Heinz Duchhardt, Anja V. Hartmann, Malgorzata Morawiec und Peter Voss

Eliten - Kontinuitäten und Wandel in der "Sattelzeit"

Ein Projekt des Instituts für Europäische Geschichte

Im Juli 1996 begann am Institut für Europäische Geschichte unter der Leitung von Heinz Duchhardt ein aus Mitteln der Gerda Henkel Stiftung finanziertes Forschungsprojekt "Kontinuitäten oder revolutionärer Bruch? Eliten im Übergang von Ancien Régime zur Moderne (1750-1850)" mit seiner Arbeit. An dem Projekt sind drei wissenschaftliche Mitarbeiter und zehn Stipendiaten beteiligt, die das vorgegebene Thema in Einzelprojekten realisieren. Die aus dem Projekt geförderten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, verschiedenen europäischen Ländern (Italien, Niederlande, Polen, Schweiz, Spanien) und den USA beschäftigen sich mit den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten unter dem Aspekt des Wandels bzw. der Beharrung in den gesellschaftlichen Strukturen der Übergangszeit. Im Projekt werden - vergleichbar einem Graduiertenkolleg - sowohl bereits laufende als auch neu in Angriff genommene Studien gefördert, deren Verfasser und Verfasserinnen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen (Geschichte, Volkskunde, Germanistik) kommen. Den Einzeluntersuchungen ist gemeinsam, daß sie zeitlich und thematisch die revolutionären Brüche um 1800 überspannen und dem Phänomen der modernen Elitenbildung an der Schwelle von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft nachgehen.

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Handelt es sich bei der "Gewaltenteilung" in eine herrschende Minorität und eine beherrschte Masse anscheinend um eine Konstante menschlicher Gesellschaften, so wurde das Konzept von Eliten erst im 19. Jahrhundert entwickelt und vorrangig für die nachrevolutionäre Epoche verwendet. Die Gründerväter der soziologischen Elitentheorie sahen das Überleben der durch revolutionäre Massenbewegungen und die entstehende Industriearbeiterschaft bedrohten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts allein durch die Existenz von Eliten im Sinne einer leistungsfähigen Minorität der Besten gewährleistet. Auch wenn die Zusammensetzung dieser Minderheit einem gewissen Wandel unterlag und sie im Sinn des sozialen Aufstiegs auf die Aufnahme neuer Elemente aus der beherrschten Klasse angewiesen war (Elitenzirkulation), verneinten zeitgenössische Soziologen wie Gaetano Mosca oder Vilfredo Pareto die Notwendigkeit einer Strukturveränderung dieses oligarchischen Herrschaftsmodells.

Seit den grundlegenden Arbeiten Moscas, Paretos und Michels' ist die Elitentheorie indes weiter ausdifferenziert worden. Als Grunderkenntnis gilt heute, daß die Entstehung moderner demokratischer Gesellschaften eine Vervielfältigung der Elitenformationen und die Entstehung neuer Leistungs- und Funktionseliten zur Folge hatte. Die aktuelle soziologische Elitenforschung beschäftigt sich folglich mit der Untersuchung des Elitenpluralismus in den modernen Gesellschaften unter besonderer Berücksichtigung der Selektions- und Kooptationsmechanismen in sozio-professionellen Gruppen. Zweifel an der realen, gleichsam unumschränkten Machtausübung der idealtypisch konstruierten Elitengruppen sowie das schwindende Vertrauen bürgerlicher und marxistischer Theoretiker in das "Klassenbewußtsein" der Eliten und Nicht-Eliten erforderten zudem die Einführung neuer Zwischenkategorien (middle elites, catégories dirigeantes), um das komplizierte Beziehungsgeflecht innerhalb moderner Elitenformationen und auch den Wettstreit miteinander konkurrierender Eliten analysieren zu können. So ist etwa in historischer Perspektive auf die höchst entwickelte Binnendifferenzierung und Fraktionierung der vormals stabil gedachten community des Adels im Ancien Régime hingewiesen worden.

Ob jedoch die mehrheitlich auf die komplexen, hochdiversifizierten Industriegesellschaften der modernen Demokratien zugeschnittenen Elitentheorien für die Geschichtswissenschaft fruchtbar gemacht werden können, wird von Soziologen und Historikern gleichermaßen bezweifelt. Giddens vier Idealtypen der solidary, uniform, abstract und established elites lassen sich z. B. in dieser Form kaum auf real existierende soziale Gruppen übertragen. Am sinnvollsten erscheint Historikern noch der Rückgriff auf Erkenntnisse historisch-vergleichend arbeitender Soziologen wie Raymond Aron. So bezeichnet Aron den Elitenpluralismus als kennzeichnend für liberale demokratische Systeme, während "Absolutismus" und totalitäre Regime durch die Homogenität ihrer Eliten charakterisiert seien. Andererseits ermöglicht das Konzept der Eliten der historischen Forschung die Befreiung aus der traditionellen Dichotomie Aristokratie/Bourgeoisie bzw. Adel/Bürgertum. Es stellt ebenfalls eine Alternative dar zur Verwendung der Begriffe Klasse, Stand oder Schicht, beziehen sich letztere doch auf soziale Gruppen, die den Rahmen von Einzelstudien in der Regel überschreiten und deren Außengrenzen unscharf gefaßt sind. Die Arbeit mit einem operationellen Elitenbegriff ermöglicht somit nicht nur die Untersuchung ständeübergreifender Gesellschaftsgruppen, die einem bestimmten Elitentypus zugeordnet werden können, sie erlaubt auch die genauere Analyse von Prozessen innerhalb der unterschiedlichen Fraktionen des Adels und des Bürgertums. Die Erfolgschance des zur Elitenproblematik arbeitenden Historikers wird um so größer sein, je besser es ihm gelingt, das spezifisch Elitäre seiner jeweiligen Zielgruppe zu definieren. Der Vorwurf der Soziologie, die empirisch arbeitende Geschichtswissenschaft trage aufgrund einer Fülle detaillierter Fallstudien zu einer weiteren Atomisierung des Konzepts, nicht jedoch zu einer umfassenden Theorie der Eliten bei, ist dabei nicht zu entkräften.

Im Vergleich zu Deutschland läßt sich im westeuropäischen Ausland ein ungezwungenerer Umgang mit der Elitenthematik feststellen. Dieser Tatbestand ist, etwa im Falle Frankreichs, auf die ungebrochene Tradition elitärer Schulen und Hochschulen, in denen die angehenden intellektuellen, wirtschaftlichen und militärischen Eliten, die Verwaltungseliten oder die in staatlichen Unternehmen tätigen Führungskräfte sozialisiert werden, zurückzuführen.

Für die englische Oberschicht diagnostiziert Lawrence Stone einen bis in das 19. Jahrhundert hinein gültigen Elitenkonsens der adlig-bürgerlichen Gesellschaftsgruppen, die sich am Konzept der gentility orientierten. Der Mythos einer in England existierenden open elite kann allerdings nicht länger aufrechterhalten werden, denn auch in dieser Gesellschaft achtete man genauestens auf die "feinen Unterschiede". Dennoch hatten Aufsteiger aus dem Elitenreservoir des Wirtschaftsbürgertums geringere Hindernisse zu überwinden als in Kontinentaleuropa. Als entscheidend erwies sich in diesem Zusammenhang ebenfalls die fehlende rechtliche Privilegierung des englischen Landadels.

Die französische Geschichtswissenschaft steht zur Zeit vor der Schwierigkeit, sich von der Beschäftigung mit staatsnahen, in den grandes écoles ausgebildeten und in grands corps organisierten Eliten zu lösen und ihre Untersuchungen auf weitere bürgerliche Kreise der Hauptstadt und der Provinz auszudehnen. In der historischen Perspektive läßt sich im Mutterland der Revolution von 1789 ganz fraglos eine Kontinuität der Eliten während der "Sattelzeit" beobachten. Die Revolution bewirkte weder einen kompletten Austausch der Repräsentanten bestehender Eliten noch eine radikale Transformation, durch die Elitengruppen in ihrer Existenz gefährdet worden wären, sondern eine Anpassung der alten Eliten an die neuen Verhältnisse. Es entwickelte sich so in Frankreich ein in seinen Ursprüngen in das Ancien Régime zurückreichendes Amalgam adliger und großbürgerlicher Schichten, die Notablen. In Deutschland hingegen verhinderte eine fehlende adlig-bürgerliche Elitenformation die Ausbildung eines "politischen Minimalkonsenses der Eliten" (Heinz Reif).

Die Mainzer Projektgruppe widmet sich der Erforschung unterschiedlicher Elitenformationen des Altes Reiches und angrenzender nicht-zentralstaatlich organisierter Einheiten wie etwa der Eidgenossenschaft und der Niederlande, Italiens und Polens in der "Achsenzeit" (1750-1850). Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Bestand traditionaler Eliten, ihrem "Obenbleiben" oder ihrem Wandel im Verlauf des durch die Französische Revolution ausgelösten Transformationsprozesses bzw. ihrer Ablösung durch neue Elitengruppen. In welchem Maße erwiesen sich unterschiedliche Elitenformationen als Träger des politisch-ideologischen, des wirtschaftlichen, oder etwa des kulturellen "Fortschritts" im Untersuchungszeitraum? Welche Widerstände alter Eliten galt es zu überwinden? In diesem Zusammenhang ist insbesondere das Verhalten traditionaler, "defensiver" Eliten im Auflösungsprozeß des Alten Reiches genauer zu untersuchen.

Einen weiteren Schwerpunkt des Projekts bildet die Frage nach den Kriterien der Elitenzugehörigkeit. Beruhte die Zugehörigkeit zu einer Elitengruppe in der Gesellschaft des Ancien Régime im wesentlichen - nicht aber ausschließlich - auf den Kriterien der Abstammung und des Reichtums, so ist davon auszugehen, daß mit dem Durchbruch des "berufsständischen Prinzips" (Lothar Gall) im Transformationsprozeß von der ständischen zur bürgerlichen Gesellschaft die Entstehung neuer, nach Leistungskriterien organisierter "Berufseliten" in den Vordergrund trat. Den Mechanismen der Selektion, Kooptation und Reproduktion von Eliten wird in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Um einen näheren Einblick in die internen Gruppenprozesse zu erhalten, ist zu fragen nach spezifischen biologisch-sozialen Reproduktionsstrategien (Pierre Bourdieu) der Eliten (Geburtenregelung, Zölibat der Nachgeborenen, Priesterschaft, Gewährleistung der sozialen Reproduktion der Gruppe durch Konnubium und Vermeidung von Mesalliancen), im Bereich der Wirtschaft, der Nachfolgeregelungen und Erbschaftsbestimmungen sowie im Bereich der Erziehung und Ausbildung.

Bei der Frage nach dem inneren Zusammenhalt der einzelnen Elitenformationen bleibt abzuwarten, ob in den Fallstudien der Projektgruppe der gentility (Lawrence Stone), Bürgerlichkeit (Jürgen Kocka) oder Adeligkeit (Heinz Reif) entsprechende Konzepte mit ihrer Funktion eines sozialen "Kitts" entwickelt werden können.

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Die unterschiedlichen Themen- und Fragestellungen der einzelnen Forschungsvorhaben im Mainzer Eliten-Projekt schlossen von vornherein allzu strenge methodische Rahmenvorgaben oder gar einen für alle geförderten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verbindlichen theoretischen Ansatz aus. Vielmehr profitiert nicht nur das Gesamtprojekt, sondern auch jedes Einzelprojekt von der Auseinandersetzung mit der Vielfalt der historischen Methoden, die bei der Untersuchung von Eliten und Elitenwandel zum Einsatz kommen. Dabei werden in allen Arbeiten in der Regel serielle und narrative Quellen nebeneinander berücksichtigt und zur wechselseitigen Korrektur der gewonnenen Ergebnisse und Interpretationen genutzt.

Zur Auswertung serieller Quellen (z.B. Steuerlisten, Matrikel) dienen in erster Linie historisch-demographische und statistische Methoden, mit deren Hilfe nicht nur das Sozialprofil der untersuchten Elite beschrieben werden kann, sondern die ebenso zur Analyse der jeweiligen Bezugsgruppe eingesetzt werden müssen. Denn erst durch die Kontrastierung der für die Eliten gewonnenen sozialstatistischen Ergebnisse mit den entsprechenden Daten für ihre Bezugsgruppen können wirklich signifikante Aussagen darüber getroffen werden, ob erstere spezifische Eigenheiten im Vergleich mit letzteren aufweisen und worin diese gegebenenfalls bestehen. Eine weitergehende Beschreibung der Eliten mit Methoden der Prosopographie oder der Gruppen- bzw. Kollektivbiographie erfordert bereits die Einbeziehung subjektiver Quellengattungen (z.B. Briefe, Tagebücher), ermöglicht damit aber auch Aussagen über weniger "harte" Charakteristika der untersuchten Eliten wie etwa Mentalität, Lebensstil oder Reputation. In diesem Zusammenhang können schließlich auch einzelne biographische Beispiele - als typbildende Muster oder als markante Ausnahmen von der Regel - in die jeweilige Untersuchung einbezogen werden. Die drei genannten methodischen Arbeitsfelder der historischen Demographie, der Prosopographie und der Biographie spiegeln zugleich die drei Achsen wider, an denen sich Erfolgschancen und Machtpotentiale von Eliten abbilden lassen: Das gesamtgesellschaftliche Umfeld, die nähere Umgebung (Gruppe oder Familie) und die jeweiligen persönlichen Fähigkeiten.

Zur Beschreibung sozialer Interaktionsfelder werden in einigen Arbeiten des Mainzer Projektes auch Methoden der Netzwerk- oder Verflechtungsanalyse bzw. der Untersuchung von Klientelbeziehungen eingesetzt. Diese ergänzen die Erforschung der Gemeinsamkeiten und der Besonderheiten der Mitglieder der Eliten im Vergleich miteinander und mit der Bezugsgruppe um eine differenzierte Betrachtung der potentiell vorhandenen Beziehungsgeflechte innerhalb der Eliten und ihrer Verbindungen zu anderen gesellschaftlichen Gruppen. Die Realisierbarkeit und die tatsächliche Inanspruchnahme dieser Verbindungen von beiden Seiten kann aber auch hier nur im Rückgriff auf subjektive Quellen aufgezeigt werden. Dennoch stellen die Methoden der Netzwerkanalyse gerade für die Beurteilung von Eliten ein wichtiges zusätzliches Paradigma dar, insofern ihre Ergebnisse Urteile darüber erlauben, ob es sich bei den untersuchten Gruppierungen um homogene Führungsschichten, um mehrere sich überschneidende oder sogar miteinander konkurrierende Elitegruppen oder um heterogene kumulative Eliten handelt.

Die Frage nach den Wechselbeziehungen zwischen dem gesellschaftlichen Wandel der "Sattelzeit" und den jeweiligen Eliten schließlich erfordert in beinahe allen Untersuchungen des Mainzer Eliten-Projektes auch die Berücksichtigung von institutionen- oder strukturgeschichtlichen Fragestellungen neben den oben beschriebenen sozialhistorischen Methoden. Nur eine parallele Betrachtung von institutionellen oder strukturellen Wandlungsprozessen - die auf politischem, wirtschaftlichem oder kulturellem Gebiet gleichermaßen bedeutsam sein können - ermöglicht Antworten auf die Frage, ob und inwiefern Eliten Initiatoren oder Leidtragende gesellschaftlicher Veränderungen waren, ob und inwiefern gesellschaftliche Veränderungen Voraussetzungen oder Hindernisse für den Erfolg von Eliten darstellten und ob und inwiefern Eliten ihre Positionen trotz oder gerade wegen der Umbrüche, die sie erlebten, behaupten konnten.

Die Gewichtung der genannten methodischen Ansätze fällt naturgemäß bei jedem der im Mainzer Eliten-Projekt vertretenen Forschungsvorhaben unterschiedlich aus. Der ständige Austausch über die Einsetzbarkeit und die Tragweite der Ergebnisse der einzelnen Methoden verlangt aber von allen Beteiligten jederzeit eine kritische Überprüfung der eigenen Vorgehensweise und schärft den Blick für die Beschränkungen, die sich aus bestimmten methodischen Prämissen ergeben können.

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Die Themenbereiche der geförderten Studien erstrecken sich inhaltlich von den politischen und wirtschaftlichen Eliten über die Verwaltungseliten, die bäuerlichen Oberschichten und den Adel bis zu kulturellen und intellektuellen Eliten in den Städten. Die kommunalen politischen Eliten werden in mehreren Arbeiten untersucht. Anja V. Hartmann führt innerhalb des Projektes das Forschungsvorhaben "Die politischen Eliten in Genf zwischen 1760-1842" durch, und Marició Janué i Miret (Frankfurt a.M., z.Zt. Barcelona) begann im November 1996 die Arbeit an einer Habilitationschrift "Städtische Eliten im Übergang zur Moderne (1770-1870): Hamburg und Barcelona im Vergleich". Mariapia Bigaran (Trient) untersucht "Lokale und städtische Regierung bzw. Verwaltung vom Ancien Régime bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts: Trient als Fallstudie", und Bettina Blessing (Regensburg) führt seit Juli 1996 im Rahmen des Projektes ihre Dissertation "Städtische Bedienstete unter besonderer Berücksichtigung der Amtselite am Beispiel Regensburg (1660-1810)" fort. Eine Sonderform der staatlichen Elite untersucht Kurt Münger (Berlin), der von September 1996 bis August 1997 im Rahmen des Elitenprojektes die Möglichkeit erhielt, seine Dissertation "Militär als Integrationsfaktor im Prozeß des beschleunigten sozialen und politischen Ordnungswandels im 19. Jahrhundert. Das Beispiel der schweizerischen Nations- und Nationalstaatsbildung" voranzutreiben. Gunter Mahlerwein (Mainz/Regensburg) setzt seit Juli 1996 in Mainz seine Arbeit an der Dissertation über "Bäuerliche Oberschichten und Elitenbildung in linksrheinischen Dörfern zwischen 1700 und 1850" fort. Der Untersuchung des Adels als gesellschaftlicher Elite widmen sich im Projekt drei Forschungsvorhaben. William D. Godsey (University of Virginia, z.Zt. Wien) hat im Januar 1997 die Arbeit an einer Studie über "Die Reichsritterschaft in Mainz und der Übergang vom Ancien Régime zum Deutschen Bund" aufgenommen, Siegfried Grillmeyer (Regensburg) arbeitet seit Juli 1996 an seiner Dissertation "Standesherrlichkeit zwischen Fürstenethos und Bürgertugend. Die Fürstenhäuser Thurn und Taxis, Fürstenberg und Schwarzenberg am Ende des Alten Reiches. Eine vergleichende Studie zum Bewußtseinswandel reichsständischer Adliger (1789-1815)", und Britta Spies (Münster) wurde von Januar bis Oktober 1997 aus Projektmitteln gefördert, um Archivarbeiten für ihre Dissertation "Die Tagebücher der Caroline von Lindenfels, geb. von Flotow. Leben und Erleben einer oberfränkischen Adeligen am Ende der ständischen Gesellschaft (1791-1850)" durchzuführen. Im November 1997 übernahm sie eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie der Universität Münster und schied damit aus dem Projekt aus.

Mit weiteren vier Projekten sind die bürgerlichen Eliten vertreten. Frans Willem Lantink (Utrecht) nahm im März 1997 die Arbeit an seinem Projekt "Bürgerliche Eliten. Bürgertum und Patriziat in den nördlichen Niederlanden 1750-1850" auf. Thorsten Maentel (Frankfurt a.M) arbeitet im Rahmen des Projektes an seiner Doktorarbeit "Bürgertum und bürgerliche Eliten Leipzigs im 19. Jahrhundert". Malgorzata Morawiec realisiert im Projekt ihr Forschungsvorhaben "Kulturelle Eliten der Stadt Breslau 1763-1848/49" und Frank Hatje (Hamburg) eine Arbeit über "Sozialkonzepte bürgerlicher Eliten im Fokus des Armenwesens. Hamburg ca. 1700 - ca. 1830". Der Erforschung der wirtschaftlichen Eliten widmet sich Peter Voss in seinem Forschungsvorhaben "Kaufleute als regionale Elite des Münsterlandes im Vergleich mit den Niederlanden, 1750-1850".

Um die Kommunikation zwischen dem Mainzer Projekt und anderen Projekten mit verwandten Themenvorstellungen zu fördern und den einzelnen Forschern die Möglichkeit zu geben, ihre im Entstehen befindlichen Arbeiten einem Kreis von Fachleuten vorzustellen, wurde von den Projetkverantwortlichen im Dezember 1996 im Mainzer Institut ein Kolloquium veranstaltet, auf dem auswärtige Teilnehmer ihre Forschungsvorhaben präsentierten. Andreas Schulz (Frankfurt a.M) stellte das Frankfurter Projekt "Stadt und Bürgertum im 19. Jahrhundert" vor, Joop de Jong (Maastricht) berichtete über seine Forschungen zu Eliten in den Niederlanden zwischen 1750-1850, Marcus Funck (Berlin) informierte über das Berliner Projekt "Elitenwandel in der gesellschaftlichen Modernisierung: Adel und bürgerliche Führungsschichten in Deutschland 1750-1933". Darüber hinaus wurden in drei Sektionen ("Bürgertum, bürgerliche Eliten, Städte im Vergleich", "Verwaltungeliten" und "Ländliche Eliten") einige Einzeluntersuchungen vorgestellt. Peter Burg (Münster) referierte neue Forschungen über Intendanten, Präfekten, Kammer-, Regierungs- und Oberpräsidenten in Preußen und in Frankreich; Kay Uwe Holländer (Berlin) berichtete aus seiner Arbeit zur Sozialgeschichte der hohen Beamten in den preußischen Innenverwaltungen zwischen 1763 und 1830; Stefan Brakensiek (Bielefeld) sprach über Verwaltungsbeamte in niederhessischen Kleinstädten; Wilhelm Kreutz (Mannheim) stellte Funktionseliten des rheinisch-pfälzischen Raums vor. René Schiller (Berlin) berichtete über sein Projekt zu adligen und bürgerlichen Großgrundbesitzern in Brandenburg. Auch zwei Stipendiaten des Mainzer Eliten-Projekts, Marició Janué i Miret und Gunter Mahlerwein, stellten erste Ergebnisse ihrer Arbeiten vor.

In den Diskussionen wurden neben Methoden- und Quellenproblemen vor allem die Möglichkeit einer Definition von "Elite" im allgemeinen und von einzelnen Elitengruppen (z.B. "Bürgertum") im besonderen sowie die Frage nach der Kontinuität von Eliten, vor allem des Adels, erörtert.

Für März 1999 ist ein abschließendes Kolloquium geplant, auf dem die erzielten Ergebnisse präsentiert und zur Diskussion gestellt werden sollen.

Zu den weiteren Aktivitäten der Mainzer Projektgruppe gehörte die Initiative einer Vortragsreihe, die am Institut für Europäische Geschichte im Sommersemester 1997 veranstaltet wurde und in der die Schlüsselbegriffe des Forschungsprojektes "Eliten und Elitenwandel" an der Schwelle des 19. Jahrhunderts aufgegriffen werden sollten. Am 14. Mai 1997 sprach Maarten Prak (Utrecht) zum Thema "Social Continuity and Institutional Change in Dutch Municipal Government: Den Bosch 1770-1840". Am 21. Mai 1997 stellte Ute Daniel (Braunschweig) in ihrem Vortrag die Frage "Wie bürgerlich war das deutsche Theater 1750-1850? Anmerkungen zu einem Topos der neueren Sozialgeschichte." Am 18. Juni 1997 entwickelte Heinz Reif (Berlin) Gedanken zum Fragenkomplex "'Adeligkeit' - historische und elitentheoretische Überlegungen zum Adelshabitus in Deutschland um 1800".

Die Projektgruppe trifft sich einmal im Monat zu einem ganztägigen jour fixe, der gewöhnlich entweder einem Themenkomplex oder den Arbeitsberichten einzelner Projektteilnehmer gewidmet wird. In den Themensitzungen wurden bis jetzt folgende Bereiche diskutiert: Quellen und Methoden der Sozialgeschichte im Hinblick auf die Fragestellung des Projektes; die Möglichkeit der Benutzung von biographischen Datenbanken; Städteforschungsprojekte im Vergleich; der Elitenbegriff in der historischen Forschung; Network - community - Klientel und Prosopographie als Methoden der Forschung. Über ihre Arbeiten haben inzwischen alle Stipendiaten und Mitarbeiter berichtet.

Eine dritte Form der Arbeitssitzungen bilden die Treffen mit auswärtigen Fachkollegen, deren Projekte und Zugriffsweise den Projektteilnehmern vorgestellt und gemeinsam diskutiert werden. Bisher haben zwei Sitzungen diesen Typus stattgefunden. Im Juli 1997 wurde das Projekt von Christine Aumüller (Bielefeld) "Amtsträger des Bailliage-Présidial und des Zivilgerichts erster Instanz in Amiens 1750-1815" diskutiert, und im Dezember 1997 fand ein Arbeitsgespräch mit Wilfried Ehbrecht und Franz-Joseph Post vom Institut für vergleichende Städtegeschichte Münster statt. Auch einzelne Forschungsvorhaben des Mainzer Projekts wurden nach außen präsentiert. So berichteten Anja V. Hartmann über ihre Arbeitsergebnisse in Potsdam und München und Peter Voss in Münster.

 

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Abteilung Universalgeschichte
Alte Universitätsstraße 19
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06131/23 68 04
Fax: 06131/23 79 88
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