender Strukturwandel fand demnach erst seit der Währungsreform statt. An die tiefgreifenden wirtschaftlichen Veränderungen nach 1948 schlossen sich politische, soziale und kulturelle Umbrüche an.

Demgegenüber gesteht die Studie von Gerd Meier über die Pressepolitik dem NS-Regime einen in Teilen "strukturell modernisierenden Effekt" zu. Dieser betraf säkulare Prozesse wie die Konzentration auf der Ebene der organisatorischen Entwicklung ebenso wie Einschnitte im äußeren Bild von Zeitungen. An beiden Neuerungen rüttelte die britische Besatzungsmacht nicht: ihre Lizenzpolitik erzeugte eine ähnliche Struktur, wie sie sich während der NS-Zeit herausgebildet hat. Dies spricht dafür, daß das System der regionalen Tageszeitungen seinen Durchbruch weniger politischen Rahmenbedingungen denn wirtschaftlichen Zwängen verdankte. Auf zahlreichen anderen Gebieten setzte die britische Pressepolitik freilich nachhaltige Akzente. Zu den Ergebnissen der Arbeit von Gerd Meier gehört deshalb, daß die Presselandschaft zu den Feldern zählt, die am weitestreichenden von der Besatzungspolitik geprägt worden ist.

Auch die Studie von Rainer Auts zum Sammlungswesen der freien Wohlfahrtspflege verweist auf die in der Entwicklung und Veränderung des modernen Wohlfahrtsstaates konstatierbaren Modernisierungsschübe und -widersprüche. Im Ergebnis weist Auts nach, daß die großen Modernisierungsschübe der Weimarer Republik mit der nationalsozialistischen Machtergereifung unterbrochen wurden. Dies gilt insbesondere für den politisch organisatorischen Bereich, nicht aber, wie es Meier auch in Bezug auf sie Pressepolitik formuliert, für den kommunikationsgeschichtlichen Aspekt, der sich kontinuierlich weiterentwickelte. Umgekehrt waren die Kräfte der Beharrung im Bereich der Spendenverteilung überdeutlich zu erkennen, besonders dort, wo das konfessionelle Milieu und damit der partikulare Charakter der Verbände lange Zeit dominant blieben und auch vom Zugriff des nationalsozialistischen Staates kaum verändert wurden. Neue Wege wurden, wie auch die Ergebnisse der Studie über Jugendfürsorge und Jugendpolitik von Markus Köster belegen, erst in den 1960er Jahren beschritten.

Markus Köster bestätigt - ähnlich wie Gerd Meier - darüber hinaus durch seine Forschungen zur Nachkriegsgesellschaft den allgemeinen Befund einer verstärkten Mobilisierung durch die großen Wanderungsbewegungen und den sozial-ökonomischen Wandel der 50er Jahre, die eine Auflockerung und Entprovinzialisierung überkommener Milieus einschließlich einer verstärkten Entproletarisierung der Lebenswelten brachten.

6. Zur Verknüpfung von Sozial- und Regionalgeschichte - zum Mischungsverhältnis von Kontinuitäten und Diskontinuitäten

Die bisherigen Ergebnisse des Projektes machen deutlich, daß der regional- bzw. lokalgeschichtliche Zugriff aufgrund der exemplarischen Dichte des jeweiligen Gegenstandes sich als besonders ertragreich erwiesen hat. Dieser vergleichend angelegte methodische Zugriff ermöglicht es, Sozial- und Regionalgeschichte zu verknüpfen, d.h. die Geschichte Westfalens mit Blick auf langfristige sozialgeschichtliche Prozesse sowohl in intra- wie interregional vergleichender Perspektive zu untersuchen.

Überblickt man den gesamten Zeitrahmen der Studien, so unterstreichen die Ergebnisse die These, daß die Entwicklungen zumindest bis in die erste Hälfte der 1950er Jahre dicht an den Entwicklungen der 1920er und frühen 1930er Jahre lagen. Mit Blick auf die NS-Zeit läßt sich dagegen kein bruchloser langfristig wirksamer Modernisierungsprozeß konstatieren.

So konnte Peter Exner am Beispiel westfälischer Landgemeinden zeigen, daß sich sowohl gegenüber der NS-Herrschaft als auch dem Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen die überlieferten Deutungs- und Handlungsmuster behauptet haben. Zwar ist es kurzfristig zu Veränderungen in der Elitenrekrutierung und im Wahlverhalten gekommen, die jedoch vom Bemühen, die herkömmlichen Verhältnisse wiederherzustellen, aufgefangen wurden. Lediglich hinsichtlich der Wirtschaft kann bereits in den 1950er Jahren von einem beschleunigten Strukturwandel gesprochen werden, der allerdings - wie in den Bereichen Heiratverhalten und Fest- bzw. Vereinsleben - erst in den 1960er Jahren voll durchgeschlagen ist. Ähnlich wie für die ländliche Gesellschaft konstatiert Willi Oberkrome für die Heimatbewegungen in Thüringen und Lippe, daß sich die Heimatbünde gegenüber gesellschaftlichen und politischen Diskontinuitäten als auffällig resistent erwiesen. Unabhängig vom herrschenden System sei hier das heimatpflegerische Milieu von traditionellen Barrieren abgeschirmt gewesen. Es konnte sogar nachgewiesen werden, daß die politischen Brüche von 1933 und 1945 in Westdeutschland systemstabilisierend wirkten.

Zu dem Themenbereich Säkularisierung und sozialmoralisches Milieu konnte unter der Frage nach dem Stellenwert politischer Zäsuren für langfristige Wandlungsprozesse festgestellt werden, daß hier - nach einer kurzfristigen Stabilisierung bzw. Neuformierung in der Nachkriegszeit - in den 1960er Jahren Auflösungserscheinungen immer stärker wurden. Auf die Frage nach der Konsistenz der Milieus läßt sich der Nationalsozialismus demnach sowohl als Verfolgungs- und Verdichtungszeit, aber auch als Erosionszeit beschreiben.

III.

Die historische Forschung konstatiert für Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre einen viele gesellschaftliche Bereiche durchgreifenden Wandel. Diesen "Abschluß der Nachkriegszeit" unterstreichen sowohl die Ergebnisse des Hamburger Forschungsprojekts in dem Sammelband "Modernisierung im Wiederaufbau" (22) als auch die Beiträge der oben angesprochenen Tagung "Politische Zäsuren und gesellschaftlicher Wandel" als auch die Ergebnisse der Teilprojekte des Forschungsschwerpunktes des Westfälischen Instituts für Regionalgeschichte. Kaum thematisiert wird jedoch von den meisten Beiträgen, in welche Richtung sich diese Veränderungen verschoben und welche Bedeutung sie für die weitere bundesdeutsche Gesellschaftsgeschichte besaßen. Hier soll im Anschluß an die erste Tagung des Projektes "Gesellschaft in Westfalen" eine Tagung vom 24. bis 26. Februar 2000 in Münster weiterführen, die sich unter dem Titel "Die 1960er Jahre als Wendezeit der Bundesrepublik. Demokratisierung und gesellschaftlicher Aufbruch" mit der kulturellen und politischen "Wende" der bundesdeutschen Gesellschaft und der "inneren Demokratiegründung" der Bundesrepublik während der - je nach Blickwinkel kurzen oder langen - 1960er Jahre beschäftigt.

Die Tagung soll zum einen Forschungsergebnisse des Projektes bündeln, zum anderen der Frage nachgehen, welchen Stellenwert die 1960er Jahre in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte einnehmen und welche Periodisierungen vorgenommen werden können. So lassen sich im Bereich des Politischen markante Zäsuren ausmachen wie etwa der Mauerbau in Berlin, der das innerdeutsche Verhältnis von einem auf den anderen Tag grundlegend veränderte. Demgegenüber bildeten die Veränderungen der politischen Mehrheitsverhältnisse sowie die Bildung der Großen, dann der sozialliberalen Koalition den Ausgangspunkt für "gleitende Übergänge" (H. P. Schwarz). In wirtschaftshistorischer Sicht wurden die 1960er Jahre gleichsam überwölbt von einer beispiellosen Wiederaufbauentwicklung, die 1948 (Währungsreform) einsetzt und 1973 (Ölpreisschock) definitv an ihre Grenzen und ihr Ende stößt. In sozial- und kulturhistorischer Hinsicht wiederum bilden die 1960er Jahre eine Gemengelage von Entwicklungen, deren Interdependenzen ebenso zu bestimmen wären wie das Verhältnis von Anlaß, Ursache und Wirkung in den verschiedenen Feldern und Ebenen.

Die 1960er Jahre gelten als eine Phase der Bewegung und des Aufbruchs. Politisch wurden sie zu einer Zeit der inneren Demokratiefestigung durch die Regierungsbeteiligung und den nachfolgenden Regierungswechsel auf Bundesebene von einer CDU- zu einer SPD-geführten Bundesregierung. Zugleich fand seit Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre ein Generationenwechsel der gesellschaftlichen Eliten statt.

Ökonomisch erlebte die Bundesrepublik 1966/67 eine kurze Unterbrechung des bis dahin und danach wieder kräftig steigenden Wirtschaftswachstums. Allerdings führte diese rückblickend kleine und kurze Krise mit einem nur relativ geringen Anstieg der Erwerbslosigkeit im Bewußtsein der Zeitgenossen und der politischen Eliten zu der Vorstellung, daß neue und umfassende Wirtschaftskonzepte die bisherige Wirtschaftspolitik ablösen sollten.

Die Beschäftigungsstruktur der bundesdeutschen Gesellschaft veränderte sich parallel zu den westlichen Nachbarn weiter in Richtung einer Dienstleistungsgesellschaft, wenngleich noch lange, z. B. im Ruhrgebiet, die Schwerindustrie das Bild prägte. Unverändert war die Landwirtschaft trotz steigender Erwerbsquote von Abwanderungen betroffen. Neue Beschäftigungsprobleme folgten aus der wachsenden internationalen Verflechtung. Die traditionelle Massenproduktion billiger Konsumgüter wurde zunehmend in industrielle Schwellenländer verlagert, mit denen Produzenten in Deutschland nicht konkurrieren konnten. Zugleich wandelten sich die Beschäftigungsverhältnisse durch die massive Anwerbung ausländischer Arbeitnehmer und durch die steigende Erwerbstätigkeit verheirateter Frauen. Zwar war nach wie vor das "Normalarbeitsverhältnis" das Leitbild für die Beschäftigung. Ein großer Teil der erwerbstätigen Frauen drängte aber insbesondere auf Teilzeitarbeitsplätze, um Familie und Beruf zu vereinbaren. Langfristig wurde hierdurch die Akzeptanz neuer Arbeitszeitmuster jenseits der Vollzeitarbeitsplatz-Ideologie gefördert.

Unter sozialpolitischen Gesichtspunkten markieren die späten 1950er und frühen 1960er Jahre das Ende der Nachkriegszeit. Erstmals folgten seit den späten 1950er Jahren die Löhne der Produktivität und partizipierte die Arbeiterschaft durch überdurchschnittliche Tarifabschlüsse am Zuwachs des gesellschaftlichen Wachstums, erstmals verschwand auch für sie das Risiko der Altersarmut. Deutlich spiegelt sich dies beispielsweise in dem - durch historische Forschungen allerdings noch genauer zu untersuchenden - "Ende der Proletarität" (J. Mooser) durch die Einrichtung weitreichender Rentensysteme oder in der mentalen Neuorientierung weiter Teile der Bevölkerung aus einer Position der Sicherheit in Richtung auf Veränderungen im Lebensstil (Stichworte sind u.a. Arbeitszeitverkürzung, rasch steigende Kaufkraft, Reisewelle, Massenkonsum hochwertiger Güter, Individualmotorisierung).

Mit Blick auf die politische Kultur, das meint hier die mentalen Dispositionen, das Verhalten und Bewußtsein der Menschen, umfassen die 1960er Jahre außerdem die bis dahin intensivste gesellschaftliche Debatte um die NS-Verbrechen oder um den Stellenwert und den Ausbau der Bildungssysteme mit dem Ziel größerer Chancengleichheit, weiter den in der bundesdeutschen Innenpolitik schärfsten und öffentlich mit nicht gekannter Polarisierung ausgetragenen Grundsatzkonflikt um die Verabschiedung der Notstandsgesetze und schließlich im Kontext der Außerparlamentarischen Opposition, der Studentenbewegung und der begleitenden oder hieraus hervorgehenden sozialen Bewegungen den neuformulierten Anspruch auf mehr Teilhabe, Mitsprache und Mitbestimmung in allen gesellschaftlichen Bereichen sowie die Forderung nach dem Abbau versäulter Strukturen und gegenseitig abgeschotteter Lebenswelten. Dies spiegelte sich einerseits in einem Bedeutungszuwachs und in der Mobilisierungsfähigkeit der großen gesellschaftlichen Organisationen, wie der Parteien, Gewerkschaften und anderer politischer Gruppierungen. Andererseits legten staatliche Behörden und Polizei häufig ein repressives Verhalten an den Tag, das sie zwang, mit den neuen Forderungen umgehen zu lernen. Schließlich waren auch viele Menschen von den angesteuerten oder auch nur geforderten Veränderungen erneut verunsichert und beharrten auf den eingeschlagenen, scheinbar erfolgreichen und sicheren Bahnen zum angestrebten Wohlstand. Öffentlichkeit, "sich einbringen", Mitbestimmung, schließlich "mehr Demokratie wagen" in allen gesellschaftlichen Bereichen, daneben Sicherung und Verteidigung des Erreichten standen im Vordergrund.

Darüber hinaus artikulierten sich auf der politischen Rechten erstmals seit Anfang der 1950er Jahre wieder offen rechtsextremistische Organisationen, deren größte auf dem Höhepunkt gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und bislang beispielloser Hetzkampagnen Ende der 1960er Jahre in einige Landesparlamente einzog und nur knapp den Einzug in den Bundestag 1969 verfehlte.

Kulturell und mental war die bundesdeutsche Gesellschaft allerdings in ihrer überwältigenden Mehrheit und ungeachtet der Proteste gegen den Krieg der USA in Vietnam fest in dem westlichen Wertesystem verankert. Die seit Kriegsende zu beobachtende kulturelle Verwestlichung und Amerikanisierung wurde zu keinem Zeitpunkt ernsthaft mehr in Frage gestellt.

In einem - durch historische Forschungen noch genauer zu bestimmenden - Verhältnis dieser Neuorientierung und der neuen sozialen Bewegungen kam am Ende der 1960er Jahre eine "Kulturrevolution" in Gang, in deren Folge die Ausrichtung des Lebensinhalts und die gesellschaftliche Verortung auf die Erwerbsarbeit in Frage gestellt wurden, die auf Selbstverwirklichung statt auf Pflichterfüllung bezogenen Werte stärker gewichtet, das Verhältnis von Ökonomie und Ökologie, der Fortschrittsoptimismus und die Wachstumsideologie thematisiert wurden. Im privaten Bereich schlugen sich diese Veränderungen - wenngleich nur langsam und langfristig zu beobachten - in einer veränderten geschlechtlichen Arbeitsteilung innerhalb der Kleinfamilie nieder. Insgesamt könnte daher von den 1960er Jahren statt von "Soviel Anfang war nie" jetzt schlagwortartig von "Soviel Wunsch nach Veränderung war nie" gesprochen werden.

Die Tagung des Westfälischen Instituts für Regionalgeschichte will diese Bandbreite gesellschaftlichen Drängens auf Veränderungen sowie die Motive des Pro und Contra in den Blick nehmen, die sich zum Beispiel in Slogans wie "Mehr Demokratie wagen" oder "Wir schneiden die alten Zöpfe ab" spiegeln. Doch ebenso wird es Aufgabe der Tagung sein müssen, das Verhältnis von voluntaristischen Bekundungen und tatsächlichem Wandel zu gewichten. Die Tagung soll daher mit dem Ende der Wiederaufbauphase (Schildt/Sywottek) und dem Eintritt in eine Zeit der Neuorientierung seit Ende der 1950er, Anfang der 1960er einsetzen. In dem Bewußtsein des Scheiterns weitreichender Reform-, Planungs- und Steuerungskonzepte und der Rückkehr zur Politik der kleinen Schritte in der Wirtschaftskrise seit Mitte der 1970er Jahre (etwa 1975 mit der Erfahrung einer dauerhaften Massenarbeitslosigkeit trotz Wirtschaftswachstums), dem einsetzenden ökologischen Krisenbewußtsein, dem von einem großen Teil der Bevölkerung getragenenen Wunsch zur "Tendenzwende" in Politik und Gesellschaft findet die innere Neuformung der bundesdeutschen Gesellschaft ihren Abschluß, wobei allerdings einmal in Gang gesetzte Entwicklungen besonders im kulturellen Bereich oder hinsichtlich der Geschlechterrollenstereotype kaum gestoppt oder umgekehrt wurden.

Die Tagung soll somit auf einer breiten Palette von Untersuchungsfeldern die Kräfte der Beschleunigung und Beharrung sowie die unterschiedlichen Geschwindigkeiten fokussieren und einen Zeitraum beleuchten, in dem die bundesdeutsche Gesellschaft "bewegt" wie selten zuvor und danach war. Sie soll den Nachwirkungen und Neuansätzen, den Konflikten um konkurrierende Gesellschaftskonzepte und deren Verwirklichung, den neuen Herausforderungen, den Reformen und Krisenlösungen, den mentalen Dispositionen und sozialen Veränderungen nachspüren. Auf gesellschaftspolitischer Ebene geht es somit um die konkurrierenden sozialdemokratischen und konservativen Gesellschaftsentwürfe. Gefragt werden soll ebenfalls, inwieweit und in welchen Bereichen der Generationenübergang die Bereitschaft für Veränderungen förderte oder trug.

Im einzelnen beschäftigen sich die vorgesehenen sechs Sektionen mit dem Wandel von Erwerbsarbeit und Familie (Leitung Merith Niehuss), mit der "Planung als Reformprinzip" am Beispiel verschiedener Politikfelder (Leitung Hans Günter Hockerts), mit dem Verhältnis von Politik und Öffentlichkeit (Leitung Anselm Doering-Manteuffel), mit dem Verhältnis von Bürger und Verwaltung (Leitung Michael Ruck), mit dem Wandel von Lebensstilen (Leitung Axel Schildt) sowie mit der Erklärungskraft einzelner Deutungsmuster für die gesellschaftlichen Veränderungen während der 1960er Jahre (Leitung Hans-Ulrich Thamer).

Die Basis der Beiträge sollen Beispiele aus Nordrhein-Westfalen bilden, die um Beispiele aus anderen Regionen, Ländern oder Kommunen vergleichend ergänzt werden, um die unterschiedlichen politischen Konzeptionen und Konstellationen und deren Rückwirkung auf die gesellschaftlichen Entwicklungen prüfen zu können. Nach Möglichkeit sollen vergleichend internationale Entwicklungen berücksichtigt werden, um die bundesdeutsche Gesellschaft stärker im westlichen Kontext zu verorten.

Die Beiträge der Tagung werden in der Reihe des Westfälischen Instituts für Regionalgeschichte "Forschungen zur Regionalgeschichte" veröffentlicht.

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Anmerkungen

  1. Karl Teppe, Landesgeschichtliche Traditionen und sozialgeschichtliche Erneuerung: Das Westfälische Institut für Regionalgeschichte, in: Werner Buchholz, Landesgeschichte in Deutschland. Bestandsaufnahme - Analyse - Perspektiven, Paderborn 1998, S. 279-314.
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  2. Vgl. hierzu Matthias Frese/Franz-Werner Kersting/Michael Prinz/Susanne Rouette/Karl Teppe, Gesellschaft in Westfalen. Kontinuität und Wandel 1930-1960. Ein Forschungsprojekt des Westfälischen Instituts für Regionalgeschichte, in: Westfälische Forschungen 41 (1991), S. 444-467.
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  3. Vgl. Andreas Wollasch (Hg.), Wohlfahrtspflege in der Region. Westfalen-Lippe während des 19. und 20. Jahrhunderts im historischen Vergleich (Forschungen zur Regionalgeschichte, Bd. 22), Paderborn 1997; darin neben dem Einleitungsbeitrag von Wollasch insbesondere die Beiträge: Markus Köster, "Stiefvater Staat" - Fürsorgeerziehung in Westfalen zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik; Rainer Auts, Vom "Volksopfer" zur "Nächstenliebe". Das westfälische Winternothilfswerk 1945/46 im Spannungsfeld von Volksgemeinschaft und Rechristianisierung. Vgl. ferner Andreas Wollasch (Hg.), Wohlfahrt und Region. Beiträge zur historischen Rekonstruktion des Wohlfahrtsstaates in westfälischer und vergleichender Perspektive, Münster 1995; ders., Wohlfahrtspflege in Westfalen-Lippe von 1890 bis zur Gegenwart. Eine Spezialbibliographie, Münster 1995. Zu den Westfälischen Forschungen vgl. insbesondere die Themenbände 47 (1997): "Kultur und Gesellschaft in Westfalen 1870-1970", und 48 (1998): "Der gesellschaftliche Ort der "68er"-Bewegung".
    Vgl. ferner die im Projekt des Westfälischen Instituts für Regionalgeschichte zu "Der Provinzialverband Westfalen in der Zeit des Nationalsozialismus - Psychiatrie im Dritten Reich" angesiedelte Studie von Franz-Werner Kersting, Anstaltsärzte zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik. Das Beispiel Westfalen (Forschungen zur Regionalgeschichte, Bd. 17), Paderborn 1996; sowie die Spezialbibliographie von Helene Albers, Frauengeschichte in Deutschland 1930-1960. Bibliographie, Münster 1993.
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  4. Vgl. zum folgenden auch eingehend Michael Prinz, Demokratische Stabilisierung. Problemlagen von Modernisierung im Selbstbezug und historische Kontinuität - Leitbegriffe einer Zeitsozialgeschichte, in: Westfälische Forschungen 43 (1993), S. 655-675; ders./Matthias Frese, Sozialer Wandel und politische Zäsuren in der Zwischenkriegszeit. Methodische Probleme und Ergebnisse, in: Matthias Frese/Michael Prinz (Hg.), Politische Zäsuren und gesellschaftlicher Wandel im 20. Jahrhundert. Regionale und vergleichende Perspektiven (Forschungen zur Regionalgeschichte, Bd. 18), Paderborn 1996, S. 1-31.
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  5. Frese/Prinz (Hg.), Politische Zäsuren (Anm. 3).
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  6. Vgl. dazu die Projekte von: Wolfhard Beck, Soziale und mentale Kontinuitäten und Umbrüche protestantischer Gemeindemilieus in Westfalen 1920-1960 am Beispiel des Kirchenkreises Lübbecke und Frank Nienhaus, Kirchenglocken und Werksirenen. Das Münsterland - ein katholisches Milieu in den Umbrüchen zur modernen Gesellschaft sowie sein Beitrag Transformations- und Erosionsprozesse des katholischen Milieus in einer ländlich-textilorientierten Region: Das Westmünsterland 1914-1968, in: Frese/Prinz, Politische Zäsuren, S. 597-630.
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  7. Vgl. ebd. sowie die Projekte von Helene Albers, 'Landfrauen' - zwischen Tradition und Wandel. Arbeits- und Lebensbedingungen von Bäuerinnen in der westfälischen Landwirtschaft 1920 - 1960 und Norwich Rüße, Bauern und Agrarunternehmer? Westfälische und niederländische Landwirtschaft 1920 - 1960 sowie die Dissertation von Peter Exner, Ländliche Gesellschaft und Landwirtschaft in Westfalen 1919 - 1969 (= Forschungen zur Regionalgeschichte, Bd. 20), Paderborn 1997. Vgl. auch seinen Beitrag: Beständigkeit und Veränderung. Konstanz und Wandel traditioneller Orientierungs- und Verhaltensmuster in Landwirtschaft und ländlicher Gesellschaft in Westfalen 1919 - 1969, in: Frese/Prinz, Politische Zäsuren, S. 279-326.
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  8. Vgl. das Projekt von Frank Nienhaus.
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  9. Vgl. das Projekt von Matthias Frese, Arbeitsbeziehungen im öffentlichen Dienst am Beispiel kommunaler Betriebe und Verwaltungen 1920 - 1960 sowie seinen Beitrag: Vom Kommunalbeamten zum kommunalen Arbeitnehmer. Der Wandel der Beschäftigungsstruktur im öffentlichen Dienst 1920 - 1960, in: ders./Prinz, Politische Zäsuren, S. 173-216.
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  10. Vgl. die Projekte von Albers, Frese, Nienhaus, Rüße sowie das Projekt von Julia Paulus, Die Auswirkungen der Technisierung und Rationalisierung des Haushalts auf das Verständnis von Hausarbeit und das (Selbst-)Bild der im Haushalt Tätigen.
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  11. Vgl. die Dissertation von Markus Köster, Jugend, Wohlfahrtsstaat und Gesellschaft im Wandel. Westfalen zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik (= Forschungen zur Regionalgeschichte, Bd. 30), Paderborn 1999.
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  12. Vgl. das Projekt von Michael Prinz, Geschichte des Wohnens seit der Zwischenkriegszeit am Beispiel einer deutschen und einer englischen Großstadt: Bielefeld und Manchester sowie seine Beiträge (zusammen mit Hans H. Hanke), 'Man weiß nicht, was noch kommt'. Zum Wandel wirtschaftlicher Zukunftsvorstellungen seit dem Ersten Weltkrieg im Spiegel bergmännischen Wohnens, in: Frese/ders., Politische Zäsuren, S. 35-58; Vor der Konsumgesellschaft. Pessimistische Zukunftserwartungen, gesellschaftliche Leitbilder und regionale 'Evidenz' 1918 - 1960, in: Westfälische Forschungen (48) 1998, S. 511-556.
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  13. Vgl. das Projekt von Detlef Briesen, Massenwohlstand und kulturelle Verwestlichung in Rheinland-Westfalen 1920 - 1970 und die Dissertation von Corinna Nauck, Kommunale Selbstverwaltung und Kommunalbürokratie im Raum Siegen 1930 bis 1960 unter besonderen Berücksichtigung der Stadtentwicklung, (phil. Diss.) Siegen 1997.
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  14. Vgl. ebd. sowie das Projekt von Martin Löning, Die politischen Führungsgruppen in Bielefeld und Münster 1930 - 1960. Kontinuitäten und Diskontinuitäten.
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  15. Vgl. die Projekte von Albers und Paulus.
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  16. Vgl. die Dissertation von Rainer Auts, Die Spendensammlung und -verteilung durch die freie Wohlfahrtspflege in Westfalen von 1930 bis 1960, (phil. Diss.) Münster 1998 (Druck i. Vorb.).
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  17. Vgl. das Projekt von Willi Oberkrome, Zur Sozial- und Kulturgeschichte der Heimatbewegung 1930 - 1960. Westfalen-Lippe und Thüringen im Vergleich sowie seinen Beitrag Heimatschutz und Naturschutz in Lippe und Thüringen 1930 - 1960. Strukturen und Entwicklungen, in: Frese/Prinz, Politische Zäsuren, S. 419-438.
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  18. Vgl. die Dissertation von Gerd Meier, Zwischen Milieu und Markt. Tageszeitungen in Ostwestfalen (1920 - 1970) (= Forschungen zur Regionalgeschichte, Bd. 27), Paderborn 1999.
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  19. Vgl. das Projekt von Marlene Klatt, Umgang mit der unbequemen Vergangenheit. Judenverfolgung und Wiedergutmachung in Westfalen.
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  20. Vgl. den Beitrag von Matthias Frese, Naherholung und Ferntourismus. Tourismus und Tourismusförderung in Westfalen 1900-1970, in: Wilfried Reininghaus/Karl Teppe (Hg.), Verkehr und Region im 19. und 20. Jahrhundert. Westfälische Beispiele (= Forschungen zur Regionalgeschichte, Bd. 29), Paderborn 1999.
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  21. Vgl. den Aufsatz von Matthias Frese, Arbeitsbeziehungen im öffentlichen Dienst.
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  22. Axel Schildt/Arnold Sywottek (Hg.), Modernisierung im Wiederaufbau. Die deutsche Gesellschaft der 50er Jahre, Bonn 2. Aufl. 1998.
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