Zum 31. Dezember 1996 hat die Max-Planck-Arbeitsgruppe "Ostelbische Gutsherrschaft als sozialhistorisches Phänomen" an der Universität Potsdam nach Ablauf des geplanten Förderzeitraumes von fünf Jahren ihre Tätigkeit beendet. Diese Zäsur bietet die Gelegenheit zu einem kurzen Resümee.
Als es nach den politischen Veränderungen des Jahres 1989 darum ging, erhaltenswerte und ausbaufähige Forschungsschwerpunkte innerhalb der DDR-Wissenschaftslandschaft zu sichten und - wenn möglich - in das nach 1990 entstehende gesamtdeutsche Wissenschaftssystem zu integrieren, stand auch die Geschichtswissenschaft auf dem Prüfstand.
Daß dies absolut notwendig war, seinerzeit mithin völlig zurecht in Angriff genommen wurde, wird heute niemand mehr ernsthaft in Zweifel ziehen. Schließlich bot das nicht nur die Chance, sich von - aus welchen Gründen auch immer - nicht adaptierbaren Teilen der DDR-Wissenschaft zu trennen. Damit verbunden war auch - und das war aus ostdeutscher Perspektive sicher die wichtigere der beiden Seiten dieser Medaille - die Möglichkeit, inhaltlich und methodisch tragfähige Aspekte der DDR-Historiographie weiterzuführen und auszubauen. Zu diesen erhaltenswerten und ausbaufähigen Traditionen der DDR-Geschichtswissenschaft gehörte zweifellos die international renommierte agrarhistorische Forschung, die bis 1989 vor allem an der Universität Rostock sowie am Berliner Akademie-Institut für Wirtschaftsgeschichte gepflegt worden war.
Daß es sich bei der berleitung der wissenschaftlichen Potentiale der DDR - insgesamt und auch bezogen auf die Geschichtswissenschaft - um einen sehr komplexen und widersprüchlichen Vorgang handelte, lag in der Natur der Sache.
Daß dabei gelegentlich Kriterien handlungsleitend wurden, die nicht auf fachlichen Argumenten im engeren Sinne fußten, sondern eher politisch intendiert waren und mitunter wohl auch einem bei der Einschätzung geisteswissenschaftlicher Forschung eher fragwürdigen, vorrangig ökonomisch argumentierenden Nützlichkeitsdenken folgten, ist schon häufiger thematisiert worden und sei deshalb hier nur am Rande erwähnt. Schließlich ging es in dieser Zeit nicht nur um die fachliche Evaluation von Wissenschaftlern, sondern auch um die Neuverteilung finanzieller Ressourcen in einer Konkurrenzsituation mit ungleich verteilten Erfolgschancen, von Ressourcen, deren Umfang selbstverständlich nicht in dem Maße erhöht werden konnte, in dem der Bedarf nach dem Oktober 1990 gestiegen war.
Um so wirkungsvoller war die ganz außergewöhnliche und einmalige Form der Wissenschaftsförderung, mit der die Max-Planck-Gesellschaft in jenen Jahren hervortrat. Durch die Einrichtung von insgesamt 26 Arbeitsgruppen an den Universitäten der fünf neuen Bundesländer gelang es, Forschungspotential zu konzentrieren und an den bestehenden bzw. neugegründeten Universitäten in Ostdeutschland zu etablieren. Die Intention bestand darin, diese Gruppen nach dem von der Max-Planck-Gesellschaft verantworteten Förderzeitraum von fünf Jahren mit ihrer technischen und Bibliotheks-, möglichst aber auch mit ihrer Personalausstattung in die organisatorischen Strukturen der gastgebenden Universitäten einzupassen.
Die Potsdamer Arbeitsgruppe "Gutsherrschaft" wurde innerhalb dieses Förderprogramms als eine der wenigen geistes- und als einzige geschichtswissenschaftliche Arbeitsgruppe zum 1. Januar 1992 eingerichtet. Der Gründung, die auf Initiative des Göttinger Max-Planck-Instituts für Geschichte erfolgte, lag eine Vereinbarung der Max-Planck-Gesellschaft mit der Universität Potsdam vom November 1991 zugrunde. Bei der Einrichtung der Gruppe konnte man sich auf enge wissenschaftliche Beziehungen stützen, die schon in den Jahren vor 1989 zwischen dem MPI und einigen wenigen DDR-Historikern geknüpft worden waren. Insbesondere zur Akademie der Wissenschaften der DDR und dort speziell zum Institut für Wirtschaftsgeschichte bestanden seit längerem gute Verbindungen.
Bei der personellen Zusammensetzung der Arbeitsgruppen wurde besonderes Augenmerk auf die Förderung ostdeutscher Wissenschaftler gelegt. Folgerichtig stammten der Leiter der Gruppe sowie die drei wissenschaftlichen Mitarbeiter aus den neuen Bundesländern. Da die Doktoranden- und Postdoktorandenstellen zwar über die gesamten fünf Jahre hinweg bestanden, auf den einzelnen Stelleninhaber bezogen aber die allgemein üblichen Förderzeiten galten, ergaben sich hier regelmäßig personelle Veränderungen. Es ist wissenschaftssoziologisch bemerkenswert, daß diese Postdoktoranden- bzw. Doktorandenstellen trotz jeweils rechtzeitiger öffentlicher Ausschreibung der Stellen und gezielter Suche nach geeigneten Kandidaten in den neuen Bundesländern nach ca. drei Jahren ausschließlich von jungen Wissenschaftlern aus den alten Bundesländern besetzt waren. Dadurch ergab sich eine personelle "Durchmischung" der Gruppe mit ost- und westdeutschen Wissenschaftlern, die anfangs zwar so nicht geplant worden war, die sich aber im Verlaufe der weiteren Arbeit als sehr fruchtbar und nutzbringend für alle Mitarbeiter erweisen sollte. Freilich hatte die regionale Herkunft der einzelnen Kollegen von Anfang an keine Bedeutung für den Grad ihrer Akzeptanz in der Gruppe. Der Nutzen für die Arbeit - das wurde immer wieder in spannenden und teilweise kontrovers geführten Diskussionen deutlich - ergab sich aus der Möglichkeit, die verschiedensten Perspektiven auf den Forschungsgegenstand, die Sozialgeschichte frühneuzeitlicher ländlicher Gesellschaften Ostelbiens, innerhalb einer Gruppe zu vereinigen und gegeneinander zu stellen.
Im Mittelpunkt des Interesses der Potsdamer Arbeitsgruppe stand und steht die Untersuchung der sozialen Funktionsweise, der mentalen Prägekraft und der Geschichtsmächtigkeit frühneuzeitlicher Gutsherrschaftsgesellschaften Ostelbiens. Durch vergleichende Analysen innerhalb der Gutsherrschaftsregionen des Alten Reiches (Bearbeitung von archivalisch möglichst breit überlieferten Quellenbeständen - vor allem von Gutsarchiven - in der Prignitz, der Mittelmark, der Altmark, in Mecklenburg, in Schwedisch-Pommern, in Holstein, in Kursachsen und in der Oberlausitz) wurden die sozial-
und mentalitätsgeschichtlichen Besonderheiten der ostelbischen Gutsherrschaft sichtbar gemacht. Moderne sozialhistorische Forschungsansätze, insbesondere historisch-anthropologische, halfen dabei, die soziale Funktionsweise des Modells Gutsherrschaft und dessen historische Wirkung zu erklären. Dabei wurde vor allem nach den aufeinander bezogenen unterschiedlichen Ordnungsvorstellungen und historischen Identitäten, nach den lebensweltlichen Bedingungen und Sozialisationsvorgängen, nach kulturellen Lebensweisen sowie nach den Besonderheiten der jeweiligen "Konfliktgemeinschaft" gefragt.
Eine wichtige forschungsleitende Idee war die Annahme, daß sich Herrschaft auch in Gutsherrschaftsgesellschaften auf unterschwellige oder offene Selbstbestimmungsformen der Abhängigen einlassen mußte und daß sich so ein zwar spannungsgeladenes, aber in seinen Grundzügen auch konsensfähiges soziales Ordnungssystem herausbildete, das von den Beteiligten akzeptiert werden konnte. Gefragt wurde zudem nach der Wahrnehmung und Verarbeitung des sozialen Systems der Gutsherrschaft durch die Abhängigen und nach dem Selbstverständnis von dessen Trägern. Diese Frage birgt nicht nur einen historischen Strang von erheblicher aktueller Relevanz, sondern reflektiert auch einen hohen, innerhalb von fünf Jahren sicher nicht vollständig einzulösenden Forschungsanspruch.
Das Forschungsvorhaben wurde in Angriff genommen von vier wissenschaftlichen Mitarbeitern, von drei Postdoktoranden und drei Doktoranden. Sie wurden unterstützt von zwei studentischen Hilfskräften.
Der Gruppe zugeordnet waren zwei drittmittelfinanzierte Forschungsprojekte: "Identitäten in der Gutsherrschaftsgesellschaft (1550-1850)" und "Erfassung und Inventarisierung ländlicher Selbstzeugnisse in Brandenburg bis zum Ende des 19. Jahrhunderts" mit insgesamt sechs Wissenschaftlern. Zur Arbeitsgruppe gehörten ferner drei Mitarbeiter einer Forschungsgruppe des Wissenschaftlerintegrations-Programms (WIP). Sie arbeiteten zum Thema "Wandel von Herrschaftspraxis und bäuerlichen Selbstbestimmungsformen im ostdeutschen Dorf nach 1945". Nicht hoch genug einzuschätzen war der unverzichtbare und nimmermüde Einsatz der vier technischen Mitarbeiterinnen der Arbeitsgruppe, einer Sekretärin, einer EDV-Mitarbeiterin, einer Verwaltungskraft sowie einer Bibliothekarin.
Darüber hinaus waren einige Mitglieder der Arbeitsgruppe eingebunden in die Tätigkeit verschiedener Arbeitskreise. Hier sind vor allem zu nennen der Arbeitskreis "Historische Anthropologie", die Sozialgeschichtliche Arbeitsgemeinschaft "Gesellschaft, Alltag und Kultur in der Neuzeit" sowie der Arbeitskreis "Herrschaft und Geschlecht".
Nachdem die Gruppe im Oktober 1992 die Räumlichkeiten bezogen hatte, die die Universität Potsdam großzügig zur Verfügung gestellt hatte und die die MPG nicht minder großzügig hatte renovieren und ausstatten lassen, konnte die unter der Leitung von Prof. Dr. Jan Peters im Januar 1992 begonnene Arbeit unter nunmehr auch räumlich und technisch optimalen Bedingungen fortgesetzt werden.
Daneben konnte der von der MPG mit umfangreichen finanziellen Mitteln unterstützte Auf- und Ausbau einer Spezialbibliothek (moderne Sozial-, Agrar- und Wirtschaftsgeschichte, Historische Anthropologie, Selbstzeugnis-Forschung, jeweils mit dem Schwerpunkt in der Frühen Neuzeit) intensiv vorangetrieben werden. Innerhalb der genannten Sammelschwerpunkte richtet sich das Interesse insbesondere auf die aktuellen internationalen Forschungstrends.
Die Bibliothek hat inzwischen einen beachtlichen Umfang erreicht. Da die Literaturwünsche der Mitarbeiter beim Aufbau der Bibliothek weitgehende Berücksichtigung fanden, spiegelt ihre Zusammensetzung aber auch deren individuelle Forschungsperspektiven sowie deren je eigene, regional spezifische Archiverfahrungen wider. Dabei bildet das allgemeine Forschungsinteresse der Gruppe jedoch die verbindende Klammer, so daß die einzelnen Teilbestände der Bibliothek aufeinander beziehbar bleiben. Die Bibliothek bildet nicht nur die neben den regionalen Archivbeständen wichtigste Arbeitsgrundlage für die Kollegen der Forschungsgruppe, sie steht darüber hinaus allen an
der Universität Potsdam Lehrenden und Studierenden zur Verfügung und wird besonders von den Studenten des Fachbereichs Geschichte genutzt. Entsprechend der vertraglichen Vereinbarung zwischen der Universität und der MPG ist sie inzwischen in den Besitz der Universitätsbibliothek übergegangen.
Die wesentlichen konzeptionellen Ansätze der Arbeitsgruppe, aber auch erste inhaltliche Ergebnisse, konnten bereits auf dem Historikertag in Hannover 1992 im Rahmen einer vom Leiter der Arbeitsgruppe verantworteten Sektion vorgestellt werden. Sie fand am 25. September statt und stand unter dem Titel "Ostelbische Gutsherrschaft als frühneuzeitliches System sozialer Ordnung". Die überaus positive Resonanz auf diese Veranstaltung dokumentierte das ausgeprägte Interesse der fachwissenschaftlichen (tm)ffentlichkeit an den von der Potsdamer Gruppe neu konzipierten Forschungen zur Geschichte der ostelbischen Gutsherrschaft. Sie zeigte aber auch das zweifellos vorhandene allgemeinere Interesse an modernen sozialhistorischen Forschungen überhaupt sowie an den aktuellen Entwicklungstendenzen innerhalb der ostdeutschen Geschichtswissenschaft.
Die Möglichkeit der Präsentation von Forschungsergebnissen und der weiterführenden Diskussion methodischer und inhaltlicher Fragen vor dem Forum wissenschaftlicher Tagungen wurde von der Arbeitsgruppe auch in den folgenden Jahren wiederholt genutzt. Zwei dieser Tagungen führten einen größeren Personenkreis zusammen und fanden mit internationaler Beteiligung statt. Die erste stand unter dem Thema "Das Modell Gutsherrschaft. Vergleichende Betrachtungen zur sozialen Funktionsweise frühneuzeitlicher Agrargesellschaften" und wurde vom 11. bis 13. März 1993 in Potsdam durchgeführt. Während der Tagung referierten 23 Wissenschaftler aus fünf Ländern. Die inhaltliche Schwerpunktsetzung zielte auf eine Einordung der Potsdamer Ergebnisse zur ostelbischen Gutsherrschaft in die allgemeineren Forschungen zu frühneuzeitlichen ländlichen Sozialgebilden. Daß dabei das Konzept des agrarischen Dualismus, das die Arbeitsgruppe selbst für ihre Arbeit von Anfang an kritisch rezipiert hatte, zunehmend zu einem Hauptpunkt der Diskussion geriet, war nur folgerichtig und stand nicht im Widerspruch zu vielen der mikrohistorisch erarbeiteten Einzelergebnisse der Potsdamer Kollegen. Gerade die Präsentation von derartigen Ergebnissen gestattete es der Arbeitsgruppe, die Tragfähigkeit ihres historisch-anthropologisch ausgerichteten und mikrohistorisch praktizierten Interesses an der ostelbischen Gutsherrschaft zu bilanzieren und zur Diskussion zu stellen. Ein weiteres wesentliches Ergebnis - und auch dies offenbarte sich vor allem in den Diskussionen - bestand in der Einsicht, daß der auf das Alte Reich bezogene territoriale Rahmen für einen auf die konzeptionelle Weiterentwicklung der Gutsherrschaftstheorie zielenden Vergleich augenscheinlich nicht ausreichend ist. Um hier fundiert vergleichen zu können, war die Einbeziehung der außerhalb des Reiches existierenden, bisher allerdings erst in sehr unterschiedlichem Maße erforschten Gutsherrschaftsgesellschaften Ost- und Ostmitteleuropas notwendig.
Im Ergebnis der Tagung erschien ein Sammelband, der die einzelnen Referate vereint, aber auch einen ausführlichen Diskussionsbericht enthält: Gutsherrschaft als soziales Modell. Vergleichende Betrachtungen zur Funktionsweise frühneuzeitlicher Agrargesellschaften, hrsg. von Jan Peters, München 1995 (=Historische Zeitschrift, Beiheft 18).
Die Notwendigkeit eines regional weiter gefaßten Vergleichs bestimmte die inhaltliche Vorbereitung und die Zusammensetzung des Teilnehmerkreises für die zweite internationale Tagung, die von der Arbeitsgruppe vorbereitet und durchgeführt wurde. Sie war dem Thema "Gutsherrschaftsgesellschaften im europäischen Vergleich" gewidmet und fand vom 2. bis 4. November 1995 in Werder statt. Während dieser Veranstaltung trugen 28 Wissenschaftler aus insgesamt zehn europäischen Ländern und den USA die Resultate ihrer Forschungen zur Gutsherrschaftsproblematik vor. Im Zentrum der Tagung stand die komparative Behandlung der Geschichte der Gutsherrschaft im europäischen Maßstab. Dabei wurde angestrebt, die heterogene Vielfalt dessen, was in der Forschung bisher häufig viel zu nivellierend als "ostelbische Gutsherrschaft" zusammengefaßt worden war, durch konkrete Regionalstudien vergleichend zu diskutieren. Die vielfachen, recht unterschiedlich gelagerten Interessen der Referenten an Einzelaspekten des historischen Gesamtphänomens "Gutsherrschaft" ermöglichten es, die Beiträge um fünf thematische Schwerpunkte zu gruppieren (1. Gutsherrschaft im interregionalen Vergleich, 2. Gutsherrschaft als soziales Ordnungssystem, 3. Herrschaftsformen, 4. Konfliktkultur, 5. Bauern in Gutsherrschaftsgesellschaften).
Angesichts des Forschungsstandes, vor allem wegen der geringen Zahl wirklich komparativ angelegter Publikationen zur Gutsherrschaftsgeschichte, war es von vorn herein klar, daß die mit der Tagung angestrebte vergleichende Sicht weniger von den einzelnen Referaten, als vielmehr von den zwischen den Vorträgen vermittelnden Diskussionen zu erwarten war. Gerade darin lag das über den bisherigen Stand der Forschung hinausgehende Ziel der Tagung. Entsprechendes Gewicht wurde der zusammenfassenden Aussprache der Referate beigemessen: über die Hälfte der für die Tagung zur Verfügung stehenden Zeit war der Diskussion vorbehalten.
Ein weiteres, über die inhaltlichen Aspekte im engeren Sinne hinausgehendes Ziel der Tagung bestand darin, die aus der Zeit vor 1989 stammenden und seinerzeit insbesondere am Institut für Wirtschaftsgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR zu Berlin und am Forschungsschwerpunkt "Agrargeschichte" der Universität Rostock gepflegten wissenschaftlichen Verbindungen zu Fachkollegen aus Ost- und Ostmitteleuropa zu erhalten oder neu anzuknüpfen. Gerade die Kontinuität dieser personellen Verbindungen ist eine wichtige Voraussetzung dafür, daß die auf der Tagung sich offenbarenden oder schon vorher als solche erkannten Desiderata bei der Erforschung der frühneuzeitlichen Sozialgeschichte ländlicher Gesellschaften - insbesondere solcher mit gutsherrlicher Prägung - in der Zukunft auch tatsächlich bearbeitet werden können. Auch die Resultate dieser Tagung werden in einem Sammelband veröffentlicht werden. Dieser Band, der im Jahre 1997 erscheint, wird neben den Referaten ebenfalls einen ausführlichen Diskussionsteil enthalten: Gutsherrschaftsgesellschaften im europäischen Vergleich, hrsg. von Jan Peters, Berlin 1997.
So wichtig diese großen, thematisch breit angelegten Tagungen für die Tätigkeit der Arbeitsgruppe waren, so deutlich wurde daneben aber auch, daß eine ganze Reihe von Einzelfragen sich der Behandlung vor einem größeren Gremium entzieht. Diesem Umstand Rechnung tragend, wurde im Laufe der Jahre eine Anzahl kleinerer Konferenzen durchgeführt, die entweder Einzelaspekte des Gesamtthemas zum Gegenstand hatten oder die zentralen theoretischen Problemen gewidmet waren, die die Tätigkeit der Arbeitsgruppe über den gesamten Förderzeitraum begleitet hatten. Diese Veranstaltungen dienten also u.a. der Selbstverständigung innerhalb der Arbeitsgruppe. Bei der Vorbereitung und Durchführung solcher kleineren Tagungen traten auch die der Arbeitsgruppe zugeordneten und oben einzeln genannten Arbeitskreise und Projektgruppen hervor. So fand schon im Sommer 1992 eine Zusammenkunft statt, die die bereits genannte Sektion des Historikertages mit vorbereitete. Sie stand am 10. Juni 1992 in Potsdam unter dem Titel "Ostelbische Gutsherrschaft in historisch-anthropologischer Perspektive".
Eine weitere derartige Veranstaltung fand zu Beginn des Jahres 1993, am 13. Januar, in Potsdam statt und war dem Thema gewidmet: "Zwischen Herrensitz und Bauernhof. Frühneuzeitliche Wahrnehmungs- und Kommunikationsverhältnisse zwischen Adel und Bauern in Gutsherrschaftsgebieten".
Die Tagung "Selbstzeugnisse von Nicht-Gebildeten: Deutungsprobleme und Erfassungsresultate", die in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe vorbereitet worden war, versammelte am 25. Juni 1993 die Mitglieder der Sozialgeschichtlichen Arbeitsgemeinschaft "Gesellschaft, Alltag und Kultur in der Neuzeit" (MPI für Geschichte Göttingen / MPG-Arbeitsgruppe "Gutsherrschaft" Potsdam) sowie weitere Interessenten in Potsdam. Hier ging es aus der Sicht der Gruppenmitglieder insbesondere um die Erfassung von Selbstzeugnissen in Brandenburg und um die Dokumentation der dazu bisher ermittelten Befunde.
Vorrangig methodischen Problemen waren die beiden vom Arbeitskreis "Historische Anthropologie" (MPG-Arbeitsgruppe "Gutsherrschaft" Potsdam / Freie Universität Berlin) initiierten, vorbereiteten und in Potsdam durchgeführten Veranstaltungen vom 17. bis 20. Dezember 1993 (Thema: Historische Anthropologie der vorindustriellen Zeit) und vom 9. bis 12. September 1994 (Thema: Historische Anthropologie) gewidmet. Beide Tagungen wurden von der Potsdamer Arbeitsgruppe betreut, die meisten Kollegen nahmen überdies daran teil und trugen mit Diskussionsbeiträgen zu ihrem wissenschaftlichen Gelingen bei.
Unmittelbar im Anschluß daran fand vom 15. bis 17. September 1994 in Potsdam eine Tagung unter dem Titel "Herrschaft vor Ort. Neue Zugänge zu Gericht und Geschlecht" statt, die vom Arbeitskreis "Herrschaft und Geschlecht" gemeinsam mit der Arbeitsgruppe vorbereitet worden war.
Wenn auch die wissenschaftlichen Ergebnisse der letztgenannten kleineren Tagungen nicht in Form von Sammelbänden o.ä. veröffentlicht worden sind, so bildeten sie doch wichtige Diskussionsforen und übten so einen weitgehenden Einfluß auf die Tätigkeit der Gruppe aus. berdies sind sie - nicht zuletzt wegen der großen Zahl auswärtiger Teilnehmer - von entscheidender Bedeutung für die Außenwirksamkeit der Potsdamer Arbeitsgruppe gewesen.
Weniger der Außenwirksamkeit als mehr der Selbstfindung und der internen Diskussion diente die von Anfang an praktizierte und über den gesamten Förderzeitraum durchgehaltene Institution der mittwöchlichen Zusammenkünfte der Arbeitsgruppe in Potsdam. Diese waren von besonderer Bedeutung, weil sich die zeitaufwendige praktische Forschungsarbeit der Kollegen während der übrigen Zeit in den jeweils relevanten regionalen Archiven vollzog. Regelmäßig waren bei den Zusammenkünften neben organisatorischen Fragen auch inhaltliche Aspekte der Arbeit sowie methodische Probleme Gegenstand des Gesprächs. Vor allem während der anläßlich dieser Treffen wöchentlich organisierten Forschungsseminare, die von den Kollegen der Arbeitsgruppe bestritten, zu denen aber sehr häufig auch auswärtige Referenten gezielt eingeladen wurden, entzündeten sich konstruktive und weiterführende Streitgespräche.
In diesem Zusammenhang verdient auch erwähnt zu werden, daß die Arbeitsgruppe die Möglichkeit hatte, regelmäßig ausländische Gastwissenschaftler zu einem mehrwöchigen Forschungsaufenthalt nach Potsdam einzuladen. Seit dem Mai 1992 wurden insgesamt 20 Stipendien an ausländische Kollegen vergeben. Diese kamen aus Dänemark, Estland, Frankreich, Polen, Tschechien, Ungarn und den USA, und sie nutzten ihren Aufenthalt zu Forschungen an deutschen, vor allem brandenburgischen Archiven sowie zu Literaturrecherchen. berdies konnten sie immer auch zu Vorträgen im Rahmen der Potsdamer Forschungsseminare und der gemeinsam mit Kollegen der Universität Potsdam durchgeführten Frühneuzeit-Kolloquien gewonnen werden.
Mit dem Hinweis auf die Frühneuzeit-Kolloquien der Universität Potsdam, an deren Organisation und Durchführung der Leiter der Arbeitsgruppe - zugleich Inhaber einer Potsdamer Universitäts-Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit/Sozialgeschichte - beteiligt war, ist der wichtige Aspekt der Beziehungen zwischen der Arbeitsgruppe und der gastgebenden Universität angesprochen. Diese haben sich von Anfang an gut entwickelt, was nicht zuletzt an der von der Universität angebotenen und von einer Reihe von Mitarbeitern der Arbeitsgruppe genutzten Möglichkeit zur Durchführung von Lehrveranstaltungen sichtbar geworden ist.
Die wöchentlichen Forschungsseminare dienten darüber hinaus vor allem in der Zeit zwischen den beiden großen Tagungen im März 1993 und im November 1995 dazu, die konkreten Forschungsergebnisse der Mitarbeiter der Arbeitsgruppe vorzustellen, zu diskutieren und zum Druck vorzubereiten. Die Ergebnisse dessen sind im dritten von der Gruppe im Förderzeitraum erarbeiteten Sammelband vorgelegt worden: Konflikt und Kontrolle in Gutsherrschaftsgesellschaften. ber Resistenz- und Herrschaftsverhalten in ländlichen Sozialgebilden der Frühen Neuzeit, hrsg. von Jan Peters, Göttingen 1995 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Band 120).
Neben diesen aus der Tätigkeit der Potsdamer Arbeitsgruppe resultierenden, nutzten und nutzen die Kollegen eine ganze Reihe weiterer Publikationsmöglichkeiten, um ihre Forschungsergebnisse der wissenschaftlichen (tm)ffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen. Für die Titel der einzelnen Publikationen, deren Aufzählung an dieser Stelle zu weit führen würde, verweise ich auf die entsprechenden Jahrgänge des Jahrbuches der Max-Planck-Gesellschaft. Dem gleichen Ziel der Präsentation von Ergebnissen diente die aktive Teilnahme von Mitarbeitern und Doktoranden der Arbeitsgruppe an Tagungen im In- und Ausland.
Eine wichtige Zäsur in der Geschichte der Potsdamer Max-Planck-Arbeitsgruppe "Gutsherrschaft" bildete der Mai 1995. Am 5. Mai wurde die Arbeit der Gruppe evaluiert. Anlaß dazu bot die Sitzung des Fachbeirats des Max-Planck-Instituts für Geschichte. Neben der vielfältigen Unterstützung, die der Potsdamer Arbeitsgruppe in der Gründungsphase und während ihrer fünfjährigen Tätigkeit vom betreuenden Göttinger MPI entgegengebracht wurde, war zweifellos auch die Wahl Potsdams zum Sitzungsort des Fachbeirats im Mai 1995 Ausdruck des großen Interesses, das den Forschungen der Potsdamer Gruppe in Göttingen bezeugt wurde und wird. Die Evaluation konnte mit einem für die Arbeitsgruppe überaus positiven Ergebnis beendet werden. Sowohl die vorgelegten Ergebnisse der Arbeitsgruppe und der assoziierten Projektgruppen als auch die für die verbleibende Förderzeit geplanten Vorhaben fanden die Zustimmung des Fachbeirats.
Am 6. Dezember 1996 fand in Potsdam eine mehrstündige Abschlußdiskussion statt, die die Tätigkeit der Arbeitsgruppe "Gutsherrschaft" unter dem Schutz und Schirm der MPG beendete. Sie vereinte die Mitglieder der Arbeitsgruppe und einige Fachkollegen, die die Forschungen der Gruppe während des Förderzeitraumes begleitet und unterstützt hatten. Während dieser Diskussion ging es neben einem Resümee der Forschungsergebnisse insbesondere um methodische Fragen. Ein wichtiges Ziel bestand überdies in der Beratung von Möglichkeiten, die Forschungen über den 31. Dezember 1996 hinaus fortzusetzen. Denn leider war es trotz intensiver Bemühungen nicht gelungen, die wissenschaftlichen Mitarbeiter der Arbeitsgruppe in den Personalbestand der Universität einzugliedern - der entsprechende Passus des Vertrages war seinerzeit als Empfehlung formuliert worden. Die Gründe dafür sind zweifellos in der überaus angespannten finanziellen Situation zu suchen, die die Potsdamer mit einer Reihe anderer deutscher Universitäten teilt. Immerhin war es möglich, das Themenfeld der Arbeitsgruppe als einen allseits akzeptierten geschichtswissenschaftlichen Forschungsschwerpunkt an der Universität Potsdam zu etablieren, der auch nach 1996/97 gültig bleiben wird. So ist es möglich, die Forschungen zunächst im Rahmen eines thematisch weiterführender Drittmittel-Projekts fortzusetzen. Dabei soll auch in Zukunft nicht auf das inzwischen in der fachwissenschaftlichen (tm)ffentlichkeit gut eingeführte Signum der Potsdamer Arbeitsgruppe "Gutsherrschaft" verzichtet werden. Ziel ist es, dem nunmehr eher informellen Zusammenschluß nach Möglichkeit wieder einen institutionellen Rahmen zu geben, ist doch mit der Potsdamer Max-Planck-Arbeitsgruppe "Ostelbische Gutsherrschaft als sozialhistorisches Phänomen" die letzte zur Agrargeschichte forschende Einrichtung aus dem Spektrum der bundesdeutschen geschichtswissenschaftlichen Forschung verschwunden. Beim Anstreben dieses Zieles gilt es der Tatsache Rechnung zu tragen, daß der durch die Arbeitsgruppe an der Universität Potsdam etablierte Forschungsschwerpunkt inzwischen aus seinem regionalen historischen Rahmen herausgewachsen ist und sich als unverzichtbares Teilstück der universitären Forschungslandschaft in Brandenburg bewährt hat. Die künftige Forschung wird verstärkt auf vergleichende Synthesen gerichtet sein und insbesondere auf eine Zusammenarbeit abheben, die sich teils auf die ostdeutschen Regionen im engeren Sinne bezieht (mittlerer und nördlicher Bereich der neuen Bundesländer), teils aber auch auf den Vergleich zwischen diesen Regionen und Gutsherrschaftsgesellschaften in Ost- und Ostmitteleuropa zielt.
(*) Dieser Bericht fußt inhaltlich auf den Jahresberichten der Arbeitsgruppe
"Gutsherrschaft", die in den entsprechenden Jahrgängen des Jahrbuches der
Max-Planck-Gesellschaft veröffentlicht worden sind, sowie auf einer von der Arbeitsgruppe
anläßlich der Evaluation der Gruppe im Mai 1995 erarbeiteten Broschüre unter dem Titel:
Arbeitsgruppe "Ostelbische Gutsherrschaft als sozialhistorisches Phänomen" an
der Universität Potsdam. Die Jahre 1992-1995, Potsdam 1995. Darüber hinaus sind
persönliche Aufzeichnungen des Vf. verwendet worden. Für die hier nur sehr verkürzt
darstellbare konzeptionelle Basis unserer Forschungen, für die grundlegenden methodischen
Zugangsweisen sowie für die Hauptlinien der Fragestellungen an die
Quellenüberlieferungen verweise ich auf Jan Peters, Gutsherrschaftsgeschichte in
historisch-anthropologischer Perspektive, in: Gutsherrschaft als soziales Modell.
Vergleichende Betrachtungen zur Funktionsweise frühneuzeitlicher Agrargesellschaften,
hrsg. von Jan Peters, München 1995 (=Historische Zeitschrift, Beiheft 18), S. 3-21. Auf
Einzelnachweise mußte aus Platzgründen verzichtet werden.
[Zurück]
|
© |
Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1997. |