Horst Haun

DDR-Historie und Staatspartei.
Untersuchung über die Funktion der DDR-Geschichtswissenschaft im Herrschaftsgefüge der SED-Diktatur (1958-1966)

Ein Projekt des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität  Dresden

Forschungsansatz und methodische Probleme

Das Projekt, das Prof. Alexander Fischer Ende 1994 bei der Volkswagen-Stiftung beantragt hatte, wurde mit dem Gründungsdirektor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung konzipiert. Bis Ende 1996 lag die Betreuung dieser Forschungsarbeit in den Händen von Prof. Martin Onnasch, seit Anfang 1997 beim neuen Direktor Prof. Klaus-Dietmar Henke. Ziel des Vorhabens, das im Rahmen des zeitgeschichtlichen Schwerpunkts "Diktaturen im Europa des 20. Jahrhunderts: Strukturen, Erfahrungen, Überwindung und Vergleich" der Volkswagen-Stiftung gefördert wird, ist es, die Funktion der Historiographie im Machtgefüge der SED-Diktatur zu untersuchen. Das Projekt konzentriert sich auf die zweite Hälfte der fünfziger Jahre; es soll aber auch auf Probleme der ersten Hälfte der sechziger Jahre ausgedehnt werden. In dieser Phase der Entwicklung der DDR-Geschichtswissenschaft, die nach 1990 bislang nur partiell und mehr überblicksartig erforscht wurde, fielen schwerwiegende, den weiteren Weg der Historie prägende, irreversible Entscheidungen. Von besonderem Interesse ist dabei das Zäsurjahr 1958, dessen Ereignisdichte wohl den Kulminations- und Umschlagpunkt setzte.

Die Studie, die sich als ein Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit der widerspruchsvollen Geschichte der DDR-Historiographie versteht, stützt sich auf Archivalien, vorrangig aus dem nunmehr zugänglichen Quellenfundus der SED (insbesondere aus dem ehemaligen Zentralen Parteiarchiv in Berlin), auf Befragungen von Zeitzeugen sowie zeitgenössische Literatur.

Nicht die "reine" Wissenschaftsentwicklung und Forschungsleistungen "an sich" sollen analysiert werden; im Mittelpunkt des Projekts stehen vielmehr die Funktionsmechanismen der Geschichtswissenschaft, steht ihre gesellschaftliche Wirksamkeit im Rahmen einer totalitären Herrschaft. Es gilt, die Methoden der Indienstnahme und Instrumentalisierung von Wissenschaft sichtbar zu machen, das vielfältige Beziehungsgeflecht zwischen Historie, Ideologie und Politik, zwischen Historikern und Staatspartei aufzudecken. Die Forschungsarbeit kann somit zur Offenlegung der Herrschaftsstrukturen des DDR-Regimes beitragen.

Darzustellen ist sowohl die extreme politische Funktionalisierung als auch die große Verantwortung jener "Gesellschaftswissenschaft", die in der DDR wohl am meisten und auch am wirkungsvollsten zur Legitimation und zur Manipulierung mißbraucht werden konnte. Nicht ausgespart werden soll die Kennzeichnung - und möglichst auch Erklärung - der Bereitschaft des Gros der etablierten Historiker, sich an der ideologischen Beeinflussung und Ausrichtung aktiv zu beteiligen und so zur "geistigen Bewaffnung" der DDR-Bevölkerung beizutragen - wie es Ernst Engelberg formuliert hat. Zu thematisieren sind die langdauernden Folgen des Mitwirkens der "marxistisch-leninistischen" Historikerschaft bei der "sozialistischen" Bewußtseinsformung: beispielsweise bei der Produktion und Ausgestaltung der Varianten des rigiden, "klassenmäßig" begründeten "Feind"bildes. Dieses Bild - gerichtet vor allem auf den "westdeutsch-imperialistischen Gegner" - hinterließ bei nicht wenigen Zeitgenossen tiefe Spuren, denen man noch längere Zeit auch im vereinigten Deutschland begegnen wird.

Neben der Charakterisierung dieser herausgehobenen Position der DDR-Historie im Prozeß der "sozialistischen" Bewußtseinsbildung soll zugleich ihre Ambivalenz für die Herrschenden sichtbar gemacht werden. Einerseits beriefen sich die Führungsgremien der SED vorzugsweise immer wieder auf die "Lehren der Geschichte", und sie suchten deren "Beweis"- und Überzeugungskraft zu nutzen, um ihr Machtmonopol historisch zu begründen und zu rechtfertigen. Andererseits beargwöhnten sie die geschichtliche Tatsachenfülle und fürchteten die Unwiderlegbarkeit der Fakten. Die Fachhistoriker, vorrangig in den akademischen Bereichen, waren sich so auch eines besonderen "Betreuungsgrades" durch die Apparate der "Einheitspartei" sicher; stets achteten die SED-Funktionäre auf die Wahrung der gezogenen Grenzen, und sie kontrollierten die Einhaltung der verordneten Tabus. Hier wohl ist eine der Wurzeln zu suchen für das die Entwicklung der DDR-Historiographie prägende Spannungsverhältnis zwischen fortwährenden außerwissenschaftlichen, politisch motivierten Vorgaben und Eingriffen sowie den Versuchen von - allerdings nur wenigen - Historikern, die ideologisch bedingten Ansprüche zurückzudrängen, zu umgehen oder zumindest einzuschränken.

Das Forschungsprojekt will theoriegeschichtliche und methodische Fragen beantworten. Auszuloten ist in erster Linie, welche Folgen für die Historiographieentwicklung das genannte Spannungsverhältnis zwischen extremer Politisierung und ständiger wissenschaftsfremder Beeinflussung sowie innerwissenschaftlichen Bedingungen und Funktionserfordernissen hatte. Darüber hinaus sind Ausmaß und Grad der Verbiegungen, Entstellungen und sogar Deformationen der theoretischen und methodischen Grundlagen der Geschichtswissenschaft zu bestimmen. Zu fragen ist auch nach - möglicherweise - partiell wissenschaftsfördernden Wirkungen des pervertierten Verhältnisses von Politik und Historie.

Das Projekt soll zugleich einer umfassenden empirischen Beschäftigung mit der DDR-Vergangenheit von Nutzen sein. Die Ergebnisse dieser historiographiegeschichtlichen Forschungsarbeit können für die Fixierung eines "Erklärungsmodells DDR" von Bedeutung sein, weil sich aus der spezifischen Sicht der Entwicklung einer Geisteswissenschaft von großer politischer Brisanz und Wirkung Charakterzüge der DDR-Gesellschaft, die Mentalität und Befindlichkeit von Menschen im "vormundschaftlichen Staat" markieren lassen. Die Untersuchung versteht sich somit auch mals Teil jener Bemühungen, die darauf gerichtet sind, die Folgen der SED-Diktatur zu überwinden.

Neben dem genannten Beitrag zur Strukturanalyse der SED-Diktatur will die Studie die Frage beantworten helfen, wie es gelang, eine nahezu einmütig agierende Historikerschaft zu gewinnen, die die Politik der Staatspartei in allen ihren Wendungen mitvollzog, und die sich bis zuletzt als staatstreu und systemkonform erwies. Nach bisherigem Erkenntnisstand kommt dem hier zu erforschenden Abschnitt in der Geschichte der DDR-Historiographie eine Schlüsselstellung zu. Dies gilt insbesondere für das Zäsurjahr 1958. Es soll ein Neuansatz für die Periodisierung der DDR-Geschichtswissenschaft versucht, zudem sollen Überlegungen für Periodisierungskriterien angeboten werden, die sich nicht vordergründig oder ausschließlich allein nur an der Wissenschaftsentwicklung orientieren.

Im Untersuchungszeitraum wurde die langdauernde Entstehungsphase der "marxistisch-leninistischen" (bzw. "sozialistischen", wie es auch hieß) Historiographie abgeschlossen; die historische Wissenschaft in der DDR begann sich zu konsolidieren und zu verselbständigen. Es ist zu überprüfen, ob diese Geschichtswissenschaft als Ideologieträgerin von nun an alternativlos als eine der SED unterworfene, von ihr völlig abhängige Partei- und Staatshistorie charakterisiert werden kann. Dabei sind vier eng miteinander verbundene Fakten zu berücksichtigen.

Die Historikerzunft der DDR hatte somit beachtlichen Anteil nicht nur an der Propagierung, sondern mehr noch an der "Verfeinerung", an der "wissenschaftlichen" Reputation der Staatsideologie. Zu fragen ist nach Grad und Ausmaß ihrer - bewußten oder unbewußten - Mitwirkung dabei, den Marxismus-Leninismus "hoffähig" zu machen und seinen Charakter (eine im Wesen rigide Kampf- und Rechtfertigungsideologie) zu verschleiern.

Bisherige Forschungen lassen zwei typische Merkmale dieser Entwicklungsetappe erkennen, die näher beleuchtet werden sollen. Es ist dies erstens die Dimension der direkten Einflußnahme der Führung der SED auf die Geschichtswissenschaft - beispielhaft verdeutlicht anhand der persönlichen Ambitionen Walter Ulbrichts als "Historiker". Die Bevormundung erreichte dadurch bis dahin nicht gekannte Ausmaße. Das betrifft sowohl die politische und ideologische Steuerung nunmehr aller geschichtswissenschaftlichen Bereiche und Institutionen als auch unmittelbare Eingriffe in konzeptionelle und inhaltliche Belange der Forschungsarbeit selbst. Zweitens sind, trotz massiven Parteieinflusses, wachsende wissenschaftliche Leistungen nachweisbar. Die Historiographie der DDR fand Beachtung und Anerkennung bei Fachkollegen der westlichen Länder. Große Anstrengungen richtete sie auf die aktive Beteiligung an den Internationalen Historikerkongressen.

Im Unterschied zu anderen Phasen der Entwicklung der DDR-Geschichtswissenschaft trat im Untersuchungsabschnitt der - die Historiographiegeschichte insgesamt prägende - Widerspruch zwischen fachlichen Leistungen einerseits sowie außerwissenschaftlicher Steuerung, Bevormundung und Gängelung andererseits in besonderer Weise zutage. Der allmähliche Übergang zu subtileren Methoden der Herrschaftsausübung am Beginn der sechziger Jahre eröffnete gewisse Freiräume für die Wissenschaft. Diese These soll in der Studie hinterfragt werden.

Bisherige Ergebnisse

Im August 1996 erschien in der vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung herausgegebenen Reihe "Berichte und Studien" als Heft Nr.7 die Ausarbeitung "Der Geschichtsbeschluß der SED 1955. Programmdokument für die ,volle Durchsetzung des Marxismus-Leninismus' in der DDR- Geschichts- wissenschaft". Der Autor des Projekts beschäftigt sich hier ausführlich mit dem am 5. Juli 1955 vom Politbüro des SED-Zentralkomitees verabschiedeten Beschluß "Die Verbesserung der Forschung und Lehre in der Geschichtswissenschaft der DDR". Dieses Dokument, das als "Geschichtsbeschluß" der SED bekannt, aber nicht vollständig veröffentlicht wurde, hat singuläre Bedeutung, denn keine weitere Wissenschaft, auch keine der anderen "Gesellschaftswissenschaften" der DDR ist jemals mit solch einem "Grundsatz"-Papier bedacht worden.

Der Beschluß greift weit über das Jahr 1955 hinaus; seine Programmatik - gleichsam der "rote Faden" für das Vorgehen der Funktionäre im ZK-Apparat - kann als konstitutiv für die Entwicklung der DDR-Geschichtswissenschaft im Untersuchungszeitraum des Projekts angesehen werden. So bildet die kritische Sichtung dieses Führungsdokuments nicht nur den Ausgangspunkt, sondern zugleich auch einen konzeptionellen und inhaltlichen Leitfaden für das Forschungsvorhaben "DDR-Historie und Staatspartei".

Im Vordergrund des Geschichtsbeschlusses stehen die wissenschaftsstrategischen und ideologischen Aufgaben, die die SED-Führung "ihren" Historikern stellte. So auch konzentriert sich die Analyse dieses Dokuments nicht vorrangig auf seine wissenschaftsimmanente Seite, sondern auf die politischen Zielsetzungen. Es wird verdeutlicht, daß der Beschluß, über seine speziellen, z.T. eng begrenzten Aufgabenstellungen hinaus, exemplarisch für die totalitäre Herrschaft der SED insgesamt steht. Die Führung der Staatspartei setzte wesentlich darauf, mittels verordneter "Beschlüsse", immer neuer "Vorgaben" und Vorschriften, mit zentralen Plänen u. a. zu regieren, alle Bereiche der Gesellschaft zu erfassen und im Sinne der marxistisch-leninistischen Ideologie und Weltanschauung umzugestalten.

Reizvoll ist es, die Sonderstellung des Politbüro-Beschlusses, seine Einmaligkeit in der deutschen Wissenschaftsgeschichte zu kennzeichnen. Es gehört zu den wohl sehr seltenen Ausnahmen, daß eine Staatsführung sich so gründlich, so intensiv und langdauernd mit einer einzigen Wissenschaftsdisziplin befaßt und auch weitgehend erreicht hat, diese Wissenschaft entschieden zu beeinflussen, politisch und ideologisch auszurichten.

Die Analyse des Geschichtsbeschlusses konzentriert sich auf folgende, hier nur summarisch wiederzugebende Schwerpunkte: auf die langwierige Entstehungsgeschichte des Beschlusses; auf die von der SED-Führung vorgenommene Standortbestimmung der DDR-Geschichtswissenschaft - reduziert auf eine politisch bestimmte "Erfolge"- und "Mängel"- Bilanz; auf die der Historie verordneten "ideologischen Hauptaufgaben"; auf die militante Doktrin der "Auseinandersetzung" mit der "bürgerlichen" Historiographie sowie auf die Dokumentation der (jedoch nur zaghaften) Kritik von 1955/56 am Beschluß durch "führende" Historiker der DDR.

Abschließend lassen sich drei Forschungsergebnisse benennen. Der Geschichtsbeschluß, der als eine weitreichende Konzeption, als Orientierungsrahmen und Arbeitsrichtlinie gedacht war, zielte erstens auf die Umwandlung aller Bereiche der Historiographie der DDR in eine marxistisch-leninistische "Gesellschaftswissenschaft". Dies bedeutete zuallererst, den Historischen Materialismus als theoretische Grundlage und einzig gültige Forschungsmethode in der gesamten Wissenschaftsdisziplin durchzusetzen. Damit eng verbunden war das Bestreben, die noch immer beachtlichen Wirkungsmöglichkeiten der "bürgerlichen" Historiker und Archivare zurückzudrängen und ihren Einfluß - vor allem in den universitären Einrichtungen - zu brechen.

Zweitens ist der Beschluß ein Dokument der rigorosen Durchsetzung des Führungsanspruchs der Staatspartei gegenüber der Geschichtswissenschaft. Seine Postulate besaßen so etwas wie Gesetzeskraft. Dies galt jedoch nur von "oben" nach "unten"; Maßregelungen von Historikern und "parteiliche" Auseinandersetzungen mit ihnen erfolgten oft in direktem Bezug zum Geschichtsbeschluß. Von den Wissenschaftlern selbst konnten die Festlegungen indes nicht eingeklagt werden (z.B. die demagogisch verkündete These, "Meinungsstreit" unter den Historikern zu entfachen).

Der Politbüro-Beschluß legt drittens Zeugnis ab vom widersprüchlichen Charakter der DDR- Geschichts- wissenschaft. Einige seiner Forderungen, die sich z. B. auf die Historikerausbildung bezogen oder der weiteren Institutionalisierung der Geschichtswissenschaft dienten, sind durchaus als wissenschaftsfördernd anzusehen. Bei ungehinderter Realisierung wären von ihnen positive Wirkungen ausgegangen. Die einseitige, parteipolitisch und ideologisch motivierte Interpretation und "Umsetzung" der Beschlußpostulate hatte jedoch wissenschaftshemmende, partiell sogar -feindliche Auswirkungen. Oft wurden Grundsätze und elementare Normen des wissenschaftlichen Arbeitens verletzt; durch das Festlegen von Forschungsschwerpunkten und Tabu-Themen, durch den Zwang, brisante Fragen zu ignorieren bzw. unkritisch zu sehen, durch massive Eingriffe in die Quellen- und Archivarbeit wurde die Freiheit der Wissenschaft eingeschränkt und z.T. stark behindert.

Die Studie über den Juli-Beschluß von 1955 versteht sich als Beitrag zur Aufarbeitung der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der DDR-Staatshistorie, die stets von der SED abhängig und ihr bis zuletzt treu ergeben war.

Ein weiterer Schwerpunkt des Projekts, der sich mit der "Revisionismus"- Kampagne von 1957/58 in der DDR-Geschichtswissenschaft befaßt, befindet sich in der Erarbeitung; erste größere Abschnitte indes sind fertiggestellt.

In diesem Kapitel werden erstmals aus den SED-Akten heraus detailliert die inszenierten "Auseinandersetzungen" der SED-Führung und ihrer Apparate mit angeblich revisionistischen Tendenzen in der Historiographie der DDR dargestellt. Es ist nicht nur das Vorgehen der Funktionäre gegen kritische Bestrebungen einzelner Historiker, sondern auch das unterschiedliche Verhalten der Betroffenen zu kennzeichnen.

Ausgangspunkt der Kampagne wider den "modernen Revisionismus" waren die 1956 vom XX. Parteitag der KPdSU - namentlich bei kritischen Intellektuellen - ausgelösten Bestrebungen, gegen die vermeintlichen Auswüchse und Verkrustungen des leninistisch-stalinistischen Dogmengebäudes sowie gegen die Einmischungen und die Willkür der "Organe" der SED anzugehen, wie auch die Freiheit von Forschung und Lehre und streitbare, schöpferische Wissenschaftskooperation mit nichtmarxistischen Auffassungen anzumahnen. Die sich hoffnungsvoll-polemisch artikulierenden Historiker waren (wie auch Philosophen, Wirtschaftswissenschaftler, Literatur- und Kunstwissenschaftler), des "Revisionismus" bezichtigt, heftigen Angriffen, Diffamierungen und Verfolgungen ausgesetzt.

Die Forschungsarbeit verdeutlicht die bisher so nicht gesehene Dimension dieser Aktionen der Staatspartei, die der Intelligenzrebellion auf ihre Art zu begegnen und die Systemkrise von 1956 zu bewältigen suchte. Dargestellt wird das rigide Vorgehen der Parteifunktionäre, das teilweise faschistoide Züge annahm. Bevorzugt wurde eine Kombination aus Diffamierung in der (tm)ffentlichkeit mittels organisierter "Kritik" (vorwiegend durch die eigenen Fachkollegen) sowie aus nichtöffentlicher Disziplinierung, wobei die SED-Mitgliedschaft genutzt wurde.

Diese Methoden wie auch die unterschiedlichen Verhaltensmuster der angegriffenen Historiker im ungleichen Kampf mit der Macht werden am Beispiel typischer Schicksale ausführlich dokumentiert.

Abgeschlossen und druckfertig ist der Abschnitt über die SED-Kampagne gegen den halleschen Frühneuzeit-Historiker Günter Mühlpfordt. Diese Arbeit, die im Herbst 1997 als Beitrag in dem vierbändigen Werk "Frühe Neuzeit in Europa. Festschrift für Günter Mühlpfordt zum 75.ÿGeburtstag" (Böhlau Verlag Weimar/Köln/Wien) erscheint, hat - dem Anliegen der Festgabe entsprechend - z.T. biographischen Charakter. Ausgewertet wurde reichhaltiges Archivmaterial vor allem aus Berlin und Halle; als unverzichtbar erwiesen sich wichtige Hinweise und Ergänzungen sowie kritische Bemerkungen des Zeitzeugen und Betroffenen selbst, wodurch diese Studie (Titel: "Aus einem Leben für die Wissenschaft: Günter Mühlpfordt - ein Historikerschicksal in der DDR") beträchtlich an Authentizität gewann.

Im April 1958 wurde Mühlpfordt auf Weisung Ulbrichts seiner Žmter an der Universität Halle enthoben. Da die von ihm erwartete und immer wieder geforderte "Selbstkritik" weiterhin ausblieb, weitete man das zunächst verhängte Lehrverbot nach dem Bau der Mauer zu einem Berufs-, Kontakt- und großteils auch Publikationsverbot aus. Selbst eine Nische im Hochschulbereich, wie man sie anderen gemaßregelten Wissenschaftlern anbot, wurde ihm verwehrt, um ihn so von den Studenten fernzuhalten. Eigenständige Schriften unter seinem Namen waren fortan untersagt. All das ergänzten Überwachungen und Bespitzelungen, Telefon- und Briefkontrollen - ein Lebensplan wurde zerstört. Das SED-Konzept der "Entfernung" unliebsamer und unbeugsamer Wissenschaftler wurde hier nicht nur kompromißlos durchgesetzt, es erlebte in diesem "Fall" gleichsam seine Perfektion.

Ende 1962 schließlich entlassen, war Mühlpfordt 20 Jahre lang stellungslos - ohne Gehalt und ohne jede Abfindung. Auch in dieser Zeit, in der er ein für DDR-Verhältnisse unübliches Leben als "Privatgelehrter" führte, blieb er unvermindert seinen Forschungen zugewandt: es entstand eine große Zahl wissenschaftlicher Arbeiten, von denen jedoch nur ein Teil - in Aufsatzform - erscheinen konnte. Im Schicksal Mühlpfordts standen sich Hartherzigkeit und Borniertheit, gepaart mit Machtfülle und Machtarroganz, wie sie für Herrschende und Funktionäre totalitärer Regime kennzeichnend sind, sowie unbändiger Forschergeist und Forscherdrang diametral gegenüber.

Im Resümee dieser Arbeit ist festgehalten, daß die von den SED-Funktionären inszenierten Angriffe auf Mühlpfordt und seine schließliche Ausschaltung letztlich die Wissenschaft selbst beschädigten, daß dieser Willkürakt einen Angriff auf beste, auch von Mühlpfordt verkörperte Wissenschaftstraditionen darstellte. Für die Geschichtswissenschaft der DDR bedeutete dies in mehrfacher Hinsicht einen unersetzlichen Verlust. Erstens wurde der universitären geschichtswissenschaftlichen Lehre und damit der Zukunft des Faches ein begabter Hochschulpädagoge und produktiver Wissenschaftler entzogen. Die Universität seiner Heimatstadt Halle verlor ihren ersten in den Nachkriegsjahren habilitierten Geschichtsprofessor. Über das persönliche Schicksal hinaus hatte das statuierte Exempel zweitens insofern "Erfolg", als es - zusammen mit dem parallel errungenen "Sieg" über die angeblichen Revisionisten - dazu beitrug, letzte Reste von Widerspruchspotential unter den Historikern der DDR zu beseitigen. Insbesondere gelang es, latent vorhandene und z.T. noch offen artikulierte kritische Distanzierungen vom Kanon des Marxismus-Leninismus, so von den deterministischen Deutungen des Historischen Materialismus, weiter abzubauen. In wachsendem Maße prägten das Bild der Historikerzunft Verhaltensmuster wie Selbstdisziplinierungen, bei denen auf die Wahrung der gezogenen Grenzen und die Einhaltung der verordneten Tabus geachtet wurde. Wie selbstverständlich und fast kritiklos leisteten die geschichtswissenschaftliche Forschung, Lehre und "Propaganda" - dem Kurs und der jeweiligen Linie der SED folgend - ihren Beitrag nicht nur zur Verbreitung, sondern auch zur "wissenschaftlichen" Reputation der Staatsideologie.

Die Aufhellung der Vorgänge um Mühlpfordt, eines düsteren Kapitels in der Wissenschaftsgeschichte der DDR, hilft mit, die Frage zu beantworten, wie es gelang, Historiker für die ideologische Verbrämung totalitärer Macht dienstbar zu machen. Mehr noch ist dieser Leidensweg, der in die Isolation führte, ein beredter Nachweis für den stillen, wenig bekannten Widerstand gegen die Diktatur, den es in seinen vielfachen Formen und Ausprägungen zu dokumentieren und darzustellen gilt.

Ein weiterer Abschnitt des "Revisionismus"-Kapitels bietet eine ausführliche Darstellung der in den Jahren von 1956 bis 1959 geführten "Auseinandersetzungen" mit dem Berliner Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski.

In Bestätigung, Ergänzung und Korrektur der autobiographischen Schriften, die Kuczynski vor und insbesondere nach 1990 vorlegte, sucht diese Arbeit die langdauernden, heftigen Parteikontroversen gegen den angeblichen Revisionismus des renommierten, international bekannten Wissenschaftlers aufzuhellen. Unbestritten zählte Kuczynski zu den prominentesten und zugleich zu den am heftigsten und längsten attackierten "Revisionisten" von 1957/58; in der SED-Kampagne gegen kritische Historiker steht dieser "Fall" - im Unterschied zu Mühlpfordt - gleichsam für die Variante des Kompromisses.

Als wichtige Quellen für die Studie erweisen sich vor allem jene Akten, die die zuständige Abteilung "Wissenschaften" und das "Büro Hager" im SED-Zentralkomitee speziell über Kuczynski angelegt hatten. Der Betroffene und nunmehr 92jährige Zeitzeuge hat sich bereiterklärt, den Fragen des Autors dieser Forschungsarbeit zur Verfügung zu stehen.

Konzipiert sind drei Schwerpunkte, die zu einem Großteil im Entwurf vorliegen.

  1. Kuczynski und der XX. Parteitag der KPdSU 1956
  2. Provokante Arbeiten: Sommer 1956 bis Frühjahr 1957. Rezeption und Analyse
  3. Kuczynskis "Historikerstreit". Schwerpunkte und Etappen der von den SED-Funktionären gesteuerten Kampagne: Februar 1957 bis Januar 1959.

1956/57 veröffentlichte Kuczynski eine Reihe von Arbeiten zu historischen, historisch-philosophischen, wirtschaftswissenschaftlichen und soziologischen Themen, mit denen er kontroverse Diskussionen von bis dahin nicht gekannter und auch danach kaum wieder erreichter Dimension auslöste. In diesen als Streitschriften gedachten Untersuchungen rüttelte er, zuweilen zugespitzt und zielgerichtet provozierend, an bisher "ehernen" Grundprinzipien orthodox-dogmatischen Verständnisses der "Weltanschauung der revolutionären Arbeiterklasse", insbesondere des Historischen Materialismus. Dem Ziel, einen "schöpferischen Marxismus" durchzusetzen, ordnete er die Aufgabe zu, die "marxistisch-leninistischen Gesellschaftswissenschaften" aus ihrer stalinistischen Starre, Formalisierung und Vulgarisierung zu lösen. Als "Streiter für die Wissenschaft" ging es ihm vornehmlich darum, die besonders vereinnahmten Geisteswissenschaften vom Zugriff der SED-Funktionäre zu befreien, die wachsende Unterordnung vor allem der Historie unter die Ziele der Parteipolitik zu überwinden. Er verstand seine Vorstöße um relative Eigenständigkeit und Freiheit der Wissenschaft zugleich als Appell, besonders an die "Gesellschaftswissenschaftler", sich nicht zu platten Agitatoren der SED-Politik degradieren zu lassen.

Die 1957 entfachte "Kritik" an Kuczynski - "organisiert" von den eilig auf den Plan gerufenen Hütern der Reinheit der "allmächtigen" Lehre - nahm nicht selten die Form unsachlicher, z.T. böswilliger Diffamierungen an; sie erweiterte sich zu einer regelrechten Kampagne und gipfelte in der Pauschalverdammung, "Revisionist" zu sein. Dieser schwerwiegenden Bezichtigung hat der überzeugte Kommunist zu keiner Zeit, bei aller Bereitschaft zu Teilzugeständnissen, "selbstkritisch" zugestimmt. Dafür mußte er langdauernde, entwürdigende "Auseinandersetzungen" hinnehmen, die zu einer schmerzvollen "Hetze" (wie Kuczynski dies rückblickend bezeichnet) nahezu aller ihm näherstehenden Zunft- und "Kampfgenossen" ausartete. Die Initiatoren der Kampagne, die Funktionäre im ZK-Apparat der SED, waren auf die Mitwirkung von "marxistisch-leninistischen Gesellschaftswissenschaftlern" gegen den unbequemen "Abweichler" angewiesen: ohne eine sich wissenschaftlich gebende "Kritik" aus den Reihen der Berufskollegen wäre das erstrebte "Zurückholen" oder eine Disziplinierung des bekannten Gelehrten und "Antifaschisten" mit guten Beziehungen zu "führenden" Sowjetwissenschaftlern kaum zu realisieren gewesen. Die Mobilisierung vieler "führender Genossen Historiker" gegen Kuczynski war entscheidend für den "Erfolg" auch dieser Kampagne.

Fortan war Kuczynski von jeglichen Spitzenämtern in Politik und Wissenschaft "befreit"; selbst sein Volkskammermandat mußte er niederlegen. Wenn er auch nicht (wie andere "Revisionisten") in die innere Emigration getrieben wurde, so blieb seine Wirksamkeit fortan relativ eng begrenzt. Sie war im wesentlichen auf seine weitgefächerten Forschungen konzentriert.

Die Studie verdeutlicht, daß Kuczynski mit seiner Dogmatismuskritik und den Vorstößen zur Verteidigung der Wissenschaft den Marxismus-Leninismus als "geschlossene" Weltanschauung weder in Frage zu stellen noch zu revidieren trachtete, daß er dem Disput als selbstverständlichem Prinzip wissenschaftlichen Arbeitens Geltung verschaffen, einer wirklichen Streitkultur in der Historiographie wie generell in den "Gesellschaftswissenschaften" zum Durchbruch verhelfen wollte. So enthüllt die Analyse der SED-Kampagne gegen Kuczynski den Zustand einer Gesellschaft, in der selbst geringfügige Ansätze von Zweifel und Kritik vehement bekämpft und schließlich zum Verstummen gebracht wurden.

Abschließend sollen aus dem 1. Schwerpunkt dieses Projekt-Abschnitts exemplarisch einige jener Forschungsresultate genannt werden, die - über die sehr speziell und thematisch eng anmutende Untersuchung hinausgehend - der Aufarbeitung der DDR-Geschichte von Nutzen sein und insbesondere dazu beitragen können, die Geschichte der SED (vorrangig unter ideologiehistorischem Aspekt) zu verdeutlichen und zu präzisieren: Die zuweilen anzutreffende Legende vom "Tauwetter" des Jahres 1956 ist wohl so nicht haltbar; auch nicht für nur kurze Zeit angesetzt - es sei denn, man bezieht diese Metapher auf die nach dem XX. Parteitag zunächst relativ ungehinderte Möglichkeit, dogmatismuskritisch publizieren zu können.

Die Studie macht darauf aufmerksam, daß die noch weitgehend unterschätzte Intelligenzrebellion von 1956/57 gründlicher als bisher zu untersuchen ist, insbesondere was ihre Dimension und vor allem ihre Differenziertheit anlangt.

In der Arbeit, die sich mit dem "Phänomen" der 28. ZK-Tagung (27.- 29.7.1956) beschäftigt, wird versucht, dieses SED-"Plenum" mit seiner erstaunlichen Dogmatismuskritik zu "normalisieren": die Tagung wird als Manöver der Führung der SED entlarvt, mittels taktischer Dogmatismuskritik die wirkliche Kritik kritischer Intellektueller der DDR in gewünschte Bahnen zu lenken sowie die Kritiker an der bisher unkritischen Haltung der SED-Spitze zu Personenkult und Dogmatismus zu täuschen und evtl. umzustimmen. Zugleich werden die später unter maßgeblicher Beteiligung von DDR-Zeitgeschichtlern vorgenommenen Manipulationen der Dokumente dieser Tagung - vornehmlich ihre Um-Interpretation und damit ihre Verfälschung - aufgedeckt.

Weitere Ziele

Im zweiten Kapitel sollen jene zentralen (interne wie öffentliche) Veranstaltungen von 1957 und 1958 dokumentiert und analysiert werden, in denen die SED-Führung unmißverständlich Zeichen setzte für die Einleitung der Endphase ihres "Kampfes um die volle Durchsetzung" des Marxismus-Leninismus in der Geschichtswissenschaft.

Dargestellt wird die - bisher von der Forschung noch zu wenig beachtete - interne Historikerberatung im SED-Zentralkomitee vom 20. Februar 1957, auf der sich die "Parteiführung" anschickte, die erwünschte "Offensive" gegenüber den Kritikern zu erlangen und ihr Verständnis von Politik und Geschichtswissenschaft durchzusetzen. In diese Untersuchung einzubeziehen ist die vorausgegangene "Beratung des Genossen Hager mit Genossen Historikern" (12. Januar 1956), die unter den Historikertagungen der DDR eine Sonderstellung einnahm. Auf dieser gleichfalls internen Beratung sahen sich die ZK-Funktionäre einer nahezu geschlossenen Front offen-kontrovers diskutierender Historiker gegenüber; zwei konträre Auffassungen von "marxistischer Geschichtswissenschaft" standen sich - hier noch scharf voneinander abgegrenzt - gegenüber: das akademisch gefaßte, auf einen "schöpferisch-kritischen" Marxismus setzende sowie das dogmatisch-orthodoxe, extrem "parteilich"-politisierende Verständnis von Historie.

Die Sichtung der letzten dieser internen Historikertagungen im Zentralkomitee (24. Januar 1958), die einen gewissen Abschluß der SED-Kampagne gegen die "revisionistischen Tendenzen" in der Geschichtswissenschaft bildete, soll zum Erkenntnisgewinn über die Taktik der Apparate der Staatspartei wie auch zu neuen Überlegungen über die Periodisierung der DDR-Historiographie (insbesondere zur Ortsbestimmung des "Schicksalsjahres" 1958) beitragen.

Einen Schwerpunkt dieses Kapitels bildet die historiographiegeschichtliche Auswertung der Materialien der großangelegten III. Hochschulkonferenz der SED vom 28. Februar bis zum 2. März 1958, deren Gesamtprotokoll jetzt zur Verfügung steht. Am Beispiel der rigoros forcierten "sozialistischen Umgestaltung" im universitären Bereich soll unser Wissen über die SED-Strategie "Wissenschaft im Sozialismus" vertieft und präzisiert werden. Darzustellen ist vor allem die mit diesem Konzept wesentlich verknüpfte Aufgabe, eine "sozialistische Intelligenz" mit dem apodiktischen Postulat zu schaffen, "jeden Wissenschaftler für den Sozialismus (zu) gewinnen - sofern er nicht unser offener Feind ... ist" (Hager). Aufmerksamkeit gilt der Analyse von Zielstellung, Methoden und Wirkungen der mit diesem Kurs verbundenen "Umerziehung" bürgerlicher Hochschullehrer. Insbesondere soll jene Taktik aufgehellt werden, die gegen Wissenschaftler angewandt wurde, die sich nur schwer oder gar nicht "umerziehen" ließen. Daneben sind die - vornehmlich bündnisstrategischen - Absichten zu verdeutlichen, die die Funktionäre mit der Gewinnung von "loyalen" nichtmarxistischen Gelehrten verbanden.

Das dritte Kapitel gilt der Erhellung der Methoden zur Umwandlung auch jener Bereiche zu marxistisch-leninistischen Spezialdisziplinen der "einheitlichen sozialistischen Geschichtswissenschaft", die sich bis dahin der Dominanz des Historischen Materialismus zu entziehen vermochten. Auf der Grundlage von Quellen, die bis 1990 unzugänglich waren, ist es möglich, detailliert nachzuzeichnen, wie dies - 1959 systematisch beginnend - den "fortschrittlichen Kräften" allmählich gelang. Das betrifft die Alte Geschichte sowie die Ur- und Frühgeschichte und teilweise auch die Mediävistik.

Darzustellen sind die Realisierungsvarianten zur "marxistisch-leninistischen Durchdringung" dieser Spezialbereiche. Das dabei angewandte Methodenspektrum ist zu kennzeichnen, insbesondere die Kombination aus Demagogie und rücksichtslosem Gebrauch des Machtmonopols: so u.a. die Isolierung und schließliche Ausschaltung der bürgerlichen Gelehrten wie auch die betonte Förderung "fortschrittlichen" Nachwuchses und die Schaffung von "Genossen Althistorikern" und "Genossen Ur- und Frühgeschichtlern" - wie man es formulierte.

Deutlich werden soll der Zusammenhang zwischen diesen Vorgängen und den folgenreichen Entscheidungen, die 1958 für die weitere Entwicklung der DDR-Geschichtswissenschaft gefallen waren. Das betrifft vor allem die von den SED-Funktionären als "Sieg" gefeierte Tatsache, kritische Tendenzen weitgehend überwunden und eine partei- und staatsergebene Historikerschaft etabliert zu haben. Zu untersuchen ist die spezifische Funktion der auf Initiative der SED-Führung am 18. März 1958 gegründeten Historikergesellschaft der DDR (DHG), vornehmlich die ihr zugedachte Aufgabe, "Organ" bei der "Förderung des Marxismus-Leninismus" in der geschichtswissenschaftlichen Forschung und Lehre sowie in der Geschichtspädagogik zu sein. Zu analysieren und kritisch zu werten sind die von der DHG im Oktober und November 1959 organisierten und gestalteten Fachkonferenzen in Altenburg und in Schwerin - bislang Desiderata der historiographiegeschichtlichen Forschung. Diese Tagungen, auf denen mehr oder minder trickreich die historisch-materialistische "Metamorphose" der Alt- bzw. der Prähistoriker gelang, wurden zu Gründungskonferenzen einer "marxistisch-leninistisch" ausgerichteten Sektion Alte Geschichte bzw. einer Fachgruppe Ur- und Frühgeschichte der DHG.

Das vierte Kapitel des Projekts befaßt sich im ersten Teil mit der noch nicht umfassend historisch-kritisch gewerteten "Nationalen Grundkonzeption der deutschen Arbeiterklasse". Diese "Theorie" war als die tragfähige Gegenstrategie zur "imperialistischen Geschichtskonzeption" gedacht. Propagiert als nationales Geschichtsbild (bzw. Geschichtsbewußtsein) der revolutionären Arbeiterklasse, prägte und beeinflußte sie die historische Forschung, Lehre und "Propaganda" wie auch den Geschichtsunterricht in der DDR bis weit in die sechziger Jahre.

Die Kennzeichnung dieser Parteivorgabe, die Ulbricht Ende 1958 vor Zeithistorikern verkündete, erfolgt im Kontext zu den Entscheidungen, die bei der Durchsetzung der Strategie "Wissenschaft im Sozialismus" gefallen waren: nunmehr "gestattete" sich die SED-Führung die direkte, auch inhaltlich-konzeptionelle Einflußnahme auf die Historiographie; das pervertierte Verhältnis von Politik und Geschichtswissenschaft erreichte eine neue Dimension.

Zu charakterisieren sind die Zielsetzungen und Wirkungen dieser "einheitlichen historisch-politischen Leitidee". Vorzunehmen ist ihre Einordnung in die Grundlinie der SED-Politik und deren taktische Wendungen, besonders in der "nationalen Frage". Es soll nachgewiesen werden, daß damit ein durchgängiges Prinzip für die historische Arbeit insgesamt sowie für die zu verstärkende "Auseinandersetzung" mit der westdeutschen Historiographie konstruiert wurde, daß damit auch der Bezugspunkt für die Erforschung der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts mit dem exponierten Stellenwert der Arbeiterbewegung als Maßstab ebenso gefunden war wie der rote Faden für die angestrebte zentrale Planung und Koordinierung, vor allem aber Kontrolle der geschichtswissenschaftlichen Forschung und Lehre in der DDR.

Dargestellt werden Varianten des zustimmenden bis ablehnenden Verhaltens zu diesem von der SED-Führung oktroyierten Konzept. Von der Mehrzahl der etablierten Historiker als "orientierende Leitidee" angenommen, wurde es als Antithese zur angeblich antinationalen Geschichtskonzeption der westdeutschen Bundesrepublik verstanden und propagiert. Kritisch zu sichten ist die Fülle der Arbeiten von Geschichtswissenschaftlern und Philosophen zur theoretischen "Begründung" dieser These. Daneben soll nachgewiesen werden, daß es Versuche - von allerdings nur wenigen - gab, die "Nationale Grundkonzeption" zu ignorieren bzw. der geforderten "Umsetzung" dieser Forschungsstrategie eigene Positionen entgegenzuhalten.

Der zweite Teil dieses Kapitels soll sich der historiographiegeschichtlichen Untersuchung des Projekts einer mehrbändigen "Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" widmen. Einbezogen in dieses Vorhaben wird die Problematik der Entstehungsgeschichte des Werkes. Es ist zu zeigen, daß diese erste umfassende, in sich geschlossene eigenständige Forschungsarbeit der DDR-Geschichtswissenschaft paradigmatisch für künftige Großvorhaben war. Dies gilt sowohl für die direkte, leitende Beteiligung der SED-Spitze an der Erarbeitung und Diskussion des Werkes sowie für den vorausgehenden "Grundriß" als Leitfaden als auch für die hochgelobte "kollektive Arbeitsweise" und für den angestrebten und - zumeist in den Parteischulungen - rigoros durchgesetzten Lehrbuchcharakter.

Im kritischen Blick sollen die inhaltliche Problematik des Mehrbänders, seine methodischen und auch sprachlich-gestalterischen Schwächen stehen. Neben den ideologischen Positionen der Arbeit und ihren dogmatisch-deterministischen Prämissen sind u.a. ihre starken Verabsolutierungen, Einseitigkeiten und Vergröberungen sowie ihre ausgeprägt selektiven und schematischen Züge zu kennzeichnen.

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