Hinweis: Die Zahlen in Klammern verweisen auf die Anmerkungen am Ende des Textes
Siedlungsarchäologie, Agrararchäologie und Umweltarchäologie: Das mag beim erstmaligen Lesen oder Hören als Effekthascherei oder Modernismus erscheinen; aber mit diesen drei Begriffen sind neuere Arbeitsgebiete des Faches Archäologie der Römischen Provinzen in Deutschland gut abgedeckt.
Wir sind in erster Linie Archäologen; im Rahmen der allgemeinen Geschichtswissenschaft, zu der die Archäologie gehört, könnte man auch von Siedlungsgeschichte, Agrargeschichte und Umweltgeschichte sprechen. Da aber unsere Quellen, besonders in der Archäologie der nordwestlichen Provinzen des römischen Reiches, dinglicher Natur sind, ist der Begriff Archäologie vorzuziehen, also: Siedlungsarchäologie, Agrararchäologie und Umweltarchäologie.
Dieser Begriff ist in seinem heutigen Verständnis seit 1930 etabliert und hat die klassische Beschreibung in dem Handbuch von Herbert Jankuhn, Einführung in die Siedlungsarchäologie (Berlin-New York 1977) gefunden. In einem Schema auf Seite 7 bzw. 9 dieses Werkes sind unter dem Dach der Siedlungskunde drei Disziplinen zusammengefaßt: Siedlungsarchäologie - Siedlungsgeographie - Siedlungsgeschichte. Während die Siedlungsgeschichte die Auswertung von schriftlichen Quellen jeglicher Art betreibt, versucht die Siedlungsgeographie(1) durch Analyse von Karten und heutigen Fluren regressiv frühere Formen menschlichen Siedlungsverhaltens zu rekonstruieren. Das kann nicht sehr weit in vorheutige Epochen zurückführen: das Kartenmaterial ist meist nicht älter als 200 oder 300 Jahre, und vormittelalterliche Flurformen oder gar römische sind kaum bekannt(2). Schriftliche Quellen, die jenseits von Herrscher- und Kriegsgeschichte fundiertere Aussagen zum Siedlungsverhalten des Menschen erlauben, sind ziemlich selten. So kommt es vor allem der Archäologie zu, an Hand von Befunden und Funden frühere Epochen zu erforschen. Die Siedlungsarchäologie umfaßt nach H. Jankuhn jeglichen Aspekt, sie ist nicht allein Ausgrabung und Beurteilung einer Siedlung, der zugehörigen Gräberfelder, der Verkehrswege, sondern auch Beurteilung der Funde für chronologische, technikgeschichtliche, handelsgeschichtliche, kulturgeschichtliche, religiöse u.a. Aspekte. Die moderne Siedlungsarchäologie bezieht selbstverständlich die Naturwissenschaften mit ein: Archäozoologie(3), Archäobotanik(4), Bodenkunde, Klimatologie. Modernste Prospektionsmethoden wie Luftbildarchäologie und Geophysik(5) gestatten es immer mehr, auch ohne Ausgrabungen und wesentlich kostengünstiger ganze Landschaften zu analysieren.
H. Jankuhn, der große Siedlungsarchäologe, hat in seinen Forschungen und Anstößen immer diesen Gesamtaspekt im Auge behalten und in vielen, von der Göttinger Akademie veranstalteten Kolloquien und in gewichtigen Publikationen interdisziplinär gearbeitet. Er hat sich damit ganz stark von der althergebrachten typologisch-antiquarischen Methode abgesetzt, wie sie z.B. von der Münchner Schule unter J. Werner betrieben wurde. Das bewundernswerte, aber bisher nur bis zum Buchstaben F gediehene Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (2. Auflage Hoops) samt zugehörigen Begleitbänden, übrigens eine wahre Fundgrube auch für den römischen Archäologen, ist ebenfalls von H. Jankuhn maßgeblich initiiert worden.
Nach den Restriktionen der NS-Zeit hat die Archäologie der Römischen Provinzen in Deutschland, aber auch in den Nachbarländern Niederlande, Belgien, Schweiz und Österreich einen gewaltigen Auftrieb erfahren (6). Das liegt natürlich einerseits am Bauboom, andererseits jedoch auch an einem gesteigerten Interesse an den Römern. Hier kam vor allem ein siedlungsarchäologisches Interesse zum Tragen: nicht nur der einzelne chronologisch wichtige oder schöne Fund, die Statuette, das Relief, das Mosaik, die Wandmalerei, das Herrenhaus eines Gutshofes, das Stadthaus usw. Es wurden, nach Möglichkeit, die Lager ganz oder mit raffiniert-genial angelegten Schnitten untersucht - H. Schönberger ist ein Meister dieser Technik -, ganze Stadtareale freigelegt oder Gutshöfe komplett ergraben; schließlich ist man im Bereich der gigantischen Braunkohletagebaue im Rheinland zwischen Köln und Aachen ganzen römerzeitlichen Siedlungslandschaften nachgegangen (7). Diese Forschungen erlauben es jetzt, nachdem unter Kolluvien ältere Siedlungshorizonte 5 bis 8 Meter unter heutigem Niveau entdeckt wurden, die Umwelt der ebenfalls ergrabenen Gutshöfe zu rekonstruieren und eine markante Änderung im Landwirtschaftssystem in der 1. Hälfte des 3. Jahrhunderts n.Chr. zu erkennen. Auf diesen Aspekt ist im letzten Abschnitt zurückzukommen.
Im Rheinland (8), wo H.v. Petrikovits wesentliche
Impulse zur Siedlungsarchäologie und zur Fundbearbeitung, zur Etablierung der
Naturwissenschaften und zur Entwicklung der Prospektionsmethoden verdankt werden, wurde
eine andere wichtige Methode weiterentwickelt: die archäologische Landesaufnahme, in der
sämtliche bekannten Befunde und Funde aufgenommen und durch Geländebegehungen ergänzt
werden. Zu nennen sind die Kreisaufnahmen von Bergheim (1969, H. Hinz), Kempen-Krefeld
(1971, G. Loewe) und Geldern (1960, F. Geschwendt). In ausgewählten Arealen in der
Voreifel wurden römerzeitliche Flurrelikte untersucht, Nebenerwerbsanlagen zu Gutshöfen
erkannt und Beziehungen zum Verkehrsnetz analysiert. Kleinere Ausgrabungen dienten hier
nur der Kontrolle (9).
Dieser ganzheitliche Aspekt einer Siedlungsarchäologie von ländlicher Besiedlung, Verkehrsnetz, vici, Militäranlagen und städtischen Agglomerationen hat wesentlichen Einfluß in der römischen Forschung ausgeübt. Für Rheinhessen (10), den Rheingau und die Wetterau (11) wurden Inventarwerke zur ländlichen Besiedlung erstellt; im Süden Deutschlands, wo lange Zeit die Erforschung der militärischen Anlagen im Vordergrund stand, hat man erst mit einiger Verzögerung seit den 70er Jahren Stadt-Lager-Land-Beziehungen erforscht: W. Czysz, Nördlinger Ries (12) (Diss. 1975); H. Bernhard, Umland Speyer (13). Im Jahre 1990 erschien die bemerkenswerte, 1978 als Münchner Dissertation abgeschlossene Arbeit von Th. Fischer über das Regensburger Umland (14); andere Vorhaben für Nordrhein-Westfalen (15) und Baden-Württemberg (16) sind geplant oder stehen vor dem Abschluß. Für das römische Österreich ist Ähnliches nicht bekannt, über die Schweiz ist ein Überblick schwierig, so daß man sich mit Teilaspekten begnügen muß (17).
Die Studie von Th. Fischer zum Regensburger Umland, in der nicht nur Befunde und Funde der ländlichen Siedlungen analysiert wurden, sondern auch deren Beziehung zum während der Markomannenkriege zerstörten Hilfstruppenlager Kumpfmühl, dem Legionslager in der Altstadt, zu den canabae und vici und anderen Siedlungen dörflichen Charakters in die Betrachtung einbezogen wurde (18), ließ es als besonders interessant erscheinen, das östlich anschließende Areal bis zur norischen Grenze zu bearbeiten. So hat G. Moosbauer in seiner Dissertation das Material der Stadt- und Landkreise Straubing, Straubing-Bogen, Deggendorf, Passau-Land und Stadt, Rottal-Inn und Dingolfing-Landau bearbeitet (19) (allein über 8.000 Fundnummern). Damit wurde auch eine Verbindung zum Untersuchungsgebiet der Kolleginnen und Kollegen vom Österreichischen Archäologischen Institut Wien (20) um Altheim und Braunau auf der oberösterreichischen Innseite hergestellt.
Ein anderes Projekt, das weit über den nationalen Rahmen hinausführt und in dem die Siedlungsarchäologie des zentralen Teils Mitteleuropas zur Darstellung kommt, sei hier angeschlossen. 1990 hat das Fach Archäologie der Römischen Provinzen an der Universität Passau die interessante Aufgabe erhalten, zwei Blätter des neu konzipierten 'Atlas of the Greek and Roman World' zu übernehmen. Das monumentale Werk mit 60 Mitarbeitern, 10 Vikaren und einem General-Editor Richard Talbert wird von der American Philological Association gesponsert und herausgebracht und soll Ende 1999 erscheinen (21). Das von uns übernommene Nordblatt 12 Mogontiacum-Reginum-Lauriacum umfaßt Areale diesseits und jenseits der Reichsgrenzen, was die Bearbeitung interessant, aber besonders schwierig machte. Das Südblatt 19 umfaßt den zentralen Alpenbereich von Kempten-Salzburg bis Mailand-Istrien.
Der Atlas reicht chronologisch von ca. 550 v.Chr. bis etwa 640 n.Chr. Die Schwierigkeit, allein auf den erwähnten beiden Blättern ganz verschiedene Kulturstufen darzustellen, liegt auf der Hand. Die Tatsache, daß es gelungen ist, heutige nationale Grenzen zu überwinden (22), hebt das Unternehmen deutlich von der dahindümpelnden Tabula Imperii Romani (TIR) ab. Die zuletzt erschienenen Blätter (23) sind sozusagen eine Pervertierung der wissenschaftlichen Gemeinschaft, weil Areale in Portugal und Frankreich bzw. Syrien, Jordanien und Ägypten einfach ohne archäologische Eintragungen erschienen sind (24).
Wie eingangs erwähnt, gehören Untersuchungen in den Städten, Dörfern u.ä. ebenfalls in den Bereich der Siedlungsarchäologie. Die Publikation aller dieser Unternehmungen, die meist Notgrabungen waren (25), ist zeitaufwendig und schwierig. Die Ergebnisse sind meist nur aus Vorberichten bekannt. Es gibt derzeit nur zwei römische Städte, deren Entwicklung auf Grund neuer publizierter Untersuchungen besser zu beurteilen ist (26): Augst/Kaiseraugst am Hochrhein und Xanten am Niederrhein (27). In Österreich ist nach langer Stagnation und der Dominanz der Militärarchäologie an der Donau (28), der Magdalensbergforschung und der Untersuchung frühchristlicher Anlagen (29) die Stadtkernuntersuchung in St. Pölten/Cetium, Flavia Solva(30) und Virunum (31) aufgenommen worden. Hier wird nun nicht mehr pauschalierend historisch argumentiert, sondern mit minutiöser Analyse archäologischer Befunde und Funde der Entwicklung der Stadttopographie nachgegangen. Den "nichtstädtischen Siedlungen" (32) oder den agglomérations secondaires (33) hat sich die Forschung verstärkt zugewandt und neuere Überblicke vorgelegt bzw. durch Grabungen z.B. in Bad Wimpfen, Walheim und Ladenburg (34) den Übergang vom Hilfstruppenkastell in eine zivile Siedlung (civitas - Vorort) untersucht. In Augsburg schließlich konnte nun endgültig begründet werden, warum das Siedlungsmuster des Munizipiums des 2./3. Jahrhunderts n.Chr. sich so merkwürdig unorganisch entwickelt hat. Auch hier geht nämlich der späteren Provinzhauptstadt eine militärische Anlage voraus, die unmittelbar an den Komplex Augsburg-Oberhausen anschließt und wahrscheinlich erst in flavischer Zeit aufgelassen wird (35). Derzeit tendiert die Forschung dazu, Kempten als den Vorläufer im Range einer Provinzhauptstadt zu betrachten (36). Die Verlagerung der Verwaltung von letzterem Ort nach Augsburg, wohl in hadrianischer Zeit (municipium Aelium Augustum), bedeutete einen Abschwung für den Platz im Allgäu, was sich siedlungsarchäologisch auch an fehlenden Nachweisen von Bauprogrammen der späteren mittleren Kaiserzeit nachweisen läßt.
Die Grabungen im zivilen Rottweil (37), das gleich mehrere Truppenlager zu beiden Seiten des Neckar als Siedlungsvorläufer hatte, haben einige neue Aspekte einer Stadtentwicklung gebracht, auf die besonders C.S. Sommer hingewiesen hat (38). In einer ganzen Reihe weiterer Siedlungen im römischen Deutschland bzw. in der Germania Superior(39) und Inferior (40) und Belgica(41) wird laufend gegraben, wobei Trier, nachdem während der 60er und 70er Jahre einige bedeutende Publikationen unter R. Schindler herausgebracht wurden, derzeit wegen enormer Grabungsverpflichtungen und Museumsbauten publikationsmäßig zurückbleibt (42).
Eine siedlungstopographische Erscheinung ist anläßlich der Publikation von Ladenburg durch die beiden Autoren näher beschrieben worden (43): einfache, bekieste Marktplätze vor einem Tor des Lagers. Solche dem Handel und Tausch zwischen Militärangehörigen und Händlern/Handwerkern dienenden Anlagen sind inzwischen bei anderen Truppenlagern erkannt worden, z.B. Regensburg-Kumpfmühl, Künzing, und wurden von C.S. Sommer in einer wichtigen Forschungsübersicht behandelt (44).
Mit einem Verweis auf die Archäologie der militärischen Anlagen soll dieser Abschnitt beschlossen werden. Ihre Erforschung wurde, sei es im Gelände oder am Schreibtisch bzw. am Computer kontinuierlich gefördert, auch veranlaßt durch ein Jubiläum 1992, nämlich der Gründung der Reichslimeskommission 1892. Durch die Herausgabe von Katalogen und Führern hat sie eine Bestandsaufnahme erfahren (45). Komplette Untersuchungen sind wegen der Größe der Aufgabe selten geworden (46). Rekonstruktionen von Wachttürmen oder von Teilen der Lagermauern, die ja auch eine Menge Geld kosten, freilich öfters mit ABM-Kräften bewältigt wurden, erfreuten sich während der 70er und 80er Jahre großer Beliebtheit (47).
Strukturanalysen mittels moderner geographischer Methoden (Christaller, v. Thünen) sind versucht und teilweise zur Erkennung antik römischer Marktverteilungsmuster akzeptiert worden (48). Der Verkehr auf dem Wasser - die nordwestlichen Provinzen besitzen ja mehrere große Flußsysteme - kann dank neuer Schiffsfunde an Rhein und jetzt auch Donau bzw. durch Hafenbefunde wesentlich besser beurteilt und dem bisher wohl etwas überbewerteten Verkehr auf dem Lande als gleichrangig, wenn nicht gar für bestimmte Transportprobleme als überlegen entgegengestellt werden (49).
Der Begriff Agrararchäologie ist relativ jungen Datums, hat aber schon Eingang in die Konversationslexika gefunden, z.B. im Brockhaus von 1986: "interdisziplinäre Wissenschaft ... zur Erforschung der ländlichen Siedlungsentwicklung in der Wechselbeziehung von Art und Lage früher Siedlungen mit Böden, Flurformen und Nutzungsweise. Die Voraussetzungen sind in engräumigen natürlichen Siedlungskammern ... besonders günstig. Die Agrararchäologie bedient sich so unterschiedlicher Methoden wie der Luftbildarchäologie, Siedlungsausgrabungen und botanischer Untersuchungen von Kulturpflanzenresten".
Die Agrararchäologie ist damit eine Teildisziplin der Siedlungsarchäologie; neben der
Erforschung der ländlichen Siedlungen römischer Zeit, zu denen vornehmlich die bekannten
villae rusticae gehören, aber auch die noch wenig erforschten native farmsteads (50), wird dem Stadt-Lager-Land-Verhältnis mehr und
mehr Beachtung geschenkt; denn in den erst genannten Siedlungen saßen die Konsumenten,
die von außen her versorgt werden mußten. So könnte man die oben, unter dem Stichwort
'Siedlungsarchäologie in zivilen Anlagen' aufgezählten Arbeiten von Czysz, Bernhard,
Fischer, Moosbauer und anderen natürlich auch unter Agrararchäologie anführen. Die
allmähliche Entstehung, die Blüte und der Untergang einer römerzeitlichen
Agrarlandschaft wurden auch in den Niederlanden (51),
Belgien und Nordfrankreich (52) studiert. So
entschlossen wir uns, auf einem in Passau 1991 veranstalteten Kolloquium eine Synthese zu
wagen. Die gemeinsam vom Lehrstuhl für Alte Geschichte und dem
Fach Archäologie der Römischen Provinzen eingeladenen Kolleginnen und Kollegen
berichteten über ländliches Siedlungswesen und Landwirtschaft entlang der
Rhein-Donau-Achse von England bis Rumänien; es waren ferner Naturwissenschaftler mit
Vorträgen über Bodenkunde, Klimatologie, Archäobotanik und Archäozoologie vertreten;
Althistoriker berichteten über schriftliche Quellen, das Stadt-Land-Verhältnis und
Kolonensystem. Fast alle Beiträge wurden 1994 veröffentlicht (53).
Der eingangs erwähnte H. Jankuhn hat auch zur Agrargeschichte ein sehr wichtiges Werk verfaßt; sein 1969 herausgegebenes Buch 'Deutsche Agrargeschichte. Vor- und Frühgeschichte vom Neolithikum bis zur Völkerwanderungszeit' war die erste Synthese zum Thema in deutscher Sprache und behandelte auf knapp 18 Seiten die römische Epoche. Nicht wesentlich mehr Informationen enthält die 1979 von E. Ennen und W. Janssen herausgebrachte 'Deutsche Agrargeschichte, Vom Neolithikum bis zur Schwelle des Industriezeitalters', in der der römischen Kaiserzeit 15 Seiten zukommen. Nach dem immensen Zuwachs an neuen Grabungsergebnissen, die Hereinnahme der wichtigen Naturwissenschaften und nach negativen, abwertenden Urteilen über die römische Agrarwirtschaft (z.B. M. Finley, A.H.M. Jones) schien es nötig, eine zeitgemäßere Synthese zu wagen. Der Verlag E. Ulmer, der bereits 1969 den Band von H. Jankuhn herausgebracht bzw. die 'Deutsche Agrargeschichte' betreut hatte, entschloß sich anfangs der 90er Jahre, eine komplett neue 'Deutsche Agrargeschichte' herauszubringen. Der Band 3 'Vor- und Frühgeschichte' wurde jetzt zur Revision gegeben und dürfte im Laufe dieses Jahres erscheinen. Er enthält Beiträge von J. Lüning über das Neolithikum, von A. Jockenhövel über die Metallzeiten, von H. Bender über die römische Kaiserzeit innerhalb der Grenzen des Imperium Romanum und von T. Capelle, Die Frühgeschichte vom 1. bis 9. Jahrhundert n.Chr. ohne römische Provinzen (54).
Die Vernetzung der Untersuchungsergebnisse aus zivilen sowie militärischen Siedlungen und über das Verkehrsnetz erbringt nicht nur ein Gesamtbild der Siedlungsentwicklung, sondern zeigt auch kausale Abhängigkeiten zwischen den verschiedenen Siedlungsformen und Straßen auf. Unregelmäßigkeiten scheinen nur dort vorzuliegen, wo vorrömische (keltische) Siedlungsstrukturen die römischen durch die Präsenz autochthoner Bevölkerungsgruppen beeinflußt haben, wie z.B. in Teilen Niedergermaniens (55). M. Struck zeigt den Zusammenhang zwischen den Siedlungsgründungen im Isartal bei Landshut (Niederbayern) mit dem Bau der römischen Isartalstraße (56). Für Niedergermanien konnten ähnliche Beziehungen zwischen Gutshöfen und Straßen festgestellt werden (57). Viel zu wenig wurde in der Vergangenheit noch auf die Bedeutung der Nebenarme der großen Flußsysteme als Verkehrsfaktor eingegangen; gerade die Arbeiten von Eckoldt zeigen die Schiffbarkeit auch kleiner Flüsse (58). Überträgt man Eckoldts Thesen auf römische Villenstandorte, so scheinen viele neue verkehrsgeographische Zusammenhänge zwischen Gutshöfen und Zentralorten auf.
Th. Fischer arbeitete in seiner Studie eine enge zeitliche Beziehung zwischen der Anlage der Gutshöfe im Regensburger Umland zur Gründung des dortigen Legionslagers in der Altstadt, zu Anlage und Zerstörung des Auxiliarlagers in Kumpfmühl während der Markomannenkriege, zu den canabae und vici und anderen Siedlungen dörflichen Charakters heraus (59). G. Moosbauer (60) stellte bemerkenswert Gegenläufiges, aber auch Gleichläufiges fest und eine im Gegensatz zum Regensburger Umland regional bis in die Spätantike gehende Besiedlung. Während im Regensburger Umland die meisten Siedlungen nach Anlage des dortigen Legionslagers um die Wende vom 2. zum 3. Jahrhundert entstanden sind, kann im Hinterland der im ausgehenden ersten bis beginnenden zweiten Jahrhundert in voller Stärke ausgebauten Lager von Straubing, Steinkirchen, Moos-Burgstall, Künzing und Passau die Existenz der meisten Villenstandorte bereits in der ersten Hälfte oder um die Mitte des zweiten Jahrhunderts nachgewiesen werden. Es zeigen sich unter Einbeziehung von Fischers und Strucks Arbeiten ganz unterschiedliche Entwicklungen in den verschiedenen ostraetischen Mikroregionen, die unter Berücksichtigung der Naturlandschaft, des Verkehrsnetzes oder naher Zentralorte voneinander abzugrenzen sind (61). Eine Interpretation der Siedellandschaft kann deshalb nur unter Ausgrenzung pauschalisierender Aussagen mit Blick auf die Mikroregionen einer Landschaft unter genauer antiquarischer und methodischer Analyse des vorhandenen Materials vorgenommen werden.
Damit rückt eine weitere Komponente agrararchäologischer Betrachtungen in den Vordergrund, die Analyse der Überlieferungs- sowie Auffindungsverhältnisse und der Erhaltungsbedingungen für die sachlichen Quellen. Diese in Deutschland noch sehr junge Disziplin, die am besten mit der Bezeichnung "theoretische Archäologie" zu beschreiben ist, hat ihre Vorläufer im angelsächsischen Raum (62). Auch fanden bereits Konferenzen zu diesem Themenkreis in Frankreich statt (63). Diese Disziplin ist eng mit der Kulturlandschaftsentwicklung oder Umweltarchäologie verbunden, da Umwelteinflüsse wie Bodenerosion stark den Erhaltungszustand der archäologischen Quellen beeinflussen können (64). Als grundlegend kann ein von Haselgrove, Millett und Smith herausgegebener Band betrachtet werden, in dem eine praktisch verwertbare Terminologie zum Thema erarbeitet wird (65). Diese Terminologie ist unbedingt notwendig, um mit der gebotenen Distanz kritisch den siedlungsarchäologischen Quellen (Befunden, Funden) gegenüberzustehen. Im Zentrum der Betrachtungen steht die Herausarbeitung des Unterschieds zwischen ursprünglich tatsächlich vorhandenen und dem Archäologen zur Interpretation vorliegenden Quellen sowie die Beschreibung der Ursachen, die zum Verlust von Quellen am Fundplatz durch Umweltfaktoren oder durch die Bergungsbedingungen führen. Gute praktische Beispiele für die Vorgehensweise bei Prospektionen, aber auch für Interpretationsmöglichkeiten werden ebenfalls von angelsächsischen Projektgruppen gegeben (66). Die Übertragung dieser methodischen Ansätze auf die Interpretation der Siedlungsentwicklung einer Landschaft führt zu einer wesentlich vorsichtigeren und damit differenzierten Betrachtungsweise.
Es ist außerordentlich bedauerlich, daß das "Handbuch zur Siedlungsgeschichte Mitteleuropas", das seit 1980 in Planung war und maßgeblich von dem historischen Geographen K. Fehn in Bonn initiiert und herausgegeben werden sollte, an Terminschwierigkeiten, unzuverlässigen Mitarbeitern und zu vielen Autoren gescheitert ist. Der Band Vor- und Frühgeschichte liegt in Manuskriptform in größeren Teilen vor; es ist zu hoffen, daß wenigstens er als Sonderpublikation einmal erscheinen kann (67). Wesentliche Beiträger an diesem Band sind Mitglieder des Arbeitskreises für Genetische Siedlungsforschung in Mitteleuropa, in dem Historiker, Geographen und Archäologen in jährlich abgehaltenen Tagungen interdisziplinär Vorträge abhalten und in der Zeitschrift Siedlungsforschung (68) regelmäßig publizieren.
Dieser Begriff ist ebenfalls lexikabel geworden. Er taucht im Brockhaus von 1993 auf und wird dort in Verbindung mit der englischen, schon wesentlich länger etablierten environmental archaeology ziemlich treffend erklärt (69): "...ein Forschungsbereich der Vor- und Frühgeschichte, dessen Ziel die Erschließung von Landschaft und Umwelt der vorgeschichtlichen Epochen ist. Die Umweltarchäologie ist aus der Verbindung archäologischer, geographischer und naturwissenschaftlicher Forschungen hervorgegangen. ... Neben den naturbedingten Einflüssen auf die Umwelt (Klimaschwankungen, Naturkatastrophen) sind die kulturbedingten Einwirkungen Forschungsschwerpunkt der Umweltarchäologie. ... Die zu Beginn der Jungsteinzeit auftretenden grundlegenden wirtschaftlichen Veränderungen werden von der Umweltarchäologie in bezug auf die stärkeren Auswirkungen der Ökonomie auf die Landschaft untersucht. Garten- und Ackerbau, Rodung, Bewässerung und Weidewirtschaft sind Phänomene, die von der Agrararchäologie (Siedlungsarchäologie) bereits seit Jahrzehnten im Hinblick auf die Instabilität der Umwelt erforscht werden." Es ist offensichtlich, daß die Forschungsdisziplin Umweltarchäologie hier weniger negative Erscheinungen aufzuzeigen versucht, sondern mehr als ganzheitliche Erforschung früher Umwelten verstanden wird. Naturwissenschaftliche Nachweise von Umweltbelastung, etwa in der Form von Metallelementen, sind möglich und können von der Römischen Epoche an erkannt werden (70). Es ist aber für die nordwestlichen Provinzen im Gegensatz zu bestimmten Regionen des Mittelmeeres nicht möglich zu sagen, ob das als Belastung empfunden wurde. Standortwechsel römischer Siedlungen wegen Umweltbelastung sind archäologisch kaum nachzuweisen. Die Siedlungen dieser Zeit sind aber wesentlich ortskonstanter als während der vorhergehenden Epochen mit Subsistenzwirtschaft. G. Kossack (71) hat das in einem kürzlich erschienenen Beitrag sehr schön beschrieben.
Diese schnelle Etablierung einer Forschungsdisziplin, deren ganzheitlicher Aspekt deutlich scheint, ist bemerkenswert. Das war 1987, als der Arbeitskreis für Genetische Siedlungsforschung in Mitteleuropa seine Jahrestagung in Würzburg abhielt, noch relativ neu. Der damals gehaltene Vortrag mit dem Titel 'Historische Umweltforschung aus der Sicht der provinzialrömischen Archäologie', erschienen 1988, inzwischen auch in englischer Fassung vorliegend (72), versuchte auf drei verschiedenen Ebenen, das Thema für die römische Antike anzugehen: Luftverunreinigung, Wasserverschmutzung, Lärmerzeugung, Abfallanhäufung, Verbrauch oder Zerstörung von Natur und Landschaft, also Negatives als erstes, Rekonstruktion früher Umwelten zweitens und an dritter Stelle schließlich durch die Betrachtung eines Mosaiks aus Nordafrika das Verhältnis des Römers zu seiner Umwelt. Seitdem sind zehn Jahre vergangen und Publikationen zu Umweltproblemen in der griechisch-römischen Antike sind, vor allem im englischsprachigen Raum, seither in solcher Menge erschienen, daß es schwer fällt, den Überblick zu bewahren: angefangen von dem reißerisch aufgemachten Band von K.-W. Weeber (73) über eine Neuauflage des Buches von J.D. Hughes (74) bis zu der schönen Publikation von G.E. Thüry (75).
Bei vielen Publikationen (76) kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß im Hinblick auf ein aktuelles Thema die schon immer vorhandenen antiken Quellen, ob nun Texte oder Abbildungen, wieder einmal abgeklopft, letztlich jedoch nur negative Aspekte dargestellt werden (77). Dabei wird dem Nicht-Spezialisten, vor allem im deutschsprachigen Raum, gerne unterschlagen, daß die Naturwissenschaften zur Untersuchung der natur- und kulturbedingten Einwirkungen des Menschen auf seine Umwelt in den nordwestlichen Provinzen des Imperium Romanum laufend ganz entscheidende Kriterien zur Verfügung stellen. Vielleicht wird das schöne Buch von H. Küster (78) bei der interessierten Öffentlichkeit ein Umdenken einleiten.
An neuen Versuchen, in den Mittelmeerländern die Umwelt während der griechisch-römischen Antike zu rekonstruieren, ist kein Mangel. Dieser Zweig der Physischen Geographie wird mit Geoarchäologie (79) bezeichnet; er ist leider im deutschsprachigen Raum unter den Archäologen noch wenig bekannt, obwohl z.B. mit den österreichischen Ausgrabungen in Ephesos und den deutschen in Milet Projekte zur Erforschung des "Landschaftswandels im Spiegel geologischer und archäologischer Zeugnisse" durchgeführt werden. H. Brückner, den wir hier zitieren, hat in dem von J. Martin herausgegebenen prachtvollen Band 'Das Alte Rom (1994)' "Das Mittelmeergebiet als Naturraum" (80) beschrieben. Die englische und französische Fachliteratur ist wesentlich reicher an Beiträgen, z.B.: G. Barker und J. Lloyd, Roman Landscapes. Archaeological Survey in the Mediterranean Region, London 1991; G. Barker, Mediterranean Landscapes Change, Leicester 1995; ferner die Namen J. Bintcliff, L.J. Chapman, G. Shipley, J. Salmon, die Franzosen P. Leveau, P. Silliere, J.-P. Vallot. Vor allem italienische Forscher, aber auch solche aus Spanien und den USA haben breit angelegte Begehungsprogramme durchgeführt (81). In Deutschland beschäftigt sich offenbar nur der Klassische Archäologe H. Lohmann mit dieser Thematik (82).
Die Erforschung des antiken Ökosystems und seiner Änderungen ist weniger eine Sache der klassischen Befund- und Fundanalyse in einer sonst starr oder gleichbleibenden Umwelt; diese ändert sich, weniger natur- denn anthropogen bedingt, laufend; Anzeiger für diese Faktoren können kaum archäologische Funde im herkömmlichen Sinne sein, sondern so unscheinbare Dinge wie Käferreste, Schnecken und Nagetiere, Pollen von Pflanzen usw., also die Fauna und Flora einer Mikroregion, die hervorragende lokale Umweltindikatoren sind. Aufgrund des gemäßigten Klimas in unseren Breitengraden haben sich alle diese Indikatoren hervorragend erhalten und es erlaubt, ganz bemerkenswerte Fortschritte in der Rekonstruktion der antiken Natur- und Kulturlandschaft in den nordwestlichen Provinzen zu erzielen (83).
Schließlich noch etwas zum Begriff Kulturlandschaftsforschung (84). Kulturlandschaftsrelikte haben sich kaum in stark zersiedelten, industrialisierten und agrarwirtschaftlich dauernd genutzten Arealen erhalten; sie sind heute meist nur noch dort zu finden, wo sie unter Wald geschützt waren oder vom Menschen wenig genutzt oder nicht dauernd betreten werden konnten. Letzteres ist öfters entlang von Staatsgrenzen der Fall, war sogar bis zum Ende des Eisernen Vorhanges in extremer Weise entlang unserer östlichen Grenze erzwungen. Der Wert der dort erhaltenen Kulturlandschaftsrelikte wurde erst in den letzten Jahren erkannt; in der Form eines hoffentlich sanften Tourismus wird an vielen solcher Gunststellen versucht, dem aktiven, wandernden Besucher Geschichte in der Landschaft und menschliches Einwirken auf diese so gewordene Umwelt begreifbar zu machen, also Abkehr vom statischen Museum und von toten Funden in Vitrinen. Das ist vom Gedanken her ganz ähnlich wie Stadtrundgang oder Stadtführung in historischen Altstädten mit vielen bedeutenden Baudenkmälern. Im Bereich der Mittelmeerländer ist die historische Landschaft schon längst in Wert gesetzt worden, warum also nicht auch hier in Deutschland, wo vieles vor der eigenen Haustür erfahren werden kann!
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Arbeitsgemeinschaft außeruniversitärer historischer
Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland e.V., 1997. |