Hinweis: Die Zahlen in Klammern verweisen auf die Anmerkungen am Ende des Textes
Die unter der Leitfrage der "Verwissenschaftlichung" untersuchten Veränderungen in Geschichtsdenken und Geschichtsschreibung vom späten 18. zum 19. Jahrhundert, in deren Verlauf sich die Geschichte als eine moderne Fachwissenschaft mit eigenem Methodenkanon konstituiert hat, sind ein nach wie vor ausgesprochen kontrovers diskutiertes Kernproblem der historiographiegeschichtlichen Forschung.(2) Dabei stehen die sehr ambitionierten Erklärungsmodelle für diese Wandlungsprozesse in einem merkwürdigen Kontrast zu dem Befund, daß wir über den Umfang und die thematische "Bandbreite der professionellen historiographischen Produktion in Deutschland" nach wie vor nur unzulänglich unterrichtet sind.(3) Infolge der wohl auch forschungspragmatisch bedingten Neigung, sich bei den Überlegungen zur Entstehung der modernen Geschichtswissenschaft allzusehr auf die Metaebene geschichtstheoretischer Reflexionen zu konzentrieren, droht die sowohl quantitativ als auch im Selbstverständnis der meisten damaligen Historiker weit bedeutsamere geschichtswissenschaftliche Praxis mitunter aus dem Blickfeld der historiographiegeschichtlichen Forschung zu geraten.(4) Für eine wirklich umfassende Rekonstruktion der im 19. Jahrhundert vonstatten gegangenen Veränderungen im fachlichen Selbstverständnis und in der Wissenschaftspraxis ist es hingegen unerläßlich, auch die Arbeiten der aus heutiger Sicht als zweit- oder drittrangig eingeschätzten Historiker einzubeziehen. Wegen der Fülle des zu bewältigenden Materials sind solche Untersuchungen beim derzeitigen Forschungsstand nur in einem genau eingegrenzten Rahmen erfolgversprechend durchführbar. Dabei hat eine institutionengeschichtliche Vorgehensweise gegenüber dem bei historiographiegeschichtlichen Arbeiten häufig gewählten biographischen Ansatz den Vorzug, daß sie die unterschiedlichen Komponenten des Verwissenschaftlichungsprozesses, nämlich die Änderung der fachlichen Standards und die durchaus nicht immer synchron dazu verlaufende Institutionalisierung und Professionalisierung der Historie (5), in ihren Zusammenhängen und Wechselwirkungen sichtbar machen kann. In Anbetracht der Bedeutung der seit den 1840er Jahren entstehenden historischen Universitätsseminare (zuerst Königsberg 1832)(6) leisten Untersuchungen, die den Werdegang der Historie im Kontext einer Universität nachzeichnen, einen zentralen Beitrag zur Aufhellung ihres Verwissenschaftlichungsprozesses. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn sie wie Paul Egon Hübingers Maßstäbe setzende Monographie über das Bonner Historische Seminar eine Brücke "zwischen Institutions- und Gelehrtengeschichte" zu schlagen suchen.(7) Neben Hübingers Arbeit über Bonn liegen unter anderem für die Universitäten bzw. Hochschulen in Tübingen, München, Münster, Göttingen, Berlin und Heidelberg ausführlichere Studien bzw. Sammelbände zur institutionellen und thematisch-inhaltlichen Entwicklung des Faches Geschichte im 19. Jahrhundert vor.(8)
Für die Universität Leipzig gibt es bislang keine vergleichbare Untersuchung. Bekannt und historiographiegeschichtlich hinreichend aufgearbeitet sind lediglich die von der Leipziger Geschichtswissenschaft nach der Berufung Karl Lamprechts Anfang 1891 ausgehenden Impulse. Mit dem auch international Aufsehen erregenden "Methodenstreit" um Lamprechts Kulturgeschichtskonzeption und der Gründung des bald hochangesehenen "Instituts für Kultur- und Universalgeschichte" 1909 geriet Leipzig für etwa zwei Jahrzehnte in das Zentrum geschichtswissenschaftlicher Strömungen und Debatten.(9) Dagegen ist die wissenschaftsgeschichtliche Stellung der an der Leipziger Universität etablierten Historie in der Entstehungs- und Durchsetzungsphase der modernen Geschichtswissenschaft, in der der 1810 eröffneten Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität eine Schlüsselrolle zufiel,(10) nach wie vor völlig unterbelichtet. Die letzten umfassenderen Beiträge zu dieser Thematik finden sich im 4. Band der 1909 erschienenen Festschrift zum 500jährigen Bestehen der Universität Leipzig. Für eine Erstinformation über die institutionelle Entwicklung der historischen Disziplin in Leipzig sind diese von den damaligen Direktoren der historischen Seminare und Institute verfaßten Abschnitte - trotz ihrer teilweise harmonisierend-beschönigenden Tendenz - nach wie vor von Nutzen.(11) In der neueren Literatur zur Geschichte der Universität Leipzig wird der Werdegang des Faches Geschichte im 19. Jahrhundert nur mehr sehr knapp abgehandelt, wobei aber einige überprüfenswerte Hypothesen zu Spezifika der in Leipzig betriebenen historischen Studien geäußert werden.(12) Der einzige quellennahe Beitrag zur Entwicklung der universitären Geschichtswissenschaft vor der Berufung Karl Lamprechts ist eine aus Leipziger und Dresdner Aktenbeständen geschöpfte Skizze zu der 1877 erfolgten Gründung des Leipziger Historischen Seminars.(13)
Dieses Desiderat bezüglich des Standorts und der Leistungen der Leipziger Geschichtswissenschaft vor Lamprecht wiegt um so schwerer, als die sächsische Landesuniversität in dem hier interessierenden Zeitraum - zumindest ab den 1860er Jahren - unbestritten zur Spitzengruppe der deutschen Hochschulen gehörte. Hinsichtlich der Studentenzahlen nahm Leipzig in den Jahren nach der Reichsgründung sogar zeitweilig den absoluten Spitzenplatz vor Berlin und München ein.(14)
Ziel des hier angezeigten Vorhabens ist es, die umrissene Forschungslücke durch eine monographische Gesamtdarstellung zu schließen. Das Projekt steht in einem engen Zusammenhang mit den anläßlich des 2009 anstehenden 600jährigen Gründungsjubiläums erheblich intensivierten Bemühungen der Leipziger Universität um ihre eigene Geschichte. Allerdings soll der universitätsgeschichtlich definierte Untersuchungsgegenstand mit Hilfe sehr viel weiter gefaßter wissenschafts- und historiographiegeschichtlicher Frageansätze erfaßt und analysiert werden. Unter der Leitfrage nach den Verlaufsformen und Triebkräften der Verwissenschaftlichung und Professionalisierung wird der Entwicklungsgang der Leipziger Geschichtswissenschaft im Zeitalter des "Historismus" nachgezeichnet und auf diese Weise ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte der Historie in Deutschland geleistet. Die für Leipzig herausgearbeiteten Befunde werden dabei stets vor dem Hintergrund der Gesamtentwicklung des Faches interpretiert und dargestellt, wobei dem Vergleich mit anderen Universitäten eine besondere Bedeutung zukommt. Zur Präzisierung von Fragerichtung und Vorgehensweise wird im folgenden - in Anlehnung an einen Vorschlag Peter Moraws - zwischen drei Dimensionen universitärer Wissenschaftsgeschichte unterschieden: 1. einer institutionellen, 2. einer intellektuell-wissenschaftlichen und 3. der 'Dimension des Ortes der Universität in ihrer Umwelt'.(15)
Die Bedeutung des institutionengeschichtlichen Frageansatzes ergibt sich schon allein daraus, daß sowohl die zeitliche und inhaltliche Abgrenzung der behandelten Thematik als auch der Gliederungsrahmen institutionengeschichtlich begründet werden. Im Hinblick auf das historiographiegeschichtlich ausgesprochen kontrovers diskutierte Verhältnis von Aufklärungshistorie und Historismus (16) durfte der zeitliche Beginn der Untersuchung nicht zu spät festgesetzt werden. Andererseits kann die große Tradition der Leipziger Aufklärungshistorie(17) in einem primär an der Ausbildung und Durchsetzung der "modernen" Geschichtswissenschaft interessierten Forschungsvorhaben nur in ihren in das frühe 19. Jahrhundert hineinreichenden Ausläufern und Nachwirkungen berücksichtigt werden. Während sich die Auswirkungen der Universitätsreform von 1830, die für Leipzig den Übergang zur modernen Universität markiert,(18) auf den Lehr- und Wissenschaftsbetrieb der historischen Disziplin in engen Grenzen hielten, stellt sich das Jahr 1809 als universitäts- und disziplingeschichtliche Zäsur gleichermaßen dar. Das Universitätsleben stand ganz im Zeichen der Feierlichkeiten zum 400jährigen Gründungsjubiläum der Alma Mater Lipsiensis. Zur Verstärkung des Studien- und Lehrbetriebs in Geschichte wurde 1809 die ordentliche Professur für Poesie in eine solche für historische Hilfswissenschaften umgewandelt.(19) Damit etablierte sich im Jubiläumsjahr der Universität jene Doppelstruktur von zwei Ordinariaten, die im Grunde bis 1891 charakteristisch für die institutionelle Verankerung der Geschichte in der Leipziger Philosophischen Fakultät blieb. Daher ist 1809 ein geeigneter Ausgangspunkt, von dem aus der Prozeß der Institutionalisierung und Professionalisierung der historischen Disziplin an der Universität Leipzig in den Blick genommen werden kann.
Beim jetzigen Stand der Untersuchung lassen sich vier bis fünf Phasen dieses Prozesses unterscheiden, die den Rahmen für eine chronologisch angelegte Grobgliederung abgeben sollen. Eine erste Phase reicht bis 1825. In dieser Zeit war die Ausbildung der Geschichte zu einer autonomen Fachdisziplin noch nicht sehr weit fortgeschritten. Die ordentliche Professur für Geschichte wurde von über den Fächergrenzen stehenden "Polyhistoren" vertreten, die vor, nach und zum Teil auch während der Bestallung mit diesem Amt noch ganz andere Lehrgebiete vertraten. Geradezu symptomatisch für den geringen Professionalisierungsgrad des Faches ist es, daß 1819 der Leiter des Philologischen Seminars Christian Daniel Beck (1757-1832) vorübergehend auf das finanziell einträglichere Geschichtsordinariat überwechselte, dabei aber die Direktion des Philologischen Seminars beibehielt. Mit der Berufung Wilhelm Wachsmuths (1784-1866) wurde das Geschichtsordinariat 1825 mit einem Gelehrten besetzt, der zwar nicht von seinem akademischen Werdegang her, wohl aber in seinem Selbstverständnis und seinem wissenschaftlichen Erscheinungsbild ein genuiner Historiker war. Der Schwerpunkt seiner vielseitigen und noch wenig spezialisierten schriftstellerischen Produktion lag seit 1820 ganz eindeutig auf dem Gebiet der Historie, über die er auch theoretisch-methodologisch nachgedacht hatte.(20) Kurz nach 1825 begegnen auch die ersten Anzeichen für Veränderungen des historischen Lehrbetriebs. 1828 taucht im Vorlesungsverzeichnis erstmals eine "Historische Gesellschaft" auf, die von dem im selben Jahr auf den Lehrstuhl für historische Hilfswissenschaften berufenen Friedrich Christian August Hasse (1773-1848) geleitet wurde. Auch die Professoren Wilhelm Wachsmuth, Heinrich Wuttke (1818-1876) und Georg Voigt (1827-1891) bedienten sich dieser privaten Vorform des institutionalisierten Seminarbetriebs, um interessierte Studenten in die Techniken historischer Quellenkritik einzuführen. Die zum Sommersemester 1877 erfolgte Einrichtung eines nunmehr als offizielle Universitätseinrichtung firmierenden "Historischen Seminars" erscheint als vorläufiger Endpunkt dieses Verfachlichungsprozesses. Die damit beginnende neue Phase der Leipziger Geschichtswissenschaft ist zunächst einmal dadurch gekennzeichnet, daß mit der 1877 bzw. 1884 erfolgten Berufung der beiden Sybel-Schüler Carl von Noorden (1833-1883) und Wilhelm Maurenbrecher (1838-1892) nacheinander zwei Historiker mit der Seminardirektion betraut wurden, die unbestreitbar dem durch die Ranke-Tradition bestimmten "Mainstream" deutscher Geschichtswissenschaft zugehörten.(21) Bedingt durch die Organisation der Übungen im Historischen Seminar trat in den Jahren nach dessen Gründung die inhaltliche Ausdifferenzierung des Lehrgebietes der einzelnen Dozenten verstärkt hervor. Die 1891 erfolgte Berufung Karl Lamprechts (1856-1915) auf das ältere der beiden Leipziger Geschichtsordinariate hatte insofern Auswirkungen auf den Geschäftsbetrieb des Historischen Seminars, als Lamprecht - im Unterschied zu seinem Lehrstuhlvorgänger Voigt - von Anfang an einen gleichberechtigten Platz in dieser Einrichtung beanspruchte, so daß das Historische Seminar von da an eine dualistische Verfassung mit zwei Direktoren erhielt. Lamprecht wurde rasch zur dominierenden Figur, deren polarisierende Präsenz die weitere Entwicklung der historischen Disziplin in Leipzig entscheidend bestimmte. Institutionell lief diese Entwicklung auf eine sukzessive Herauslösung der von Lamprecht geleiteten Abteilung aus der Organisationsstruktur des Historischen Seminars hinaus. Ihren Abschluß erreichte die von Lamprecht seit 1905 forcierte Ausgliederung seines Bereiches mit der Eröffnung des "Königlich Sächsischen Instituts für Kultur- und Universalgeschichte" zum Sommersemester 1909.(22) Mit dieser in der deutschen Wissenschaftslandschaft singulären Institutsgründung stellt sich das 500jährige Gründungsjahr der Alma Mater Lipsiensis - ebenso wie das 400jährige - als ein tiefgreifender Einschnitt in der institutionellen Entwicklung des Faches Geschichte dar. Die Universität Leipzig hatte nunmehr zwei miteinander konkurrierende Einrichtungen für das Studium der Geschichtswissenschaft, wobei das Lamprecht-Institut bald einen stärkeren Zulauf hatte als alle drei unter dem Dach eines "Historischen Instituts" vereinigten historischen Seminare zusammen. Die Zäsur von 1909 erscheint auch deshalb als sinnvoller Schlußpunkt des zu skizzierenden Forschungsvorhabens, weil die Lamprechtsche Institutsgründung mitunter mit einer Krise der aus dem Historismus stammenden Seminaridee in Verbindung gebracht wird.(23) Es ist allerdings angestrebt, die Geschichte des 1909 zeitweilig in den Windschatten der Lamprechtschen Gründung geratenen alten "Historischen Instituts" bis 1915 fortzuführen. Mit der in diesem Jahr ausgesprochenen Berufung von Walter Goetz auf die durch den Tod Lamprechts freigewordene Direktorenstelle wurde dessen Institut in eine Forschungseinrichtung für bereits ausgebildete Historiker umstrukturiert, womit die ungewöhnliche Konkurrenz auf dem Feld der geschichtswissenschaftlichen Studien in Leipzig ein Ende hatte.(24)
Der Schwerpunkt dieses Forschungsvorhabens liegt indes nicht auf den institutionellen Rahmenbedingungen, sondern auf der 'intellektuell-wissenschaftlichen Dimension' der Leipziger Geschichtswissenschaft, das heißt auf den Formen und Inhalten der Lehrveranstaltungen und vor allem auf der gelehrt-wissenschaftlichen Produktion der Leipziger Historiker. Ein wichtiger Gesichtspunkt bei der Analyse des akademischen Lehrbetriebs ist der Wandel seiner äußeren Formen (kürzere Vorlesungen, stärkeres Gewicht von Übungen). Darüber hinaus ist nach Kontinuitäten und Veränderungen bei der Berücksichtigung bestimmter historischer Epochen und Themenstellungen im geschichtswissenschaftlichen Lehrangebot zu fragen.
Geschichtsauffassung und Wissenschaftsverständnis der in Leipzig tätigen Historiker lassen sich in erster Linie aus deren Publikationen erschließen. Daher liegt das Hauptaugenmerk des Projekts auf der bibliographischen Erfassung und wissenschaftsgeschichtlichen Einordnung des an der Universität Leipzig im 19. Jahrhundert entstandenen historiographischen Schrifttums. Bei dessen inhaltlicher Auswertung richtet sich die Aufmerksamkeit insbesondere auf die Themenstellung, die methodische Vorgehensweise, die Auswahl und Disposition des dargebotenen Stoffes, die Quellengrundlage und die Reichweite der Literaturbenutzung. Eine zentrale Leitfrage der historiographiegeschichtlichen Analyse ist die Stellung der untersuchten Werke innerhalb der schematisch mit "Durchsetzung des Historismus" bezeichneten Veränderungen im Wissenschaftsverständnis und der Forschungspraxis der Historie. Genauere Kriterien zur Erfassung dieses Strukturwandels sind am konkreten Material zu entwickeln und zu begründen. Doch sei hier auf die Bedeutung "empirisch-induktiven Quellenstudiums und spezialisierter Detailforschung" für die historistische Wissenschaftspraxis verwiesen.(25)
Besondere Beachtung verdienen die in die herangezogenen Werke eingestreuten Äußerungen zu der der Darstellung zugrundeliegenden Geschichtsauffassung sowie vor allem die ausführlicheren Stellungnahmen Leipziger Historiker zu theoretischen und methodologischen Grundsatzfragen ihres Faches. Vor dem Hintergrund der eingangs erwähnten Tendenz, sich bei der Rekonstruktion historiographiegeschichtlicher Wandlungen allzusehr auf den Entwicklungsgang der Geschichtstheorie zu konzentrieren, ist es ein lohnendes Unterfangen, den Grad der Übereinstimmung zwischen den aus theoretischer Reflexionsarbeit erwachsenen Postulaten und den die tatsächliche Wissenschaftspraxis leitenden Prinzipien einmal an konkreten Fallbeispielen zu untersuchen.(26)
Eng verknüpft mit der Frage nach der Aufnahme und Verbreitung "historistischer" Geschichtsauffassungen ist die Frage nach über die individuellen Gelehrtenbiographien hinausreichenden Kontinuitäten in der universitären Geschichtswissenschaft Leipzigs. Gab es - wie in der universitätsgeschichtlichen Literatur verschiedentlich angedeutet - so etwas wie eine Leipziger "Richtung", oder gar eine Leipziger "Schule" der Geschichtswissenschaft?(27)
Im einzelnen ist zu überprüfen, ob es eine lange vor Lamprecht zurückreichende Traditionslinie kultur- und weltgeschichtlicher Betrachtungsweisen in der Leipziger Geschichtswissenschaft gegeben hat und ob die an der sächsischen Landesuniversität wirkenden Historiker im Zeitalter der Nationalstaatsbildung bewußt Distanz zu der das damalige Erscheinungsbild der deutschen Geschichtswissenschaft dominierenden borussozentrisch-kleindeutschen Schule hielten, was wiederum die Rezeptionschancen der aus Leipzig kommenden Arbeiten einschränkte.(28) Daneben gibt es einige bemerkenswerte Indizien dafür, daß die historische Beschäftigung mit außerdeutsch-westeuropäischen Themen in Leipzig im späten 19. Jahrhundert einen höheren Stellenwert hatte als an anderen deutschen Universitäten.
Unter der Fragestellung 'Geschichtswissenschaft und geistig-kulturelles Umfeld' sollen schließlich all jene äußeren Impulse thematisiert werden, die auf das Universitätsfach Geschichte infolge der lokalen Einbindung in das kulturelle Milieu der Universitäts-, Buchhandels- und Messestadt Leipzig einwirkten. Welche Bedeutung hatten etwa die in Leipzig bestehenden vorzüglichen Publikationsmöglichkeiten für die Verbreitung der an der Universität erarbeiteten historischen Forschungserträge? Des weiteren wird die Spezifik des "Wissenschaftsstandorts" Leipzig (29) im 19. Jahrhundert durch außeruniversitär verankerte Forschungseinrichtungen und Wissenschaftsgesellschaften bestimmt. Zu den beiden bedeutsamsten außeruniversitären Einrichtungen liegen jetzt umfassende neuere Publikationen vor. Eine zentrale Stellung im Leipziger Wissenschaftsleben hatte sicherlich die 1846 als Gelehrtengesellschaft mit zwei Klassen gegründete "Königlich Sächsische Gesellschaft der Wissenschaften", die 1919 in "Sächsische Akademie der Wissenschaften" umbenannt wurde.(30) Wichtiger noch für die Institutionalisierung der historischen Studien war die 1896 auf Anregung Lamprechts eingerichtete "Sächsische Kommission für Geschichte", die sich rasch zu einem zentralen Planungsstab für die sächsische Landesgeschichtsforschung entwickelte.(31) Doch schon in der Zeit davor hatten Leipziger Universitätshistoriker Anteil an der seit den 1820er Jahren voranschreitenden außeruniversitären Institutionalisierung der sächsischen Landesgeschichte. Weitere aus sozial- und bildungsgeschichtlicher Perspektive zu beleuchtende Aspekte sind die gesellschaftliche Stellung Leipziger Geschichtsprofessoren am Universitätsort, ihre Mitwirkung im Vereinswesen und in der Volksbildung, ihre sich in unterschiedlichen Formen vollziehenden Einwirkungsversuche auf die praktische Politik (32) sowie die noch wenig erforschten Verbindungen zwischen universitärer Geschichtswissenschaft und schulischem Geschichtsunterricht(33).
Die Erforschung der Geschichtswissenschaft an der Universität Leipzig im 19. Jahrhundert kann sich auf eine für historiographiegeschichtliche Projekte ungewöhnlich reichhaltige Überlieferung von großenteils noch nicht systematisch ausgewerteten Archivbeständen stützen. Der wichtigste Aufbewahrungsort einschlägiger Akten ist das Universitätsarchiv Leipzig, wo sich neben den Protokollen von akademischen Gremien und Findungskommissionen vor allem die Personalakten der Geschichtsordinarien und der dem Fach zugeordneten Extraordinarien finden. Ein ausgesprochener "Glücksfall" für die Wissenschaftsgeschichte ist die nahezu komplette Überlieferung der Leipziger Promotionsakten - ein Bestand, auf dessen hohen historiographiegeschichtlichen Erkenntniswert unlängst die Lamprechtforschung hingewiesen hat (34) und der im Rahmen dieses Projekts umfassend und systematisch auszuwerten ist. Ergänzend zu den Leipziger Universitätsakten werden die dazu korrespondierenden Bestände in den Akten des sächsischen Kultusministeriums im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden herangezogen, die die Angelegenheiten der Landesuniversität aus der Perspektive der staatlichen Kultusbürokratie beleuchten. Eine ungemein wertvolle Sammlung an Quellen zur Leipziger Wissenschafts- und Gelehrtengeschichte beherbergt die Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Leipzig. Die dort archivierten Nachlässe geben Aufschluß über fachwissenschaftliche Kontakte und Querverbindungen, gewähren aber auch Einblicke in die für das Leipziger Milieu charakteristischen bildungs- und wirtschaftsbürgerlichen Freundeskreise. Um zu einer wirklich umfassenden Rekonstruktion der Stellung Leipzigs in der deutschen Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts zu gelangen, sind über die im sächsischen Raum zugänglichen Akten und Gelehrtennachlässe hinaus weitere Bestände zu sichten, wobei den Korrespondenzen von "strategischen Schlüsselfiguren" der Geschichtswissenschaft wie Ranke oder Sybel eine besondere Bedeutung zukommt.
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Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1998. |